Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1907)
- Date
- 1907-04-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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25. April 1907. Zu NVL gesellte sich in dem Wochenabschnitt TDBr (3 B. M. 11) der zweite Zeuge in Gestalt der Speisegesetze. Die Begründung für dieselben, welche die Tauroh selbst als Unterschrift zu diesen Gesetzen in den Versen 43—45 gibt, überhebt uns eines näheren Eingehens darauf. Wir dürfen wohl auch die Ausführungen von Rabbiner Hirsch *7"ST als bekannt voraussetzen. Die Worte reden ja klar genug: „Machet eure Seelen nicht zum Abscheu durch alles Kriechtter, das kriecht, und macht euch durch sie nicht unrein, ihr würdet durch sie völlig untergehen. Denn Ich, Gott, bin euer Gott, darum heiliget euch, so werdet ihr heilig werden, denn heilig bin ich, und machet eure Seelen nicht unrein durch alles Kriechtter, das auf der Erde schreitet. Denn Ich, Gott, bin es, der euch aus dem Lande Aegypten emporsührt, euch Gott zu sein, so seiet denn heilig, denn heilig bin ich." Es ist eine alte talmudische Bemerkung, daß es hier am Schlüsse der.Speisegesetze heißt „der euch emporführt aus Aegypten", während es sonst heißt „der euch hinaus führt". Die sittlich e .Reinerhaltung unseres Wesens wird als Zweck der Nahrungsauswahl betont. Unser sittlicher Wille soll gestählt, unser sittlicher Wert gehoben werden. Diese sittliche Förderung unserer Person durch die Wahl der Nahrungsstoffe braucht damit der gleichzeittgen körperlichen Gesundheitsförderung im Sinne des alten lateinischen Wortes „ein gesunder Geist in gesundem Körper" nicht zu widersprechen. Im Gegenteil: nur im gesunden, reinen Körper wird der regste Geist wohnen und nur der Körper, der vor Aufnahme solcher Stoffe geschützt wird, die seine sinnlichen Begierden zu erhöhen geeignet sind, wird das wilugste Mittel zur Bekundung edlen Empfindens und reiner Begeisterung für Alles Wahre, Gute und Schöne werden. Die uns verbotenen Tiere sind in der Tauroh genannt. Bezüglich der Vögel und Fische, die wir effen dürfen, ist außer den in der schriftlichen und mündlichen Ueberlieferung angegebenen Zeichen der ortsübliche Gebrauch maßgebend. Ein Gesetz, das hierher gehört, bedarf noch der besonderen Erwähnung, da es an der Stelle seines geschichtlichen Ursprunges im 1. B. M. 32,33 vorwegenommen ist: das Verbot, die Sparinader zu effen. Es erinnert uns an den Gedankengang, der es erzeugt hat: an den Kampf Jakobs mit Esaus Genius. Wir sollen nie an den unüberbrückbaren Gegensatz zwischen unserer, der jüdischen, und der nichtjüdischen Lebensbestimmung und Lebensauffassung vergessen. Die materielle Kraft auf der einen Seite, Beherrscherin des Tages, materielle Schwäche im Kamps gegen dieselbe auf der anderen Seite, Siegerin der Zukunft. Deses scheinbare Mißverhältnis braucht uns nicht für die Zukunft fürchten zu laffen. Esaus Stärke ist nicht so groß, daß sie uns zu vernichten vermöchte. Wir mögen hinken, weniger fest und stolz durch das Leben schreiten. Wir werden nie überwunden. Esau wird uns als Sieger anerkennen und uns wird er die Entscheidung überlaffen müssen, ob er bei Anbrüch der Morgenröte einer befferen Zeit, den Kampfplatz verlassen darf: nicht ohne uns zu segneü, offen und ehrlich zu bekennen, daß wir Gottesstreiter sind und als solche obsiegen. Kann die Dame mit modernster Bildung ihren Kindern bessere, höhere, edlere Bildungselemente auf den Lebensweg mitgeben, als die schlichte jüdische Hausfrau, die ihrer Tochter erklärt, — warum wir keinen Filetbraten von dem Hinterviertel auf die Tafel bringen dürfen? Wenn sie sagt, wir effen Spannader und darum auch das Hinterviertel — wenigstens in den meisten Gegenden Deutschlands — nicht, weil wir uns die Sicherheit nicht zutrauen, die Sparinader gut zu entfernen, und deren Verbot knüpft an die welthistorische Bedeutung des großen Kulturkampfes zwischen Jakob und Esau an: ist da die jüdische Küche nicht der Hörsaal der höchsten Lebensphilosophie? Mehr noch: ist sie nicht der Schauplatz der praktischen Uebung für die Umsetzung Der JSraetit. dieser erhabenen Gedanken in die Tat, gestaltet sie nicht ein Einzelleben, ja das Leben eines Volkes? Die Pflicht der Entfernung der übrigen Fett- und Blutadern werden wir bei dem Verbot des Unschlitts und Blutes zu bettachten haben. Wir kommen nunmehr "zu dem in niD 'iNtt erwähnten Verbot, Blut zu genießen. Die Natur des Tierblutes und seine enge Beziehung zur Tierseele gefährden die Menschenseele und wirren ungünstig auf das Gemüt. Die Größe der Gefahr, welche die Thora vom Blutgenuß für den Menschen befürchtet, ersehen wir aus der Häufigkeit und der Nachdrücklichkeit, mit der sie vor demselben warnt. Den Erwachsenen ist es zur Pflicht gemacht, auch die Kinder vom Blutgenuß gewissenhaft zurückzuhalten. Die Ausführlichkeit des Gesetzes, die Größe der auf seine Ueberttetung gesetzten Sttafe und der Umfang der minuttösen Bestimmungen über die Entziehung des Blutes vor dem Fleischgenuß lehrt am eindringlichsten die Wichtigkeit dieses Gesetzes. Die Darstellung dieser einzelnen Pflichten soll in einem nächsten Artikel folgen. Rillel der Heitere and seine Zeit. II. Hillels Heimat. Hillel heißt der Babylonier, denn seine Heimat war Babel, das Land, das seit der Zerstörung des ersten Tempels den Kern der jüdischen Natton in sich barg. Sogar als unter den Perserkönigen Palästina wiederum von Juden besiedelt wurde, Esra und Nechemia mit großen Vollmachten dahin zurückkehrten, der Tempel neu erstand und die Männer der großen Synode auf heiligem Boden unvergängliche Denkmäler ihres gewalttgen Wirkens zur Erhaltung des Judentums schufen, selbst da war der weitaus größte Teil des Volkes, nach Hunderttausenden zählend, an den Sttömen Babels geblieben. Selbst die nach Palästina heimgekehrten Exulanten bettachteten sich nur als einen Teil der in der Gola zurückgebliebenen Nation und wird Israel in . seiner Gesamtheit, als der Tempel bereits stand, noch immer als Kehal hagola, Gemeinde der Verbannung, bezeichnet. Dieses Verhältnis änderte sich während des ganzen zweiten Tempels nicht, immer blieb Babel die unversiegliche Quelle, aus der Palästina nach den furchtbaren Wirren und Verheerungen neue Kräfte zuflossen, und während Palästina von dem Tode des edlen Priesters und erlauchten Führers, Schimon Hazadik, an von verhängnisvollen (Stürmen und Erschütterungen heimgesucht wurde, sodaß bis zur zweiten Tempelzerstörung niemals längere Zeit Frieden und Ruhe herrschten, blieb Babel von all diesen Kämpfen und Leiden unberührt. Dort wohnten die vornehmsten und angesehensten Familien des Volkesdie Familie des Hauses David, aus welcher die Exulanten hervorgingen und von der auch Hillel abstammte, war in Babel ansässig, dort blühte regstes Gemeindeleben in den jüdischen Städten, die gleich Nehardea nur von Juden besiedelt und von diesen vollkommen verwaltet wurden, dort galt als das Höchste die Reinerhaltung der jüdischen Familien und die Pflege der Thorakenntnis, und jenes Land brachte Hillel hervor. — Wenn wir darum die Größe Hillels und sein Wirken klar erkennen wollen, müssen wir vor allem erst die Verhältniffe seiner Heimat kennen. Zu den heiligsten, unantastbaren Gütern unseres von Gott erwählten Volkes gehört die Reinerhaltung der jüdischen Familie, die treue Beobachtung all der vielverzweigten Bestimmungen des Gesetzes zur Verhütung jeder verbotenen ehelichen Verbindung. In dieser Hinsicht war Babel dem heiligen Lande nicht nur ebenbürtig, sondern galt sogar bis in die spätesten Zeiten anerkanntermaßen als Palästina überlegen. In gründlicher Untersuchung stellt der Talmud die Grenzen der ursprünglichen jüdischen Niederlaffungen Babels fest, um genau zu präzisieren, wie weit sich diese Reinerhaltung der jüdischen Familien erstreckte, nt. 17. Seite 1». UM eine Vermischung mtt den außerhalb dieses Gebietes, inmitten der nichtjüdischen Bevölkerung befindlichen versprengten Gemeinden zu verhüten. Als man in späteren Zeiten, schon lange nach der Zerstörung des zweiten Tempels, zur. Ehre Palästinas dieses auf dieselbe Stuft wie Babel erheben wollte, ließ sich dies nicht durchführen, weil eben die ununterbrochene Traditton zu Gunsten Babels entschied, während in Palästina infolge der vielen Wirren verschiedentlich Vergewaltigungen vorgekommen waren, durch welche zweifelhafte Familien in die Gemeinde Israel eingedrungen waren. Als charakteristisch dafür, wie sehr die Babylonier den Adel ihrer Familien sogar den vornehmsten Palästinensern gegenüber betonten, sei die merkwürdige Begebenheit erwähnt, die uns der Talmud über Sein und dessen Lehrer R. Jochanan aufbewahrt hat. Sein, heißt es da, sucht sich R. Jochanan zu entziehen, weil ihm dieser seine Tochter zur Frau geben wollte. Er wollte dieselbe aber nicht heiraten, weil er aus Babel stammte, R. Jochanan aber ein Palästinenser war. Eines Tages kamen sie zusammen an eine Furt, Sein nahm seinen Lehrer auf die Schulter und trug ihn hinüber. Da sprach R. Jochanan zu ihm, da dieser ihm jetzt nicht ausweichen konnte: „Meine Thora ist Dir gut genug, meine Tochter aber nicht." — Diese gewissenhafte Reinerhaltung der Familien aber setzt die genaueste Kenntnis der Thora voraus und zeigt, wie in den ursprünglichen jüdischen Niederlaffungen Babels, wo der Kern der Natton wohnte, das Volk vom Thorageiste vollkommen durchdrungen war. So verstehen wir auch die außergewöhnliche Rücksichtnahme und Fürsorge, welche die jüdischen Behörden Palästinas den Süden Babels gegenüber an den Tag legten. s wird berichtet, als Alexander der Große vor Jerusalem vom Hohenpriester an der Spitze der obersten Behörde feierlich empfangen wurde, lud sie der König gnädig auf den kommenden Tag vor sich, um ihm ihre Wünsche vorzulegen. Da baten ihn die erschienenen Vornehmen nur um das Eine, sie in der Ausübung der Thoragebote nicht zu stören, und als er ihnen dies versprochen, baten sie um dasselbe auch für die Juden Babels und Mediens, was er ihnen ebenfalls gewährte. Alexanders Weltteich hatte keinen langen Bestand, und nach seinem Tode kamen Babel und Medien unter die Herrschaft der Seleuciden. Aus jener wechselreichen Zeit wird erzählt, daß sich viele babylonische Juden, Abenteurer, in den Heeren der syrischen Könige anwerben ließen und in geschloffenen Trupps für Sold Kriegsdienste leisteten. Natürlich gehörten diese verwegenen, rauhen Kriegsleute nicht zur Elite des jüdischen Volkes, es waren ungebildete Gesellen, die ftrn von den ursprünglichen jüdischen Niederlaffungen Babels inmitten der Völker ausgewachsen waren und an dem bunten, kriegerischen Treiben Gefallen fanden. Aber selbst von diesen wird in den Quellen berichtet, daß bei der Verproviantierung auf sie Rücksicht genommen wurde und daß ihnen auf Grund eines königlichen Erlasses statt des Oeles, das die übrigen Truppen erhielten, das Geld zur Selbstverköstigung ausbezahlt wurde. Wir können daraus auf den jüdischen Geist schließen, wie er die blühenden Stammgemeinden Babels erfüllte. (Fortsetzung folgt.) Die jüdische Tamilie, die Zukunft des jüdischen Uolkes. Betrachtung zu D'tsnnp. „Rede zu der ganzen Gemeinde der Söhne Israels und sage ihnen: Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich euer Gott." Unsere Weisen bemerken zu dieser Stelle nitos 'i Y'nn np-iSü ttnpi trnpn Wn Gott der Heerscharen hat sich durch Recht erhaben gezeigt und der heilige Gott sich in Milde geheiligt. „Gott der Heerscharen" bedeutet Gott in seiner Eigenschaft als Lenker und Leiter der gesellschaftlichen Ordnung, der alle Wesen als Soldaten in