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Der Israelit · 1907-04-25 · Heft 17 (25.4.1907) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 17 (25.4.1907)
Date
1907-04-25
Page
– (sequence 14)
Language
German
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arte me ra ns Izt Sbylodc ei« Jude? Atn Hortrag von Rabbiner Dr. A. Cohn in Basel.; Soweit die europäische Kultur reicht, gehen MjäyrKch zwei Stücke über die Bretter, welche bjft Welt bedeuten, die uns als Juden ganz besonders interessieren und, sei es in dem Gefühl tudiger und stolzer Genugtuung/ sei es in der fmdung tiefen Wehes und schmerzlicher Enttng unser Blut schneller stießen lassen/ ich eine Leffing's „Nathan der Weise." und _ hakespeare's Kaufmann von Venedig" Schil- Wct uns das eine Stück einen edeldenkenden Whfinnigen Juden, welcher in der Parabel von l^n 3 Ringen^ der Welt» das Hohelied von der «genseitigen Toleranz und Duldung verkündet, $| zeichnet uns das andere das Zerrbild eines Juden, der, ein Teufel in Menschengestalt, danach Whzt, seinem christlichen Feinde das Fleisck aus VM Leibe zu schneiden. Ebenso wie der Segen des ersten Stückes gar nicht zu ermeffen ist, da es unserer Emanzipation vorgearbeitet und zur Wseitigung tief eingewurzelter Vorurteile viel ßeiaetragen hat, ebenso kann auch der Nachteil nicht hoch genug angeschlagen werden, welchen die Darstellung des Shylock uns immer aufs neue bringt/ denn mit dem Grauen, welches di^e Figur im Herzen der Zuschauer erweckt, Mrwtt sich bei Bielen die ohnehin gern geiübte, weit verbreitete Meinung: so grausam, * unmenschlich find die Juden alle. Da- . gaben wir nicht einmal die Hoffnung, daß dieses Stück sich einmal überleben und von der Schaubühne verschwinde» werde, denn in seinen Adern pulsiert, um das Wort eines Dichters zu mchen, das unsterblichste Blut, die ewige ie. Ist doch Shakespeare, der Verfasser des /lock, der größte dramatische Dichter, der je geübt hat. Bald werden 400 Jahre seit seinem Tode verflossen sein, und noch immer beschäftigt er Europa wie ein Zeitgenosse. Einen Monarchen dis Menschengeschlechtes, einen gewaltigen HeMcher in der Welt des Geistes nennen ihn itrft Mcht seine Bewunderer. Seine Werke sind iss affe Sprachen übersetzt, und alle Zungen der SLe verkünden seinen Ruhm. Was er geneben, so urteilt ein bedeutender Literarhistoriker, hat nicht nur auf die Gemüter der Äsenden in allen Ländern eingewirkt, es hat düs Seelenleben der Denkenden, Dichtenden, Schreibenden geformt, und kein Sterblicher hat Me er Umwälzuncprn und neue Anfänge in der Lfferatur der verschiedensten Völkerschaften hervorgerufen. Geistesrevolutionen sind von ihm ausgegangen und find wieder in seinem Namen beigeleat worden. Goethe und Schiller in Deutschland, Voltaire und Victor Hugo in Frankreich, Björnson und Ibsen in- Norwegen Md ohne ihn undenkbar, und es wäre leichter,! Me Namen der bedeutenden Männer zu nennen, ■ die ihn gekannt haben und ihm nichts verdanken, als die Namen derjenigen anzugeben, die nicht zu schildern vermögen, wie tief sie in seiner Schuld sind. Zum Unglück für uns Juden ist es gerade dieses gewaltige Genie gewesen, welches der Gestalt eines Wucherers und Wüterichs jüdisches Gepräge und einen jüdischen Namen gegeben hat. Wäre Shakespeare nicht eine die gerstige Welt beherrschende Größe, wir würden uns mit seiner gehässigen Schilderung des Juden leicht abfinden. - Mir fällt dabei unwillkürlich die Anekdote von dem kuriosen ungarischen Grafen ein, der zu einem tüchtigen Malet geht und von dem Künstler verlangt, er solle ihm ein Bild seines in der Ferne weilenden Väters entwerfen. Verwundert fragte der Maler, wie er denn ein Bild machen könne von Jemassd, den er gar nicht kenne. Der Ungar aber findet dies gar nicht so schwieriger beschreibt das Aussehen und die Kleidung seines Vaters und da er seine Argumente mit einer bedeutenden Geldsumme unterstützt, so übernimmt der Künstler seinen Auftrag. Nach einiger Zeit liefert er das Bild ab, bei dessen Anblick der Sohn verwundert ausrust: „Äst das das Bild meines Vaters? O, wie hat sich mein Väter verändert!" Ganz ähnlich geht es uns, wenn wir die so ganz falsch Gezeichnete Gestalt des Juden Shylock erblicken- Wir können den großen Dichter nicht begreifen, der uns so ganz unrichtig geschildert und uns Züge angedichtet hat, von denen wir uns so völlig frei wissen. Doch wie konnte es auch anders sein! Hat doch Shakespeare die Juden gar nicht gekannt! Das Stück ist zwischen 1594 und 1598 verfaßt worden und vom Fähre 1290 an. 300 Jahre vorher, bis zum Iahte 1660 haben Juden in England nicht wohnen dürfen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Shakespeare niemals einen Menschen, der sich Jude nannte — ich wähle mit Absicht diesen Ausdruck — von Angesicht zw Angesicht gesehen, Und er kannte ihre Vorzüge und Fchler Nur vom Hörensagen. Ja, er zeigt im Stücke selbst eine gewiß nicht rühmenswerte Unkenntnis der jüdischen Geschichte. Am Ende des 4. Aktes behält Shylock das Leben und einen Teil seines Vermögens unter der Bedingung, daß er sich taufen Lasse, und Shylock geht ohne Sträuben darauf ein. Kannte denn Shakespeare nicht die Geschichte der Juden in ihrer jüngsten Vergangenheit, wüßte er nichts von den Hunderten und Tausenden Juden in dem benachbarten Spanien und PoMrgal, die, weil -sie ihr Judentum hochhielten, eines aualvollen Todes starben, von den Hunderten und Taufenden, die, vor die Wahl zwischen Tod und Taufe gestellt, auf dem Scheiterhaufen ihr Leben aushauchten? Doch diese Betrachtungen allein nützen uns einem Shakespeare g^enüber nichts. Me in jenem denkwürdigen Prozeß, den wir alle vor einigen Jahren miterlebten, sehen wir uns vor-, einer ebose jagso, und wir können nicht, wie eS sonst üblich, verlangen, daß man uns, als den Angeklagten, unsere Schuld Nachweise, sondern, wir müssen unsere Unschuld über jeden Zweifel erhaben dartun. So wollen wir denn zuerst dem Ursprung der Geschichte Shylock's Historist nachgehen, wobei wir zu einem interessanten Erebnis gelangen werden, um dann den Spuren es Dichters zu folgen und seine Schilderung einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. . Vergegenwärtigen wir uns zunächst kurz den Inhalt des Stückes. Der Dichter führt uns nach- Venedig in eine Gesellschaft von leichtsinnigen^ verschwenderischen Männern, die lustig in den Tag hineinleben, ohne an den folgenden Morgen zu denken. Einer von ihnen, Baffanio, möchteehrenvoll seine Schulden tilgen, und hierzu schont ihm die Heirat mit einer reichen Erbin die beste Aussicht zu bieten. Um sich jedoch standesgemäß ausstatten und die Reise zur Brautschäu antreten zu können, bedarf er einer Geldsumme von 3000 Dukaten. Er wendet sich an seinen Freund Antonio. Dieser, der königliche Äairfmann geyanM, hat reichbelädene Schiffe auf allen Meeren segeln. Doch hat er sich in weitverzweigte Spekulationen eingelassen, so daß er seinem Freurwe nicht mit barem Gelbe, sondern nur mit seinem Kredit aushelfen kann. Auch dieser ist nab^u erschöpft, und notgÄrunaen wendet er sich an Shylock, einen Adischyr Wucherer, den er selbst des öfteren öffentlich verhöhnt, angöfpien und mit den Füßen getreten hat. Shylock ist bereit, dem Baffanio Hss Antonios Bürgschaft hin 3000 Dukaten zinHds Wf 3 Monate zu leihen, wenn ihm das Recht eingeräumt wird, dem Antonio, wenn erden Schein nicht einlöst, ein Pfund Fletsch Nahe dem Herzen ausschneiden zu dürfen. Der Schein wirb uMrschrieben. Während Baffanio mit hem bei DWock geliehenen Gelbe ein Üppiges GüMmhl für seinen Freund veranstaltet, entführt einer seiner Genossen Jessica, Hst einzige Tochter deS Jrchen, und raubt zu gleicher Zeit die mit Dukaten gefüllten Säcke und die Edelsteine Shylocktz. Hier ist her philvföphlHePuntt, von dem aus Shh^ck's Verhalten zu erklären ist. Was Mchlstr, Mnn er in Mnen heiligsten Rechten gekränkt, von gerechtem Zorn entstamckl, Rache brütet gegen Mae FMde, die den Reichtum seines Hätsses, sein Gold, und den Reichtüyr fern«# HerzGS, sein einziges Kind, ihm von der Seite geästen haben/ und wenn auch der Dichter den uNgmcklichen Vater in feineyr Schmerze ausrufen Wt: er wünsche, seine Tochter wäre tot, r;nd töe Dukaten wären in ihrem Sarge, so läßt ihn der Schmeiß über die ungeratene Tochter Worte reden, von denen sein Herz nichts weiß. Denn mit ganzer Seele hängt er an seinem einzigen Kinde, ihr Verlust ist es, der ihn rasend macht.

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