Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 18 (2.5.1907)
- Date
- 1907-05-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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tB Seite L Der L [.PC,. t' F * Ser fall Dr. Cohn. An anderer Stelle berichten wir eingehend über die sensationelle Amtsentkebung des Berliner Rabbiners Dr. Emil T oh n, dessen „Fall" in der abgelaufenen Woche seinen Weg sogar aus die Tribüne des Abgeordneterchauses gefunden hat. Wir überlassen es unserm Berliner Korrespondenten, der den Ereignissen und handelnden Personen näher steht, die einzelnen Phasen des merkwürdigen Vorgangs zu belesMen. Nur auf einen Punkt muß heute schon hingewiesen werdm, well er von der Presse höchst wahrscheinlich zwar besprochen, aber nicht ins rechte Licht gesetzt werden wird: auf die Auffassung von der Stellung des Rabbiners, die in den Köpfen der Berlin«: Neologie spuckt. „Sie sind bei uns in Lohn und Brot — Sie haben unsre Anschauungen zu vertreten" — diesen klassischen Ausspruch, den Dr. Cohn aus dem Munde seines Vorstehers über sich ergehen lassen mußte, sollte man als Denkmal des durch die Reform erzeugten sittlichen Niedergangs in Glas und Rahmen Über den Pforten der Orgel-Synagogen anbringen! Es liegt etwas Herzerfrischendes in dem Cynismus, mit dem hier die ganze Menschenverachtung einer zur Bureaukratie gewordenen quasi „religiösen" Behörde zum Ausdruck kommt. Gewiß wenn aller feste Bestand überlieferter Wahrheit der Willkür des Einzelnen Überliefert, der ersten besten luftigen Hypothese zum Opfer gebracht wird — dann ist in der Tat die jüdische Gemeinde nichts mehr als ein klappernder Verwaltungsmechanismus, und es bleibt dann im Grunde einerlei, ob die unter dem Titel „Rabbiner" fungierenden Sprechmaschinen sich.ihre „Seele" von einem beliebigen Vorstandsmitglied einhauchen lassen oder auf anderem Weg eine Religion eigener Erfindung zusammenreimen. Dieser auf dem Boden des Abfalls großgewordenen Anschauung ist Dr. Cohn zum Opfer gefallen, den« das ganze Verfahren des Berliner Vorstandes läßt jeden Funken von Achtung vor der Würde des Lehramtes vermissen.. Welche Vorstellung die Berliner Herren von ihrer eigenen Hürde, der Würde einer jüdischen Gemeinde haben, das soll noch weiter betrachtet werden. emlleton. Ein llitersllrcher Skandal. Die Tagesblätter haben?ur Genüge über bie Aufführung von Schalom Aschs „jüdischem" Drama*) im Deutschen Theater vettchtet und mehr oder weniger eingehende Kritiken darüber gebracht. Wer in die Lage wmmen kann, seine Meinung über dieses Stück im Salon äußern zu müssen, möge diese Kritiken Nachlesen, da er sonst in Gefahr gerät, seinen Ruf als gebildeter Mensch zu verlieren. Denn ein gebildeter Mensch muß dieses Stück gelesen haben. Ein Jude aber erst recht. Nicht nur, weil der Berfafier ebenfalls ein Jude ist, sondern weil das Stück selbst ein jüdisches Stück ist. Juden treten dattn auf, zahlreiche jüdische Ausdrücke kommen vor, ja zum Schluß kommt sogar eine Thora auf die Bühne. Das ist originell. Die Originalität erreicht ihren Gipfel, wenn man bedenkt, daß diese Bühne ein Haus von dmkbar^schlechtestem Ruf darstellt. Allerdings nur im Souterrain. Denn im Obeaeschoß wachst, vom Bat er ängstlichbehütet, in hohen Züchten Riwkele auf, eine reine jüdische Jungfrau. Und für sie nur ist die Thora bestimmt. Der Vater und die Mutter werdm die Thora nle anrühren, denn sie find unrein durch chr scheußliches Gewerbe und ihre schändliche Vergangenheit. Die Thora wirb ins Hinterstübchen zu Riwkele kommen, Riwkele heiratet Ostern einen frommen Talmudjünger nach der . Lehre „Matsches" und Israels, und dann fitzt auch der Sei der Thora und nur „hMten herum" giebt ihnen der Bsttr Essm und Trinken. Aber bie Thora will nicht und '*) Der Gott der Rache, Drama von Schalom Asch. Berlag S. Frscher, Berlin. Sur wiener MMrrlkswM In der österreichischen Hauptstadt gibt es bekanntlich zwei Wahlbezirke, in denen für jüdische Kandidaten Aussicht gewählt zu werden besteht. In den beiden Bezirken ist bereits seit einer Reihe von Wochen eine äußerst lebhafte Wahlbewegung im Gang. Besonders interessant hat diese sich in der Leopoldstadt entwickelt. Dort gestalteten sich nämlich Me Juden den Luxus, dem gefährlichen antisemitischen Konkurrenten gleich nicht weniger als drei Kandidaten gegenüberzustellen. Außer dem bekannten Herausgeber der „Oefterr. Wochenschrift", Dr. Bloch, bewarben sich der Zionist Dr. Schalit und der zu keiner Partei gehörige Dr. Ofner, der wie Dr. Bloch schon früher Mitglied des Rejchsrats gewesen war, um das Mandat. Die besten Aussichten hatte, wie es scheint, Dr. Bloch, — hätte, denn er ist von seiner Kandidatur nunmehr zurückgetreten. Dieser Mann hat sich durch seine erfolgreichen Kämpfe mit Rohling und anderen antisemitischen Verleumdern unleugbare Verdienste erworben, und es ist sicher» daß er mit der reichen Erfahrung, die er in diesen Kämpfen gewann, und seiner jüdisch-wissenschaftlichen Schulung ein vorzüglicher Verteidiger oer Juden gegen antisemitische Angriffe im Parlament gewesen wäre. So weit auch unsere jüdische Weltanschauung von der Dr. Blochs geschieden ist, es muß anerkannt werden, daß er unter den in Wien für ein Mandat in Frage kommenden Persönlichkeiten bei weitem den Vorzug verdient. Nichtsdestoweniger ist die Kandidatur Bloch nunmehr weggefallen. An seine Stelle tritt der Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Gustav Kohn. Offiziell wird verkündet, Dr. Bloch sei freiwillig zu Gunsten von Dr. Kohn zurückgetreten, weil für dessen Kandidatur leichter eine Einigung der jüdischen Stimmen herbeiaeführt werden könne. In Wahrheit liegt die Sache anders. Jedermann in Wien weiß es, daß dabei der Zuschuß, den der Kultusvorstand dem Blatte Dr. Blochs seit langem in Würdigung seiner Abwehrtättgkeit gewährte, eine Rolle spiett. Niemand glaubt, daß dieser freiwillig resigniert habe, und es ist kein Zweifel, daß ein Druck auf ihn ausgeübt wurde, dem er sich nicht entziehen konnte. Welche Persönlichkeiten dabei die Hand im Spiele hätten und in welcher Form sich die Schiebung vollzog, das entzieht sich der genauen öffentlichen Kenntnis und ist auch im Grunde gleichgültig. In jedem Fall ist der Borcharakteristisch für die Zustände in der wiener israelitischen Kultusgemeinde. Riwkele will auch nichi. Riwkele ist neugierig, furchtbar neugierig. Eine gefährliche Sache, wenn Obergeschoß und Souterrain nur durch eine dünne Decke gettennt find. Die Folge davon ist, daß Riwkele schon im zweiten Akt mit einer perversm Dirne Plette geht — hin zu Schiojme, einem entsetzlichen Teufel der auch ein Souterrain hat. Damit ist igentlich die Geschichte aus. Allein das Mindestmaß eines Dramas find 3 Akte. Daher kommt noch ein Schlußakt ohne jede Spannung und ohne jede dramatische Kl ast Aoer rührend ist eS doch, wenn man da steht, wie der Vater mit seinen unreinen Händen die Thora herbeiholt.und ste, die alles kann — denn fie ist „der große Gott" — anfleht, ihm sein Kind in Reinheit wieberzubringen, ein Wunder für ihn zu tun, und wie er dann schließlich, da die Thora „aus Rachsucht" kein Wunder tut und Riwkele als Gefallene hetmkehrt, was übrigens alle längst schon^seitjjdem zweiten Akt wissen, nur der Vater nicht, damit er Gelegenheit habe, in einer nach Aschs veretnzelt dastehender Meinung hochdramatischen, in Wirklichkeit aber völlig versagend n Szene mtt Jbftnscher Etndringltchkeit von ihr „die Wahrheit" zu verlangen, die Tochter „hinunter" stößt und die Thora dem Hetralsvermittler Red Glje giebt: „Die Thora nehmt mit! Ich brauch sie nicht mehr." Das mag, wie gesagt, ganz rührend sein und gemütSverweichlicht. Leute, denen ein Drama nichts ist, als eine Zwiebel für ihre Tränendrüsen, mögen hier auf ihre Rechnung kommen. Ich aber stehe kemen Moment an, zu bekermen, daß ich das Stück für daS verlogenste Machwerk halte, das mir jemals unter die Finger geraten ist. WaS geht denn hier eigentlich vor, was an sich nicht ebenso gut ' in Deutschland wie in Polen, in einer christlichen wie jüdischen Familie hätte passieren können! Aber stet ich, das.wäre ja dann^sonst - eine glatte Schweinerei gewesen, .vor deren nackter Häßlichkeit man sich mtt Abscheu avgewendet hätte. Mit so etwas hätte man nie im Deutschen Ute Satrbafbemesuna ln New-Sick. Der Verband -fftc den Sabbat in New-Aork bemüht sich auch die jüdischen Frauen für die Mitarbeit an der Förderung der Sabbatbewegung zu gewinnen. Vor kurzem hat der Präsident des Verbandes, Dr. Bernard Drachman, vor einem großen weiblichen Auditorium auseimmdergesetzt, was die Frauen für die Bewegung in ihrem Wirkungskreise leisten könnten. Er forderte die Frauen auf, nicht nur im eignen Haus ihre« ganzen Einfluß für die Heilighaltung des Sabbats geltend zu machen, sondern auch bei keinem Geschäftsmanne Einkäufe zu machen, der am Sabbat feinen Laden ossenhält. Der Mahnung zur Gründung einer Frauenvereinianng, die in diesem Sinne tättg sein solle, tmtwe von der Versammlung entsprochen und eine große Zahl von Frauen meldete fich alsbald zur Mitgliedschaft an. Von fltettdeföeftr ftfe Psychologische Studien zur jüdischen Geschichte. Bo« Dr. Raphael Breuer in Frankfurt a. M. VIII. Herzt. Bon den Typen der vorangegangWn Zeit unterscheidet sich Herzl zunächst darin, daß es' schwer fällt, ihn zur Schöpfung eines objektiven Urteils in die gebührende historische Entfernung zu rücken. Er ist mit den Stimmungen uno Strömungen des Augenblicks viel zu innig ver- Ä und verwebt, als daß man ihn rein als llichkeit, als Individuum fassen könnte Und nicht viel mehr als den Ausdruck eines Gesamtheitszustandes begreifen müßte, den er weniges geschaffen als umgebildet und weitergeführt, aus dem er selbst hervorgegangen, um ihn, nachdem er zur Selbsterkenntnis gelangt war, kritisch anzuschauen und umzumooeln. Als man bereits viele Jährzehnte auf dem alten gewohnten Fahrweg, ohne immer was Böses zu ahnen, fortgeschritten war, die Gegend immer verwilderter, das Dickicht immer krauser, das Ziel Zimmer ferner und unbekannter wurde, als man anfing, sich's still zu gestehen, daß Matt sich auf falscher Straße befinde und rings kein Ausweg sichtbar war, da erschien Herzl und befahl mit den Gesten eines Feldherrn und dem Herzen eines Schwärmers: Zurück! Man wurde stutzig, schaute verwundert auf den kühnen Sonderling, der den Rückzug befahl, nachdem er selbst nichtsahnend bis zur krittschen Stelle mitgezogen war, und begann an der Richtigkeit des bisherigen Weges zu zweifeln, wenn ihn auch nicht gänzlich aufzu Theater ankommen können. An - chamlofiakeiten herrscht doch heutzutage wahrlich kein Mangel. WaS darin an Genialem zu leisten ist, besorgt Frank Wedektnd, und die Zahl seiner genielosen Nachbeter. Und so mußte denn schon der NimbuS des auserwählien Volkes he, halten alS DH TTn RtO/ mußte der Rachcgott des alten Testaments wieder strafend und schreckensvoll über die Bühne schreiten, durste nur feinem Walten voll Grausamkeit und Rachgier die sonst unerklärliche Tatsache zugeschrieben werdm, daß die Tochter eines BordellwirtS den kleinen Sprung vom Obergeschoß ins Souterrain macht, während es M Wahrheit schier märchenhaft klingt, daß ste nicht längst schon gefallen, mußie hier bei denkbar schlechtestem Anlaß das Problem der silbischen Lehre von der Vererblichkeit ausgerollt werde», all bas mußte sein, und bann noch' ein Thoraschrei er mit langem Bart und skandalöser Lummheit und noch ein Heiratsvermittler — und mdltch gar fie selber, die hohe, heilige, dreimal gevenedeite Thora, für die die Bäter Jahrtausende lang geblutet und gelitten, gelebt und gestorben, ihr Alles, ihr Einziges, das fie aus den Trümmern ihrer nationalen Katastrophe gerettet, die fie geliebt mit unendlicher Liebe, an der fie gehangm mit jeder Faser ihres ganzm Wesens-und die nun in der Hand des entatteten Enkels, zu einer Bitzli-Putzlistatze verzerrt, alS schaler Theatercorch, alS dürftiger Deckmantel für ramenlosen Schmutz und Häßlichkeit dienm mußdie Liebe, die Treue, die Todesmutigkeit der Ahnen, all das zu nichts mehr gut, als daß fie dem entarteten Enkel einen stimmungerzeugerwen Hintergrund bilden, von dem fich umso wirkungsvoller bie Unfittlichkett, bie Entartung, die. Perversität abheben, deren Schemen dasGehtrn dieses unsere- „jüdischen Nationaldichters" bevölkern- Wahrlich wir find schon weit gekommen. Roch haben wir kein Land, noch keinen Staat, aber waS fich sonst erst auf Grrmdlage von Land und Staat in langjähriger Entwickelung zu bilden pflegt, Krmst und Litteratm, das hechm