Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1907)
- Date
- 1907-05-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Gelte 4. Nr. 18. aber doch schon aus politischer Klugheit Hütte rechnen müffen. Herzl aber war mehr Poet als Rechner. Darum rekrutieren sich seine Verehrer mehr aus den Kreisen der akademischen Jugend, der schwär-- menden höheren Töchter, beginnender Mediziner und jun«r Rechtsanwälte, statt aus wohlgenährten Bünquiers, Großgrundbesitzern und sonstigen Millionären. Daran mag der Idealismus seine Freude haben, aber nicht ein Unternehmen, das eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte erzeugen will. Doch hat man natürlich allen Grund den weiteren Verlauf der Bewegung mit warmer Teilnahme, aber nüchtern kritischen Sinns zu verfolgen und zu wünschen, daß sie nicht infolge eines finanziellen Baeuums im Sande verlause, sondern daß der Wegweiser, den Herzl aufgestellt, nach einer andern Richtung umspringe, dorthin, wo wir stehen Die Rolle der strafenden Nemesis an dem an Altersschwäche sterbenden Assimilantentum hat der Zionismus mit glänzendem Erfolge übernommen, und er verdiente in dieser Hinsicht unfern wärmsten Dank, wenn er nicht als philosophisches System, als Weltanschauung, neue furchtbare Gefahren heraufbeschworen hätte. Darin liegt die Tragik seines Schicksals beschlossen, daß das Judentum, dem er insofern einen Dienst leistet, als er die Assimilation immer mehr in. Verruf bringt, für diesen Liebesdienst nicht nur nicht danken darf, sondern ihn um so kritischer unter die Lupe nehmen muß. tiHpK '2*>p2, d. h. je mehr Berührungspunkte, je mehr Aehnlichkeiten, umso rößer die Pflicht der Distinktion, der Scheidung, er Abwehr. Je mehr uns Herzl mit seiner Verwerfung des Assimilantentums ähnelt, je sympathischer seine große Persönlichkeit und sein selbstloses Wirken uns sind, umso eifriger müffen wir darüber wachen, daß man in einer Zeit, wo Kurzsichtigkeit der am weitesten verbreitete Gefinnungsmakel ist, seine Weltanschauung nicht mit der unserigen verwechsle. Die wilde Zerrissenheit und Disharmonie, die wir an den verschiedenen Typen der Assimilationszeit wahrnehmen können, schützt genügend vor Verwechslung und es bedarf kejnes Schwertstreichs, um darzutun, daß deren Judentum dem unsrigen züwiderläuft. Herzl aller ist der Typus eines Judentums, das im Begriffe ist, die bestehenden Disharmonien in Woylklang aufzulösen und diese Mission nach der Meinung Vieler bereits sehr glücklich, wenn auch noch nicht vollständig, zur Ausführung gebracht hat. Da ilt als oberstes Gesetz die Hut, das Wacheftehen, ie Betonung des ihnen und uns Eigentümlichen, daß nicht zusammenfalle, was wesentlich Der JSräeltt. auseinanderflieht. Wir müffen warten, wie der Zionismus mit seiner Philosophie fertig wird. Er ist sicherlich stolz genug, um sich allein zur Lösung dieser Aufgabe für fähig zu halten. Uns geht es wie Maria Stuart und Elisabeth. Zwei stolze Königinnen, die nach Alleinherrschaft streben. Wer mächtiger ist, der siegt. Eine glanzvolle Unterordnung dünkt beiden als unwürdige Knechtschaft. Wir vertragen uns am besten, wenn sich unsere Wege fliehen, und wenn Maria es verschmäht, in Elisabeths Hauptstadt zu erbetteln, was ihr gebührt, so geschieht es lediglich darum, weil sie sich die Aufregungen der Gartenszene ersparen will. vir Uorträge des Paters Erleb (üasmann in Berlin. Bon Dr. I. Wohlgemuth in Berlin. (Fortsetzung). Wenn unsere Religionsphilosophen diese Verpflichtung für die Wissenschaft ihrer Zeit, anerkannten, wenn sie mit solchem Feuer und solcher Begeisterung von der aristotelischen Philosophie in ihrem scholastischen Gewand, wie sie sie kannten, reden (nennt doch Maimonides Aristoteles den göttlichen Mann), wenn sie nur dem die rechte religiöse Höhe und Würde zusprechen wollen, der alle Zweige der Wissenschaft als Hilfsmittel in den Dienst der Aufgabe gestellt, Gottes Wesen und Seine Werke immer mehr zu erkennen, wie dürften wir an der Wissenschaft achtlos vorübergehen, die mit ihren Staunen und Bewunderung erregenden Entdeckungen und täglich neuen Errungenschaften bis ins schier Unendliche sich vor uns ausdehnt. Sicher werden wir nicht ganz der Meinung unserer mittelalterlichen Religionsphilosophen sein. Sie standen alle im Banne der aristotelischen Weltanschauung und litten an dem Fehler, daß sie das intellektuelle Moment überschätzten. Wir werden aus den Mann, der in schlichter Frömmigkeit vor Gott wandelt und Seine Gebote übt, nicht herabsehen, auch wenn sein Blick beschränkt und er auf keinem Gebiete des profanen Wissens heimisch ist. Wir werden ferner nicht die Gefahren unterschätzen, die mit dem oberflächlichen Streifzug auf das Gebiet der Wissenschaft verknüpft ist. Sie nimmt bei der größten Zahl ihrer Vertreter eine Stellung ein, die der Religion feindlich ist, und wer nicht Muße genug und die Fähigkeit besitzt, bis in die Tiefe zu dringen, kehrt selten unverletzt heim. Wir können daher die Forderung, wie sie unsere Religionsphilosophen in ihrer ganzen Schärfe ausgesprochen _' _8. Mai lSl» haben, nicht unterschreiben, und ihre Meinung nicht teilen, daß nur der, der die Wissenschaftfeiner Zeit beherrscht, ein vollkommener Jude sein kann. Aber wohl müffen wir auch heute mit aller Entschiedenheit betonen, daß die Gesamtheit der Bekenner einer Religion nicht ungestraft die Wiffenschast vernachlässigt. Immer von neuem muß die Gesamtheit den Bestand ihrer religiösen Wahrheiten mit den tatsächlichen Ergebnissen der Wissenschaft vergleichen und durch diese Prüfung einerseits sich des unermeßlichen Wertes ihres Besitzes bewußt werden, andererseits alles Schädigende, das durch die Meinung und den Brauch Einzelner sich eingeschlichen, ausscheiden. Gilt dies von aller Wissenschaft, wieviel mehr von der Naturwissenschaft, die so recht eigentlich die Schöpfung Gottes, all die Wunder der unorganischen und organischen Weltwesen und die Gesetze, nach denen ihr Sein und ihr Leben sich regelt, zum Gegenstand hat. Hier treten noch nachdrücklicher als für jede andere Wissenschaft die beiden erwähnten Momente in den Vordergrund. Mit dieser Welt des Tatsächlichen und mit dieser Wiffenschast, die als eine Wissenschaft der Tatsachen im eigentlichsten Sinne Erfahrungswiffenschaft ist, dürfen die Lehren der Religion nüdt, in Widerspruch stehen, und jeder scheinbare Widerspruch muß gelöst werden. Und zweitens: diese Welt muß ein jeder nach Kräften sich zu erschließen suchen, damit seinem Glauben aus der Fülle der beobachteten Wunder immer neue Kraft, immer wärmeres Empfinden, immer heißere Liebe zum Schöpfer des Alls zuströme. Wie stark und lebenskräftig ist der Glaube des Landmanns! Wir reden nicht bloß vom Bauern, bei dem das negative Moment der Unbildung und der mangelnden Kenntnis der Probleme als Grund angeführt werden könnte. Auch der gebildete Grundbesitzer, der Lehrer, der Arzt auf dem Lande sind z u m e i st von tiefem, religiösem Fühlen beseelt. Oder will man uns wirklich einreden, daß alle Vertreter des konservativen Geistes brutale Junker und Heuchler sind. Sie leben eben nicht in einer Steinwüste und unter Druckerschwärze. Sie fühlen mehr als die Städter am eigenen Leibe, wie Menschenwitz und Menschenkraft machtlos ist, wenn Gott nicht den Tau und den Regen gibt, oder Naturereignisse den Erfolg aller Mühe und Arbeit in wenigen Minuten vernichten. Sie sehen täglich das Leben der unzähligen Organismen sich entfalten, begleitet: voll Liebe die Entwicklung des Keims zur prangenden Fülle in der Tier- und Pflanzenwelt. Und wie tief wurzelt die Frömmigkeit bei beit Schriftstellern, die echte Kinder des Natnrlebens sind, wir meinen nicht jene, die in modertl sentimentaler Naturbetrachtung schwärmen, sonman hat ja viele große Ge chäste heute, die die Ersparnisse der Angestellten direkt zu einem recht hohen Satze verzinsen, um auf diese Weise die Gehilfen zu fördern." F.: „Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich kann nicht glauben, daß Sie dieses Prinzip auch in Wirklichkeit bet Ihren jungen Leuten aufrecht erhalten. Wer verheiratete Leute beschäftigt — ich habe ja keine — muß doch auch eine gewisse Verantwortung für deren Familie mitübernehmen." H.: „Sie täuschen fich aber doch gewaltig in mir.' Was ich Ihnen hier als meine Ueberzeugung dargelegt habe, gelangt selbstredend auch in meinem Geschäftsbetrieb zur Durchführung. Für die Bezahlung meiner 40 Angestellten find nur die Leistungen maßgebend! Um ihre Privatverhältnisse kümmere ich mich als Chef absolut nicht, was natürlich nicht ausschließt, daß ich mich als Mensch und Jehudi De die einzelnen Leute und ihre Familien interessiere Md ich mit ihnen in aller Freundschaft verkehre." F.: „Ich muß Mieden, so weit geht mein Idealismus nicht. Sie MM-Doch, wie uns die Leute alles Gute vergelten. stehen sie bei uns im Brot, und morgen fall«: fie uns als Konkurrenten in den Rücken." „Verzeihung, lieber F., Sie verwechseln hier Ursache und Wirkung! Glauben Sie vielleicht ernstlich, es gäbe einen jungen Mann, der aus reiner Schadenfreude, nur "um Ihnen einen Hieb zu versetzen, ein Geschäft aufmacht? Heute bei den schwierigen geschäft-' lichen Verhältnissen, bei denen nicht einmal die alten gutfundierten Geschäfte sagen können, daß fie auf der Höhe find? Sie find ein viel zu geschästsgewandter^n Mutiger Kaufmann, als daß Sie derartiges in llchkeit annehmen könnten. Auch darf man tm fängern ftßkre zu geringen Fähigkeiten zutrauen. VS fich gezeigt, daß die jungen Geschäfte zumeist ganz gut einschlagen. Die jungen Leute find fich der Schwierigkeiten sehr wohl bewußt und überlegen es sehr genau, ob fie ein festes, wenn auch minimales Einkommen aufgeben und sich auf eigne Füße stellen sollen. Wenn Sie das alles voraussetzen — und Sie stimmen mir ja zu — müffen Sie zu dem Schlüsse kommen, daß dieser Wirkung eine sehr bedeutsame Ursache zugrunde liegen muß und die haben Sie ja vorhin schon selbst genannt. Sle sagten doch, sie beschäftigten keinen verheirateten Angestellten. Ihr Geschäft besteht, wie ich weiß, heute über 25 Jahre und Sie haben in dieser langen Zeit keinen Lehrling oder jungen Mann gehabt, der so lange in ihrem Hause geblieben ist. So muß ich annehmen, denn es mußten sonst Angestellte in das Heiratsalter gekommen sein und sich in Ihrem Geschäfte befinden. Sie sehen also, wie Jh Prinzip, keine verheirateten Leute im Personal zu haben, die Wirkung bedingt, daß jeder Ihrer Angestellten, der heiraten will, u d diesen Wunsch we den Sie als guter Jehudi begreiflich finden, nicht bet Ihnen bleiben kann und gezwungenermaßen Ihnen entweder als selbständiger oder angestellter Kaufinann Konkurrenz machen muß." F.: „Wie Sie das darstrllen! Es hört fich ja ganz glaubhaft an, aber Lie können doch wahrlich einem Jehudi, der erwachsene Kinder zu versorgen hat, doch nicht zuu Uten, zuerst an fremde Leute zu denken und fie in seinem Geschäfte großzuziehen oder sich gar über den Kopf wachsen zu lassen " H.: „Halt! Wenn Sie diese Befürchtung haben — das ist ja eine retnpe sönliche Empfindung — bann bleiben Sie ruhig bei Ihrer seitherigen Gepflogenheit, dürfen Sle dann nicht jammern, wenn Andere ihr »ärtskommen nicht bei Ihnen suchen wollen und e» gar, wohl oder übel, alS geschäftliche Gegner ertrsten müssen. Sie machen für sich den Gel erhaltungstrieb zum ob rsten Grundsatz Ihres Handelns, warum sollen Ihre Angestellten, die bet Ihnen in die Schule gehen, anders denken — nur weil sie noch jünger an Jahren find und pekuniär wohl nicht so"gut situiert wie Sie?" F.. „Nehmen Sie es mir nicht übel, aber das scheint mir „Gemoroh gelernt", das kann doch nicht stimmen. Sehen Sie, meine Konkurrenten haben fich doch schließlich ihre Kenntnisse bet mir angeeignet mo das ist ja, rade bas schmerzliche Gefühl für mich, daß a:s alter Mann auf einen Kampf einlaffen dem ich dem Gegner selbst die Waffe in ' geben habe!" H.: „Natürlich! Sobald man in uns Kreisen mit zwingender Logik klipp und klar nachweist, so heißt daß „Gemoroh gelernt", fühle, die Sie hier stets in die Waaschale der BeuMümg werfen, sind doch im allgemenen, soweit ich Sie zuHnnen glaube, in geschäftlichen Dingen für Sie nicht gebend! Sobald Ihnen aber klar sein sollte, de Klagelied ein ungerechtes ist. und Sie einsehen sollten, wie sehr Sie an dem unleidlichen geschäftlichen .Konkurrenzkampf selbst mitverschuldet find, spielen Sie Ihre Gefühle als letzten Trumpf aus und nennen meine Darlegungen, gegen die Sie keine sachliche Einwendung haben, „Gemoroh gelernt"! Ich habe ja nicht geglaubt Sie belehren zu können! Obgleich ich durch meinen Geschäftsbetrieb Nachweisen kann, wie irrig Sie und Ihresgleichen handeln und wie sehr Sie alle unsere gute Sache und besonders unsere SchmiraS Schabbos in Verruf bringen, will ich es unterlassen. Nur will ich Ihnen als Tatsache noch sagen, daß ich mich fteue, wenn aus meinem Geschäfte eine Konkurrenz hervorgeht, die ihr Geschäft am Schabbos geschloffen hält und eine größere Anzichl schabboshaltender Leute beschäftigt. Ich bin dabei nicht weniger geworben. Im Gegenteil! »er mm tat