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Der Israelit · 1907-04-25 · Heft 17 (25.4.1907) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 17 (25.4.1907)
Date
1907-04-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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üdxschcr Volhefmmd Mouats-Veiiage zum „Israelit" Verantwortliche Redaktion* Rabbiner Dr. B. Älolf in Köln. $efiroh. „Es ist Pflicht, die Tage, und es ist Pflicht, die Wochen zu zählen." Es ist doch eine eigentümliche religiöse Satzung, dieses Zählen. Die Merkwürdigkeit dieses Gebotes wird aber noch dadurch erhöht, daß wir vor seiner Ausführung noch den Segensspruch sprechen: „Gesegnet seist Du, König der Welt, der uns geheiligt hat durch seine Gebote und uns das Zählen befohlen hat." Ich habe noch nie jemanden sagen hören: Die Juden müssen doch stumpfsinnige Menschen gewesen sein, daß Moses sie erst zählen lehren mußte, so stumpfsinnig, daß sie den Zahlbeariff erst dadurch erfaßten, daß er mit dem jeoem Menschen seit der Schöpfung geläufigen Begriff der Tage in Verbindung gebracht wurde. Nach dem System, mit dem man das Judentum und seine Gesetze zu beurteilen beliebt, ist es eigenlich eine Inkonsequenz, wenn man aus der Einrichtung des Zählgebotes diesen Schluß nicht zieht. Unterläßt man aber hier diese „wissenschaftliche" Entdeckung zu machen, dann ist man auch bei anderen Geboten nicht befugt, Vermutungen mit dem Schein von Folgerichtigkeit auszusprechen, denen ebenso sehr die Grundlage hierfür fehlt, wie es beim Zählgebot der Fall ist. Denn alles kann man den Juden nachsagen/ daß sie aber den Zahlenwert zu einer Zeit einmal nicht gekannt haben sollen, das geben gewiß diejenigen am wenigsten gern zu, in deren „wissenschaftlichen" Kram es am Ende im Hinblick auf das Zählgebot sehr gut paßte. Hier befinden sie sich in einem Dilemma. Mögen sie sich aber selbst heraushelfen. Wir haben Besseres zu tun. Uns kann auch die bloße, einfache Zahl eine Heiligung, eine sittliche Erhebung bedeuten, so sie zu zählen Gott uns geboten hat. Welche sittliche Läuterung sie gewähren kann, könnte uns durch die doppelte Pflicht, die wir haben, Tage und Wochen zu zählen, einleuchten. Das Zählen der Tage ist so alt wie die Welt. Gott zählte schon die Tage der Schöpfung, bis daß der Tag erreicht war, mit dem die Zählung ihren Abschluß fand, der siebente Tag. Dieser Tag ist darum als das Ziel der ganzen Zählung zu erkennen. NichtdieEntfernungsgrößevon einem Zettpunkt, sondern die Annäherung zu einem Zeitpunkt wird gezählt, wird erstrevt. Die Schöpfungstaae werden nicht nach ihrem Anfattg, gezählt, sie haben nicht ihre Bedeutung in dem Ursprung der Entwickelung der Keime durch die Bestrahlung und Erwärmung des Stoffes durch die erste Schöpfung, das Licht. Die Schöpfungstage haben ihren Wert durch den Tag des Auförens der Entfaltung der Kräfte. Diese Ruhe, ie in der Entwickelung eintritt, belehrt uns zugleich über die Entstehung derselben. Wir sagen, jemand ist Herr einer Feuersbrunst geworoen, wenn er im stände war, sie zu löschen. Das Kind, das mit Feuerzeug spielt und hilflos vor dem Brande steht, den es verursacht, ist wohl Veranlassung, aber nicht Herr des Feuers. Jemand beherrscht eine Maschine, wenn er sie zum Stillstand bringen kann. Daß Gott der Natur zurufen konnte „genug", erweist Ihn als Beherrscher, als Schöpfer derselben. Dessen ist der siebente Tag Zeuge. Es würde nicht der erste Tag ein Tag genannt werden, er würde ptnn heißen, und man würde von den anderen Tagen die Bezeichnung als der zweite, der dritte usw., statt — wie es tatsächlich der Fall ist — ein zweiter, ein dritter usw. erwarten, wenn die Absicht Vorgelegen hätte, die Tage nach dem Beginn der Schöpfung zu zählen. Erst der sechste Tag wird der sechste wn genannt, als der letzte der Schöpfungstage. Und mit dem siebenten ist das Mel erreicht. Das Ende soll den Anfang beweisen. „Das Letzte des Werkes war das Erste im Plane." Denselben Maßstab legen wir an die Zählung des Omer an. Wir zählen nicht die Tage sett dem Auszug aus Aegypten, wir zählen die Tage der Erwartung der Offenbarung. Der Werderuf der an unser Volk erging, beweist noch nicht seine göttliche Institution. Daß sein Gott sich Ihm vor den Augen feiner Gesamtheit am Sinai offenbarte, das gibt seiner Befreiung erst die göttliche Prägung. Die Wunder allein, so führt Maimonides aus, können nur für den Augenblick überreden, sie können nicht dauernd die Zweifel beschwichtigen und besiegen. In der Welt der Erscheinungen ist immer Größeres denkbar und möglich — nur in der Gedankenwelt giebt es Unerreichtes nnd Unerreichbares. Die Beglaubigung der Göttlichkett der Tauroh liegt in der Oeffentlichkeit ihrer Uebergabe. Es ist das die geschichtliche Seite ihres Wahrheitsbeweises. Diese Tatsache war aber das schon vor dem Auszug verkündete Ziel, das Gott Moses mit den Worten andeutet: $enill/et0n. Maasser. (Fortsetzung.) Das Sommersemester ging zu Ende. Tannenberg hatte seinen Freund dringend eingeladen, hin in seine schöne badische Heimat zu begleiten, aber Markus Bär hatte qbgelehnt. Er wollte den Unterricht bei Löwenbergs nicht länger ausfallen lassen, als es die Ferienreise der Bankiersfamilie nötig machte. Der Universitätsschluß war bedeutend später als der der Schule, so waren Bärs Ferien nur kurz, und er wollte die Zeit zu einem Besuche bei seinen Eltern benützen. Aber einsam war ihm zumute, als er von Posen zurückkehrte, und die meisten seiner Kollegen abwesend waren. Auch Steins wohnten nicht in Berlin, sondern hatten bis zu den Herbstfeiertagen eine Wohnung in einem der Vororte bezogen. Die Kinder fuhren jeden Morgen zur Schule in die Stadt und genossen sonst die frische Landluft. Markus empfand den Staub und den Dunst der Großstadt sehr störend, und doch hatte er ohne Tannenberg abends nicht mehr die Energie mit der Straßenbahn ins Freie hinauszufahren. Selbst den dringenden Einladungen der Familie Stein folgte er selten und sonst hatte er kaum Familienverkehr. Er saß meist bis abends spät über den Büchern, und seine gutmüttge Wirtin schalt oft mit ihm wegen allzu großen Fleißes. „Ne, Herr Doktor, alles was recht is, wenn meine Zimmerherren Abend für Abend bummeln, ne, das kann ich jar nich leiden. Aber bei die jüdischen Herren, nun, das muß ich sagen, da jiebts ja sowas nich, das is wahr. Aber was zuviel is, is zu viel, un mal Luft schnappen muß der Mensch. Na, warten Sie mal, wenn der Herr Dr. Tannenberg kommt, der bringt wieder Leben in die Bude." Manchmal redete die Frau so lange in ihn hinein, bis er endlich nach seinem Hute griff, nur um den Predigten zu entgehet!. Dann zog sich die Gute, befriedigt von ihrem Erfolge, zurück So war es auch heute wieder gewesen. Bär schlenderte langsam die Straße hinunter, das Treiben der Großstadt fesselte doch immer wieder. Gerade vor ihm her gina ein Mann mit einem großen Packen auf dem Rücken/ die Gestalt und die Bewegungen waren ihm merkwürdig bekannt, er eilte, sich das Gesicht anzusehen. „Herr Lasch, Herr Lasch, sind Sie es wirklich?" Der Mann wandte sich um. „Ja, so heiße ich. Aber mit wem spreche ich denn?" „Besinnen Sie sich mal, Sie kennen mich. Aber nehmen Sie Ihren Packen vom Rücken, ich fasse mit an." „So ein feiner Herr! Das geht doch nicht. Aber ich glaube, ich weiß, wer Sie find, die Stimme kommt mir doch bekannt vor. Sind Sie nicht der Markus vom Schneider Bär ans unserm Dorfe." „Sehen Sie, Sie kennen mich doch. So, und nun lassen Sie mich anfaffen, und erzählen Sie mal, wie es Ihnen geht?" Lasch zögerte einen Augenblick, der gutgekleidete Herr kam ihm doch zu sein vor/ der Markus griff schließlich nach der Last, und da ließ ihn der Mann aufattnend gewähren. „Es ist ein schweres Stück bei der Hitze," sagte er, sich den Schweiß von der Stirne wischend. „Was ist denn darin?" fragte der Student. „Alte Kleider, die ich eben gekauft habe. Es ist jetzt ganz gut kaufen. Die Leute wollen den Krempel los werden, ehe sie auf Reisen gehen." „Also Sie sind Altkleiderhändler, ich habe garnichts mehr von Ihnen gehört, seit Sie vom Dorfe fortgezogen sind. Na, wie geht es denn?" „Eigentlich besser als früher. Der Verdienst ist ja sauer, aber das Dorfgehen war auch nicht leicht, und man bringt hier wenigstens was vorwärts und braucht nicht immer Angst zu haben, daß sie einen totschlagen. Ja, wenn nur die Frau es erlebt hätte, dann wäre es noch besser. Sie fehlt an allen Ecken und Enden. Es war nur ein Glück, daß brave Jehudim im Hause wohnen, die mal nach den Kindern gesehen haben." „Was machen denn Ihre Kinder?" ftagte Bär teilnehmend.

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