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Der Israelit · 1907-05-02 · Heft 18 (2.5.1907) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 18 (2.5.1907)
Date
1907-05-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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48. Jahrgang. i7t.MMks.aMtf m m k„ 2. mal 1907. Sranhfurf a. m., 9en is. ijar 5687. M 18. Der JSraelit erscheint jeden Donnerstag. «dmmementS r Gewöhnliche Ausgabe Mk. ILO vierteljährlich, HestauSgabe auf Kunstdruckpapier Mk. 3.— vierteljähEch. (Auslandspreise für die gewöhtüiche AuSssbe r Oesterreich 8 Sr., Rußland l Bub., England 8 sh., Amerika SO cts., Niederlande 1,80 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei der Lrp«dition. MMauSgabe nur direkt. Anfnr-ter SO Pfennige für die sech-gespalten« Eolwrl-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratengunadne myc durch Hairfeusteiu «. Boglelr A^G. i» TüUle bikIH ft W mmntTm »Kn All TfliWT wrmckfntt a. PL und drrrn^Wuüen. BÄi bem SL «MbapeK Sü». LÄMA Wieder z« habe« ==. Ka«rmet«rappen zumAttfbelOMPrenderJsraelit-N ummer« gegen Gtnsenduüg dv« Mark 1.—, zuzüglich Porto. Die zweite Friedenskonferenz. Im letzten Jahre des 19. Säkulums ist in der Symphonie oder Kakophonie der internationalen Politik ein neuer Klang hörbar geworden. Dieses merkwürdige Jahrhundert sollte nach all den gewaltigen Umwälzungen, die es gebracht, auch an dem scheinbar unzerstörbaren Lebenswerk des Italieners Nicolo Macchiavelli zu rütteln wagen. Macchiavelli hatte nur eine Theorie begründet, aber, diese Theorie, die in der hohen Politik Macht vor Recht und Billigkeit gehen läßt, war nichts anders als der bewußte Ausdruck der Gesetze, nach denen sich das politische Leben der Völker in den vergangenen Jahrhunderten wie in der Folgezeit tatsächlich abgespielt; und darin lag die Kraft, die Widerstandsfähigkeit der Maechiavellischen Lehre. Der große Aufkärer auf dem, preußische» Königsthron hat mit seinem. Änttmmchravest das; Prinzip der Notwendigkettdespuvttr Egoismus imBerkehLzwischen Voll und Volk, das doch das Wesen dieser Lehre ausmacht, nicht erschüttern wollen, und es ist ja auch unmöglich, mit Aussicht auf Erfolg dagegen auzukämpfen, solange die Nattonen nicht gemeinsam an die Stelle jenes von ihnen allen praktisch angewendeten ungeschriebenen Gesetzes ein neues geschriebenes von entgegengesetztem Inhalt setzen. Solange nicht der a. gemeine Bölkervertrag perfekt geworden ist, ist es — wer will das leugnen? — Pflicht jedes Staatsmannes, Egoist zu sein, solange müssen Nicolo Macchiävellis Schriften die Lehrbücher der internationalen Politik bleiben. Bis dahin wird nur das innere Leben der Staaten unmittelbar, ihre Betätigung im Verkehr miteinander jedoch nur mittelbar, nämlich insofern sie der inneren Entwicklung dient, für die Verwirklichung einer sittlichen Idee in Anspruch genommen. Bis dahin ist die Gesamtmenschheit als ethische^ Begriff, der übrigens keineswegs im Gegensatz zu. dem der nationalen Eigenart steht, für den Realpolitiker nicht vorhanden. Per ' erste bewußte Schritt auf dem. Wege zu diesem in meiier Ferne liegenden Ziel war die Friedenskonferenz von 1899. Was den Zaren veranlaßte, die Anregung zu dieser Konferenz zu geben, 0b ideale Gesinnung oder schlaue Berechnung, was die Mächte bewog, der Einladung des Zaren Folge zu leisten, ob Interesse für die Friedensfrage oder das Gebot internattonaler Höflichkeit, das kann man füglich dahingestellt sein lassen. Die Tatsache bleibt, daß im Haag die Delegierten der Mächte die Weltfriedensfrage diskutierten, daß durch eine Aktion der Mächte die Friedensbewegung von dem Odium eitler Schwärmerei gereinigt wurde,' und die Winzigkeit dessen, was als greifbares Resultat de? Konferenz sich ergab, kann die Bedeutung dieser Tatsache nicht verkleinern. Wenn nun binnen kurzem die Konferenz zum zweitenmale Zusammentritt, soll uns auch diesmal der Gedanke, daß wieder blutige Hände die Friedenspalme vorantrugen, die Freude an dem Ereignis nicht verderben. Und die Gewißheit, daß auch die jetzige Zusammenkunft nicht zu sehr großen Hoffnungen berechtigt, vermag gerade uns, das Volk der Propheten, am wenigsten niederzudrücken. Wir wissen, daß das Ideal des Völkerfriedens erst in jener Zeit völlig verwirklicht werden wird, da „die Erde voll ist von Erkenntnis, wie Wasser den Meeresgrund bedecken". Und wir verzweifeln daher nicht, wenn der ewige Friede nicht kommen will, solange die Völker diese Höhe noch nicht erstiegen, solange sie von den sittlichen Konsequenzen jener Erkenntnis noch so weit entfernt sind, daß sie ein Rußland und Rumänien mit ihrer Verachtung von Menschenwürde und Menschenrecht und Menschenpersönlichkeit in ihrer Mitte sehen.. Wie uns ein ererbter und durch nichts zu ertötender Optimismus auf der einen Seite vor einer Geringschätzung der Friedensbewegung bewahtt, so schützt uns auf der anderen Seite die richtige Bewertung ihres Zieles vor dem Wahne, es könnte durch künstliche Mittel, durch bloße Könventton dieses Ziel in greifbare Nähe gerückt werden. Der sittliche Unterbau für das Ideal des Weltfttedens muß erst in allmählicher Entwicklung geschaffen werden. Darum schmerzt es uns nicht, wenn wir hören, daß die Abrüstungsfrage auf dieser Konferenz nicht zur Erörterung kommen soll. Man kann einen Bau nicht mit d m Dache anfangen. Biel wertvoller wäre es für die Friedenssache, wenn es sich ergäbe, daß die Konferenz gewillt ist/ die gepeinigten russischen und rumänischen Juden ihrer Aufmerksamkeit zu würdigen. Das wäre ein Zeichen, daß die Geltung des. Sittengesetzes nicht mehr nur für die Individuen, sondern auch für die Völker anerkannt werde, das gäbe auch einen Prüfstein ab, ob die Einigung der Nattonen zum. ewigen Friedensbund den Lenkern der Staaten wirklich Herzenssache geworden ist. Was zunächst die russischen Juden anlangt, so wird man eine Ablehnung, über sie auf der Haager Konferenz zu verhandeln, wohl kaum damit begründen können, daß-sich die Konferenz nicht in die inneren Angelegenheiten eines Landes mischen könne. Denn ganz abgesehen davon, daß die infolge der Unterdvücmng und der persönlichen Unsicherheit sich vollziehende stetig im Wachsen begriffene Auswanderung aus Rußland das Ausland in hohem Maße interessiert, Wnntt doch der Zar eine Mahnung der Mächte zur menschlicheren Behandlung der Juden nicht mit einem formellen Argument ablehnend Nikolaus!!, würde sich vor aller Welt blößstellen, wollte er, der zur Heraufführung eines humaneren Zeitalters den Gedanken, der Friedenskonferenz propagiert, gegenüber einem Hinweis auf die blutigen Pogrome kühl bis ans Herz hinan die Mittelchen der zünfttgen Diplomatie zur Anwendung bringen lassen. Die Mächte brauchten also eine solche Zurückweisung nicht zu fürchten, und sie haben darum auch keine Entschuldigung für sich, wenn sie die Möglichkeit, der Humanität einen Dienst zu erzeigen, unbeWutzt vorüber-, gehen lassen. - Noch viel aussichtsvoller wäre ein Eingreifen der Mächte hinsichtlich Rumäniens. Hier gM ' es ein verbrieftes Recht, auf das sie sich berufen können. Auf dem Berliner Kongreß' im Jahre 1878 erschienen die Vertreter Rumäniens und baten um die Anerkennung. der Souveränität chres . Staates. . Rumimiens ^Unabhängigkeit wurde von den Kongreßmächten auch gewährleistet, aber nur unter der Bedingung^ daß die völlige Gleichberechtigung der AngehürigsN aller religiösen Bekenntnisse gesetzlich zugestanoen werde. Diese Bedingung ist bis heute nicht erfüllt worden. Im Gegenteil hat die rumänische Regierung nicht nur die Juden in völliger Rechtlosigkeit erhalten, sondern auch nichts getan, um den jüngst an ihnen verübten, von langer Hand vorbereiteten Greueln vorzubeugen. Es ist geradezu eine Ehrenpflicht der Berliner Signatarmächte, Dafür zu sorgen, daß das ihnen gegebene Versprechen auch gehalten wird. Nirgends bietet sich eine bessere Gelegenheit dazu, nirgends ruft aber auch gebieterischer jene Pflicht, als auf der im Haag zusammentretenden Konferenz, die ja keine andere Aufgabe hat als die Förderung der Menschlichkeit. Die öffentliche Meinung der Kulturwelt ist die sechste Großmacht. Möge sie, wenn keine andere es tut, für das gequälte Judenvolk ihre Sttmme erheben und fordern, daß der Rat der Nationen jüdischem Elend nicht länger sich verschließe.

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