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Der Israelit · 1907-04-25 · Heft 17 (25.4.1907) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 17 (25.4.1907)
Date
1907-04-25
Page
– (sequence 17)
Language
German
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WWW 25. April 1907. sipipilipjli^pwsppipi^ Der JSraektt. WWWWWWMWWWWWW dir 17 Gelte 18. Dämmt und Phintias ln der Iudr«g«fte. Von Arthur Kahn. 621 Nachdruck verboten. Frau Wächter behauptete nicht mit Unrecht, Siegfried Korn fei haute* wolich geworden. Freilich war Frau Korn erktfchieden gebildeter als alle andern Damen und war wohl auch die erste, die pädagogische Grundsätze in ihren Kaffeekränzchen einführte. Das anfänglich unbekannte Fremdwort machte alsbald Schule und schließlich wußten alle höheren Damen, sogar Frau Kreisrat Strohkopf was es bedeutete. Siegfrieds eigene Kinder, welche nach den pädagogischen Grundsätzen der Mama nur rein menschlich und „ohne jede Beimischung einer positiven Religion" erzogen wurden — aus welchem Grunde weder Ruhe- "noch Festtage mehr im Hause gehalten wurden und nur noch ein allgemeiner Sittlichkeitskultus gestattet sein sollte — hatten bisher herzlich wenig bei dieser Erziehungsmethode Profitiert. Der Knabe ' und seine jüngeren Schwestern zeichneten sich weder im Hause noch in der Schule und am wenigsten aus der Straße durch gute Sitten aus und waren in der Nachbarschaft förmlich gefürchtet. .Maier Korn empfand nicht die sprichwörtliche Großelternliebe für seine Enkel,' im Gegenteil schien er sie zu hassen, was auch erklärlich war. Eines Sabbatmorgens, als er" eben aus dem Gotteshaus kam, saßen Siegfrieds Kinder in einer Tornische und schrieben auf ihren Schiefertafeln. Ergrimmt über diese Sabbathentweihung prügelte Korn seine beiden Enkel durch. Ungezogen und ohne Ehrerbietung wie die Kinder gegen den Greis waren, stellten sie sich kurze Zeit darauf vor das Fenster, aus dem Korn auf die Straße blickte und verzehrten vor seinen Augen große Scheiben Schinken. Der Knabe streckte sogar seine Zunge heraus und klopfte nach jedem Bissen mit der Hand aus die Brust, wie Kinder oft tun, um anzudeuten, wie gut es ihnen schmeckt. Die Folge dieses Ereignisses war zunächst eine heftige Szene zwischen Korn und seiner Schwiegertochter, die sich entschieden verbat, daß sich der Schwiegervater in ihre pädagogischen Pläne einmische, denn ihre Kinder sollten dereinst vor allem Menschen und nur Menschen werden, für die es weder Juden noch Christen oder Türken, sondern nur Menschen gebe. Korn verschwor sich hierauf, nie mehr die Schwelle ihres Hauses zu betreten, worauf die Schwiegertochter erwiderte, int Interesse ihrer pädagogischen Prinzipien werde sie dies nie bedauern. Damit war der erste große Riß in die Familienbeziehungen gebracht. Simon, der es zwar mißbilligte, daß sein Vater sich so viel um die unartigen Kinder härmte und seine Einmischung in die allerdings recht negative Erziehung derselben nicht guthieß, fühlte sich durch das unfreundliche Benehmen gegen den Vater beleidigt und kam nur selten mehr in das Haus seines Bruders. Frau Korn junior ließ wenige Tage darauf alle an den Türpfosten angebrachten, Mesuffas genannten Pergamentkapseln abnehmen uttb das große, künstlerisch schön ausgeführte Bild, eine durch Wolken dringende Sonne, in deren Scheibe das Wort „Misrach" (Osten oder Sonnenaufgang) in hebräischen Schriftzeichen stand, entfernen, weil es ihr schon längst peinlich war, wenn die vornehmen christlichen Damen diese Dinge so merkwürdig betrachteten. Je mehr Maier Korn die Fühlung mit seinen beiden Söhnen verlor, desto mehr suchte er Anschluß an die künftige Familie Emils zu gewinnen. Er hätte sich noch viel heimischer dort gefühlt, wenn Jechiel und noch mehr seine Frau nicht weit mehr in ihm den zu ihnen herabsteigenden, reichen Mann, als den Schwiegervater ihrer Tochter erblickt hätten. Je aufmerksamer er das Verhältnis zwischen Berez und Jechiel beobachtete, umso vereinsanlter fühlte er sich selber. Warum hatte nicht er einen solchen treuen, selbstlosen Freund? Er verwünschte dann seinen Reichtum/ der ihn mißtrauisch gegen alle aufrichttgen Gefühle gemacht- und ihn im Alter vereinsamt hatte, und dann dachte er oft, daß Schiff und Limbacher, die schon längst im Grab ruhten, bester daran waren, als er. Mit den ihm als gleichstehend erachteten Märnern seines Alters suchte er fernen Umgang und er hielt Berez, den Schuster, heute für viel höher stehend und besser als alle andern zusammen. Häufig ging er jetzt mit den beiden Handwerkern am Sabbat gemeinsam spazieren, ohne der verwunderten oder mißbilligenden Blicke der Leute zu achten. Ein Stück Menschenverächter war er ja immer gewesen, wie alle jene, die in Verfolgung ihrer Eigenzwecke Rücksichten gegen andere bei Seite setzen. Sabbatmittags ging er eben mit Meyerthal, der jetzt, nachdem seine Kinder groß geworden, privatisierte, die obere Gaugasse hinauf, als er Siegfrieds Kindern, die gerade spielten, begegnete. Er blieb stehen^ sab die ebenfalls stehenbleibenden und ihn höhnisch betrachtenden Kinder mit stechenden Blicken an und begann: „Ich habe mir früher einmal gedacht, am Freitagabend und Sabbat würden einmal meine Enkelchen zu mir kommen und sich von mir benschen (segnen) lassen. Bis auf den heutigen Tag Hab' ich nicht die S'chija (Glück) -gehabt, ein Enkelchen zu benschen. Heute will ich es aber doch tun. So hört, Ihr Kinder! Gr«H sollt Ihr werden und gesund sollt Ihr bleiben, Amen. Dann werdet Ihr mich an meinem Sohn und seiner'Frau rächen,' durch Euch werden sie für das gestraft werden, was sie an mir gesündigt haben." Verwundert hatten die Kinder zugehört und beim Essen den Eltern von der Rede des Großvaters erzählt. Siegfried schob verstimmt den Teller von sich, ergriff die Zeitung und begann Dich Tisch mit seiner Frau einen Streit. „Was zuviel ist, ist zuviel!" schrie er sich in Zorn hinein. „Ich lasse meinen alten Vater nicht länger von Dir und Deinen nichtswürdigen Kindern provozieren. Es muß alles anders werden, das sag' ich Dir." Er rannte in die Kinderstube und prügelte die Kinder weidlich durch. Die Parteinahme für den Vater war indessen nur von kurzer Dauer und ohne Nachwirkung auf das Familienleben. Seine Gattin gefiel sich immer mehr in der Rolle der Neuerin aus allen religiösen, philosophischen, ethischen und ästhetischen Gebieten. Nur in den neuen nach oben sich drängenden sozialen Bestrebungen blieb sie konsequent an der Tradition hängen, denn als eine Frankfurter Patrizierin durfte sie den niederen Ständen keine Zugeständnisse machen, und sie verteidigte unverblümt die Ansicht, daß es Herren und D:ener, ebenso vornehme rmd geringe, das hieß bei ihr, reiche und arme Menschen eben müsse. ' Nicht mit Unrecht meinte Simon, ei der Schwägerin dominiere bald das Herz und bald der Verstand, aber der letztere sei ziellos und ohne Disziplin. Aber so seien die modernen Jüdinnen jetzt insgesamt und keine sei morgen wiederzuerkennen, wenn man sich ihrer von heute nnb gestern erinnere. Eines Sabbatnachmittags ging Emil, Flora apl Arme führend, am Rhein spazieren und hinter dem jungen Paar schritt Korn in Gesellschaft Jechiels und des Schusters Berez Storch. Ein stolzes, glückliches Lächeln umspielte Korns Lippen, wenn er die überraschten Blicke der begegnenden Männer und Frauen wahrnahm. Die Leute, die man als Seinesgleichen betrachtete, besonders die Damen, schienen empört, die an Reichrum und Ansehen unter ihm Stehenden erfreut und befriedigt. Kalme Hirschnickel, der brave aber bösmäulige Interpret der öffentlichen Meinung glotzte die unbesorgt um die verwunderten und mißvergnügten Blicke Spazierenden eine Weile an, ehe er zu sprechen begann. „Korn, Ihr macht Euch ganz choschew (vortrefflich)- so hättet Ihr schon vor 25 Jahren werden sollen. Jetzt ist es aber auch gerade Zeit." Korn versuchte zu lächeln, ohne etwas zu erwidern. Berez aber rief ihm zu: „Kalme, Dein Herz ist beffer wie Deine Zunge. Wüßte ich das nicht, so würde ich Dich Dein böses Reden gleich spüren lasten." Korn wehrte ab. „Er hat nicht so unrecht", beschwichtigte er den ärgerlichen Berez. Er wollte alle früheren Charakterflccken, allen Hochmut und Geldstolz ablegen. Es lag aber nicht nur diese löbliche Absicht seinem veränderten Benehmen zugrunde, sondern er wollte den Leuten auch zeigen, daß er sich aus ihrem Urteil nichts macheganz so wie Emil immer getan. Ein Stück Haß und Verachtung zugleich gegen die Menschen, unter denen er sich jetzt so vereinsamt fiihlte, diktierten ihm sein Verhalten. Ohne große Festlichkeiten war Emils Hochzeit in einer Nachbarstadt gefeiert woroen. Mit Ausnahme der Madame Emma Lüneville war die ganze Familie Korn einig und fröhlich beisammen, zum erstenmale wieder seit dem Tode der Mutter.. Auch Berez war unter den nur die Familienglieder umfassenden Hochzeitsgästen. Frau Korrr betrachtete mit sichtlichem Interesse Jechiels ältesten Sohn, der, wie ihr schien, eine gewisse Aehnlichkeit mit Emil hatte. Die guten Manieren, das ruhige Wesen des Lehrers imponierten der Frankfurterinjedenfalls auch die goldene Brille, hinter der ein paar milde Augen so klug hervorsahen. Völlig entzückt schien sie von der neuen „Verwaudttn", der Braut. Sie war von Floras Schönheit so hingerissen, daß sie sie sogar innig umarmte und auf Mund und Wange küßte. Neberhaupt war Frau Korn während der ganzen Feier voller Herablassung und Liebenswürdigkeit. Selbst Emil wurde beim Abschied durch einen Kuß ausgezeichnet, was er mit seiner philosophischer: Gelassenheit kühl hinnahnr. (Fortsetzung folgt.) Sabbat-Anfang u. Ausgang. WHp 'INN ORT: Anfang Datum Ausgang Uhr!Min. 1907 5667 UhrlMm. Srtanf fort a M 7 0) 27. April 13. Jjar 8 25 Berti» .... — — n // 8 13 München . . . 7 00 n n 8 03 Stratzburg . . 7 15 /, n 8 20 Pose« .... — — n ft 7 59 Breslau . . — — ft ft 7 52 Nürnberg. . — — // ff 8 1 > Stuttgart 7 15 // ff 8 15 Prag 7 :o //;■ 8 00 Jamilieimacbrichtcn. (Unseren Abonnenten stellt diese Rubrik kostenlos zur Verfügung. Nichtabonnenten haben für die Aufnabme jeder Notiz eine Gebühr von 1 Mk., die gleichzeitig einzusenden ist^ zu entrichten. Tie Sendungen müssen immer spätestens am Mittwoch Vormittag vor dem Erscheinen der jeweiligen Nummer in imseren Händen sein.) Verlofot: Renate K ahn mit Rabbiner Tr. Armand Abel es, Frankfurt a. M.-Wien. — Meta. Apfelbaum mit Salo Ja eob, Fürth Nürnberg. — Paula Lewinsohn, mit Martin Wolfs, Thorn-Schulitz. — Berta Loewenberg mit Max Salonion, Löbau» Wpr. Lautenburg. Wpr. — Anna Weil mit Jsi Simon, Konstanz. — Gertrud Loewh mit Richard Litten, Moschin-Posen. — Ella Loeb mit Sidney Oppenheimer, Düsseldorf-New -)ork. — Paula Bamberger mit Berthold Rosenthal, Muschenheim - Bad Nauheim. — Selma Rottenstein mit Emil Leffmann, Nieheim i. W.- " Cleve. — Alma Rosenbaum mit Louis Adler, Memmingen- München (Arnulfstr. 30). Vermählt: Will« Feistmann mit Luise geb. Merzbacher, Fürth i. B. München. — Wilhelm L e v y mit Hedwig geb. Friedensohn, Chemnitz. C*eburten: Ein Sohn: Julius Heineberger (Bendix), Brakel (Kr. Höxter). — Oskar Lichten st ern (Caro), Thorn. — Selmar Josephsohn, Guttstadt i. Pr. — Sally Mayer, New-Vork. — Wilhelm Markowicz, (Rosenthal), Posen. Eine Tochter: Paul Hannes (Jsaacsohn), Frankfurt a. M.— Ludwig Grünthal (Lindner), Nürnberg. — Paul Schlesinger (Schmidt), Frankfurt a. M. Barmtswa - Feiern: Max, Sohn des Herrn Adolf Adler, München (Arnulfftr.). Verstorben: Hugo Bondi, 80I., Frankfurt a. M. — Karoline Moies, 68 I., Graudenz. — August Neuberger, Würzburg. — Amalie Hein, 56 I., Berlin. — Jacob Bamberger. Berlin. — Max Warwar. 46 I., Berlin. — Wolfs Oppenheim, 71 I., Stettin. — Wilhelm Gumpertz» 82 I., Berlin. — Zacharias Dreh fuß, 62 I., Mannheim. — Moritz Gottbeimer, Kempen i. P. : i % ii '■ i : J i 4 J i 4 j .1

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