Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-04-25 · Heft 17 (25.4.1907) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 17 (25.4.1907)
Date
1907-04-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449262--63423-2505967
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

-W.-Wril 1907 Seite 8. Der Israelit. Rr. 17 Ob dieser Kundgebung herrscht großer Jubel im Lager der Neologen. Das gesetzestreue Judentum und dessen Führer werden wieder an den Pranger gestellt, weil sie, bloß von separatistischen Machtgelüsten beseelt, mit schlauer List ein neues Statut erwirkten. Nun ist aber der ganze Jubel mitsamt der fingierten Aufregung nichts weiter als Spiegelfechterei. Denn die in Rede stehende Verordnung, die unsere Neologenführer in schäumende Wut versetzte, betont -e§ nachdrücklichst, daß unsere Gesetze — obwohl sie die Verschiedenheit der Organisationen nicht hindern — nur eine israelitische Konfession kennen, infolge dessen auch das gegenwärtige Statut für keine entgegengesetzte Interpretation als Grundlage dienen kann. Und doch paradiert die Neologen - Kanzle* wieder mit einem neuen Sieg, den sie in der jüdischen Kirchenpolitik errungen. Es gibt doch nur ein I u d e n t u m! So hat's der Staats-, sekretär im Kultusministerium wiederum verkündet. Auch das Gesetz hat nur eine jüdische Religion rezipiert. Das ist allerdings wahr. Nur hat bis zum heutigen Tage noch keine Kultusregierung, kein Staatssekretär und kein Minister die Frage entschieden, ob von ftaatswegen das orthodoxe oder das neologe Judentum als die rezipierte jüdische Konfession zu betrachten sei. Was es mit der jüdischen „Kir ch en einh ei t" auf sich hat, das ist jetzt durch einen eklatanten Vorgang trefflich illustriert worden. Bekanntlich wird aus den Mitteln des jüdischen Schulfonds auch ein Landes - Lehrer - Seminar erhalten. Diese- Anstalt, obwohl dem Kultusministerium untergeordnet, wird kavto doch nur von der Neologenkanzlei verwaltet. Die Professoren, Ausschüsse, Kommissionen und Aufsichtsräte werden über Vorschlag der neologen Führer in. ihre Aemter eingesetzt. Seit dem Bestände dieser Anstalt, die ausschließlich jüdische Lehrer heranbildet, wurde noch keine orthodoxe Persönlichkeit zur Mitwirkung eingeladen, obwohl der ungarische Reichstag auf Betreiben des ehemaligen Ministers Trefort es einmal ausgesprochen, daß die Lehrerbildungsanstalt, weil vom jüdischen Schulfonds gegründet und erhalten, ein gemeinsames Institut der gesamten vaterländischen' Judenschaft darstelle. Leider ist es wahr, daß auch orthodoxe Gemeinden die in dieser Anstalt herangebildeten Lehrer anstellen. Man sollte es gar nicht glauben! Die ungarländische Orthodoxie besitzt noch keine Anstalt zur Ausbildung gesetzestreuer jüdischer Lehrer. Dock) diese blutende Wunde am Körper der Orthodoxie wollen wir bei 'anderer Gelegenheit zur Sprache bringen. Der Leiter der gemeinsamen israelitischen Lehrer-Präparandie ist der bekannte Professor I. Banoczi, der auch in der israelitischen literarischen Gesellschaft die wissenschaftlichen Ausgaben redigiert. Zwei Tage vor Peßach verheiratete dieser jüdische Seminardirektor seine einzige Tochter mit dem getauften Juden Professor S.oml« aus Korozsvar. In gewissen neologen Kreisen ist man darüber konsterniert, daß diese hervorragende Persönlichkeit, die wohl nicht fürs Judentum, dafür aber vom Judentum lebt, nicht vor der kompromittierenden Eheschließung den jüdischen Vertrauensposten verlassen. Andere aber, die mit der Gefinnungstüchtigkeit der leitenden Männer des neologen Judentums bester vertraut sind, meinen, die Affäre des jüdischen Seminardirektors dürfe nicht so tragisch aufgefaßt werden. Der Arader Rabbiner Dr. Rosenberg hat viele Jahre hindurch Mischehen einaesegnet und war zu gleicher Zeit Mitglied j)e§ Kuratoriums resp. der Prüfungskommission. des Rabbinersejminars. Dr. Kecskemeti in Nagyvarad hat in einem öffentlichen Bortrage die Erzväter und Propheten als mythische Gestalten gefeiert und wurde für die Rabbinerstelle in Budapest kandidiert. Herr ^ranz Chorin ist vielleicht noch heute Repräntant der Budapester.jüdischen Gemeinde und leitendes Mitglied des angesehensten Kongreßdistriktes, obwohl er seine Söhne zur Taufe führte. Die Theologen und Rechtsgelehrten der Kongreßpartei dürften hier kaum eine Jnkompatibilät feststellen.. Seminardirektor Banoczi ist ein alter Mann und wollte sich schon in den Ruhestand zurückziehen. Damit es aber nicht den Anschein habe, daß seine Pensionierung wegen dieses Zwischenfalles erfolgen mußte, wird er noch einige Zeit auf seinem Posten bleiben und jüdische Gesinnung, jüdischen Geist bei den Lehramtskandidaten pflegen. Nun wage noch jemand die-Behauptung, daß es in Ungarn zwei jüdische Konfessionen gebe! Budapest, 10. April. In einer großen Katholikenversammlung, die gegen die französische Kirchenpolitik protestieren sollte, sagte Bischof Graf M a j l a t h in seiner Rede: „Man muß auch nach dem Osten einen Blick werfen, wo das große russische Reich zu politischen Zwecken Judenverfolgungen veranstaltet. Diese planmäßigen Menschen-Jagden widersprechen den Lehren des Christentums: deshalb muß jeder gute Christ dagegen protestieren." Lebhafter Beifall folgte diesen Worten, die umso mehr überraschten, da Redner bisher als der am wenigsten judenfreundliche Kirchenfürst unter den ungarischen Bischöfen galt. Ja, man schrieb sogar seine lebhafte Tätigkeit für die Konsumgenossenschaften, die so viele jüdische Existenzen vernichten oder schwer schädigen, seiner Animosität gegen die Juden zu. Was dieser Kungebung jedoch den größten Wert verleiht, ist der Umstand, daß diese Demonstration gegen die russischen Greuel der erste öffentliche Protest aus christlichen ungarischen Kreisen ist. Grrgtarrd. London, 12. April. An die „Jewish Chronicle" richtet Herr Samuel S. Oppenheim folgendes Schreiben: In Ihrer Nummer vom 29. März erschien ein Brief von Sir Samuel Mo n tagu, in welchem er mit Recht erklärt, er weigere sich, den Beitrag zu den Kosten des Religionsunterrichts zu zahlen, solange gewisse Herren dem Jewish Education Board, einer derselben als Vizepräsident, angehören. Ich freue mich zu sehen, daß ich nicht allein dastehe, wenn ich den Betrag von meinen Synagogenspenden in Abzug gebracht habe, seitdem Männer, die die Zehngebote und die Geschichtlichkeit Moses' leugnen, im Board sitzen. Aber ich werde in Zukunft die betreffende Summe von meinem Schulbeitrage abziehen, wie Sir Samuel, dam.it nicht die einzelne Synagoge den Schaden trägt. — Ich glaube Mitglied einer jüdischen Gemeinde zu sein und nehme daher die Gelegenheit wahr, im Hinblick auf die'in einigen Wochen stattfindenden Wahlen in den Synagogengemeinden die Mitglieder aufzufordern daß sie ihre Stimme keinem geben, der am Sabbath nicht den Gottesdienst besucht." Krarrkreich. Pari s, 19. April. Der Pariser jüdische Kultusverein hat, wie in der vorwöchigen Sitzung der Propagandakommission mitgeteilt wurde, bis jetzt 3036 Mitglieder gewonnen. Zur Herbeiführung besserer Resultate wurde beschlossen, die Stadt in Bezirke einzuteilen, in deren jedem eine besondere Unterkommission für. den Kultusverein tätig ist. Rrrmknierr. Bukarest, 16. Upril. Der heutige „Adeverul" beruhtet: Die Untersuchung über die Ursachen der Bauernbewegung und die mit ihr im Zusammenhang stehenden Exzesse gegen die jüdische Bevölkerung der Moldau hat Resultate ergeben, die die Stellung des gegenwärtigen Unter- Achtsministers . S p i r u H a re t als unhaltbar erscheinen lassen. Herr Haret wird beschuldigt, durch Schriften antisemitischen Inhaltes viel zum Aufftande beigetragen zu haben. Seine Verbindung mit arg kompromittierten Judenhetzern ist entdeckt. Der Gymnafialdirektor Tioerius Popeecul, Mitarbeiter der Zeitschrift „Liga Antisemita" ist eines der vielen Protektionskinder Harets. Jonel Radulescu, der bekannte Judenhetzer, der verhaftet wurde, ist auf seine Intervention wieder in Freiheit gesetzt worden,- der berüchtigte Bottuschanier Präfekt Vasescu ist jetzt täglicher Gast des Unterrichtsministers Spiru Haret! Der „Adeverul" fügt hinzu, er habe aus absolut sicherer Quelle erfahren, daß der Premier Sturdza nunmehr seinen Busenfreund Haret fallen lasse. vermischtes. Berlin, 21. April. Der israelitischen Gemeinde in Swakopmund (Deutsch-Südwestäfrika) wurde von der Deutschen Kolonial-Gesellschaft, die inr-^Besitz des größten Teil des Bodens dort ist, ein Platz in der Größe von zirka 5000 Quadratmetern zur Anlegung eines Friedhofes geschenkt. c. -irMLSK-üM» Berlin, 20. April. Der in Wiesbaden verstorbene Professor v. Bergmann hat besonders auch den armen russischen Juden gegenüber seine humane Gesinnung bewahrt. Auf ein Schreiben, das der Hilfsverein der Deutschen Juden Professor v. Bergmann zum 70. Geburtstag sandte, ging dem Verein folgendes Antwortschreiben Ernst v. Bergmanns zu: „Gestatten Sie mir meinen tief empfundenen Dank für Ihre freundlichen Geburtstagswünsche. Wer wie ich in Rußland geboren und erwachsen ist, weiß, welche Verdienste sich gerade Rußlands jüdische Bevölkerung um die Verbreitung westlicher Kultur im Zarenreiche erworben hat, ist sie doch bis heute der deutschen, wenn auch im Laufe der Zeit verstümmelten Sprache, treu geblieben. Umso qualvoller habe auch ich die Greuel mitempfunden, die an Ihren Glaubensgenossen von den Reaktionären wie von der Regierung verübt werden. Fallen sie doch zusammen mit der Ungerechtigkeit und Roheit, mit denen man eben meinen Landsleuten in der alten Heimat begegnet. Herzlichen Dank und volle Teilnahme an Ihren Bestrebungen, gez. v. Bergmann." Breifach, 9. April. Auf dem alten israelitischen Friedhof bei der Synagoge wurden in einer der letzten Nächte 56 Grab st eine umaeworfen. Bor'drei'Jahren ist eine ähnliche Tat ausgesührt worden und konnte man damals trotz der ausgeschriebenen Belohnung der Täter nicht habhaft werden. Auch dieses Mal fehlt von den Berübern dieser Roheit jede Spur.>^ Berten, 15^Äpril"Die" hiesige" is r a e l i t i s che Schule, von der es hieß, daß sie der geringen Schülerzahl wegen aufgehoben werden sollte, bleibt unverändert bestehen. Kürzlich wurde die Schule von dem Regierungsrat Dr. Gerlach-Stade revidiert. Paris, 12. April. Die russische Millionärin Brodski aus Kiew kam vor einiger Zeit mit ihrer Tochter nach Paris uüd nahm in einem vornehmen Hotel Wohnung. Einige Tage nach ihrer Ankunft mußte die ältere Dame plötzlich nach Nizza reisen, um eine Verwandte, die im Sterben lag, noch ein letztes Mal zu besuchen,' die Tochter blieb mit anderen Verwandten und Freunden in Paris zurück. Als die Mutter aus Nizza zurückkehrte, fand sie ihre Tochter nicht mehr im Hotel vorsie erfuhr aber bald, daß die junge Dame ihre Abwesenheit benutzt hatte, um sich heimlich und zwar nur nach jüdischem Ritus mit dem jungen Baron Demetrius Günzburg aus St. Petersburg zu vermählen. .Die beiden jungen Leute kannten sich seit längerer Zeit und hatten sich heimlich miteinander verlobt- Frau Brodski, die Mutter, aber war gegen diese Heirat, weil sich ihre Familie aus religiösen Gründen mit den Günzburgs üverworfen hatte: während nämlich die Familie Brodski noch orthodox ist, hat sich die Familie Günzburg schon seit langem „verchristlichtDie Mutter suchte das Pärchen.. in ganz Paris, hat aber bis jetzt seinen Zufluchtsort noch nicht entdecken können. Die Trauung der Liebenden > hatte im Hotel Continental ein Freund der beiden Familien, Herr Salomo Kohn, vorgenommen. Gegen diesen Herrn, der an einer Synagoge angestellt ist, hat Frau Brodski nun Anzeige erstattet und die Annulliemng der geschlossenen Ehe beantragt, weil Kohn nicht Rabbiner, sondern nur Religionslehrer sei, und weil überdies der religiösen Trauung nicht die Ziviltrauung voranging, wie das französische Gesetz es vorschreibt. Die beiden Motive der Anzeige heben natürlich einander auf - denn die inkriminierte Handlung ist nur dann strafbar, wenn Herrn Kohn der Charatter eines Rabbiners im Sinne des Gesetzes zugesprochen wird. Darüber hat nun das Gericht zu entscheiden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.