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Der Israelit · 1907-05-02 · Heft 18 (2.5.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 18 (2.5.1907)
Date
1907-05-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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2. Mai 1907. i Der Wraelll. Sette L Nr. 18 geben, zweifelte und sah immer deutlicher, daß es fo wie bisher unmöglich weiter gehen könne, und im Interesse der Selbstachtung und Selbsterhaltung an die Herbeischaffung neuer Brücken und Stützen gedacht werden müsse. Eine gründliche Revision des bisherigen geistigen Inventars des Reformjudentums veranlaßt, ohne aber nun an die Negation des Bestehenden eine wahrhaftige positive Gesundung geknüpft zu haben, ist der wesentliche Inhalt von Herzls Lebenswerk in seiner Bedeutung für das Judentum in Deutschland. Ein großes Fragezeichen hat er. blitzartig am Horizont aufleuchten lassen, als das Wetter immer schwüler wurde und vergebens die Seele nach einer reinen Atmosphäre bangte. Dieses grelle Fragezeichen hat viele berückt, indem sie glaubten, nun sei die Erlösung da, nun müsse und werde es anders und besser werden. Aber mit Fragestellungen werden bestehende Verhältnisse nicht umgewandelt, nicht von der Stelle geschoben, und ein Fragezeichen ist noch lange nicht ein Schwert, damit ein Berräterhaupt zu spalten, ja nicht einmal ein friedlicher Pstug, ein unbebautes Land zum Säen und Ernten reif zu machen. Er kam vom Journalismus her. Als Wiener Feuilletonist, als Pariser Berichterstatter, spielte er die Rolle des Volkserlösers, dem aus verzweifelnden Reihen dumpfhinbrütender Massen meffianische Verzückungen entgegenwallten. In Paris wars, sein Kollege Nordau hat's in seiner letzten Kongreßrede trefflich geschildert. als die Dreyfushetze losbrach und der Ruf: Nieder mit den Juden, die französische Assimilation aus ihrer süßen Gedankenlosigkeit zu allerhand lästigen Gedanken aufschreckte, als auch Herzl erwachte und in einem fast vergessenen Winkel seines Herzens, wie ein verschimmeltes Brot in einem auf der Mansarde lagernden Koffer, sein Judentum entdeckte. Da ging er denn hin, schrieb seine Entdeckung zu einer umfangreichen Broschüre um, ließ sie drucken, und die große Bewegung war eingeleitet, als deren geistiger Vater er gilt. Nur wer in Paris und Wien den Abfall vom Judentum in seiner groMädtischen Kraßheit auf der einen, die Winzigkeit des Ertrags, den die Verachtung des Judwtums bringt, auf der andern Seite kennen und im eigenen Innern durchdacht und verstehen gelernt hat, nur wer mit einem solch feinen Empfindungsleben ausgestattet war, wem antisemitische Hetzreden fo nahe gingen, wen sie so nachdenklich stimmten, und wer bereits ein solch hohes Freiheitsbedürfnis sich erworben, daß, wenn der Antisemismus sein Gorgonenhaupt erhebt, für ihn keine andere Rettung scheint als die Flucht, hinaus in die Heimat, ins alte neue Land der Väter und Enkel — ist zum Herzl geschaffen und kann mit gleich bezauberndem Klang zum Rüötzug ins Heimatland blasen, wie es Herzl vermochte. Zu allen Typen der vorangegangenen Zeit stellt er den strikten Gegensatz dar. Man vergleiche ihn mit Mendelssohn. Auch Mendelssohn ist eine Gestalt mit scharf geprägten Zügen. Aber wie grundverschieden von ihm. Sein Judentum ist nichts gewordenes, eher ein erhaltenes, konserviertes, in seiner naturwüchsigen Ursprünglichkit erfrischendes und erfteuendes. Bei Herzl ist alles neu, werdend und sich entwickelnd, eine exotische Pflanze in ungewohnter Erde blühend. Beide sind sie mit dem Ausgleich zwischen Occident und Orient beschäftigt. Aber wie schmiegsam neigt sich den Traditionen °des Ostens der von der westlichen Kultur erfüllte Philosoph entgegen, wie zaghaft lächelnd, als schämte er sich fast, in seinen alten Tagen noch einmal ein frischgebackener ,.Jud" zu werden, wirbt Herzl um orthodoxe Gunst und Gefolgschaft. Dieser todesmutige Feldherr, dieser Held des nationalen Fortschritts, zeigt in seinem Verhalten zu den Forderungen des historischen Judentums eine solch naive Unsicherheit, daß man an allen Ecken die Vergangenheit, die alte Asfimilationszeit, herausschauen sieht und sich wundert über die Energie, die ein solcher Mann doch benötigt haben müsse, um aus einemWieuer Zeitungsschreiber ein messianische Ehrungen genießender jüdischer Freiheitsapostel zu werden, über die Sorgfalt, mit der er die letzten Brosamen, die das Judentum in ihm zurücklietz,hat zusammenraffen müssen, um wenigstens ein halbwegs repräsentabler Nationaljude zu werden. Man vergleiche ihn mit Grätz, mit Frankel, Rießer und Laffalle. Als ob sie alle aus verschiedenem Stoffe wären. So scheint es. Und doch, ein kleiner Unterschied nur. Die Profile sind uns verschieden zugewandt. Die vier Repräsentanten schauen alle vorwärts, Herzl blickt rückwärts. Die vier leben und versinken in Illusionen, wie sie nur eine solch zerrissene Zeit hervorbringen konnte. Emanzipation, Wissenschaft, moderner Rabbinismus, assimilatorisches Parteileben — eine große Blase, die Herzl nur mit seiner feinen und spitzen Nadel anzutasten brauchte und sie war geplatzt. Nicht als ob Herzl frei von Illusionen gewesen und die Bewegung, die er schuf, des Flugs der Phantasie entbehrte. Nur die alten Träume hat er zerpflückt und in den*gejäteten Boden neue Schlingpflanzen gesät. Das wäre nun, könnte man meinen, ein ertraaloses Beginnen. O nein. Nachdem uns Herzl belehrt hat, daß Tausende von Menschen lange Zeit hindurch in den verderblichsten Illusionen fortleben können, ohne daß ihnen ihr trauriger Zustand zum Bewußtsein kommt, werden diese Menschen künftighin vorsichtiger werden und sich gewöhnen an die Stelle der Ueberfcbätzung die Kritik, an die Stelle der Träume das Wachen treten zu lassen. Unter Herzls gesammelten „Zionistische Schriften" nimmt der Wirkung nach der „Judenstaat" die bedeutendste Stelle ein. Der Wirkung auf die folgenden Jahre nach, und insofern, als bekanntlich diese Schrift die nationaljüdische Bewegung, deren Uranfänge in früherer Zeit liegen, in Fluß gebracht hat. Doch wird diese Schrift von der dort mitgeteilten Korrespondenz zwischen Herzl und dem Baron Hirsch an Eigenart übertroffen. Diese Korrespondenz scheint mir die innere Umgestaltung der Mischen VolksseÄe, das Werden und Keimen des Neuen besser und treffender zu illustrieren, als die gesamte theoretische Einleitung und Ueberficht, mit welcher der erste Zionistenführer die Notwendigkeit eines zu errichtenden autonomen Judenstaates verficht. Wie hier der Pariser Affimilationsmensch dem nachdenklich gewordenen Herzl entgegentritt, diese ironische Abwehr, dieses assimilantenhaste Lächeln auf der einen, der stolze nationaljüdische Emst auf der andern Seite, dieser Abstand zwischen zwei ihrer gestrigen Stimmung nach gar nicht so weit entfemten Menschenseelen, von welchen die eine hofft, die andere zweifelt, all das weht aus dieser Korrespondenz heraus, die vielleicht aus diesem Gmnde bestimmt ist, als ein wertvolles Dokument für die Mische Geschichte unseres Zeitalters auf die Nachwelt zu kommen. Daß Herzl die trockene Zurümveisuna, die: er von mit dem Leben vertrauten Pramkern erfuhr, hätte vorausschauen und damit rechnen müssen, wenn er nicht der große Schwärmer gewesen wäre, der er eben war, das ist trotz aller es bestreitenden Stimmen, die ihn zu dem ersten großen jüdischen Realpolitiker umstempeln wollen, ebenso klar, wie daß nicht alle Her^lgegner gleich vollendete Schufte sein müssen, wie man fast glauben müßte, wenn man sich auf die Lektüre zionistischer Heißspornliteratur beschränkt. Herzl war nun einmal seiner geistigen Veranlagung nach nicht zum Realpolitiker geschaffen. Ich weiß nicht, ob es mehr als eine poetische Wendung ist, wenn er einmal irgendwo sagt, daß er von den Zweiftln, die ihn betreffs der Ausführiarkeit seiner Idee zuweilen packten, ^beim Anjören Wagnerscher Musik befreit wordeMsei. Aber mit solchen Schwärmereien, ob sie ernst gemeint waren oder nicht, hat er doch mehr verdorben, als der Bewegung, die seinem Leben erst den Wert gab, nützlich war. Mit solchm Unwirklichsten lenkte Herzl die Bewegung auf ein ihantastisches Gelände und brachte sich damit im die Sympathie aller nüchternen Geldleute, die ihm sicherlich ein Ekel waren, mit denen er wir bereits. Mir aber graut es vor unseren „Nationakdichtern." Ich denke mir, wie müßte bas erst gar noch sein, wenn wir nun wirkich Land und Staat besäßen. Hätte ein Christ das vorliegende Stück geschrieben, hätte ich mich schnell dabei beruhigt. Ich hätte dm Verfasser in dm Reihen der Antisemiten gesucht, hätte das Drama in die reichhaltige Bibliothek einreaistrierr, in welcher die ANV n*nn ntedergelegt ist. Aber der Verfasser ist ein Jude, und ich glaube mit der Vermutung nicht fehl zu gehen, baß vielleicht noch seinem Vater die Thora zu einem Bühnenkinkerlitzchm zu aut war, das arme Judenvolk mit sein.m tausendjährigen Weh zu kostbar für eine Theaterrellame. Und dieses «.tück ist für Christen geschrieben. Aengstlich ist dafür Sorge getragen, daß sie es, trotz zahlreicher Judaismen, verstehm. Und so er,cheint mir dieses Stück als ein bodenloser Skandal, als eine unerhörte Blasphemie. Was will dagegen der Kaufmann von Venedig bedeuten! Der große Brite haßte die Juden, denn er kannte sie nicht. Er wollte unserem Botte fluchen, aber wie Bileam, dem Propheten, legte auch ihm der Herr die Worte in dm Mund und ichier wider seinm Willen, bezwungen von seinem Genie, schrieb er die ergreifendste Tragödie. Aber nur den fremden Propheten legt der Herr das Wort in dm Mun^ Die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs müssen aus eigener Kraft die Wahrheit findm, denn sie können es. Bileam muß segnm, Korach d rf lästern.-Mit bitterem Nachgeschmack schüd ich von diesem mtMckfeligm Stücke Ich schämte mich vor metnm christlich«» Begleitern. Und als ich dann, noch ganz in Ge ankm versunken, mich zur Ruhe begab und in Schlaf verfiel, da zogm seltsame Zttagetöne durch mein horchendes Ohr. Unsere hehre Mutter Rrchel glaubte ich zu sehm, die in Ramah bitterlich weint um» sich weigert, Trost anzunehmM: Rayel weint um ihre Kinder, denn ste find nicht mehr. — i, b. Konkttmtizmidst! Ein Gespräch. Ort: Ein jüdisches Restaurant in Leipzig. Personm: Heldmann und FeinVerger (jüdische Geschäftsinhaber). Heldmann: „He,'he, Herr Feinberger, kennen Sie mich nicht mehr?" Feinberger (auf ihn zugehend): „Ihre Züge find mir führ bekannt — aber im Augenblick — ich kann mich nicht bestimm." — H.: „Na, denken Ste mal um 30 Jahre zurück, an Mergentheim & Co.!" F.: „Jst's möglich — Sie find's — Heldmann, alter Freund!" H.: „Ja, ich Vin's! Ich habe mich irnwischen bei jeder Gelegmheit nach Ihnen erkundigt und stets nur Gutes vernommen. Das hat mich auftichtig gefreut. Wir hätten uns nicht so aus den Augen verlieren sollm. Doch Sie find wohl früher nicht gereist, sooft hätten wir uns doch schon einmal per Zufall irgendwo tresfm müssm." > es ist wahr, ich bi« fett IS ,r vor der Türe gewesen uud's schwer, jetzt wieder mit dem ist dickfellig geworden. Doch Reismdm haben Lageristen mttge- F.: „Unter uns ges Jahren keinm Schritt mel wird mir altm Burschen Koffer loszugehen. Man was soll man machm? Zwei meiner sich etabliert und mir meinen bestm nommen, jetzt geht eine tolle Konkurrenz lös, da muß ich auf meine allen Tage wieder mit der Kollation 'raus und mich schtnbm und plagen. Ja. 'S ist traurig! Erst zieht man fich die Leute grog, tut ihnm allezu Gefallen Wteßllch Men ste einem in dm Rücken und mau etgrnm Laut wehren. Die Konkurrertz, für unS Mhubtm das reine Verhängnis, ich sag' immer, wenn man'S, boruch haschem, auch sonst nicht merkt, daran spür'n wir das GoluS. Ja, diese Undankbarkeit der jungen Leute von heute. Erst quälen ste uns bis aufs Blut, kein Gehalt ist ihnm groß genug und das Ende vom Liede ist, baß ste fich selbständig machen. Es ist zum Verzweifeln!" H.: «3$ finde, Sie find viel zu elegisch, alter Kampfgenosse! Ich kann es jungen Leuten nicht verdenken, wenn sie vorwärts streben und jeder Mmsch wählt doch schließlich ein Arbeitsgebiet zu seiner Befähigung, auf dem er fich zu Hause weiß, wmigstens jeder Vernünftige. Uebrigens haben Sie's anders gemacht, als Sie damals bei Mergentheim St Co. austratt», und doch ist Mergentheim St Co. Mcht kleiner geworden, obwohl Sie nicht der einzige Konkurrent geblieben find, der auS dem Hause hervorgegangen ist. Mir ist per Zufall ein'anderer, damals neuer Geschäftszweig in die HÄche gefallen, was wäre mir sonst anderübrig geblieben, als es Ihnen nachzutun. Heiraten konnte man nicht auf unsere Stellung hin und wenn man'S heute bedenkt, hätt man es nicht für möglich, für welchen Schundgehall wir gearbeitet haben. Ich würde es nicht wagen, meinem jungen Packer das Gehall anzubieten, das ich damals als 25jahriger Mensch bezog." F.: „Run, so schlimm, wie Sie es machen, war eS doch nicht. Wir waren doch schließlich noch ledig und hatten keine Gebräuche. Ersparen konnte man zwar nicht viel, aber man hatte doch sei» gutes Auskommen." H.: „Ihre Logik ist nicht ganz richtig, lieber F. WaS kümmert eS dm Prinzipal, ob ich mein Gelb auf die Sparbaffe lege, oder es für Frau und Lind verwende. WaS ich mir verdiene nach dem Maß meiner Leistungen, das mutz mir werben. Die Verwendung des sobald ste nicht dem GefchäftSwterefle widerstreitet, ist doch ausschließlich Sache des Beziehers. Ja

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