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Der Israelit · 1907-05-02 · Heft 18 (2.5.1907) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 18 (2.5.1907)
Date
1907-05-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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2. Mai 1907. _ : Standpunkt" des Herrn Dr. C. galt. Wir wollen uus bei der seltsamen Tatsache in dieser an Seltsamkeiten überreichen Affäre nicht lange aufhalten, daß ein Direktor sich „privatim" gestattet einen Rabbiner über seinen „jüdischen Standpunkt" auszufragen, und es dahin gestellt sein laffen, ob eine derartige Auseinandersetzung etwa auch mit einem christlichen Theologen, der ceteris paribus in Religionslehrersachen zu dem Herrn Direktor gekommen wäre, sich hätte entwickeln können. Hervorgehoben sei, um der Gerechttgkeit willen, nur, daß während Herr Dr. C. den lediglich pripaten Charakter der Unterredung betont und dieser Eigenschaft einen wesentlichen Einfluß auf die Beurteilung der Sachlage zuweist, diese Auffassung von der anderen Seite, wie ihre Maßnahmen, Niederschrift der Unterredung in das Amtsjournal u. A. beweisen, offensichtlich nicht geteilt wird. In dieser Unterhaltung entwickelte also zunächst der Herr Direktor seine Anschauungen äv judaicis, die sich, kurz gesagt, wie ein Programm der Berliner Sonntagsgemeinde anhören und im Effekt auch gar nicht davon unterscheiden. Er schwärmt für die Mischehe, für die Taufe in jeder Form, freut sich über die Teilnahme jüd. Kinder am christlichen Religionsunterricht, will seine jüdischen Schüler wie die christlichen vor Allem zu guten Staatsbürgern erzogen sehen — Auffassungen, die man in dem Munde eines christlichen Schulleiters sehr wohl verstehen und auch verzeihen kann, namentlich, wenn man die jüdische Geschichte genügend kennt, um zu wiffen, daß von David Friedländer an bis in unsere Tage hinein derartige Anschauungen, Wünsche und Forderungen gerade aus soi-disant-jüdischen, maßgebenden Kreisen nur allzu oft geäußert wurden und werden. Herr Dr. C. besitzt dieses Verstehen — was nicht ohne weiteres ein Vorwurf zu sein braucht — nicht,' und so setzt er dem affimilatorischen Standpunkt des Herrn Direktors mit Begeisterung ünd dem Erfolge seinen jüdisch-nationalen entgegen, daß jenen das bleiche Entsetzen packt, zumal er einen jüdischen Oberlehrer an seiner Anstalt hat, und er im Geiste seine Schüler von diesem Herrn bereits zu Nationaljuden erzogen und verbildet sieht. Herr Dr C. versucht zwar, ihm seine Besorgniffe auszuredenwenn er vorher sagte, daß die Juden, die ihr Stammestum leugnen, entweder sich selbst täuschen oder aus unbegründeter Furcht die Sachlage vertuschen, so habe er damit doch gegen denjenigen Juden, der sich mit Stolz einen deutschen Staatsbürger nenne, nicht den Borwurf der Heuchelei erheben wollen; er selbst halte sich für einen vorzüglichen, deutschen Staatsbürger, pflege aber daneben sein jüdisches Stammestum, das sich damit sehr gut verträgt. Aber der Herr Direktor wollte das nicht wahr habenes könnte nur ein Stammestum im Staate geben, und auch der Religionsunterricht müsse dazu verwendet werden, die Kinder zu deutschnatiönalen Männern zu erziehen. Wogegen wieder Herr Dr. C. remonstrierte,' er präge den Kindern im Religionsunterricht wohl die Pflicht der Liebe und Treue zum Vaterlande ein; die Verbreitung deutsch-nationaler Gesinnung aber sei höchstens Sache des Geschichtslehrers! Das sind in ganz kurzen Umriffen die Grundzüge des Gesprächs der beiden Herrenauf Einzelbemerkungen zurückzukommen wird im Weiteren sich Gelegenheit bieten. Wir machen für einen Augenblick hier Halt. Man wird schon auf Grund dieses mehr als dürftigen Resumss aus einem mehr als dreistündigen Gespräche der: Eindruck empfangen, der sich bei Lektüre der Brochüre verstärk, daß Herr Dr. C. in der Begeisterung für die Parteisache, die er jederzeit, vor wie in seiner Amtszeit, vor Aller Augen vertreten hat, diejenigen Gesichtspunkte, die von Parteiwegen für ihn in der Ausgestaltung des von chm zu ertellenden Religionsunterrichts maßgebend find, mit aller chm geboten erscheinenden Ausführlichkeit und Eindringlichkeit vertreten hat. Um so auffallender und überraschender muß es erscheinen, daß man kein Sterbenswörtchen darüber zu hören be- Der Israelit. kommt, welche religiösen Momente und Gesichtspunkte Herr Dr. C. in seinem Religionsunterricht vertreten zu wollen versprachdaß er von Gott und der Thorah, von der Offenbarungslehre und dem Prophetismus, von Glaubenslehre und Pflichtenlehre, wie es ja wohl in jedem Katechismus heißt, etwas zu sagen gar nicht für nötig befand - Dinge, die, so sollte man meinen, mit jüdischem Religionsunterricht vielleicht doch noch etwas mehr zu schaffen haben, als Stammestum und Nationalitätenunterschied! Man wende mir nicht ein, daß es allzu selbstverständlich sei, daß von Herrn Dr. C. diese Fragen in der Unterhaltung in ausgiebigster Weise von seinem jüdischen Standpunkte aus behandelt und erörtert wurden, als daß es notwendig erscheinen könnte, dies erst noch hervorzuheben und zu betonen. Wer die einschlägigigen Berliner Verhältnisse kennt, wird anderer Ansicht sein. Vielmehr darf das Schweigen des Herrn Dr. C. über diesen Punkt ohne Weiteres als stringenter Beweis dafür angesehen werden, daß, wenn jene Gesichtspunkte überhaupt berücksichtigt wurden, es jedenfalls in einem Maße und Umfange geschah, der ihrer Bedeutung nicht entspricht. Und man wende weiter nicht ein, daß es einem Rabbiner schlecht angestanden hätte, einen Nichtjuden von der Religion des Judentums, und wie er sie auffasse, zu reden und ihm darüber Auskunft zu erteilen. Warum nicht? Haben wir weniger Recht und Grund auf unser Religionsgesetz stolz zu sein, als auf unser „Stammestum", das — in der spezifischen Ausprägung des Zionismus — erst so kurze Zeit entdeckt ist und bestritten wird-? Und gehört in eine Unterhaltung über den jüdischen Religionsunterricht die Frage nach dem Mehr oder Weniger an Sympathien für die russischen Juden etwa mehr hinein als die Aufklärung über die Sittengesetze des Judentumsmuß es — von Anderem zu schweigen — einen Schulleiter nicht näher angehen, was der Herr Rabbiner über das Schreibverbot am Sabbath zu sagen weiß, als wie er über diejenigen denkt, die in Selbsttäuschung befangen oder aus unbegründeter Furcht ihr Stammesgefühl leugnen? Nein, nicht darum und da^um schwieg Herr Dr. C. sich über die Religion des Judentums so gründlich aus, sondern weil er allzusehr sich in jene verderbliche, verkehrte Anschauung eingesponnen hat, die in der jüdischen Religionslehre eine gaantitv negligeable für das Judentum erblickt, weil ihm das Judentum nicht die Summe der religiösen Instinkte, Empfindungen und Betätigungen ist, die die Thorah von dem Juden fordert, sondern ein vager, monströser Begriff, der weder in der Logik noch in den Tatsachen seine Begründung hat. Wie es dann weiter kam bis zur Flucht des Herrn Dr. C. in die Oeffentlichkeit, darüber ein weiteres im nächsten Artikel. Die Israelitische Religionsgesellschaff in Stuttgart. (Bon unserem Korrespondenten») Stuttgart, 29. April. Vor uns liegt der erste Jahresbericht der Israel. Religonsgesellschast in Stuttgart. Auf der ersten Seite des Heftchens lesen wir: „Der Ausschuß der I. R. G. hat sich nach reiflicher Ueberlegung veranlaßt gesehen gesehen, zum ersten Mate seit Bestehen derselben, einen Jahresbericht pro 1906 herauszugeben. Die I. R. G. St. wurde im 1878 von einigen begeisterten, auf streng gesetzestreuem Boden stehenden Männern gegründet, usw." Der Bericht wird in manchen Teilen Verwunderung Hervorrufen. Es werdenTatsachen registriert, die man anderwärts als selbstverständlich betrachtet und nicht der besonderen Erwähnung wert hält. Wer aber die hiesigen Verhältnisse kennt, wird die Anführung dieser Tatsachen berechtigt finden. Da wird zunächst, nachdem die großen Verdienste des vor 1% Jahren dahingegangenen früheren Vorstandes H. Hermann Gutmann s. A. in entsprechender Weife gewürdigt worden find, _Nr. 18. Sette 7 mitaeteilt, daß die Mikwah renoviert wurde. Es ist hierbei zu erwähnen, daß diese Mikwah tatsächlich die einzige in Stuttgart und Umgebung ist, daß die israel. Kirchengemeinde Stuttgart, sowie auch die zu ihrem Bezirk gehörenden Gemeinden, welche zusammen etwa 6—7000 jüdische Seelen zählen, diese wichtigste aller Institutionen nicht besitzen, und daß jeder Versuch, sie dort einzurichten, an dem „fortgeschrittenen" Geist der leitenden Männer scheitert. Die wenigen Mitglieder und Beamten der angeführten Gemeinden, die auf Benutzung einer Mikwah reflektieren, müssen die der nicht vom Staat als Gemeinde anerkannten Relionsgesellschaft benutzen. — Daß erst jetzt nach 28 jährigem Bestehen eine Schulordnung und ein Lehrplan für die Religionsschule entworfen wurden, zeugt davon, wie wenig man von der Wichtigkeit dieser Institution durchdrungen war. Leider hat sich die Vernachlässigung der Religionsschule schwer gerächt. Ihre Schülerzaht ist bis auf ein Minimum zusammengeschmolzen. Hoffentlich gelingt es dem Vorstand an Hand des neuen Lehrplanes, das Niveau der Schule in jeglicher Beziehung zu heben und einen Stamm echt jüdischer Männer und Frauen heranzubilden, die befähigt und berufen sein werden, in Stuttgart das Banner der Thauroh hochzuhalten. — Auch der Pflicht, kauwea itim latäuroh zu sein, ist man erst im letzten Jahre gerecht geworden, indem von Seiten des Vorstandes zwei regelmäßige Schiurim eingerichtet wurden. Wir können nur wünschen, daß diese Borträge sich einer immer lebhafteren Beteiligung erfreuen mögen. In heutiger Zeit ist es mehr denn je nötig, sich eine gründliche Kenntnis des Judentums zu eigen zu machen, um den unfehlbar an uns herantretenden Versuchungen und Anfeindungen wirksam begegnen zu können. Bei der Verlegung der Synagoge, die sich nunmehr im Centrum der Stadt befindet, und auch für Durchreisende, die in der Nähe des Bahnhofs wohnen, bequemer zu erreichen ist, als bisher, zeigte sich von Neuem der Opfermut einiger Mitglieder, der überhaupt verdient ins rechte Licht gerückt zu werden. Die Tatsache, daß eine Gesellschaft von 11 Mitgliedern (die allerdings dank der Tätigkeit des Ausschusses heute bereits zu 23 Mitgliedern angewachsen ist), sämtliche oben aufgeführte Institutionen unterhielt, zeugt von dem großen Pflichtbewußtsein und der seltenen Opferfreudigkeit jedes einzelnen Mitgliedes. Möge sich der Zuwachs der ReligionsgeseÜschast auch in der Folge so günstig wie im abgelaufenen Jahre gestalten. Nachdem wir von einigen hochherzigen Spenden dankend Notiz genommen haben, müssen wir noch eine, vielleicht die eigentümlichste Mittellung des ganzen Berichtes erwähnen: „die Gottesdienstzeiten wurden regelmäßig im N. T. veröffentlicht." Das versteht sich anderwärts so von selbst, daß man es nicht im Jahresbericht besonders hervorzuheben braucht. Hier in Stuttgart ist es anders. Bis vor */4 Jahren prangte in der Zeitung unter der Rubrik „Israel. Gottesdienst" mit dicken Blockbuchstaben nur die Synagoge par excellence, jene Synagoge, die zu allerletzt diese Bezeichnung verdient, jene „Synagoge", in der man sich durch brausende Orgeltöne und gemischten Chorgesang zur Audacht erheben lassen soll, in der man, wenn's einem behagt, am Jaumkippur den Kolnidre und andere heilige Gebete von Königlichen Hofopernsängern und -Sängerinnen kann vortragen hören und in der es allen Besuchern, außer dem Rabbiner und Borbeter, verboten ist, den Tallis aufzusetzen. Diese „Synagoge" allein veröffenttichte bis vor dreiviertel Jahren ihre Gottesdienstzeiten. Von der Existenz einer echten Synagoge, eines wahren Beth hakneses, wie es seit ziÄa 30 Jahren in Stuttgart besteht, war nichts zu sehen und zu hören, ja die große Menge kannte sie nicht einmal dem Namen nach. Man fürchtete sich offenbar in dem kleinen Kreis der Religionsgesellschaft, an die Oeffentlichkeit zu treten und zu verkünden, daß noch eine Gemeinde mit allen oazugehörigeu Jnstituttonen nach althergebrachtem Rüus in Stuttgart existiere. Die Tatsache, daß

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