Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-04-25 · Heft 17 (25.4.1907) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 17 (25.4.1907)
Date
1907-04-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449262--63418-2505962
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWMMWWWWWWWMlWWWMWNW. : " r " Der Wmekt. > L(jpypRiy|j Säe^. Nr. M uns das Gewissen in die Brust gesetzt. Ihm muß jeder Rede und Antwort stehen. Betäuben läßt sich diese „innere Stimme" wohl, nicht aber ersticken. Sie erwacht immer und immer wieder zur Seelenqual des Bösen. Der geängstigte Kajin, der ruhe- und rastlos von Ort zu Ort flieht, ist das Prototyp des schuldbeladenen Gewissens. Selbst Tyrannen, deren Schreckenstaten die Mitwelt in Angst und Zittern versetzten, haben nach verzweifelter Gegenwehr sich diesem Richter gebeugt. Ins Innere eines Menschen kann kein menschliches Auge blicken, der Allwiffende allein kennt die Regungen unseres Herzens. D.TtfyD bl 7'3vn D3*? NN' NXI'N (Ps. 33). Nur Gott, der die Herzen gebildet, hat wahre Einsicht in unser Tun. Der Mitwelt vermag der Heuchler ein Trugbild vorzugaukeln. Vor sich selbst fühlt er sich entlarvt. Darum ist das Selbstbekenntnis, das Bekenntnis inbezug auf die eigene Person das erste. Damit gewinnt jedes Berantworlichkeitsgefühl überhaupt die erste praktische Konsequenz. Das Gefühl der Verantwortung tritt aber in eine höhere, edlere Sphäre, wenn es sich gegenüber anderen zu betätigen hat. Stünde der Mensch mit seinem Sittengesetz für sich allein, begriffe ihn das Gebot der Nächstenliebe nicht als Glied einer zusammenhängenden Kette von Geschöpfen und Wesen, das Bewußtsein der Verantwortung würde den eigenen, egoistischen Bannkreis nicht überschreiten. Das Sündenbekenntnis des Kauhen-Godaul blickt aber nach außen. Als Postulat der Nächstenliebe lehrt es die Verantwortung für Familie und Volk. JZunächst in'2 lyn! Es dürfte nicht leicht olk in der Weltgeschichte zu nennen sein, bei dem das Haus, die Familie eine so wichtige Rolle spielt wie bei dem israelitischen. Bei keiner Nation ist die Religion so sehr mit allen Gestaltungen des häuslichen Lebens eng verbunden wie bei uns. Was wäre ein Abraham, Jsak und Jakob in unserer Vorstellung ohne ihr Haus und ihre Familie? Die Thora macht durch das Wort "p2^ DnMttn, „schärfe die Lehre deinen Kindern ein," jeden Vater zu einem Lehrer, alle Kinder zu Schülern, jedes Haus zu einer Schule. Wie viele unserer Religionspflichten lassen sich überhaupt nur im Hause praktisch vollziehen! Der jüdische Tempel sollte nur ein Symbol, ein Vorbild sein für alle jüdischen Häuser und jedes Haus, nach S. R. Hirschs treffendem Wort, ein ^3'n n'J3n, ein „verjüngtes Heiligtum". Die Mesuso zeugt heute noch öffentlich davon, daß ein jüdisches Heim eine Stätte der Heiligkeit bedeutet. Da läßt sich unschwer ermessen, welch reiche Fülle von Pflichten dem jüdischen Vater, der jüdischen Mutter obliegen, wenn sie dem Ideale des jüdischen Hauses auch nur annähernd entsprechen wollen! Welche Verantwortung tragen sie für alles, was um sie und durch sie, unter ihren Augen und ihrem Einflüsse im Hause geschieht. Der Vater darf nie müde werden, zu lehren, vorzuleben, zu mahnen und zu bessern, so lange noch seine Stimme vernommen wird im eigenen Heim. Seine natürliche Autorität gibt allen Belehrungen die nötige Kraft, das nötige Schwergewicht, um dauernden Erfolg zu verbürgen. Der sittliche Ernst, aufrichtige Frömmigkeit und Gottesfurcht lassen leicht den rechten Takt und den rechten Weg finden. Des jüdischen Vaters, der jüdischen Mutter vornehmste Sorge ist ihr Haus. Darum finden wir es ganz natürlich, daß der prüfende Blick des hohen Priesters am Sühnetag auch auf sein Haus fällt. Das jüdische Haus blldet aber den Grund- und Eckstein des Mischen Volkes! Die Familie ist die „Urzelle der Menschheit." Das gilt in physischer und geistiger Hinsicht. Unser reines, edles Familienleben war von je das mächttge Bollwerk, an dem alle Stürme, die unsere Nation trafen, wirkungslos blieben. Wenn daher das jüdische Haus seinen höchsten und heiligsten Zweck erfüllen soll, so muß es als Glied des großen n'2 sich begreifen. Was der Einzelne in der Famile, das bedeutet das Haus im Volke. Und der Gesamtheit, der starken, ewiglebenden Gesamtheit hat Gott die Hut seiner höchsten Güter übertragen. Wo sich auf der weiten Erde Juden zusammenfanden, da reichten sie sich die Hand zu Befriedigung der religiösen Bedürfnisse, die ech im Gemeindeleben möglich sind. Gemeinsam legten sie Friedhöfe an, bauten Synagogen, sorgten für die Anstellung von Rabbinern, Lehrern und anderen Kultusbeamten mp, nmp, Thoravorlesung können erst nach versammelter Zehn-Zahl vorgetragen. Auf jeder Seite des Gebetbuchs begegnet uns die Redewendung ^2 hy", für ganz Israel. Und es liegt in diesen Worten ein innig tiefes Gefühl, das man im Deutschen so wenig auszudrücken vermag wie das jüdische „R a ch m o n u s". Das gemeinsame Leid har unsere Glaubensbrüder und Schwestern in Herz und Gemüt unlöslich mit einander verbunden. Die Hagada führt uns die verächtliche Figur des „Roscho" vor, der von der Gesamtheit sich a u s s ch l i e ß t. Der wahre Jude will ihr angehören im Tun und Lassen, im Gebet, in Freud und Leid.. Den Gewürzen, aus welchen das Räucherwerk im Heiligtum bereitet wurde, gehörte auch ein übelriechendes an, das HJ2^n. Was will das lehren? sagen die Weisen. Es soll ein Fingerzeig sein, in unsere Fürbitte auch die Sünder mit einzuschließen, n"TttK2. 12vp *17X7 'ttl 12'N1?2N. Am Kol-Nidre-Abend erbitten zwei Affistenten an der Seite des Vorbeters die Erlaubnis, D'J'-oyn Op Wsnn1?, mit den „Abgewichenen" zusammen beten zu dürfen. Soweit geht das jüdische Gemeingefühl, das Verantwortlichkeitsgefühl. Ein jeder hat die Pflicht, mit seiner Person b)) "»32^, für die Gesamtheit zu sühnen. Wir stehen unter dem Auge und Urteil der Welt, die in dem Juden stehts die Juden sieht. Darum ist „DtPH Vi^n" solch großes Vorgehen, Dirn mp so Hohes und Herrliches! Wie vieles könnte anders sein in unserer Mitte, wenn jeder dem Priester gleich sich gelobte, sühnend zu wirken für sich, sein Haus und ganz Israel! Es ist ein inhaltschweres Wort, das im Wochenabschnitt 'nna MV uns mitgeteilt wird, eine Parole, der wir durch alle Jahrtausende treu bleiben sollen! Die Summe der jüdischen Lebensweisheit enthält dasWort: 7P21 17P2 1331 7fcntp' *?np *?3 7p2i m'3. vegaimgeretre und Hygiene* maßregeln. Bon Dr. M. Ascher in Neuchatel. (Schluß.) Eben weil wir unsere Thora als das nach jeder Richtung hin vollkommene WerH betrachten, wollen wir uns den Glauben nicht nehmen lassen, daß ihre Gesetze auch nach den Regeln der Hygiene in jeder Hinsicht als vollkommen betrachtet werden müssen. Wir wollen nicht darauf eingehen, was für sanitäre Gründe neben den anderen Grünoen z. B. maßgebend gewesen sein mögen, unter den vierfiißigen Tieren gerade die wiederkauenden, welche die Klaue zugleich ganz durchgespalten haben, zu erlauben. Es ist ja allbekannt, daß dergleichen Tiere durch ihren Organismus mehr wie andere Tiere befähigt sind, die dem Menschen unverdaulichen Pflanzenstoffe zu reinigen und in der Gestalt von Milch und Fleisch zurückzugeben. Wir können deshalb auf dergleichen nicht eingehen, weil irgend ein Grund für dieses oder jenes Gebot oder Verbot die Sache nicht erschöpft, indem für Gottes unendliche Weisheit viele Gründe maßgebend waren, dies zu gestatten und jenes zu verbieten. So könnte man ja z. B. auch als Grund angeben, diejenigen Tiere gelten als unrein, welche sich von Aas und Blut nähren und noch andere Gründe mehr. Solche Gottes Segen wird dann geleiten T ich und die Braut an deiner Seiten. So wöget ihr denn schließen zu glücklicher Stund' Euren heiligen Ehebund, D ß ihr berschv! t bleibt von edem Leide Und genießet Frieden und Freute. Amen. Sedanken und Meinungen eines jüdischen Reisenden. II. (Schluß). Der gesetzestreue jüdische Reisende betrachtet die Welt wohl mit anderen Augen als die meisten seiner Kollegen. Daß er im Geschäft seine Pflicht ungesct malert erfüllt, versteht sich von selbst. Daß er aber Natur und Menschen ganz anders anschaut und behandelt, das liegt eben in dem Charakter seiner ganzen Weltanschauung begründet. Er geht mit offenen Augen durch die Welt, steht überall Neues und Interessantes und sucht überall zu lernen und seine Anschauungen zu vervollkommnen. Er hat ein Auge für Natur und Kunst und nimmt dankbar.das Gute und Schöne auf, wo er es findet. Ein schöner Marktplatz, ein kunstvoller Brunnen, ein altes Rathaus kann ihn ebenso feffeln, wie er dm Anblick einer lieblichen Landschaft zu genießen versteht. Hat er fich am rotP durchs Forschen in unserer min, in seinen Büchern erquickt, so führt ihn ein schöner Sonntag durch Feld und Wiese und Wald. Er lauscht dem murmelnden Quell im Gebirge und steht bewundernd vor dm mächtigen Bergriesen oder dem rauschenden und tosendm, weiß schäummben Wafferfall. Da steht er überall die Allmacht der Natur uno staunt betroffen alle die herrlichm Schüpfungm an: im nD n Und wenn er am Montag früh wieder nach seinem „Reisebündel" greift, schreitet er, gestärkt an Seele und Körper, zu neuer Arbeit. Der erhebende n2W und der Aufenhalt in der Gottesnatur haben einen neuen Menschen aus ihm gemacht, der mit Liebe und Freude und gesteigertem Mute wieder zu zeinen Pflichten zurückkehrt. Wird aber ein solcher Mmsch auch seine Berufspflichten auszuüben verstehen, wird er ferner nicht zu ideal denken und dabei sein leibliches Wohl vernachläffigen? In bin der festen Ueberzeugung, daß er sogar als Sieger aus dem Wettbewerb mit seinen anderen Kollegen hervorzugehen vermag. Denn überall erhält fich nur das Gute und den Bedürfniffen wirklich Entsprechende auf die Dauer. Und auch im geschäftlichen Leben bricht fich auch das ehrliche Streben Bahn, das fich von keinem Mißerfolg zurückschreck n läßt. Wohl mögen manche wähnm, im Smrme die Welt erobern zu können und fich verleiten laffcn, zu den gewagtesten Mitteln zu greifen. Ihre Erfolge werden nur Scheinerfolge sein und bald in Nacht und nichts öahinschwinden. Es gehört allerdings eine unentwegte rast, ose Arbeit dazu, einen Erfolg zu erringen, aber der frommeJude weiß ja: ebenso wie der n3V zum Ruhen, ist die Woche zum Arbeiten da. Sein Blick ist geläutert. Er, der ein feines Auge für Natur und Menschen hat, der in seiner min einen Spiegel besitzt, der ihm den wahren Menschen, wie er sein soll, wiebergibt. er hat auch ein ficheres Gefühl für dm Umgang mit den Menschen. Und er wird gerade als Jude oft zu zeigen Gelegenheit haben, wie Gerechttgkeit und Ehrlichkeit feine Leitsterne find, wie gerade der ftomme Jude ein tüchttger und dabei reeller Kaufmann ist. Denn sein Richter ist sein Gewissen und mehr als den Staatsanwalt fürchtet er dm höchsten Richter ra'pn, der ihm Gerechtigkeit und Recht gegen seine Mitmenschen zur höchsten Pflicht gemacht hat. Deshalb wird gerade der jüdische Ressende das volle Verträum seiner Kunden erwerbm und dieses Verträum auch zu rechtfertigen wissen. Giebt es einen schwereren Borwurf für den gewissenhaften Juden, als Jm\ verursacht zu haben? Deshalb müssen die Eigenschaften höchster Rmlichkett und peinlichster Gewissenhaftigkeit das Selbstverständlichste für dm jüdischen Reisenden und Kaufmann sein. — n der geschäftlichen Beziehungen bildet fich m Reisenden und seinen Lmnden vielfach ein fteundschaftliches Verhältnis heraus. Man unterhält sich über dies und jenes und ohne es zu wollm, kommt mau auch sehr häufig auf religiöse Fragen zu sprechen. Es ist dies kein angenehmes Themis da man seinen Gegner wohl seltm überzmgm kann. Immerhin, Spuren der Unterhaltung bleibm doch oft zurück, auch hat man die Freude zu sehen, daß dieser oder jener Irrtum aufgeklärt werden konnte, und daß die Leute doch wenigstens zum Nachdenken über das Judentum angeregt wurden. Mehr Eindruck wird man aber immer wohl durch das charatterfeste und ehrenhafte Wesm und Handeln und durch die Sicherheit der Ueberzeugung als durch Worte machen. Ein Thema, das für die Reismden eine schier unerschöpfliche Quelle der Unterhaltung bildet, ist das der Speisegelegenheit. Man möchte fast daraus schließen, daß man es da mit lauter Feinschmeckem oder Bielessern zu tun hätte. Es scheint aber nur so, das Gegenteil sst in Wahrheit der Fall. Wie manche Woche hindurch muß fich der Reisende, der von früh bis spät hart zu arbeiten hat, morgens mit schwarzem Kaffee und trockmem Brod, mittags mtt Tee und Eiern und abends, um Abwechslung zu haben, mit Eiern und Bier begnügen. Sardellen, Lachs oder Häring find vielfach, auf kleinen Plätzm besonders, nicht aufzutreiben. Selbst rituell einwandfreies Brot, einsacheS Schwarzbrot ist manchmal nicht De Geld zu haben, da das Brot in gewissen Gegenden unter dem Ramm ^Fembrot" mit Milch gebacken wird. Bon einem •*; i I -1 I $ -i i 1 j |

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.