Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1907)
- Date
- 1907-04-25
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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zu Nr. des „Israelit Zwischen Furcht und yoNnung. Erzählung aus dem russisch-japanischen Krieg Äj von S. Sch achnowitz in Endingen. „Nun Fräulein! Wie ists, wie gehts?" rief ihr fetzt Jakir zu, ohne ein Auge dabei von seiner Karte zu wenden. „Danke, recht gut! Wo sind die anderen Mitreisenden?" „Die anderen?" Jakir schaute einen Augenblick von der Karte zu den am Ösen Sitzenden hinüber. „Es sind soweit alle, Fräulein." Nachdem er seinen Trumpf ausgespielt, nahm er langsam die Zigarette aus dem Munde und fuhr in dem ruhigsten und gleichgültigsten Ton der Welt fort: „Dies sind sie alle, Fräulein. Es waren ihrer sechs. Hier sind mit Ihnen vier und zwei fehlen." Jakir spielte weiter. „Wer fehlt? Um Gotteswillen, Herr Jakir, welche fehlen?" stieß sie angstvoll heraus. Sie musterte mit durchdringenden Blicken die anwesenden Reisenden. Aber ihr Auge konnte oder wollte nichts sehen, ihre Sinne nichts begreifen „Das sehen Sie ja, Fräulein," antwortete Jakir mitten im Spiele, „wer da fehlt. Der hübsche junge Mann, der mit Ihnen zusammenaereist und der alte Schlemihl da; ich glaube, Jankel nannte er sich." „AHN" - Es war ein Schmerzensschrei, wie ihn auch der auf diesem Gebiete vielerfahrene Jakir nur selten gehört. Er sah das Mädchen an. Sie stand leichenblaß da und starrte mit verstörten und fassungslosen Blicken ihre Umgebung an, als hätte sie ein jäher Blitz getroffen und der Sinne beraubt. Da regte sich auch in der zähen Brust des Grenzagenten etwas Menschliches. Erhalte das Gefühl, als hätte er mit plumper Hand etwas Unheilvolles angestellt. In seinem Bestreben aber, den plumpen Schlag zu mildern, wurde er, wie gewöhnlich in solchen Fällen, ohne sich besten bewußt zu sein, noch plumper. „Ich kann es in der Tat nicht begreifen," sagte er. „Von diesem alten Gaulom, dem Jankel, war es ja nicht anders zu erwarten. Aber dieser flotte und resolute junge Mann. Wie verliert denn ein solcher sobald den Kopf? Wie, sage einmal Perer, war denn das eigentlich zugegangen?" Aber Peter konnte mit dem besten Willen keine genaue Auskunft über diesen Punkt geben. Und zum Lügen mangelte es ihm an Phantasie. Rahel kam inzwischen etwas zur klaren Besinnnung. „Aber wie ist denn dies möglich?" brachte sie mit erstickter Stimme heraus. „Wir sind ja zugleich hinüber? Wir haben ja sogar noch gesprochen - es war sicher auf dieser Seite." „Ja, da weiß ich nichts zu sagen!" beteuerte Jakir und spielte weiter. „Aber," fuhr Rahel bebend fort, „es liegt gewiß ein Irrtum vor. Er ist ja mit mir zugleich herübergekommen." „Ein Irrtum!" meinte der Agent wieder ganz gleichgiltig gestimmt, „solche Jrrtümer haben wir hier täglich, Fräulein. Wer nicht zeitig mit rüber kommt, bleibt halt drüben." Diese vernichtende Gleichgiltigkeit und Kälte trafen Rahel wie ein schwerer Hammerschlag auf die Brust und eiligst, als könnte jede Sekunde ihres Hierbleibens das Unglück vergrößern, lies sie zur Tür hinaus. Wohin? Da stand plötzlich im Hausflur Rosa vor ihr. Der Anblick des guten Mädchens erfüllte Rahel mit einem unaussprechlichen Weh, mit einer Art von Beklommenheit, die ihr das Herz zerdrücken wollte. Sie empfand Scham und Mitleid; sie schämte sich vor ihrer Pflegeritt, die sie in ihr vermeintliches Glück, in ihren Selbstbetrug eingeführtsie empfand Mitleid mit sich selber und brach in Tränen aus. Auch in den Augen Rosas perlten zwei große Tränen, aber sie weinte nicht. „Wo wollen Sie denn hin, Fräulein?" fragte sie. „Wohin? Da liegt ganz gewiß, Fräulein Robenschein, ein Irrtum vor, oder ein anderes Unglück," sagte Rahel mit vor Tränen halberftickter Stimme. „Ich will mich nun an der Grenze etwas umsehen." „Da geben Sie acht, daß Sie sich nicht auf russischen Boden wieder verlaufen. Oder," fügte Rosa kurz entschlossen zu, „warten Sie einen Augenblick. Ich lege nur das Tuch um und gehe dann mit Ihnen!" Die beiden Damen gingen am deutschen Zollamte vorbei direkt bis zur Grenzbrücke. Da war nichts zu sehen. Drüben, dicht vor der Brücke, war eine lange, eifeme Kette gezogen, die durch die Windbewegungen dumpf klirrte. An der einen Seite derselben stand der russische Posten mit geladenem Gewehre und warf ihnen mürrische Blicke hinüber. Sonst, so weit das Auge reichte, Ruhe und Stille. „Wollen wir nicht die Stelle am Graben besichtigen?" bat Rahel. Diese war aber nicht so leicht zu finden. Rahel hatte den Fleck, an dem sie das schauerlichste und glücklichste Ereignis ihres Lebens erfahren, in der Tat nie gesehen und Rosa glaubte nach vielem Suchen und Nachdenken endlich, die Stelle, an der sie in der Nacht Rahel aufgefunden, ungefähr zu haben. Es war ein kahler, wüster Platz. Der schlammige, ziemlich breite Graben bildete den Saum eines Dickichts. Und da war außer den hohen Tannen und dem ihnen gegenüber liegenden jungen Strauch nichts zu sehen und zu hören. Da der gerade Ausblick durch die Bäume verhindert war, so ließen sie ihre Blicke schräg durch den Strauch schweifen. Ein weißer, sich schlängelnder Strich ließ auf eine Fahrstraße schließen. Dort wurde jetzt ein schwarzer Punkt sichtbar, der ziemlich rasch vorwärts rollte, es war ein Wagen. „Hio!" tönte es lustig herüber, als der Wagen näher war. Rahel war' der Ton nicht fremd. Es war Gutel, der mit einigen legitimen Passagieren sich auf der Rückreise von Tawrik befand. Er war nur wenig beladen miö int freudigen Gefühle, einmal mit reinem Gewisien und absolut frei von gefährlicher Ware fahren zu können, knallte er mit der Peitsche munter durch die Luft und pfiff dabei die schönsten Jomimnauroimgesänge . . . Von ihm war aber nirgends eine Spur zu erblicken. Traurig und schweigend gingen die beiden Mädchen den Weg zur Landstraße zurück. Als sie wieder die Brücke erreichten, die die Fahrstraße der beiden Länder verband, blieb plötz- ' ich Rahel stehen, als könnten sich ihre Blicke vom vaterländischen Boden nicht trennen. Rosa, die dieses Stehenbleiben für ein neues Suchen aufnahm, wollte, so aussichtslos sie dasselbe hielt, sie nicht noch um den letzten Schein von Hoffnung bringen und blieb mit ihr stehen. Da wandte sich plötzlich Rahel zu ihr. Ihre großen, noch feuchten Augen glänzten in resignierter Entschlossenheit und ihre Stimme bebte: „Haben Sie Dank, liebes Fräulein Rosa, für alles, was Sie für mich getan! und- Adieu!" Sie war zu bewegt, um noch weitere Worte herauszubringen. „Adieu! und vielen Dank!" sagte sie, indem sie beide Hände ihrer Begleiterin ergriff. „Wo wollen Sie hin? Was haben Sie vor?" fragte Rosa erschrocken, ohne ihre Hände los zu lassen. „Adieu und Dank!" wiederholte nur Rahel und machte, nachdem sie mit hastiger Bewegung ihre Hände los gemacht, einige rasche Schritte nach links der Grenzbrücke zu. „Aber bedenken Sie doch um Himmelswillen, daß Sie keinen Paß haben," rief ihr Rosa zu, die erst jetzt ihr Vorhaben begriff. Die Angeredete blieb einen Augenblick stehen. Paß? wiederholte sie in ihrem Innern. Sie sah noch einmal hinüber. Der trostlose Sumpf, der unheimliche Wald, der Soldat, der wie eine Statue Wachposten steht und seine grauen, gierigen Augen, wie die eines Raubtieres nach ihr schweiferr läßt. Die Grenze mit all ihren Schrecken und Schauerlichkeiten stand ihr wieder klar vor der Seele und ihr Entschluß kam ins Schwanken. „Und Ihre Sachen, die Sie bei uns stehen ließen?" mahnte Rosa weiter. Dieses hörte Rahel nicht mehr. Es hatte inzwischen wieder ein Umschlag bei ihr stattgefunden. Die Enttäuschung, die sie schon bei den ersten Schritten ins neue Leben erleiden mußte, tauchte in ihrer ganzen Bitterkeit in ihrem Geiste auf und verdrängte jedes Gefühl von Angst. Das harte Schicksal, das sie dem unendlichen Glücke in die Arme geführt, um es ihr wieder jäh zw entreißen, stand wieder vor ihr und zog sie nach sich, zurück, zurück nach der Heimat ... „Adieu! Adieu! Werde es Ihnen nie vergessen!" „Wissen Sie denn auch sicher, daß Sie ihren Bräuttgam drüben treffen?" machte noch Rosa einen leisen Versuch. Bräutigam!? Rahel erschrack und blieb stehen. Es war wie ein Erwachen aus einem Fiebertraume. Mit weit geöffneten Augen stand sie da, hilflos und wirr um sich starrend, wie eine Mondsüchtige, die mitten in ihrem Nachtwandel durch einen heftigen Stoß plötzlich zum Bewußtsein wieder gekehrt. Langsam kam sie wieder zu ihrer Begleiterin hin und langsam und schweigend gingen die beiden Mädchen die preußische Straße entlang, zum Gasthaus „Robenschein"'zurück. „Habe ich Ihnen wehe getan, Fräulein Rahel?" brach Rosa endlich das peinliche Schweigen. „Sie mir wehe getan?! Wie können Sie nur so fragen?" Rosa wollte nicht an ihre frühere Frage erinnern. Im Innern war sie doch überzeugt, daß dieselbe dem armen Mädchen noch die letzte Spur von Mut und Hoffnung geraubt und sie warf sich daher Brutalität vor. Rahel aber hing im Stillen den Gedanken nach, die als Wirkungen des einen Wortes „Bräuttgam" in ihrem Gehirn umherstöberten. Bräutigam! Eine neue Enttäuschung, eine neue Scham, die sie empfand. Das, was sie ibm nicht in geringster Andeutung zugestarü), was sie sich selber noch nicht eingestand, das, was kaum merklich in ihrem Herzen erst aufzukeimen begann, hat sie in einer Art von Delirium dem freien Lauf überlassen. Das Gefühl, das erst leise und schüchtern sich bei ihr zu regen begann, hatte sie im Zustande der seelischen Erregung und unter dem Eindrücke der schauervollen Erlebnisse der letzten Nacht als fertige Tatsache nicht nur übers Herz, sondern auch über die Lippen gebracht. Sie war kompromittiert — vorerst vor sich selber. . . (Fortsetzung folgt). ... ' '■ in, j ."fififaft..