Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 17 (25.4.1907)
- Date
- 1907-04-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18. Nr. 17. Der JSraelit. 25. April «87. „Wenn ich Dich das Volk aus Aegypten führen lasse, dann sollt Ihr Gott dienen an diesem .Berge." Wir sehen: das Ziel erhebt sich über das Geschehnis, sowohl bei der Schöpfung der Welt als auch bei der Schöpfung Israels. Das Greifbare, die Welt und das Volk, ist das Mittel. Das Gedankliche, das sabbatliche Gotteszeugnis für die Welt, und die Tauroh für Israel bilden die Grundidee und stellen den Zweck der großen Taten dar. Sabbat und Tauroh sind der psychologis ch e Inhalt derWelt. Sie unterstehen dem logischen Beweise nicht, wie die Einheitszahlen der Mathemattk nicht bewiesen werden, weil sie die Grundelemente der psychologischen Anschauung, ihre Einheitsbegriffe ausmachen. Erst das Vielartige bedarf des Beweises und kann bewiesen werden-aber nur auf Grund der Voraussetzung des Einheitlichen. Das zwei mal zwei gleich vier ist, kann man beweisen. Daß eins eins ist, muß dazu die logische Voraussetzung bilden. Es gibt nun einmal eine psychologische Grund-Anschauung. Sie läßt sich nicht hinwegbeweisen, ohne das gesamte Denken in Frage zu stellen. Mag man sich darum auch Mühe geben, die geschichtliche Wahrheit der Tauroh, der Offenbarung, in Zweifel zu ziehen, ihre psychologische Wahrheit ist unantastbar. Und wie in jeder mathematischen Zahl die Einheitsziffer wiederkehrt, wie in jeder mathematischen Figur die Einheitsausdehnung vorhanden ist, so setzt sich jeder sittlich wahre Gedanke für das Einzelleben naturgemäß aus dem Einer „Gott" und für das Volksleben aus dem „Siebener" — wir möchten das hier richtiger als das uns geläufige „Zehner" gebrauchen — Tauroh zusammen. Was nämlich für das Einzelleben der Tag als Einheitsmaß bedeutet, ist für das Volksleben die Woche. So zählen die den geschichtlichen Gedanken des jüdischen Volkes gestifteten Feste sieben Tage. Auch die Wirkung des ursprünglich nur eintägigen Wochenfestes erstreckt sich religionsgesetzlich, wie die Opferbestimmung beweist, auf sieben Tage. Die dem Einzelleben gewidmeten Tage Rosch-Haschonoh und Jaum Hakippurim bestehen aber nur aus je einem Tage. Der Tag und die Woche sind Einheitsmaße: der Tag für die sittliche Erhebung des Einzelmenschen, die Woche für die des Volkes. Als Einzelmensch und als Volksglied soll die Zählung uns somit heiligen, unserer Bestimmung nahe zu kommen. Der Jude zählt, und das Zählen ist ihm Religionsgesetz, und vor dem Zählen dankt er dem König der Welt, der ihn geheiligt hat zu zählen, zählen zu dürfen, zählen zu können. Er zählt sich, seinem Volk, der Menschheit, das kleine Einmaleins vor. das er und sein Volk und die Menschheit noch immer nicht gelernt haben, wiewohl sie es schon dreitausend Jahre lang üben. Das Einmaleins des Denkens und Handelns, des' Denkens als Mensch, des Handelns als Mitglied einer Gesamtheit. Die ideellen, nicht die materiellen Werte des Lebens sollte der Jude zählen lernen und lehren. Wie ist es Lippendienft geworden: dieses Zählen. Allüberall, wo wir uns umsehen in der Judenheit, in allen Lagern! Ist ja der Ausgangspunkt des Zählens ganz vergessen! Mit dem Auszug aus Aegypten werden aus den Knechten Freie, aus den Sklaven Herren. Der Einheitsbegriff des Lebens ist von Neuem der Welt gegeben. Der Gott, der vergessen war, ist wieder erschienen und fordert sein ausschließliches Recht. Bor Ihm hat der Einzelne, har jeder sich zu verantworten, ob arm, ob reich, ob wirtschaftlich abhängig, ob fiei. N i cht der M ensch hat Rechenschaft zu fordern, nicht er hat Gewalt zu üben, nicht zu drohen, nicht zu strafen, nicht zu knechten, nicht zu rächen. Nach Freiheit schrieen unsere Väter in Aegyten, Freiheit ist uns geworden, Freiheit müssen wir uns wahren. Freiheitdes Denkens, Freiheitd es Rede ns, Freiheit desHandelns. Dantt können wir eintteten in die Zählung und können, wenn wir erst Menschen sind, Juden werden. Um der Aufgaben und der Auffassung des Judentums willen wollen und müssen wir die Freiheit derGesinnung verteidigen mit aller Kraft dort, wo sie angegriffen scheint. Willensfreiheit ist dasRecht der Rechte. Willensfreiheit macht den Menschen zum Menschen. Denn seine freie Seele ist der Hauch des freien Gottes. Aus dem Kampfe der Ideen müssen materielle Momente ausgefchieden bleiben. Da hat die Stimme des Armen soviel zu gelten wie die des Neichen, da kennt der Jüngling ar oft^chon besser dieRi cht sch nur sein es ebens, als der Mann. Da gilt das Wort, da gilt die Wahrheit, gleichviel von wem sie gesprochen wiro! Traurig wenn wir im Zeitalter ungeahnt herrlicher uno selbstloser Sozialpolitik, in Tagen, in denen wir großartige Worte über Menschen wert und Menschen ps licht in den Parlamenten der Staaten hören konnten, uns sagen müssen: Dort, in nichtjüdischen Kreisen geht der Erkenntnis Frucht auf, deren Saat die Tauroh in den Ackerboden der Menschheit gestreut hat. Und ach, im jüdischen Gemeindeleben, das „das Erste ihres Ertrages" bilden sollte, — ob in dem Gewand der Gesetzestteue oder des Abfalles sich darbietend, — herrscht der Materialismus in allen seinen Formen und Schäden. Wie selten treffen wir den Idealismus. wie selten Fr iheit und Gleichheit! Wo Ehrlichkeit und Wahrheit? Ist es Zufall, daß die Sefirozeit zur Trauerzeit geworden, daß Scheiterhaufen des jüdischen Volkes, statt Triumphbogen der T a u r o h die Etappen der Zählung auf unserem geschichtlichen Lebensweg bezeichnen? O, daß wir doch die Eins erst lernten, das Einmaleins ginge dann von selbst! Der jüdische baurbalt im Dienste des Judentums. II. Seitdem wir die einleitenden Sätze zu diesem Thema in Nr. 2 (Purimnummer) veröffentlicht haben, hat der Kreislauf der Monde selbst.den unwiderleglichen Beweis dafür erbracht, daß der jüdische Haushalt im Dienste der höchsten Anforderungen und Gedanken des Judentums steht. Das Peffachfest, und zumal die Vorbereitung zu demselben ist der jährlich wiederkehrende Zeuge dafür, daß die, Jüdische Hausfrau,- selbst wenn sie nur an die Küche gefesselt wäre, durch die Tauroh emanzipiert ist. Auch die einfachste und scheinbar niedrigste Hausarbeit wird durch den Geist, von derp sie getragen ist, geadelt. Putzen mag einer modernen Frauenrechtlerin eine sehr minderwertige Arbeit scheinen. Putzen mit dem Gedanken an die Ausräumung des Chomez, in der Erwartung des Pessachfestes, ist eine Arbeit, deren sittlicher Wert am Maßstab ihrer erzieherischen Bedeutung zu messen ist. Das vermag freilich nur der zu begreifen, der auch die materielle Seite des Lebens im Geiste des Judentums zu erfassen vermag, der begreift, was es heißt, den Genuß und die Arbeit weihen und beides in die Sphäre des Sittlichen heben. Weingenuß an sich ist . B. ein bloß materieller Genuß, er wird aber ofort zu einer sittlichen Tat, wenn der Genuß im Dienste des Kiddusch oder sonst welcher Mizwoh steht. Ja durch den bloßen Segensspruch, den der Jude vor irgend einem Genuß spricht, wird dieser Genuß eine dankbare Anerkennung des Schöpfers und Spenders, dieses sittlichen Urgrundes alles Seins. Ebenso verhält es sich mit der Arbeit. Hat sie einen sittlichen Zweck, dann ist sie von selbst dem Bereiche der bloß körperlichen Anstrengung entrückt und tritt in den Kreis der sittlichen Werte. Die Gesetze, die am Pesach zu beobachten sind, haben wir in Nr. 2 und 4 des 2. Jahrgangs besprochen. „So weit gehts gut. Die Mirjam geht ja noch zur Schule, aber sie hält das Haus ganz schön imstande. Der Joseph ist in der Lehre, er soll was Besseres werden als der Vater, und er ist in einem Herrenkonfektionsgeschäft angekommen. Wenn er nur brav bleibt," seufzte Lasch. „Warum fürchten Sie denn?" „Ach, das Geschäft hat Schabbos offen, Joseph hat ja frei, aber die anderen spotten immer, und er sagt jetzt schon immer, man kommt nicht vorwärts. Du bist altntodisch, Vater, das geht heutzutage nicht mehr. Es ist schlimm hier mit der Jüdischkeit," ein Seufzer schloß die Worte. Sie waren am Hause des Trödlers angelangt, Markus hals den Packen hineintragen,' es sah nett und sauber in der Wohnung aus. Die Tochter wartete auf den Vater, Bär freute sich über das frische Gesichtchen und die anständige Kleidung des Kindes, das dem Fremden freundlich einen Stuhl anbor. Joseph war noch nicht zuhause. Markus Bär versprach bald wiederzukommen und ging heimwärts. Die Begegnung erweckte allerhand Erinnerungen. Das Bild der verstorbenen Frau Lasch stieg vor ihm auf. Und unlösbar damit verbunden war für ihn die Lehre, daß Geben seliger denn Nehnten sei; wie hatte er sich damals doch als der Empfangende gefühlt, als diese einfache Frau ihm gestattet hatte, sein Geschenk für die Kinder dort zu lassen. Er nahm sich vor, möglichst am nächsten Schabbos wieder zu dem Händler zu gehen; vielleicht konnte er den Heranwachsenden Jungen von dem schlechten Einfluffe der Kollegen befreien. Am anderen Tage hatte er Erna Löwenberg wieder zu unterrichten. Der Aufenthalt in einem eleganten Ostseebade hatte nicht günstig auf sie gewirkt. Sie war dort ganz als Dame behandelt und als einzige Tochter eines reichen Mannes sehr verwöhnt worden. Sie hatte bald heraus, datz die modernen Schlagwörter mehrblenden, als die gründlichen Kenntnisse, die sie durch Bars Unterricht nicht nur im Jüdischen erlangt hatte. Nun versuchte sie bei ihrer Rückkehr auch ihrem jungen Lehrer als Dame zu imponieren und gebrauchte all die schönen Phrasen wieder, denen ihre Badefreunde applaudiert hatten. An die Lektüre der Hirschschen Schriften wollte das junge Fräulein auch nicht wieder gehen, nachdem ihre neue Bekannten sie deswegen geneckt hatten. Lagen sie doch im Banne der Unwissenschaftlichkeit! Und wer wollte heute unwissenschaftlich scheinen! Die Veränderung im Wesen seiner Schülerin erregte den Studenten sehr, obgleich -ihn Tannenberg gerade bei ihren überraschen Fortschritten gewarnt hatte, allzu fest darauf zu bauen. Junge Mädchen in diesem Alter lassen sich leichter persönlich als sachlich beeinfluffen, und so sei ein Rückfall zu befürchten, sobald ein anderer Einfluß sich geltend machen würde. Bär hatte in seiner Unerfahrenheit das Gewicht seiner Persönlichkeit unterschätzt, er hatte sich noch niemals auf die Eigenschaft des „interessanten" jungen Mannes beobachtet und wußte nicht, daß mancher Mädchenblick an seinem schmalen, blassen Gesicht mit den glänzenden schwarzen Augen haften blieb, obwohl er alles weniger als schön nach ben Regeln der Kunst war. Das Zusammentreffen mit dem ehemaligen Hausierer hatte ihm die Erinnerung erweckt, wie einst auf ihn mehr als alle theoretischen Erklärungen des Uebe^natürlichen in der Tauroh die harmlöse Aeußerung des kleinen Lasch gewirkt hatte, ein Engel, der Maaffer hieß, habe ihnen „Tatscher" gebracht. Wie oft, wenn ihm später sein grübelnder Verstand all die herrlichen Wunder der Tauroh aus „zufälligen" Naturereignissen erklären wollte, hatte er ihn mit dem Hinweis auf dieses Erlebnis besiegt. Bei diesem jungen Mädchen würden vielleicht jetzt gerade prakttsche Beispiele von der Göttlichkeit der Lehre mehr helfen als alle Erörterungen. Als er bei seiner Schülerin eintrat, fand er sie in die Lektüre von Delitzschs Bibel und Babel vertieft. „Nun, Fräulein Erna, was feffelt Sie denn so," redete er sie an. „Ach, ich hatte diese Vorträge noch nicht gelesen, und da hat sie mir ein Bekannter jetzt geliehen. Sie sind ja auch sehr intereffant, ein Beweis, wie Moses es verstanden hat, die Kultur der fortgeschrittensten Völker der damaligen Zeit für seine Gesetze zu verwenden". (Fortsetzung folgt.) r