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Der Israelit · 1907-04-18 · Heft 16 (18.4.1907) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 16 (18.4.1907)
Date
1907-04-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. j6 des „Fsraelit". Feuilleton, lurcdt «na lloffnuug Erzählung aus dem russisch-japanischen Krieg 4] von T. Schachnowitz in Endingen. Rahel starrte in die Luft, als müßte sie sich auf etwas besinnen, was ihr allem Anschein nach sehr schwer fiel. Dann erhellte sich Plötzlich ihr etwas bleiches Gesicht nnd sie sah Rosa mit verzückten und träumerisch verklärten Augen an. „Macht er sich wohl viele Sorgen um mich?" „Wer?" wollte Rosa erstaunt zum zweiten Male fragen. Aber ein etwas in ihrem Innern preßte ihr das Wort in die Kehle zurück. Sie sah das traumversunkene Mädchen, wie sie da in verzückter und bestrickender Schönheit vor ihr saß, teilnahmsvoll an. Sie, die von der Natur minder begnadete Rosa, vermochte sonst, wenn sie sich Schönheiten gegenüber befand, trotz aller AWhe nicht ein Gefühl von Neid zu bekämpfen. Aber jetzt war dieses Gefühl gar nicht aufgetaucht. Es war wirkliche Teilnahme und Rührung, was die sonderbare Frage des schönen Mädchens in ihrem Innern rege machte. Hatte da wohl der unglückselige Graben, wie schon gar oft, etwa wieder einmal zwei liebende Seelen getrennt? „Er wird doch wohl nicht herein kommen?!" fragte Rahel, immer noch wie im Traume, indem sie mit heftiger Bewegung sich aufrichtete. Rosa sagte nach einiger Ueberlegung ruhig und freundlich: „Die Herren sitzen da drüben in der Schenkstube. Auch Jakir ist heute früh herübergekommen und hat mit dem Gepäcke der anderen auch Ihre Koffer mitgebracht. Ich habe sie hierher geschafft. Nun, Fräulein, jetzt können Sie ungestört Toilette machen und nachher, wenn Sie sich wohl fühlen, zu ihnen hinübergehen." „£>, wie danke ich Ihnen, liebes Fräulein!" rief Rahel ihrer Pflegerin nach, als sich diese Air Ausgangstür wandte, „sagen Sie chm nur bitte, wenn er nach mir fragt, ich fühle mich wieder ganz wohl und munter. Er möge vor einer halben Stunde nicht zu mir kommen. Oder, ich komme bester zu ihm in die Schenkstube hinüber." „Recht, Fräulein! Regen Sie sich nur nicht wieder auf!" sagte Rosa im Fortgehen. Rahel brachte in einigen Minuten ihre Toilette in Ordnung. Ein leichtes, blaues Kleid und eine hellblaue, weite Blouse, die sie sich eigens für die Reise an gefertigt Md für die Schisstchrt aufheben wollte, lösten die anderen durchnäßten und übel zugerichteten Kleider ab. Sie fühlte sich wirklich wieder wohl und ausaeruht und als sie sich im Spiegel noch einmal betrachtete, da war zu ihrer Genugtuung im frischen, runden Gesichte keine Spur von Müdigkeit und Unwohlsein mehr zu finden. „So, jetzt darf er getrost kommen," sagte sie fast laut vor sich hin, indem sie noch etwas an der Frisur zurechtschob und sich erwartungsvoll auf einen Seffel niederließ. Sie hörte ihr Herz leise pochen, als stände sie vor einem großen Ereignisse. „Er kann jeden Augenblick eintreten, gingen ihre Gedanken. Was wird, was muß dann geschehen? Kann sie sich noch so spröde gegen ihn zeigen? Gegen ihn, her sie wie ein Kind bewacht, sie mit schützender Hand durch Nacht und Gefahr geleitet? Sie wird ihm ihren Dank ausdrücken müssen, aber wie? Müßte sie sich da nicht zum Tode schämen über ihre Unbefangenheit und Kleinmütigkeit in der Stunde der Gefahr? Und wie sie ihm Unrecht getan, da wo er doch nur aus reinstem Edelmut sich ihr genähert? . . ." Sie fühlte jetzt schon die Verlegenheit, die sie bei seinem Erscheinen überkommen wird, und freute sich dennoch mit dem Bewußtsein, daß er jeden Augenblick kommen müsse. „Er ist galant und taktvoll," dachte sie, „er kommt nicht so rasch. In seiner unzudringlichen und rücksichtsvollen Art laßt er ihr Zeit. Es mag ihm wohl, wie oft hei edlen Naturen, peinlich sein, sich den schuldigen Dank zu holen." „Kommt er jetzt? Nein, es war die Haustür, die sich auftat, und die Schritte gingen links nach der Schenkstube, dort wo auch er jetzt in Erwartung sitzt." „So gehe ich zu ihm!" beschloß sie, aber die Beine machten die rasche Körperbewegung nicht mit,- sie hatten, wie es schien, noch etwas von dem Schrecken und der Ermüdung an sich. „Also noch einen Augenblick!' Es schickt sich am Ende doch nicht, in einem Wirtschaftsraume Begrüßungs- und Dankszenen zu veranstalten," sagte sie sich und versank wieder in Gedanken. „Wie war denn das eigentlich gestern? Wie hat sich das alles zugetragen? War es Traum oder Wirklichkeit? Oder beides? . . ." Es war stockfinster,' wandelnde Lichtpunkte funkelten und schimmerten von allen Seiten, aber nicht auf dem nebelbedeckten Horizonte, sondern in der Luft um sie her. Ein Pfeifen und Knallen, ein Laufen und Jagen. Sie fühlte sich wie von einer geheimen Macht getragen. Wie ein Schweben und Fliegen. . . . Dann ein mächtiger Stoß, begleitet von den sanften Tönen einer bekannten Stimme, die sie mit „Du" anredete, dann . . . wieder stockfinstere Nacht. . . . Und . . . Was da weiter passierte, darüber konnten ihre Gedanken keinen Aufschluß geben, sie waren offenbar nicht mehr dabei gewesen. . . . „Also", sagte sich' Rahel, noch einmal ihre Denkkraft genau prüfend, „so weit die reine Wirklichkeit. Und das Weitere?" „Es muß schon gegen Morgen, kurz vor ihrem Erwachen gewesen sein. Da sah sie sich am Vorplatze des Cheder/ sie war noch ein Kind, aber hatte schon merkwürdigerweise die lange, graue Robe und das enganliegende Jaquet an, sowie das kleine Reisehütchen auf dem Kopfe. Sie spielten „Hope gatte".*) Sie lief mit eiligen Schritten, die andern hinter ihr her. Das Ziel war bald erreicht, da zog sie plötzlich einer der bösen Buben am Kleide, sie wollte eiligst weiter flüchten, aber die lange, graue Robe war ihr hinderlich im Wege, sie konnte fast keinen Schritt vorwärts. Da kam plötzlich er, packte sie am Aermel und führte sie rasch und sanft ans Ziel, sie lachten laut, während die anderen schreiend und johlend hinter ihnen herliefen . . ." „Dieser war natürlich kein artderer als er. Aber wie sah er doch nur aus. Ein etwas blasses, aber rundes und feingesormtes Gesicht, angenehme Züge, dicke Brauen und träumerische Augen." Sie unterbrach sich selber und nahm aus ihrem kleinen Handtäschchen das Bild, das sie dort gestertt in der Dunkelheit hineingelegt, zum ersten Male hervor und betrachtete es aufmerksam. ,/Ja," sagte sie dann, „er war es. Also ein Traum und doch keiner..." Leichte Schritte näherten sich der Türe zu. Sie schob rasch das Bild ins Täschchen zurück. „Wenn er jetzt, was wohl sicher ist, eintritt und sie bei seinem Bilde findet, so muß sie sich ja schämen." Die Tür ging vorsichtig auf und herein trat Rosa mit einer Kaffeetablette. Rahel war enttäuscht, aber die sanften Züge und das ruhige, spitze Gesicht des freundlichen Mädchens wirkten auf sie wohltuend. „So Fräulein," sagte die Eintretende, „Sie haben sich ordentlich fein gemacht. Man sieht Ihnen in der Tat nichts mehr an. So frühstücken Sie jetzt auch ordentlich und schaffen sich neue Kraft und neuen Mut für die Weiterreise." „Die habe ich jetzt schon, liebes Fräulein," versicherte Rahel, „es geht ihm doch wohl auch gut?" „Die Herren drüben sind wohl und ntunter!" antwortete Rosa ausweichend. * „Kommt er hierher?" „Glaube es kaum!" „Ja, da will ich hinüber!" „Erst essen, Fräulein, wenn ich bitten dürfte." Rahel verspürte zwar keinen Hunger, aß aber ihrer guten Pflegerin zu Liebe und fühlte doch, daß das warme Getränk stärkend und anregend auf sie wirkte. Es fiel ihr jetzt plötzlich ein, daß sie ihrer Wohltäterin, der guten Rosa, noch eigentlich gar nicht recht ihren Dank ausgedrückt,' sie war bisher von ihrer eigenen Person viel zu viel in Anspruch genommen. „Wie bin ich Ihnen für dies alles zum Danke verpflichtet," hob sie jetzt an, indem sie Rosa innig die Hand drückte. „Die primitivste Menschenpflicht," wehrte diese ab, „und namentlich die des Weibes gegen das Weib " „Ja! Und Sie erfüllten sie in einer Weise und zu einer Zeit, die wohl die denkwürdigste meines Lebens sein wird." „Zu einer Zeit?" wiederholte Rosa forschend. Die natürliche Neugierde der Frau regte sich auch bei ihr etwas, aber der weiche Ton und der gutmütige Blick, die die Frage begleiteten, gaben ihr mehr den Charakter der wahren Teilnahme. „O, Fräulein," Rahel hielt einen Augenblick inne, als sie aber ins vertrauenserregende Gesicht der Haustochter schaute, fuhr sie bewegt fort, „o, liebes Fräulein! Wenn Sie es wüßten . . wie glücklich ich seit gestern bin . . . Schauen sie da," sie holte etwas aus ihrem Täschchen heraus/ „hier! Ist dieses Bild nicht genau getroffen?" Rosa betrachtete mit größter Aufmerksamkeit das Bild, eiue große Träne stand in ihren Augen und rieselte dann die schmalen Wangen hinunter. „Ich komme mit, Fräulein Robenschein!" rief ihr Rahel zu, als sie sich zum Gehen wandte. „Bitte!" Hm Hausflur aber schützte Rosa eine Besorgung. im Hofe vor und Rahel trat allein in die große Schenkstube ein. Auf der großen Bank am Ofen saßen einige der bekannten Gestalten von gestern Nacht. Auf ihren Gesichtern malte sich jene eigenartige Freude aus, wie man sie bet Erfüllung einer langen und bangen Hoffnung empfindet. Das Bewußtsein, die Grenze mit ihren Schrecken hinter sich zu haben, ließ sie beinahe eine Weile vergeffen, daß sie die Wanderschaft erst begonnen und daß die gesuchte Heimat und das ersehnte Glück noch in weiter, weiter Ferne liegen ... Wo ist er? Er war nirgends zu sehen. Am Büffet stand Herr Robenschein, ein stämmiger, älterer Herr. Das Gesicht scheinbar etwas griesgrämig, aber seine Augen schauten ganz wie die von Rosa, mitleidig uud teilnahmsvoll auf sie nieder. Seine Frau saß neben ihm mit einer Hausarbeit beschäftigt. Die Statur ganz wie die ihrer Tochter, mittelgroß und schmächtig, aber die Augen weniger mild und mehr energisch. Wo ist er? An einem kleinen Tischchen am Fenster saßen Jakir, Peter und noch ein Unbekannter bei gefüllten Biergläsern und spielten Karten. (Fortsetzung folgt.) *) Kinderspiel in Rußland.

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