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Der Israelit · 1907-04-18 · Heft 16 (18.4.1907) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 16 (18.4.1907)
Date
1907-04-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
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18. «tyrtl 1907, Der JSraeltt. Rr l« Sette Itz. Wamon «nd Wttrtta» 1« der K«de»g«fle. Bon Arthur Kahn. 61). Nachdruck verboten. Eine halbe Stunde später, als alle Flammen an dem gewaltigen Lüster brannten und Küche und Keller ihre Schuldigkeit getan, faßen Betty und Rosenstetn als Verlobte nebeneinander. Mister Bloomfield, stolz auf sein heroisches Eingreifen, sprach schon sogar von der Hochzeit. Im November fand sie statt. Rosenstein trat mit Bloomfield in rege Geschäftsverbindung. Er war jetzt ein seßhafter Kaufmann, nachdem er Jahre lang nicht vorwärts gekommen war. Jetzt woll e er an der Seite seiner ob ihrer großen Schönheit vielbewunderten Gattin ein jüdisches Haus führen, wie es bei seinen Eltern gewesen. Fern vom trauten Heimatdörfchen, sollte es wieder eine jüdische Familie Rosenstein geben, wie er es sich oft erträumt hatte. — An einem bitterkalten Dezembertag reiste er geschäftlich nach Philadelphia, wo er gegen Nachmittag eintraf. Tief in seinen Pelz gehüllt, achtete er kaum eines abgeriffenen, in einem schäbigen Rock frierend ein hergehenden Menschen, der ihn mit stechenden Blicken fixierte, plötzlich vor ihm stellen bleibend, ihm die Hand entgegenstreckte. Rosenstein griff, ohne den Bettler anzusehen, in die Tasche, um ihm eine Münze zu geben. „Mister Rosenstein kennt mich auch nicht mehr," murmelte der vor Kälte zitternde Mensch. Unangenehm berührt musterte Rosenstein den ihm unbekannten Tramp (Landstreicher) und griff nochmals in die Tasche. Der Bettler nahm die zweite Gabe auch, wandte sich dann rasch um und lachte: „Mister Rosenstein hat dem verdutzten Baacher Bunnewitt für einen drink (Trunk) gespendet." Erschüttert sah Rosenstein dem zum Landstreicher gewordenen nach. Der ging, die Hände in die Hosentasche steckend, die Chestnutstreet entlang und bog dann, als eben die Laternen angezündet wurden, in eine breite Seitenstraße, wo er lange vor dem Fenster eines Bäckerladen stehen blieb und mit gierigen Blicken das Backwerk betrachtete. Endlich trat er in den schon etwas dämmrig gewordenen Laden und blieb wartend an der Türe stehen. In dem warmen Raum spielten Kinder miteinander/ die Mutter saß an der Ladenkaffe hinter der Theke. Die Kinder hatten anfänglich ebensowenig wie die Mutter, eine blühende, blonde Frau mit freundlichen Hellen Augen, den Eintretenden beachtet. Erst als er mit rheinischem Akzent um eine milde Gabe bat, blickten alle den Bettler, mit dem eisgrauen verwilderten Haar und Bart an. Der älteste Knabe, der am Boden kauernd gespielt hatte, erhob sich und trat, den zerlumpten Mann aufmerksam betrachtend, plötzlich auf ihn zu und streckte ihm zutraulich die Hand entgegen. Schüchtern faßte der Bettler die warme Hand des Kindes und hielt sie sekundenlang fest. Die klaren Augen des Knaben hingen wie gebannt am Antlitz des Bettlers. Dann wandte er sich um, und, wie von einem rätselhaften Drang gezwungen, füllte er eine große Papierdüte mit Gebäck, eilte zur Mutter, die aus der Theke eine Handvoll Münzen entnahnl und sie mit heftig zitternden Händen dem Knaben gab, der die reichliche Gabe dem unverständliche Wotte murmelnden Bettler hinreichte. Der stand einen Augenblick regungslos auf den Knaben starrend, bevor er das Ge chenk ergriff. Blitzschnell beugte er sich zu dem Kinde, faßte seinen Kopf und küßte ihn auf die Stirn und verschwand hinter der Tür, die er rasch hinter sich zuschlug. i Die blonde Frau hinter der Theke schien vom Schreck gelähmt. Minutenlang saß sie, von Schauern gepackt, regungslos da Als die Magd das Gas anzündete, bemerkte sie, daß Frau Fastenbretzel geweint hatte. Sie rief Charlie, ihren Aeltesten zu sich, nahm ihn auf den Schoß und küßte ihn inbrünstig. Am nächsten Morgen fand ein Polizist unweit des Stadthauses einen steif gefrorenen Mann auf einer Bank fitzen. Ein Haufen Menschen sammelte sich an und ein von einem ältlichen eleganten Mann gelenkter Schlitten hielt vor diesem düstern Anblick still. Die in kostbare Pelze gekleidete "stattliche Dame betrachtete mit neugierigen, aber kein Mitleid verratenden Blicken den Toten, wie der Mann an ihrer Seite. Dieser schien sich auf etwas zu besinnen. Dann leuchteten für einen Augenblick seine Augen. Indem er mit einem leichten Schlag das feurige Gespann antrieb, wandte er sich halbseits zu der schönen Frau an seiner Seite und rief: „ich verwette dein süßes Leben, daß der tote Landstreicher auf der Bank dort, dein ehemaliger Reisebegleiter aus deiner Heimat war." Die Dame zuckte hochmütig die Schulter, aber dennoch durchfuyr ein kalter Schauer ihren Körper. Die ehemalige Putzmacherin Jda Tannenbusch war Siegerin geblieben über Bunnewitt den Baacher. Während sie zuhause am Kamin saß und die Zeitung laß, wurde Bunnewitts Leiche in das Schauhaus und bald darauf in die Anatomie gebracht.- * * -i- Jn Jechiels Werkstatt gab es jetzt alle Hände voll zu tun. Die Hochzeit Emils mit Flora sollte bald stattfinden und Peter, der seit mehreren Monaten die Witwe Dormagen samt deren Spezereilädchen, einschließlich der Anis, Kümmel- und Pfefferminzliköre geheiratet hatte, arbeitete neuerdings wieder an seinem alten Platz. Monatelang war dieser leer gewesen, denn Peter hatte mehr Vorliebe für das Geschäft gewonnen als für das Hantieren mit der Nadel. Insbesondere füllte er gerne die verschiedenen Schnäpse und Liköre in Flaschen, die in letzter Zeit viel schneller leer wurden wie früher, ohne daß der Kundenkreis dafür.gewachsen war. Seine Gemahlin wurde etwas argwöhnisch, zumal Peters Nase eine stärkere Röte angenommen hatte, die aber nach seiner Behauptung unmöglich von dem grünen Kümmel und Pfefferminz herrühren konnte, da doch sonst seine Nase eine grüne Farbe angenommen haben müßte. Der gegenwärtigen Gattin Peters war es, wengleich Peters Argumente wiffenschaftlich nicht angefochten wurden, recht lieb, daß er wieder zu Jechiel arbeiten Denn so gern sie auch sonst ihren braven arm hatte, mißfiel es ihr doch, daß Peter seine S freie Zeit damit verbrachte, Zauber-, er- und Rittergeschichten zu lesen, bis ihm vor lauter Angst vor all dem Grausigen eiskalt wurde und er sich an einer Anzahl Schnäpse erst wieder erwärmen konnte. Herzchen war seit seines Kameraden und langjährigen Stubengen offen Verheiratung nicht mehr so schaffensfroh wie ftüher. Er vermochte nicht eiuzusehen, warum er nicht nicht ebensogut ein Weib heimführen sollte, wie Peter und Koppel, obgleich dieser ihm bei jeder Gelegenheit riet, ums Himmelswillen das Heiraten zu lassen. Als aber Mosche Brück eines Tages erzählte, daß er die noch recht ansehnliche Witwe eines erst kürzlich verstorbenen Viehhändlers heiraten werde, da riß Herzchens Geduldsfaden. Da aber sein Herz bisher noch von jeder Liebe frei war, dachte er darüber nach und glaubte endlich, auch Bella, die ttnst von Gustav Limbacher so schmählich Verlaffene, sei seiner Liebe wert, obgleich sie mit den Jahren viele Eigenheiten angenommen hatte, die ihm für das eheliche Glück nicht wünschenswert erschienen. Doch er wußte, daß er aus anderem Holz geschnitzt war, wie die Memmen Koppel und Peter / er werde Bella schon zeigen, daß der Mann zum Herrn und Gebieter geschaffen sei. Dann werde er Emils Schwager, was doch schon ein gewaltiger sozialer Aufstieg war und große finanzielle Vorteile versprach. Obwohl Jechiel beteuerte, er fühle sich durch Herzchens Antrag sehr geehrt, und die Firma werde durch dessen Eintritt einen neuen Aufschwung nehmen, so getraue er sich dennoch nicht, seiner Tochter den Antrag zu übermitteln. Wenn Herzchen aber diese heikle Mission selber übernehmen wolle, , so wünsche er chm viel Glück dazu und seine Einwilligung habe er im Voraus. Herzchen, der kühne Schneidergeselle, stand nun vor seinem Rubikon, den er aber nicht zu überschreiten wagte, wenn er das immer finstere Gesicht Bellas erblickte. Und als sie ihn eines Tages gar fragte, warum er sie immer anglotze, als sei sie ein Wundertier, da verschob er seine Anfrage auf später. Augenblicklich hatte Herzchen keine Zeit, seinen Zukunsts- und Liebesplänen nachzuhängen, denn der Meister drängte zur Arbeit und erzählte wiederum, wenn die Gesellen schläfrig zu werden drohten/ von seinen Gespenstererlebnissen. Inmitten aller Vorbereitungen zur Hochzeit arbe.tete Jechiel an einem Winterrock von ungewöhnlichen Dimensionen. Maier Korn, der häufig in der Werkstatt erschien, erriat für wen das Kleidungsstück bestimmt sei, ging nach Hause und kehrte bald darauf mit einem feinen großen Otterpelz zurück. Wenn der Berez was Neues kriegen sollte, dann müßte es auch etwas Ordentliches werden. Tief gerührt dantte Jechiel dem „Mechutten" (Schwäher), doch Korn lehnte freundlich lächelnd alle Dankesäußerungen ab. Auch Berez arbeitete mit großer Bedächtigkeit an einem Paar winzig kleiner Damenstiefelchen. Als er Flora das Maß genommen hatte, flog es wie Sonnenschein über sein ernstes Gesicht, und er wurde sogar zu dem Gesellen gesprächig. Er erzählte, er habe einmal vor vielen Jahren für ein Fräulein „majestätische Prinzessin" ein Paar ähnliche Stiefelchen repariert. So was schönes wie diese Fräulein Prinzessin sei ihm niemals mehr im Leben begegnet. Seine Augen strahlten, als er im Laufe seiner Erzählung auf die freundliche Behandlung seitens der hohen Herrschaften zu sprechen kam, wie ihn die hohe junge Dame sogar im Wagen noch gegrüßt und der Herr Fürst ihm ein Goldstück bezahlt habe. Die Flora sei auch ein so liebes und bildschönes Geschöpf, aber immerhin doch kein Fräulein majestätische Prinzessin. Die sonst bei einer Verlobung und Hochzeit üblichen Anzeigen, Besuche und Einlösungen unterblieben diesmal. Maier Korn wollte jeder absichtlichen oder auch ungewollten Kränkung, die aus den üblichen offiziellen Kundmachungen Jechiels Familie erwachsen konnten, Vorbeugen. Emils Glück sollte auch nicht durch den leisesten Schatten, den Freunde und Bekannte daraufwerfen konnten, getrübt werden. Auch im eigenen Familienschoße sollte nicht von Neuem die von ihm gebilligte, und von Emil fest bestimmte Tatsache durch neue, ärgerliche Besprechungen berührt werden. Siegfried war ohnehin schon dieserhalb mit dem Vater entzweit gewesen, konnte aber dessen Billigung nicht erschüttern. Emil war jetzt sein ganzer Stolz und sein einziges Glück und jeden Tag ward das Band zwischen Vater und Sohn inniger und harmonischer. Korn freute sich, wenn er die Rede auf Emil bringen und dessen edlen Charatter rühmen konnte. Emil wollte Landwirt und Weinproduzent werden, und Korn kaufte ein ziemlich umfangreiches Bauerngut unfern einer kleinen Landstadt, etwas abseits des Rheins. „So kann er seine Gänse, Hühner und Spatzen füttern und Käfer sammeln," lachte Siegfried höhnisch. Frau Korn junior war versöhnlicher geworden als ihr Gatte, seitdem das Gut gekauft und damit die Besorgnis von ihr genommen worden, daß die künftige Schwägerin mit chr in derselben Stadt wohnen und die gesellschaftliche Stellung der Familie Korn verdunkeln werde. Sie hatte sich „durchzusetzen" verstanden und galt jetzt im Städtchen als erste tonangebende Dame und sah es deshalb nicht ungern, daß der ungebildete Schwiegervater eine Zeit lang abwesend bleiben wollte. Alle Gefahren für ihre gesellschaftliche Stellung waren mit Emlls Fortzug beseittgt und sie hatte keine weiteren Verdunkelungen mehr zu befürchten. Siegfriedfühlte sich geschmeichelt, daß seine Frau immer höhere Kreise in chren Umgang zu ziehen verstand. Selbst mit Frau Notar Holzapfel kam sie zu-

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