Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-05-02 · Heft 18 (2.5.1907) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 18 (2.5.1907)
Date
1907-05-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449263--63441-2505986
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

WWW «WNMWMW 2. Mai 19V7. Der JSraelit. „4*1'■ Rr 18. Seite 5 dern in ursprünglicher, naiver Form aus der Naturbetrachtung schöpfen. Aus eines Fritz Reuters: „Ut Mine Stromtid", aus „Hanne Rütte und der lütte Pudel" ist mehr religiöse Erhebung zu gewinnen alsaus manchen tiefsinnigen Spekulationen. Doch bedarf es erst des Beweises, wie wirksam die Naturbetrachtung für das religiöse Empfinden ist? Man schlage die Bibel auf, die bedeutendsten Lehren, die ergreifendsten Mahnungen sind in Naturschilderungen gehüllt, mit der Beschreibung des Lebens uitb Webens aus Erden verknüpft. Bald ist es der Himmel mit seiner Sternenwelt: „Hebteure Augen in die Höhe und sehet: Wer hat diese geschaffen? Er, der ihr Heer nach ihrer Zahl herausführt, sie alle mit Namen nenntob Seiner Allgewalt und Seiner Allmacht bleibt Keines aus." Bald das Meer, das gebändigt vor dem Ufer liegt: „Wer verwahrte hinter Toren denn das Meer, da es hervorbrach, aus dem Mutterschoße kam? Da machte Ich aus Wolken.ihm das Kleid, aus Nebelschleiern seine Windeln, Ich brach aus Bergesklüften ihm die Schranke, Ich setzte Tore ihm und Riegel und sprach: Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter, hier sei ein Halt gesetzt dem Uebermute deiner Wogen." In Psalm 104, in beit Hallelujapsalmen am Schluffe des Buches, um nur einiges aus der Fülle herauszuheben, in den Gottesreden des Buches Hiob: eine liebevolle Vertiefung in das Grünen und Knospen der Blumen, Bäume und Sträucher, in die Leiden und Freuden der Tierwelt. Das Wunder der Entfaltung des menschlichen Embryo in Psalm 1Z9: „Ich danke Dir, daß solches Wunder ward an mir vollzogen. Ja, wunderbar sind Deine Werke, und meine Seele weiß es wohl. Mein Körper blieb Dir nicht verborgen, wie ich gebildet wurde im Geheimen, gewirkt ward in der Erde Tiefen. Dein Auge sah mich, als ich noch ein unaesormtes Klümpchen war, und in Dein Buch, da wurden all die Tage ausgezeichnet, die schon gebildet waren, da noch keiner ward." Es soll nicht geleugnet werden, daß die wissenschaftliche Vertiefung in die Natnr ihre zwei Seiten hat. Die einen erblicken in chren Forschungen nur Mittel, ihrem Ideal einer allgemeinen mechanistisch-atomiftischen Welterklärung näher zu kommen und freuen sich jeden Ergebnisses als eines Bausteines für die von ihnen erstrebte Grundlegung der „monistischen Weltanschauung." Doch es fehlt nicht an ernsten und bedeutenden Naturforschern, die gerade aus den Fortschritten ihrer Wissenschaft die rechte Stellung zur Religion gewinnen. Wir reden nicht von denen, die wie Wasmann, für den Glauben kämpfen, auch nicht von denen, die dem Glauben ihrer Kindheit rreu geblieben sind. Auch die, die per Religion neutral gegenüberstehen, anerkennen, je tiefer sie einoringen, immer mehr " die Schranken des menschlichen Wissens. Der bedeutende zeitgenössische Positivist Mach prägt das Wort von der „mechanischen Mythologie" und eine Autorität wie Oscar Hertwig, der für die Erkenntnis der tieferen Zusammenhänge in der Biologie soviel geleistet, beschließt bedeutungsvolle Ausführungen mit der Bemerkung': „Mathematik ist nur ein Denkmittel, .nur ein vorzügliches Handwerkzeug des menschlichen Herzens, aber, unendlich viel fehlt daran, daß alles Denken und Erkennen sich jemals nur in dieser einseitigen Richtung bewegen und daß der Inhalt unseres Geistes jemals durch sie einen erschöpfenden Ausdruck finden könne." So gilt vor Allem für die Naturwissenschaften der Satz: 2'pvNLI D2 12^ D'pnX □2 1^2' die Frommen finden durch sie den rechten Weg, aber die Abtrünnigen kommen durch sie zu Fall. Um es an einem Beispiel zu erläutern: wir hörten oben des Psalmisten bebewundernde Worte über das Geheimnis der embryonalen Entwicklung. Die Tatsache allein, daß aus dem kleinen Samenkorn der stolze Baum mit seinem prangenden Grün, seinen schillernden Blüten und feinen köstlichen Früchten entsteht, daß aus der Samenzelle und dem weiblichen Ei der reichgegliederte solch kunstvoll gefügtem System der Zwecke dienende tierische Organismus sich entfaltet, daß aus den gleichen Elementen beim Menschen ein Wesen sich bildet, das oft bis in die kleinsten, scheinbar unwesentlichsten Züge in Haltung und Gang, in Neigungen und Eigenheiten ein getreues Abbild der Stammeltern ist, diese Tatsache allein, sagen wir, packt und ergreift jeden Menschen, der sich nur die Mühe gibt, bei diesem Gedanken zu verweilen. Nun ist es gelungen durch die Vervollkommung der Instrumente und durch die modernen Färbungs- und Schnittmethoden, die die heutige mikroskopische Forschung an wendet, die verschiedenen Stadien der Eientwicklung, in denen auch die geheimnisvollen biologischen Prozesse der Zellteilung, Zellvermehrung lind des Zellwachstums am regsten sich betätigen, zu beobachten. Wir können hier nicht, auch nicht in gedrängter Kürze, schildern, welcher Art diese Vorgänge sind, den Kundigen erinnern wir an die verschiedenen Stadien der indirekten Kernteilung, an die Reifungsteilungen der Keimzellen u. s. w. Es ergibt sich, daß durch eine geringe Zahl verhältnismäßig einfacher Vorgänge das Wunder bewirkt wird, daß die Tochterzelle gleich viel Anteile von der Vater- und der Mutter¬ *) ,/Zeit- und Streitfragen der Biologie" 1891—97 Heft 2 zelle erhält. Den rein mathematisch denkenden, vor allem den der Religion abgeneigten Forscher werden diese Beobachtungen dazu führen, und sie haben dazu geführt, die Teleologie immer mehr aus der Natur herauszutreiben und das Leben selber rein physikalisch-chemisch zu erklären. Der gläubige Naturforscher wird bei seinen Beobachtungen von immer größerer Bewunderung hingerissen für die Allweisheit des Schöpfers, der mit so einfachen Mitteln das Größte wirkt, ihm erschließt sich durch den Blick in den Vorgang der Befruchtung und der ersten Stadien ihrer Entwicklung das große Wunder der Schöpfung, das Gott in das Innere der unendlich kleinen Wesen gelegt hat. Das Recht lind die Pflicht der Bekenner des Judentums, sich mit der Wissenschaft und vor allem mit der Naturwissenschaft auseinanderzusetzen, stände demnach fest. Es handelt sich nun um das „Wie". Vorher aber um das „Wer". Berufen erscheinen zunächst allein solche Männer, die innerhalb des Judentums durch ihr Wissen und Wirket! eine führende Stellung einnehmen und andrerseits aus dem Gebiete der Naturwissenschaft durch eigene, allgemein anerkannte Leistungen sich das Recht erworben, im Rate der Gelehrten ihre Stimme zu erheben. Ihnen allein kommt das Vertrauen der Glaubeysgemeinschaft entgegen, den heiligen Schatz der überlieferten Lehre weiß man bei ihnen in sicherer Hut, und anderseits genießen ihre wissenschaftlichen Feststellungen die rechte Achtung, ihr Protest findet Widerhall, wenn sie den phantastischen Ausschweifungen kühner Hypothesen ihr auf gründlicher Sachkenntnis beruhendes Urteil entgegenhalten. Ein Maimonides ist die Leuchte Israels, Pfadfinder und größter Systematiker für die Festsetzung der Halacha und zugleich heimisch in der Philosophie des Aristoteles, schöpferisch tätig in religionsphilosophischen Forschungen, sodaß sein Werk eine Quelle für die großen Scholastiker wird und noch ein Leibnitz mit Bewunderung von dem „Führer der Irrenden" spricht. Aber eben dies Beispiel zeigt uns ani besten, daß und tvarum wir nicht auf solche Berufene rechnen dürfen. Nur wenige Zeitalter bringen einen Maimonides hervor. Und lebte uns ein Mann mit dieser Kraft, dieser Fähigkeit und diesen Kenntnissen, das Gebiet der Wissenschaften ist so umfangreich geworden, daß nur in der Beschränkung aus ein Einzelgebiet der Gelehrte zum Meister wird. Wie könnte er da zu gleicher Zeit noch Führer werden in den ebenso tveiten Gefilden jüdischen Wissens? Wir müssen uns also bescheiden und die Arbeit teilen. Wir sind freilich nicht einmal so weit. Wir zählen keine Naturforscher in unseren Reihen, die von jüdischem Geiste beseelt sind, wir meinen Geschäftseifer hat sich nur verdoppelt und ich habe die Geschäftsgrenzen nur noch weiter ausgedehnt. In unserer Zeit des wachsenden Verbrauches auf allen Gebieten kann ein jeder strebsame Kaufmann reichlich genug Absatzgebiete finden und es beweist, nehmen Sie es mir als altem Kollegen nicht übel, etwas kaufmännische Rückständigkeit, wenn man so verzweifelt und angstvoll der Zukunft entgegen sieht, wie Sie es schon, durch eine solche Bagatelle veranlaßt, tun. Vielleicht denken Sie doch einmal wieder an unser heutiges Gespräch und finden, daß ich nicht ganz unrecht habe." F.: „Sie merken ja, ich höre Ihnen geduldig zu und habe auch allen Respekt vor Ihren geschäftlichen Erfolgen. Aber Sie bilden eine Ausnahme! Ich weiß, daß Sie trotz der Leitung Ihres Weltgeschäfts noch Zeit stir alle Mizwoth finden. Ja — wehren Sie nicht ab — ich weiß es, Sie halten Schiurim, find Mohel, Gemeindevorstand, Chewrahbruder und was alles noch! Aber ich muß gestehen, Sie find der Erste, der mir so Mussor sagt. Ich treffe doch viele Kaufleute aus unseren Kreisen und alle denken wie ich über die Konkurrenz." H.' „Haben Sie schon einmal gehört, daß eine Aufiissung darum richtiger ist, weil viele Köpfe sie haben? Was hat das mit dem Emmes zu tun? Nein! Ich bitte Sie, meine Person von der Sache loszutrennen. Zch tue nur und finde nur Zeit für das, was ich für Pflicht und Schuldigkeit eines jeden üdischen Menschen halte, und ist vielleicht der jüdische Kaufmann ein Doppelgeschöpf, für das es getrennte jüdische Begriffe gibt?" F-: „Ich sehe, mit Ihnen ist nicht fertig zu werben. Wir haben unS die Kehle trocken geredet, kommen Sie mit ins Cafe zu einem Skat!" H.: „Es tut mir sehr leid, dazu habe ich keine Zeit, ich muß noch meinen TageSschiur G e m o r o h lernen!" (Jüdische Journalistik in Kopenhagen.) Man schreibt uns: In Kopenhagen sind mit dem Beginn dieses Monats zwei jüdische Organe ins Leben getreten, „Die mosaische Zeitung" (Mosaisk Tidende) und die „Jüdische Zeitschrift" (Jödisk Tidsskrift). Letztere wird von dem als eifriger Zionist bekannten Dr. F r ä n k e l geleitet, die Tendenz der Zeitschrift ist demnach eine ausgeprägt „nationaljüdische". Der Redakteur nimmt bei der Darlegung seines Programms die Gelegenheit wahr, darauf hinzuweisen, daß nichts die dänische Judenheit weniger intereffiere, als jüdische Fragen irgendwelcher Art. Dr. Fränkel ist sich dessen bewußt, daß das Erscheinen seiner Zeitschrift in weiten Kreisen der Judenschaft großen Unwillen Hervorrufen werde, sowohl bei denen, die nicht daran erinnert sein mögen, daß sie Juden sind, wie auch bei denen, die sich etwas darauf zu gute tun, baß sie dem Judentum völlig entfremdet find, und aus Verdruß darüber, daß sie körperliche Eigentümlichkeiten besitzen, auch ihre geistige Eigenart zu verstümmeln suchen. Die „Jüdische Zeitschrift" verdient trotz prinzipieller Unterschiede zwischen Zionismus und überliefertem Judentum von den Anhängern des letztgenannten ernst genommen zu werden. Nicht so die Zwillingsschwester der „Jüd. Zeitschr.", die „M osaische Zeitung". Sie will laut ihrem Programm eine Leitung für das jüdische Haus und das jüdische Geschäftsleben sein. Der aufmerksame Leser wird auch mit Befriedigung die Annonce gelesen haben, die eine Bezugsquelle von Grabsteinen für jüdische Friedhöfe anweist. C’est tout. Darüber, was diese Zeitung dem jüdischen Hause bietet, möge folgendes, das aus einem Aufsatz „Pesach" entnommen ist, Aufschluß geben. „Das Pesachfest ist eine der festgemauerten „Judenfitten", die sicherlich niemals schwinden wird, wenn sie auch in einzeln Fällen den Gesetzen der Veränderlichkeit unterworfen sein wird.In der ältesten Zeit versammelten sich die Juden am Tage vor Ostern, schlachteten die ersten Lämmer des Jahres und brachten sie dem f errn als Sühne dar. In den Tempeln vernahm man Tage lang Gebet und Gesang und an» letzten Tag, da man den Herrn mit seinem Volke zuftieden wähnte, wurde in großem Stile gefeiert. In der heutigen Zeit ist es nicht so." Nachdem sich der Verfasser mit Wohlbehagen über die unvergessenen Delikatessen, die Pesach bietet, verbreitet hat, erinnert er daran, „daß alles, was Ostern genossen wird, mit Ostern vor Augen zubereitet wirdes gibt einen besonderen Pesach-Krämer, einen besonderen Pesach-Schächter, einen besonderen Mazzoh-Bäcker, alles unter Aussicht eines.„Schaumerer" (sic!) .... Alles muß so kaucher (!) wie irgend möglich sein. . . . Nach diesen Vorbereitungen kommt endlich der Seder-Abend heran. Bei Sonnenuntergang begibt sich die ganze Familie im feinsten Staat zur Synagoge, die . . . vor der Kanzel und der heiligen Lade mit Pflanzen geschmückt ist. Der Chor ist an diesem Abend verstärkt und es werden schönere Psalmen als sonst gesungen. .... Der Familienvater setzt sich an die Spitze der Tafel, mit weißem Kittel und weißer Mütze bekleidet, doch ohne Tallis." Bon Mazzos, Meerretig und Ei wird je ein Teil zum Afikaunum genommen, welches nach Ostern als Surrogat für das Opfer verbrannt wird. ..Dann wird ein kleines Tischgebet gelesen, worauf man die Hagadah anfängt. . . . Um nicht m ermüden, hat man sie (die Hagadah) in zwei Teile geteilt, zwischen denen man das Festmahl hält.Es wird nur an diesem einen Abend Seder gehalten.... Aber an allen 8 Tagen dürfen nur Mazzos und de übrigen befohlenen Gerichte gegeffen werden. Roggen- und anderes Brot ist strengstens verboten.So wird der jüdische Pesach in der ganzen Welt noch am heutigen Tage gefeiert. Und diese Traditton ist in unserer rastlosen Zett rewundernswert." 1. d. D.J3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.