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Der Israelit · 1907-04-18 · Heft 16 (18.4.1907) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 16 (18.4.1907)
Date
1907-04-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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1907 Der JSraAtt. Seite Paris, 13. April. Der jüngst verstorbene General- Prokurator des Heiligen Synoos in Petersburg, PobjebonoSzew, war feit 1888 korrefpondirendeS Mitglied der französischen Akad mie der Wissenschaften. Es ist nun ein merkwürdiger Zufall, daß gerade ein Jude, der Dekan der juristischen Fakultät in Paris, Lyon-Caen, der interimistischer Vizepräsident der Akademie ist, dazu berufen sein wirb, dem grimmigen Judenfeind den üblichen offiziellen "Nachruf zu halten. vereinsvrre«. Arauksurt a. M., 17. April. Gestern abend hielt die Hiesige Zionistisch^ Vereinigung im Saale des Kaufmännischen Vereins eine Versammlung ab, deren Tagesordnung einen Bortrag von Dr. Schmarja Lewin aus Wilna über die Juden im Osten! und eine Besprechung Frankfurter Gemeindeangelegenheiten umfaßte. Die Rede des Herrn Dr. Lewin nahm den größten Teil des Abends ein. Er schilderte die Lage der russischen.und dann die der amerikanischen Juden in temperamentvollen Ausführungen und forderte zum Beitritt zur zionistischen Organisation auf, deren Arbeit allein die Judennot zu beseitigen imstande sei. Das zweite Referat erstattete Herr Fritz Sondheimer. Er beschäftigte sich hauptsächlich mit der Frage des Bauens am Sabbath bei der neuen Synagoge und dem Philanthwpin. Es handle sich darum, festzustellen, daß Tausende von Mitgliedern der Frankfurter israelitischen Gemeinde nicht mit den jetzigen Einrichtungen der. Gemeinde zufrieden sind und es nicht dulden werden, daß mit den jüdischen Ueberlieferungen gebrochen wird. Man könne sich nicht damit zufrieden geben, daß die Beschaffung eines positiven Religionsunterrichts verweigert, daß die Zionsgebete in einer Synagoge aus den Gebetbüchern gestrichen wurden und auch die hebräische Sprache fast ganz daraus verbannt ist. Man müsse gegen die immerfortschreitende Annäherung an den christlichen Glauben entschieden protestieren. Wenn jetzt die Nachricht komme, daß der Vorstand beschlossen habe, an der Synagoge am Sabbath nicht bauen zn lassen, so sei das doch nur unter dem Druck verschiedener öffentlicher Kundgebungen geschehen. Und jedenfalls ist doch hinsichtlich des Philanthropins ein derartiger Beschluß nicht gefaßt worden. Wenn die Katholiken an ihren besonderen' Feiertagen keinerlei öffentliche Bauarbeit vornehmen lassen, so darf das auch bei uns nicht geschehen. Der Redner verlangt eine Abänderung des Philanthropinstatuts, damit auch die konservative Majorität einen Einfluß auf die Anstalt gewinne. Zur Charakteristik der Gemeindezustände führt er an, daß Unterstützungen seitens des israelitischen Almosenkastens nicht nach der Bedürftigkeit verliehen worden feien, sondern nur unter der Bedingung politischer Selbstenthauptung. Wir müssen, schließt der Redner, nicht Resolutionen beschließen, denn das hätte ja doch keine Wirkung, es ist vielmehr notwendig, daß wir mit dem Stimmzettel ein anderes Wahlsystem für den B o r st a n d erkämpfen. In der Diskussion spricht Herr Levigard im Sinne des Referenten. Das Philanthropin ist, wenn man von seinen Leistungen in den profanen Fächern absieht, das traurigste System einer jüdischen Schule, das man sich denken kann. T>as Judentum ist gänzlich daraus verbannt. Tie Lehrer dürfen den Sabbath öffentlich entweihen, der Religionsunterricht steht mit allem wahrhaft Jüdischen auf dem Kriegsfuß. Redner erinnert daran, daß das Verlangen, beim Religionsunterricht die Kopfbedeckung aufzusetzen, verweigert worden ist. Wir müssen dafür sorgen, daß wir nicht mehr dagegen zu protestieren haben, daß gegen das jüdische Gesetz und das jüdische Gefühl gesündigt wird. — Dem Protest der Vorredner tritt Herr Weinberg bei, worauf die Versammlung geschlossen wird. Be.I u 26. März. Der Vorstand des Israelitischen Fortbildunqsvereins Montefiore in Berlin, Dtrksenstraße 46, ersucht uns um Veröffentlichung nachstehenden Ausrufs: „Wir nähern uns wieder dem Zeitpunkt, an dem Tausende von jungen Leuten die Schule verlaffen, um ins Leben hinauszutreten. Ein großer Teil derselben wendet sich nach Berlin, um eine porleilhaftere Ausbildung zu erlange.,. So mancher Vater steht nur schweren Herzens den im jugendlichen Alter stehenden Sohn von Hause scheiden, denn gar zu leicht gerät der noch unerfahrene Jüngling in schlechte Gesellschaft und v.rfällt den Gefahren der Großstadt. Noch mehr ist dies bei dem jüdischen Vater der Fall, dem außerdem noch am Herzen liegt, daß sein Sohn auch in der Fremde den Traditionen des Elternhauses treu bleibe und sein Judentum nicht nur dem Namen nach, sondern auch in seinem Herzen bewahre. Hier einzugreifen, hat stch unser Verein zur Aufgabe gemacht. Zu diesem Zweck unterhält er ein eigenes Lokal, in dem allwöchentlich hervorragende Gel hrte Borträge über die verschiedensten Gebiete jüdischen Wisiens halten. Eine große, die besten Erzeugnisse der jüdischen Literatur enthaltende Bibliothek unterstützt diese Bestrebungen. Doch nicht nur sein Wissen zu erweitern, findet der jüdische Jüngling hier Gelegenheit, auch für die Geselligkeit im edelsten Sinne sorgt unser Verein in verschiedenartigster Weise. Hier findet jeder jüdische junge Mann stets Anschluß an gleichgesinnte Elemente und dies bewahrt, w.e alte Erfahrung beweist, vor stttlichem Niedergang. Wir treten daher an alle jüdischen Väter, denen außer dem leiblichen auch das sittliche und geistige Wohl ihrer Söhne am Herzen liegtmit der Bitte heran, ihre Söhne z« veranlassen, unseren Verein aufzusuchen. Jeder Besucher wird uns herzlich willkommen sein!" Bad Kissiuge«, 27. März. Die I S r a e l i t i s ch e Kinderheilstätte in Bad Kis singen öffnet anfangs Mat wiederum ihre Pforten armen und kranken Kindernsie blickt nunmehr auf eine zweijährige überaus segensreiche Tätigkeit zurück. In dieser kurzen Zeit hat sie bereits 185 Kindern aus allen Teilen Deutschlands den meisten ganz unentgeltlich oder zu ermäßigten Preisen — Aufnahme gewährt, darunter 100 aus Bayern, 50 aus Preußen, von denen aus Berlin allein 34 stammen, der Rest aus den anderen Staaten. Für die nächste Saison find schon jetzt fast alle Platze belegt. Die Anstalt kann als eine Musteranstalt bezeichnet werden und verdient das Wohlwollen aller Kreise. Mitteilungen und Anmeldungen von Kindern find an Herrn Dr. med. Münz, Badearzt, Bad Kisfingen, zu richten. Jährliche Beiträge und Spenden nimmt der Vereinskassier Herr Wilhelm Ottensoffer, Adlerstraße 6 in Nürnberg, entgegen. Freibnrg i. B., 17. April. In Freiburg i. B. wurde Ende vorigen Monats von Herrn Louis Kahn aus Frankfurt a. M. eine Ortsgruppe des Verbandes der Sabbathfreunde gegründet, der ca. 25 Mitglieder beitraten. Herr Simon Eppstein in Freiburg hat sich bereit erklärt die Propaganda weiter zu führen und wenn möglich auch in den größeren Landgemeinden in der näheren und weiteren Umgegend Freiburgs Ortsgruppen zu gründen. Es wäre sehr zu wünschen, daß auch die gesetzestreuen Studenten sich dem Verbände zur Verfügung stellten, wie es z. B. ein Münchener Akademiker getan hat, der in den letzten 2 Wochen 6 Ortsgruppen gründete. — Am besten sind die Sonntage geeignet, da an diesem Tage die meisten Juden in den Landgemeinden zu Hause sind. — Marburg a. L. Die „Jüdische Wissenschaftlich-Geseilige Vereinigung"(I.W.-G. B.) hat ihren 4. Jahresb richt veröffentlicht. Die Zahl der Mitglieder hat stch auch in diesem Jahre erfreulich vermehrt. Auch die Bibliothek des Vereins ist beträchtlich angewachsen. Es wurden im Sommersemester von Mitgliedern .6 im Wintersemester 7 Vorträge gehalten. Die Geselligkeit unter den Mitgliedern wurde durch allwöchentlich stattfindende gemütliche Abende gepflegt. An die Oeff'Ntlichkeit trat der Verein durch einen Vortrag seines Ehrenmitglieds, des Herrn Provinzialrabbiners Dr. Munk („Die Fabel in der jüdischen Literatur^), zu dem die gesamte jüdische Bürgerschaft Marburgs erschien. Personalien. Biua«, 12. April. Heute nacht starb hier der 91j3hrige Isaak Edheimer. Ec fühlte stch biS auf die letzte Zeit vollständig wohl. Mit ihm wird wohl der älteste Mann in hiefiger Gegend zu Grave getragen. Steglitz, 14. April. Am vergangenen Donnerstag habm wir ttnen braven Mann begraben. Der Begründer der jüdischen Gemeinde in Steglitz, deren eifrigster Förderer, Herr Moses W Offenstem, ein A ann, der mit vielen edlen Herzenseigenschasten einen echt religiösen Sinn und ein überaus bescheidenes, selbstloses Wesen verband, starb nach knrzer Krankheit im 69. Lebensjahr Sein Herzenswunsch, in den nächsten Wochen seinen einzigen Knaben an die zu desien Bar-Mi^wa gestiftete Thorarolle treten zu sehen, ist ihm leider nicht erfüllt worden. In der kleinen Synagoge, die er auf dem Garten hinter seinem Hause erbaut hatte und auf die er große Liebe und Sorgfalt verwandte, war vor dem Hechal seine Leiche aufgebahrt worden. Ja tiefer Bewegung wurden hier dem Verblichenen Worte der Liebe und des so reich ve dienten Lobes nachgerufen. Als der Sarg in der Abenddämmerung durch die Straße zog uns eine dicht gedrängte Menge Lcidtr igender eine große Strecke weit dem verehrten Manne das letzte Ehrengeleite gab, da empfanden wohl Alle, daß wiederum einer jener immer seltener werdenden Menschen, die in stiller Art für ihre Mitmenschen leben nnd sorgen, von uns gegangen war. Sein Andenken wird gesegnet bleiben. rosan. $precb$aal. Budapest, 7. April. In der jüngsten Nummer Ihres gesch. Blattes wird mitgeteilt, daß Herr Rabbiner Fürst in Wien mit der rituellen Verpflegung der bevorstehenden Pakästinareife des zionistischen Zentralvereins in Wien nichts gemein habe, während das Organ der ungarlandischen Neologen „Egyenlöseg" nicht aufhört zu publizieren, daß Herr Rabbiner Fürst nicht nur die rituelle Verpflegung leitet, sondern auch die Meldungen zur Teilnahme an der Reise in Gemeinschaft mit Herrn Grajewsky entgegennimmt. Wird hier ein Mißbrauch mit dem Namen des Herrn Rabbiners getrieben? Zweimal haben schon gesetzestreue Teilnehmer solchen Vorspiegelungen aufaeseffen. Herr Rabbiner Fürst sollte sich doch energisch dagegen verwahren, daß von irgend einer Seite sein Name derart mißbraucht wird. X. inderecke. Briefkasten. L. in G. Ihre Frage, ob man am Pesach von einem Juden, 'der sein Vieh mit pan füttert, die Milch beziehen darf, ist zu verneinen. Die Mhflütfcspaufe. Frühstückspause wars. Die Schüler des Gymnasiums ergingen sich in dem großen Schulhofe und suchten sich durch ihre Munterkeit für den Ernst der Schulstunde schadlos zu halten. Hier spielten einige Sextaner Schlagball, dort stand eine Gruppe lachend und plaudernd zusammen, ein paar allzu Fleißige oder Faule überlasen ', ihre Lektion für die nächste Stunde, aber alle sprachen trotz ihrer Beschäftigung fleißig dem Frühstück zu. Es war ein hübscher Anblick. Dies schien auch der kleine ärmlich gekleidete Knabe zu denken, der an dem Schultor vorbeiging und einige Augenblicke sichen blieb. Besonders schienen die Brötchen der Kinder großen Eindruck auf ihn zu machen und ein begehrlicher Blick traf einen großen schlanken Knaben, der eben fein appetitlich belegtes Wurstbrot aus der Frühstückstrommel nahm. Dieser verstand den Blick wohl, mit einem Schritt stand er neben dem Kleinen. „Da, nimm", sagte er freundlich. „Nein, nein, danke." „So nimm doch," drängte der Große, „Du bist doch hungrig und ich habe noch ein Brot." „Nein, nein, ich darf nicht! Ich bin ein Jude, und wir dürfen nur Fleisch essen, das nach einer bestimmten Art zubereitet ist!" „Soooo!" Der Große dehnte das Wort in die Länge wie einen Gummifaden, der kleine Junge, der da so tapfer dem Hunger Widerstand leistete, imponierte ihm sichtlich und tat ihm leid, doch er vermochte seinem Gefühle keinen Ausdruck zu geben. Da fiel ihm etwas ein. „So gehe mit mir zum Pedell, ich will Dir ein Butterbrot geben lassen." „Danke, das darf ich auch nicht!" „Aber Du bist doch so hungrig!" Hungrig war er wohl, den ganzen Tag hatte er noch nichts gegessen,- einen Augenblick schwiegen beide. Da erschallte die Schulglocke, ein Zeichen, daß die Pause zu Ende sei. Der Gymnasiast griff in die Tasche und schüttete den Inhalt seines Portemonnaies in die Hand des Judenknaben. „Ich muß in die Klasse", sagte er, „kaufe Dir selbst etwas, was Du essen darfst, aber Du bist ein tapferer kleiner Kerl und wenn Du weiter so bleibst, wird etwas Tüchtiges aus Dir werden." Freundlich strich er dem Kinde über den dunklen Kops und ehe dieses sich noch bedanken konnte, war der Knabe davongeeilt. Die Bemerkung des Gymnasiasten hat sich bewahrheitet, der Knabe, der dem Hunger so tapfer widerstand, ist auch als Jüngling fest gegen jede Versuchung geblieben und ein frommer, tüchtiger Mann geworden. Mlel. (Hebräisch.) Ich bin das Ziel und Ende aller Mühe, Und jedes Menschenkind kommt einst zu mir. Doch änderst die Vokale du, so siehe, Ich dien' als Opfer und Geschenk dann dir. Verstell' ein Zeichen dann, und ziehe, Wenn kampfesmüde, ein in mein Revier. Walter Wohlfarth, Frankfurt a. M.

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