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Der Israelit · 1907-04-25 · Heft 17 (25.4.1907) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 17 (25.4.1907)
Date
1907-04-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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SK.UÄE1SV7 Wrttr 4. Nr. 17. Der JSraelit. Gründe erläutern wohl ein Gebot oder Verbot, erschöpfen jedoch nicht seinen weisen Inhalt. Wir wollen auch nicht darauf emgehen, daß ja auch das Unschlitt- und Blutverbot seine gute sanitäre Begründung hat. Längst haben dies bedeutende Forscher erwiesen, wenn auch die Untersuchungen darüber noch lange nicht abgeschlossen sind, und der eigentliche Beweggrund des Blutverbots wohl nicht eher anerkannt werden wird, als bis das Lcbensproblem erkannt ist. Wir sehen nur das Grobe, das in die Augen Springende, doch für die Finessen reicht unser Auge nicht aus. Es war nicht schwer zu erkennen, daß das Fleisch des Schweines schädlich ist, selbst wenn das eben getötete Tier nicht krank war, denn wir sehen ja, daß das Schwein alle Arten von Unrat frist, wie ekel beschaffen dieser auch sein mag. Den geheimen sanitären Grund vieler Gesetze können wir jedoch nicht wissen, wir können diesbezüglich nur Vermutungen hegen. Vermuten können wir, daß B. das Gesetz von air und mr wie viele erzte meinen, init Syphilis Zusammenhänge, wir dürfen uns jedoch nicht gestatten eine solche Meinung apodiktisch auszusprechen. Wenn also eine gewisse Vorsicht im Urteil über Motive eines Gottesgesetzes ganz anr Platze ist, so liegt doch kein Grund zum Schweigen vor, wenn alle Welt die hohe Weisheit' unserer Thora in bezug auf hygienisch-polizeiliche Maßregeln preist. Würden die Städteverwaltungen z. B. gemäß dem weisen Thoragesetze o'-im Kap. y'r V. 13, 14 schon früher gehandelt haben, so hätten sie sich viel Unangenehmes und auch große Ausgaben erspart, ja aus der Ausgabequelle wäre eine Einnahmequelle geworden. Nichts verdirbt nämlich die Luft in schädlicherer Weise als die Abfälle . (flüssige und feste Ausscheidungen re.). Wenn man sich nicht um die Entfernung derselben bekümmert, so muß man sich nicht über zahlreiche Sterbefälle, mörderische Seuchen wundern. Eine der größten Schwierigkeiten bei der Entfernung der Abfälle ist nun die Verwendung und Verwertung dieser Abfälle, ja auch die Ablagerung derselben. Früher führte man die eklen Stoffe in die Flüsse, verunreinigte diese und verlor auch noch den Wert der Stoffe Heute werden vermittelst einer Luftpumpe die flüssigen und festen Stoffe des Unrats durch „Abdampfen im Vacuum" in eine Poudrette verwandelt, ein trockenes feines Düngepulver, welches so wertvoll ist, daß trotz aller Anlagekosten noch erheblicher Gewinn erzielt wird. Alle maßgebenden Behörden sind heute darüber einig, daß Regen und Schnee in den Fluß, die Nnratabfälle jedoch in die Erde geleitet werden müssen, um diese zu befruchten und ihr die Elemente zuzuführen, deren sie bedarf. Hätte man die Thora nachgeschlagen, so hätte man da das weise Gesetz gefunden, daß selbst zu Kriegszeiten der Unrat zugedeckt, in die Erde gegraben werde, nmsm ipn -jratto irm “pm i? mnn tnn Tn«x nK rVDDi raten ro. Wenn es schon zu Kriegszeiten geschehen, wie hat man dann in Friedenszeiten wohl erst darauf geachtet, daß das ra nmsm erfüllt werde! Mag ein solches Gesetz immerhin als sanitäts-polizeiliches Gesetz aufgefaßt werden, zeugt es darum etwa weniger von der höchsten Weisheit?! Es möge genügen. Weil alle unsere Gesetze Gottes heilige Geseke sind, so versteht es sich von selbst, daß wir sie genau befolgen müssen, gleichviel, ob wir deren Grund erkennen oder unsere geistige Kurzsichtigkeit uns den wahren Grund verbirgt. Wir sind überzeugt, daß diese Gesetze auch in hygienischer Beziehung unser Glück bedingen. Schon Taeitus rühmt in seinem „eorpora dominum salabria et ferentia .laborum, Hist. V. 6" die Gesundheit und kräftige Konstitution der Paleftinenser, und auch heute noch meldet die ärztliche Statistik, daß es unter den Juden am wenigsten Alkoholiker und Verbrecher gibt und sie ansteckenden Krankheiten nicht so. sehr ausgesetzt sind wie andere Nationen. Die Wirkung der Gottesgesetze ist eine so immens starke, daß dieselbe — allerdings in fortschreitend geringerem Maße — auch noch bei solchen Juden, die sich nicht mehr nach diesen Gesetzen richten, zum Ausdrucke kommt. „Wenn du aus die Stimme des Ewigen, deines Gottes hörst und tust, was in seinen Augen gerade ist, und merkst auf seine Gebote und wahrst alle seine Gesetze: so werde ich alle Krankheiten, die ich über Aegypten verhängt, über dich nicht verhängen/ denn ich, der Ewige, bin dein Arzt." (rootp V'D V. 16). Die Uorträge des Paters Erleb ttlasmann in Berlin. Von Dr. I. Wohlgemuth in Berlin. (Fortsetzung). Ich komme endlich, so führte Pater Wasmann in diesem seinen letzten Bortrag aus, an die heikelste und schwierigste Frage, gewissermaßen an den Stein ces Anstoßes der ganzen Entwicklungslehre, nämlich an die Frage: darf man sie auch auf den Menschen anwenden und inwieweit? Es ist keine reine zoologische Fra, e, die wir zu behandeln haben.' Wir müssen uns desh lb bestreben, möglichst allseitig allen verschiedenen Gesichtspunkten gerecht zu werden und dieselben nicht miteinander zu vermengen. Man hört nicht selten sprechen von der sogenannten zoologischen Evidenz der tierischen Abstammung des Menschen. Wenn es richt g wäre, daß die tierische Abstammung des Menschen zoologisch evident ist, dann müßte 1. die Zoologie jene Wissenschaft sein, welche an erster Stelle oder ausschließlich über die Frage nach der Herkunft des Menschen zu urteilen hat und n üßte auch die Zoologie bereits evidente Beweise für t ie lieri che Abstammung des Menschen erbracht haben und zwar nicht nur allgemeine Möglichkeiten, sonde n ganz bestimmte Beweise, worüber die Forscher selbst unter sich einig wären. Wir haben nun zu prüfen/ inwieweit dies der Fall oder 1 icht der Fall ist. 1. Hat die Zoologie allein über den Ursprung des Menschen zu urteilen, ist'sie hier allein kompetent? Nein, das ist sie nicht. Sie wäre es wohl, wenn der Mensch nichts weiter wäre, als ein bloßes Tier. Die erste Stelle in den natürlichen Wisienschaiten in der Beantwortung der Frage nach der Herkunft des Menschen hat die Psychologie und nicht die Zoologie. . . . Es bleibt nur oie Nebenfrage übrig: ist der Mensch seiner leib.ichm Seite nach mit dem Tierreich stammverwandt? Wie steht es nun um die naturwissenschaftlichen Beweise für die tierische Abstammung des Menschen seinem Leibe nach? Wir haben zwei Hauptgruppen von Beweisen zu unterscheiden, erstens die zoologischen und zweitens die paläontologischen. I. Unter den zoologischen Gesichtspunkten, die für diese Frage zu berücksichtigen find, steht erstens die vergleichende Morphologie oder die vergleichende Formenlehre. Sie zeigt uns den menschlichen Leib als den höchstentwickelten der Säugetiere. Sie zeigt mannigfach ähnliche Skelettbildungen, ähnliche Bildungen einzelner Organe und des Nervensystems,- andererseits darf man abee auch nicht die Verschiedenheiten übersehen, die sich vielfach zetgm, auch in der vergleichenden Morphologie zwischen Mensch und Tier und speziell zwischen dem Menschen und den höheren Affen, den Anthropoiden- Am b sten, ganz ruhig und objektiv hat diese Unterschiede Ranke dargestellt in seinem zweibändigen Werke „der Mensch". Sämtliche körperlichen Unterschiede zwischen Mensch und Tier sind in letzter Instanz eine Folge, eine Funktion der geistigen Verschiedenheit. Der Vortragende demonstriert an einer Bildtafel, die Prof. Plate van der landwirtschaftlichen Hochschule zur Verfügung gestellt hat, die charaiteristischen Eigenschaften der menschenähnlichen Affen: den starken Gesichtsvorsprung, die kolossale Entwicklung der Arme. Die zweite zoologische Quelle, aus welcher man die Bewe se für die tierische Abstammung des Menschen zu schöpfen pflegt, ist die vergleichende individuelle Entwicklungsgeschichte. Da stehen wir vor dem biogenetychen Grundgesetz, das von Fritz Müller aufgestellt und von Ernst Häckel dann weiter ausgebildet wurde. Es besagt: die Entwicklung des Individuums ist nur eine abgekürzte Wiederholung der Siammesentwicklung. Die Anwendung dieses Grundgesetzes auf den Menschen hat Häckel sehr ausführlich geschildert und darzulegeu versucht, wie der Mensch rn seiner Keimesentwtckeung 22 — . später sagte er sogar 30 — Stufen der Entwicklung durchmache, welche ebenso vielen Borfahrrnstufen entsprechen, Borfahrenstufen, welche teils heute noch existierende Tierformen darstellen, teils rein imaginär sind und von Häckel nur theoretisch postuliert wurden. Dieser Beweis hat in populären Kreisen viel Aufsehen erregt und großen Anklang gefunden. Man durfte kaum noch nagen, daran zu zweifeln, daß der Mensch in -einer individuellen Entwicklung eine ganze Reihe von Ahnenforu.en durchlaufe und daß dadurch ein sicherer Beweis erbracht sei . für seine tierische Abstammung. Re ner führt auf Grund von Beispielen aus sei> em Spezialgebiet aus, daß das biogenetische Grundgesetz nicht ohne weiteres zu verwerfen ist, daß aber auf Grund der neueren Forschungen in der vergleichenden Morphologie und der Entwicklungsgeschichte das biogenetische Grundgesetz in seiner Allgemeinheit nicht anzuerkei-nen ist, also auch nicht in seiner Anwendung Reisenden erzählt man sich, daß er in ganz Rheinland und Westfalen sämtliche Bäckerläden, in denen -,2p Brot zu haben ist, kenne, was bezeichnend für die Schwierigkeit ist, solches Brct zu erlangen. So hat man manchmal die größten Entbehrungen zu erdulden, und wer nie das Hungern gelernt hat, der kann auf der Reise lernen, wie es weh tut, wenn man essen möchte und nichts hat und dabei Loch seiner Pflicht genügen muß. Ein Retter in der Not sind die Konserven, die in mehreren Städten, wie Hamburg, Frankfurt und Lübeck hergestellt werden, und oie im allgemeinen schmackhaft zubereitet find und leicht gehandhabt werden können. Es ist ein wohltuendes Gefühl, auf seinem gut eingerichteten Zimmer im Hotel-die mit kleinem Spritusbrenner angewärmten Konserven zu verzehren. Und kann man gar noch das Mahl mit einem Gesinnungsgenoffen teilen, dann fühlt man sich freudig wie ein König. Aber . ., satt wird man doch nicht recht. Man kann auch die schweren Büchsen nicht immer mitschleppen, oder hat keine Zeit oder Lust zum Kochen, kurzum es ist doch nur ein Notbehelf. Wie lebt man dagegen auf, wenn man in ein gut geführtes jüdisches Restaurant kommt! Körper und Geist nehmen in gleicher Weise daran Teil. Tritt man ein, man wird als der alte Freund des Hauses begrüßt, auf den man schon lange gewartet. Reminiszenzen werden gegenseitig ausgetauscht. An befreundeten Reisenden fehlt es auch selten. Die gute jüdische Restauration ist der Sammelpunkt für alle frommen Reisenden, man eilt auf rav dorthin, um sich nach den Strapazen der Woche an der Küche des Wirtes zu laben. Auch wenn man im Laufe der Woche durch eine nicht allzulange Eisenbabnfahrt eine Restauration erreichen kann, scheut man weder Kosten noch Zeit, um am Abend wenigstens dort zu sein. Ist die Restauration gut und empfehlenswert, so bringt man auch Freunde und Bekannte mit und sucht so den Wirt auf jede Weise zu unterstützen. Wenn alle jüdischen Wirte es gut verständen, den Wünschen ihrer Gäste nachzukommen, sie könnten lauter Goldgruben haben, denn ein sehr hoher Prozentsatz der Reisenden, die heute nD")Ö essen, würden bei guter Kost, schönen und modernen Räumen, selbst bei etwas höheren Preisen als im christlichen Restaurant, dem jüdischen Restaurant den Vorzug geben. Der gesetzestreue Reisende ist in seinen Ansprüchen allerdings bescheidener, er ist froh, wenn er ein nur einigermaßen gutes Restaurant gefunden hat und fühlt sich dort allmählich auch wohl und zufrieden. Wer einmal ein bei den Reisenden wirklich beliebtes Restaurant am ratP besucht, und sieht, welche Munterkeit und Fröhlichkeit dort herrscht, wie beim Schein des rptP Lichtes die jungen Leute im Chor ihre niTDT singen, die Mühen der Woche vergessen haben, der wird es fühlen, wie echte Frömmigkeit verbrüdert und heiter stimmt. Freundschaften fürs Leben wurden da schon geschlossen, und mancher hat in solchen Stunden das Judentum von einer Seite kennen gelernt, von der er es nimmer kannte. Diese Restaurationen haben auch noch eine andere ganz wesentliche Bedeutung. An manchen Plätzen entstanden infolge der gemeinschaftlichen Arbeit der Reisenden und dank der Tätigkeit des bekannten Hamburger Vereins Restaurationen, die gewiffermaßen mit Oasen in der Wüste zu vergleichen sind. Diese Restaurationen stehen nämlich gewöhnlich in keinem Zusammenhänge mit der Gemeinde des betreffenden Ortes, und die Wirte sind genötigt ihr Fletsch von auswärts zu beziehen oder einen eigenen vMV anzustellen. Es find Orte, an denen man keine Ahnung von wahrem Judentum hat. Da sind die jüdischen Restaürationen imstande, wieder einen Keim des Judentums zu säen. Um die jüdische Restauration schaart sich ein kleiner Stamm frommer Reisender. Dieselben veranstalten ihc eigenes pjo. Manche von ihnen haben immer solange an dem einen Orte zu tun, daß sie dort ihren Wohnsitz nehmen. Einige verheiraten sich dort, ihnen folgen anoere nach und so entsteht mit der Zeit eine kleine gesetzestreue nbnp/ die sich im Laufe der Jahre immer schöner entfaltet. Wer hätte wohl gedacht, daß an solchen für das Judentum scheinbar schon verlorenen Orten wieder neues Leben erwacht und das Judentum verjüngt aus der Erde steigen werde. L er größte Kanzelredner hätte dort vielleicht nur tauben Ohren und leeren Wänden gepredigt. Und nur das selbstlose Streben und die brüderliche Einigkeit der jüdischen Reisenden war es, die dieses Ziel erreichten. Ich komme zum Schluffe. Das Streben der jüdischen Reisenden findet immer mehr Anerkennung und Unterstützung. Der Hamburger Verein, kurzweg Speiseverein genannt, von jüdischen Reisenden gegründet, arbeitet rüstig an der Ausbreitung seines Restaurantnetzes, und die Ausgabe der kleinen Heftchen war ein vorzüglicher Gedanke. Großer Dank gebührt den Leitern dieses Vereins. Aber wie jeder neuen Einrichtung haften auch dieser Institution Mängel an, manches daran ist verbefferungsbedürftig; davon aber ein ander Mal. Jedenfalls ist der Verein schon jetzt ein Segen für die Judenheit und die guten Folgen, die bei einer noch größeren Ausdehnung und einer größeren Popularität eintreten werden, find unübersehbar. Auch der Familien gedenken wir, die dem ftemden Reisenden ihr gastliches Haus öffnen. Sie wissen garnicht, welche Wohltat sie dem Reisenden, der fremd und unbekannt umherirrt, damit erweisen, daß sie ihm für mehrere Stunden, für einen ganzen rat? oder gar für mehrere ND2V eine Heimstätte bereiten. Ich selbst fand derartige jüdische Häuser und treueste Freundschaft wird mich auf immer an fie ketten. Ich habe es versucht, soweit es meiner ungeübten Feder möglich ist, ein Bild von dem großen Wirkungskreis eines jüdischen Reisenden zu entwerfen. Mögen Berufenere Einzelnes daraus gründlicher erörtern.

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