Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1907)
- Date
- 1907-05-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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2. Mai 1907 Sette 8. __ eine Anzahl gesetzestreuer Juden jene „jüdische Kirche" besuchen, legt leider ein beredtes Zeugnis von den Folgen dieser Furcht ab. Ueberhaupt vermied man es ängstlich je an die Oeffentlichkeit zu treten, und begnügte sich Mekadesch Haschern beseser zu sein. Man bedauerte und betrauerte fast 30 Jahre hindurch den immer mehr zunehmenden Abfall vom Judentum, der sich draußen mit säst unheimlicher Sicherheit vollzog. Man sah's und weinte und tat nichts, rein gar nichts, um auch nur ben Euren oder Anderen vom Abgrund zurückzureißen. Der Bann ist nun gebrochen! Man hat sich auf sich selbst besonnen, rrnd ist entschlossen herausgetreten aus dem Dunkel, in dem man seit 30 Jahren ein kümmerliches Dasein führte. Darum mußte die Beröffentlichung der Gottesdienstzeiten in der Zeitung, im Bericht registriert werden, darum mußten alle die Mitteilungerr im Bericht Platz finden, die man an anderen Orten als selbstverständlich hinnimmt. Darum ist vor allem das Erscheinen dieses ersten Jahresberichtes an sich so zu begrüßen, und ist ihm die weiteste Verbreitung 51t wünschen. 9JI a n erfahre es in aller Welt, wo m a n l ed e r bisher v 0 n S t u t t g a r t, als von einer der r e f 0 r m i e r t e st e n Städte Deutschlands sprach, daß dort ein Gemeinwesen bestehe, das allen Ansprüchen, die man an eine Adas Israel stellen muß, gerecht wird. Der Religionsgesellschaft aber rufen wir ein ptn zu. -itrKD rrrero ra v'p'Mv? k'pi o«n München, 30. April. In der heutigen Magistratssitzung ist der Magistrat der von der Stadtverordneten-Versammlung beschlossenen Fassung des neuen Ortsstatutes für die Sonntagsruhe einstimmig beigetreten. Damit ist auch die zu Gunsten der am Sabbat geschlossen haltenden Geschäfte getroffene Bestimmung seitens der städtischen Kollegien endgültig angenommen. Das Ortsstatut bedarf nunmehr noch der Bestätigung durch die Königliche Regierung von Oberbayern. Rufttand. Warschau, 24. April. Der Berichterstatter des hiesigen jüdischen Jargonblattes „Unser Leben" hatte eine Unterredung mit dem jüdischen Reichsduma-Abgeordneten Schapira, der ihm sagte, daß das Hauptreferat über die jüdischen Angelegenheiten von einem christlichen Duma- Abgeordneten erstattet werden wird, dessen Name aber vorläufig noch nicht genannt werden könne. Die jüdischen Abgeordneten suchen eine zufällige, nicht planmäßige Erörterung der Judenfrage in der Reichsduma zu vermeiden, um der Rechten keine Gelegenheit zu der BehanptuUg zu geben, daß sie von den Juden herausgesordert werde. Die Hauptdebatte über die Judensrage soll aus Anlaß der Erörterung über den die Gewissensfreiheit betreffenden Gesetzentwurf erfolgen. Die jüdischen Abgeordneten hoffen, daß die Mehrheit der Reichsduma sich hierbei für die Gleichberechtigung der Juden aussprechen werde, doch meint Schapira, daß der Reichsrat einem dahin abzielenden Beschluß der Duma die Bestätigung versagen wird. Der „Verband zur Erringung der Gleichberechtigung der Juden" hat ein sieben Druckbogen umfassendes Verzeichnis aller die Juden beschränkenden Gesetze zusammengestellt und gibt auch ein Buch über diesen Gegenstand heraus. glttmimien. . Bukarest, 24. April. Der gefährlichste Juden-Hetzer Rumäniens, Nico Jorga, wurde nach einer in seiner Wohnung vorgenommenen Haussuchung, verhaftet. Bukarest, 25. April. Das „Bukarester Tageblatt" meldet, die Regierung der Bereinigten Staaten, vertreten durch das „Aus- Der Israelit. wanderungs-Amt", habe den Juden in Rumänien, die sich auf Landwirtschaft verstehen, den Vorschlag gemacht, die Kolonie Maryland bei Baltimore zu bevölkern, wo sich große anbaubare Landstrecken befinden und es an Arbeitskräften fehlt. Die amerikanische Regierung sei bereit, denjenigen, die sich entschließen, sich dorthin zu begeben, weitgehende Erleichterungen zu gewähren. Die Juden aus Mehreren Distrikten der Moldau, die ails den Dorfgemeinden, wo sie bei den Pächtern bedienstet waren, vertrieben wordell sind, haberr zwei Vertrauensmänner geschickt, um das Terrain zu studieren und sich davon zu überzeugen, ob die Existenzbedingungen daselbst für die Juden aus Rumänien günstig sein würden. Die Kommission wird in 3—4 Monaten nach Jassy zurückkehren. Argentinien. Buen os-Aires, 2. März. Von Herrn Rabbiner Dr. Hoffmann in Buenos-Aires erhalten wir folgende Zuschrift: Die von Tag zu Tag zunehmende jüdische EiMvanderung in Argentinien hat es notwendig gemacht, eine Zentralstelle für Auskünfte und Arbeitsnachweis an hiesigem Platze zu schaffen. Aus mannigfachen Gründen ist eine solche Institution unabweisbarnotwendig, erstens, weil die meisten Einwanderer aus osteuropäischen Ländern keine andere Sprache als ihre heimische Muridart, geschweige denn spanisch sprechenes ist dies ein Haupthindernis, das den jüdischen Einwanderern bei der Suche nach Arbeit sich entgegenstellt, da vor allen Dingen die Verständigung mit den Arbeitgebern unbedingt erforderlich ist, wenn die Leute eine halbwegs annehmbare Löhnung erzielen wollen. Zweitens kann die Unmöglichkeit der Verständigung unter Umständen dazu führen, daß der Einwanderer in einer ganz anderen Branche als er versteht unterkommt, welche Verschiebung sich in den meisten Fällen in Mißerfolgen kundgibt, die nicht nur für die Betreffenden von bedeutendem Nachteil sind, sondern auch falsche Rückschlüsse auf die jüdischen Arbeiter überhaupt veranlassen. Wenn ein jüdischer Goldarbeiter in einer Eisenschmiede und ein Schuhmacher in einem Juweliergeschäft deplaziert wird, dann freilich erweisen sich beide als untauglich. Der nichts ahnende Arbeitgeber, in dem guten Glauben, einen Fachmann beschäftigt zu haben, fällt auf Grund seiner gemachten traurigen Erfahrungen ein allgemeines abfälliges Urteil über in Wirklichkeit für bestimmte Berufe geeignete Arbeiter, und so wird die jüdische Arbeiterschaft diskreditiert. Nicht zuletzt muß verhütet werden, daß Personen, die lediglich auf ihre eigene Bereicherung bedacht sind, sich der Einwanderer bemächtigen und sich erbieten, ihnen Arbeitsstellen zu verschaffen. Auch die Bagage-Sendungen der Einwanderer machen uns alltäglich ungeheuere Schwierigkeitender weitaus . größte Teil der Einwanderer besitzt hierzulande keine sichere Adresse und hat es, da sie weder der Landessprache noch der Umgangsformen mit den Gepäck-Abfertigungs-Behörden kundig sind, sehrschwer, seine Habseligkeiten wieder zu erlangen. Nicht selten geschieht es, daß in Ermanglung einer vertrauenswürdigen Adresse ihr Gepäck entweder ganz verloren geht oder infolge der Lagerung auf den Gepäck-Abfertigungsftellen zum größten Teil beschädigt in ihren Besitz gelangt. Außerdem werden die Leute von den hiesigen Speditions-Gesellschaften geradezu ausgebeutet, sodaß es den armen Einwanderern beinahe unmöglich ist, die großen Gebühren in kurzer Zeit aufzubringen. Sie sind daher gezwungen, ihre Bagage teilweise zu veräußern, um für den Erlös den Rest der Sachen wieder zu erhalten. Ferner sind allein reisende Damen bei der Landung hier mannigfachen Belästigungen ausgesetzt, wenn sie keine Adresse wissen, an die sie sich vertrauensvoll wenden können. Um allen diesen Nebeln abzuhelfen, haben wir ein israelitisches Einwanderungs-, Auskunfts¬ und Arbeitsnachweis-Bureau eröffnet, welches es sich zur Aufgabe macht, den einwandernden | _ Rr. 18 Glaubensgenossen unentgeltlich Auskunft über Arbeitsgelegenheit zu erteilen, sowie ihnen bei ihrer Landung in hiesigem Hafen preiswürdiges Logi§ und Unterkunft nachzuweisen. Das Bureau, welches den Namen „K 0 s m 0 s" führt und in der (.'all6 Uruguay Nr. 494 belegen ist, ist täglich von 8 Uhr Morgens bis 10 Uhr Abends geöffnet. Wir stehen demselben persönlich vor, und sind dortselbst täglich mit Ausnahme der jüdischen Ruhetage von 10—12 Uhr Vormittags zu sprechennur noch für Gemeinde-Angelegen heiten befindet sich unser Amt wie bisher calk* Cangallo Nr. 2560. Da das Bureau mit den Landesbehörden in Verbindung steht, können und werden wir den Einwanderern in gerechten Auge legenheiten auch Rechtshilfe verschaffen. Australien Sydney, 23. April. Der „Frks. Zig?' wird gekabelt: Ein in Perth weilender Vertreter der Londoner Judensreunde sucht ein Areal von einer Million Acres zur Ansiedelung russischer Juden zu erwerben. Das Ministerium von Westau st r a l i e n erwägt gegen wärtig die Sache. Anvien Bombay, 1. März. Der Emir von Afghanistan, der gegenwärtig Indien bereift, hat in Aligarh, einer Stadt im Norden Indiens, vor den Studenten der dortigen Universität seine tolerante Gesinnung gegenüber Andersgläubigen mit warmen Worten zum Ausdruck gebracht. „Wisset", so sagte der Emir, „daß mir das Wohl aller meiner Untertanen in gleicher Weise am Herzen liegt, ob sie nun Suniten, Hindous oder Juden sind." llermlscdter. Frankfurt a. M., 20. April. Im Kunstsalou S ch a m e s, hier, hat der bekannte jüdische Maler P i l i ch 0 w s k i eine Anzahl von'Bildern ausgestellt, die meist Szenen aus dem jüdischen Leben behandeln. Wir werden auf die interessante Ausstellung noch zurückkommen. Die Samnllung geht demnächst nach Wiesbaden über und wird auch auf dem diesjährigen Zionistenkongreß ausgestellt werden. Berlin, 23. April. Der Sohn eines jüdischen Bankiers in der Stadt Hannover besucht die Vorschule des Lyceum I, in der er auch an dem dort erteilten christlichen Religionsunterricht teilnimmt. Der Bankier wurde auf Grund des 8 125 des hannoverschen Polizeistrafgesetzes bestraft, weil er seinen Sohn seit Beginn der Schulpflicht den jüdischen Religionsunterricht ohne Entschuldigung habe versäumen lassen. Wie s. Zt. mitgeteilt wurde, bestätigte der Berufungsrichter das erstinstanzliche Urteil. Der Angeklagte legte gegen dieses Urteil Revision ein. Er erklärte, er schulde es seinem Kinde, daß es Gelegenheit erhalte, die christliche Religion kennen zu lernen. (!!, Andererseits wirke es unheilvoll auf das Gemüt eines Kindes, wenn es neben dem christlichen Religionsunterricht auch an dem jüdischen teilnehme. Der Strafsenat des Kammergerichts hat der Revision den Erfolg versagt. Nach dem noch bestehenden § 1 der Schulordnung für die jüdischen Schulen in der Provinz Hannover vom 5. März 1854 hätten die jüdischen Eltern die Verpflichtung, ihre Kinder in der jüdischen Religion unterrichten zu lassen, auch wenn sie dieselben, wie in den übrigen Fächern allgemein, so auch an dem Religionsunterricht in der christlichen Volksschule teilnehmen ließen. An diesem Rechtszustande sei durch die Einführung der Verfassungsurkunde nach Einverleibung von Hannover in den preußischen Staat, sowie durch das Bürgerliche Oiesetzbuch nichts geändert worden. München, 24. April. Die letzte Nummer des „Grobian" ist wegen eines Titelbildes „Ein Ritualmord", konfisziert worden. Das Amtsgericht München I, Abteilung für Strafsachen, erließ gegen den Herausgeber des Blättchens Josef Anton Leib, wegen groben Unfugs einen Strafbefehl, lautend auf eine Geldstrafe von 100 Mark. Dessau, Achril. Die Millionen st iftung, die der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde aus dem Nachlaß der verstorbenen Baronin von Cohn- Oppenheim zugeflossen ist, hatte am Schlüsse des Jahres 1906 einen Vermögensbestand von 5 282 346,67 Mark. Gegenüber dem 31. Dezember 1905 hat eine Abnahme um 29 691,75 Mark stattgefunden, die hauptsächlich auf das Sinken der Kurse von Effekten zurückzuführen ist. Rund 2 600 000 Mark sind in Hypotheken, rund 2 000 000 Mark in Effekten, rund 450 000 Mari in Beteiligungen angelegt. Bis zur völligen Realisierung der Erbmasse und bis zur vollständigen Fest-