Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1907)
- Date
- 1907-04-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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m 18. 1907. WWWWWWMWW^WWWWWWWMMMWWWffWWMWW« Der Israelit. W^WWWWWW WWWWffWWWMWMW -Nr. 16. Seite 7 Oldenburg, den 10. April. Anläßlich der am 14. April stattgehabten Tagung des Jüdischen Landesgemeinde-Rates für das Großherzogtum Oldenburg, wo die Frage der Feuerbestattung verhandelt wurde, hielt der Vorsitzende Herr Landrabbiuer Dr. Mannheimer eine Rede, die wir auszugsweise wiedergeben. Durch die Errichtung eines Krematoriums in Bremen sowie durch die eifrige Tätigkeit der Fenerbestattungsvercine ist Ze Frage der Leichenverbrennung in letzter Zeit auch häufig in den jüdischen Gemeinden meines Bezirkes aufgeworfen worden, imd diese Frage hat, wie mir bekannt geworden ist, auch enzelne Anhänger unter den Juden gefunden. Da es sowohl für die Beteiligten als auch für mich sehrpeinlich sein würde,, lange Verhandlungen zu pflegen, wenn Gott behüte einmal ein Sterbefall in einer Familie eintritt, wo per Verstorbene seine Einäscherung vorher bestimmt hatte, zumal in einer Zeit, wo das Herz der Hinterbliebenen an üch schon >o bedrückt und heimgesucht ist, so halte ich es für meine Pflicht, jetzt schon, bevor ein solcher Fall vorliegt, mich an die Mitglieder meiner Gemeinden zu wenden. Tenn es wäre mir sehr leid, wenn ich seiner heimgesnchten Familie meine Seelsorge nicht weihen könnte, gerade in einer solch traurigen Stunde, wo sie des Trostes so sehr bedarf, und es würde mir sehr wehe tun, wenn ich einem Bruder oder einer Schwester, mit denen ich Jahrzehnte zusammen gelebt und zusammen gewirkt, mit denen ich Freude und Leid in allen Lebenslagen geteilt habe, nicht einen 'Jiacimtf, — nicht ein &ebet — nicht ein Wort des Abschiedes beim Heimgange in die Ewigkeit widmen könnte. Gerade mich würde eine solche Unterlassung besonders schmerzen» wo ich mit den Familien meines Bezirks io innig verwachsen bin, und nur zu leicht durch dergleichen Fälle eine Kluft zwischen der betr. Familie und ihrem Seelsorger geschaffen werden könnte, da ihnen mein Standpunkt vollständig unerivartet inmitten einer schwergeprüften Zeit mitgeteilt werden müßte. Deshalb sei meinen Gemeinden kundgctan, daß auf allen Rabbinerversammlungen, die sich bis jetzt mit der Feuerbestattungsfrage beschäftigten, der gleiche ablehnende Standpunkt eingenommen wurde. Es ist also keine Intoleranz von mir, wenn ich erkläre, daß bei Leichen, die zur Verbrennung benimmt find, ich weder vorder, noch nachher irgendwie mich amtlich zu beteiligen in der Lage bin. Zuletzt waren am *. April d. I. eine Anzahl norddeutscher Rabbiner in Bremen zusammengetreten, wo, trotz der sonst so verschiedenen religiösen Richtungen» doch einstimmig folgende Resolutionen gefaßt wurden: 1. Wir find in Uebereinstimmung mit sämtlichen Rabbinern der verschiedensten Richtungen darin einig, daß eine Einäscherung jüdischer Leichen der denkbar größte Verstoß gegen das jüdische Religionsgesetz ist. 2. Zu Ehren einer zur Einäscherung bestimmten Leiche irgend eine rabbinische Funktion vorzunehmen, ist mit der Pflicht und dem Amte des Rabbiners unvereinbar. 3. Wir halten eine Beschäftigung der »Chewroh Kadischoh" mit einer zur Einäscherung bestimmten Leiche als unvereinbar mit den Aufgaben und Tendenzen der Ehewroh Kadiichoh. Meine Herren! Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, aus welchen Gründen die jüdische Religion diesen ablehnenden Standpunkt einnimmt, würde uns zu weit führen. Aber Eines kann ich nicht übergehen. Es gibt viele Juden, die manches tun, was die jüdische Religion verbietet, aber sie haben sich alle doch noch E i n Gefü >l bewahrt — ein echt jüdisches Gefühl, das auch im Herzen des freiesten Juden noch glimmt, und das ein starkes Band gewoben hat um die zerstreuten Glieder Israels auf dem weiten Erdenrunde, — das ist die Pietät—! Mit der Leichenverbrennung aber wird dieser s.ctzte Funke ans gelöscht, die Pietät wird vernichtet. Welche pietätvollen Vorschriften hat das jüdische Glaubensgci'etz bei der Behandlung der Leichen erlassen! Eine Leiche ist iür uns ein Heiligtum, dessen geringste Verletzung eine schwere Sünde ist, wie vorsichtlich wird bei der „Taharoh" und bei allen Beschäftigungen mit der Leiche verfahren, um sie nicht zu beschämen, nicht ein Glied zu brechen, — weil in ihr ein Geschöpf Gottes wir erblicken, das wir Gott io rein und so unverletzt znrückgeben uns anschicken, wie es Gott uns dereinst gespendet, eine Verletzung durch Menschenhand wird als Eingriff in Gottes Rechte hetrachtet. Wie pietätlos aber geht eine Verbrennung vor sich, man muß einmal eine Leiche beobachten, während dieses Prozesses, und man wird anderer Meinung darüber werden. Unsere Kommission hat eine solche Verbrennung, welche Ai:-j Stunden dauerte, genau mit angesehen. Ich will unterlassen, hier die Einzelheiten zu schildern, aber nicht unterlassen will ich zu erklären, daß es bei mehreren Verbrennungen an demselben Tage absolut unmöglich ist» die zuriickbleibenden Knochenrefte der einzelnen Leichen auseinanderzuhalten, sodaß es nur Einbildung ist, die uns die Reste unserer Angehörigen in der Urne vermuten läßt. Diese Vermutung wurde uns von dem betr. Beamten des Krematoriums offen bestätigt. Man spricht oft von dem unästhetischen Anblick der Verwesung, aber ich bin überzeugt, daß, wer einmal eine Leiche während des Verbrennungsprozesses beobachtet hat, viel lieber der Matur ihren natürlichen Laus laffen und lieber der Verwesung anheimfallen wird, zumal wir Menschen gar kein Recht haben, in den Gang der Natur gewaltsam einzugreisen und einen Menschenkörper eigenmächtig zu verrrichten. Das ist eine Rückkehr zum Heidentum. Wenn das VerbremPN irgendwelchen sanitären oder kulturellen Vorteil brächte, wäre es in Preußen und Bayern nicht bis heute verboten worden. Also, meine Herren, ich wollte nicht mit einer bloßen Erklärung heute vor Sie hintreten, sondern ich habe Ihnen diese brennende Frage in großen Umrissen etwas eingehender be handelt, und bitte Sie nicht nur, als Mitglieder unserer höchsten jüdischen Behörde, sondern auch als Führer Ihrer Gemeinden und als Juden aufklärend mitzuwirken, damit meine Gemeinden mich richtig verstehen, mich nicht der Intoleranz zeihen, und damit es mir ermöglicht bleibe, auch weiter, wie in freudigen, so auch — wenn Gott es io verhängt, — in ernsten Stunden den Mitgliedern meiner Gemeinden tröstend als Seelsorger zur Seite zu stehen. Die Rede machte auf die Versammlung einen tiefen Eindruck und wird ihres Zweckes nicht verfehlen. Eisenach, 10. April. In der Sitzung des Landtags in Weimar vom 23. v. M. forderte der antisemitische Abgeordnete, Oberlandesgerichtsrat von Richthoseu, die Regierllng auf, die russische Studentenschaft an der Universität Jena genauer zu kontrollieren und gegen Elemente, die sich mißliebig machen, einzufchreiten. Staatsminister Dr. Rothe lehnte dagegen ein Einschreiten ab, die Regierung habe diese Frage bereits im Auge gehabtvon Mißständen, die von ausländischen Studenten hervorgerufen würden, könne keine Rede sein. Der antisemitische Vorstoß ist also diesmal gründlich mißlungen.— Eine ähnliche Erklärung hat übrigens die preußische Negierung auch in der Budgetkommission des Abgeordnetenhauses in der vorigen Woche gegeben. Es wurde von antisemitischer Seite verlangt, daß angesichts der Teilnahme der Studenten an den Wahlen in Leipzig diejenigen Ausländer, die Sozialdemokraten seien, entfernt würden. Die megierung steht grundsätzlich cuif demselben Standpunkt, betonte aber, daß in Preußen eine Gefahr sich bisher nicht gezeigt habe. Die Zahl der Ausländer sei konstant, sie betrage annähernd acht vom Hundert; in Berlin seien die Bedingungen für die Aufnahme sehr streng, da man von den Ausländern eine gleichwertige Bildung mit der der Inländer verlange; man werde der Teilnahme der Ausländer an der Politik mit Nachdruck entgegentreten, zudem würden die Ausländer auch von der Polizei kontrolliert. Eine Ausländergebühr zu erheben, sei aber aus manchen Gründen bedenklich. GngUrrrd. Her Sali ITlonfefiore-rnonfagu in jioniflifdier Beleudifung. London, 15. April. Herr Nachum Sokolow ist ein liebenswürdiger Plauderer. Selbst wenn er wehe tut, kann man ihm schwer böse sein, und die Erinnerung an seine Kindheitstage in der heiligen Stille des Beth-ha-midrasch überzieht sogar die spitzigen Bemerkungen durch die er von Zeit zu Zeit auch das gesetzestreue Judentum zu ironisieren pflegt, mit einem Hauch rührender Intimität, der den Kritiker gewinnt und entwaffnet. Aber alles hat seine Grenzen, auch die Freiheit des Feuilletonisten darf nicht zu einer wahrheitswidrigen Verkleinerung unserer geschichtlichen Größen und zu der billigen Methode führen, ernste Zeitprobleme durch einen Witz zu lösen. Diese Grenzen scheinen uns durch folgende Causerie stark überschritten, die Herr N. 8. in der „Welt" veröffentlicht: Ein Wyborger. Sir Samuel Montague hat seinen Beitrag für die religiöse Erziehungsbehörde in London verweigert, weil Mr. Claude Montefiore dieser Behörde angehört. Und Mr. Claude Montefiore ist, nach der Ansicht des Sir Samuel, ein Ungläubiger. Sir Samuel entfefielte die Katarakte seines religiösen Zornes, nachdem Mr. Montefiore in einer Schrift die Offenbarungslehre auf philosophischem Wege erklärte. Als das prasselnde Donnerwerter in den englisch-jüdischen Zeitungen auSgetost war, verlangte Sir Samuel von Mr. M., sein Amt niederzulegen. Da. Mr. M. vis jetzt sein Amt beibehält, wandte Sir Samuel die friedliche Revolutionsmethode des Wyborger Auftufes an. In Rußlang gelang diese nicht, und die Wyborger sind noch immer von einem Prozeß bedroht. Aber Sir Samuel läßt die andern in Ruhe: er agitiert nicht, er wendet die Methode der Steuerverweigerung nur auf sich selbst an. Kein Offenbarungsglaube — kein Beitrag. Sir Samuel ist streng orthodox und hält an diesem Prinzip mit der Konsequenz, welche ihn ziert, auch bei dieser Frage fest. Es ist eine positive religiöse Ueberzeugung, die sich hier betätigt Kein Diplomatisieren und keine Persönliche Rücksicht. Und so muß es kommen, wenn der jüdischen Zusammengehörigkeit die Richtlinien der vielen Glaubenssätze gezogen werden. Die zahllosen Grade der Strenggläubigkeit und des Rationalismus müßten, jeder für sich, die Behörden und Beiträge haben. Maimonides hatte seine Offenbarungsthevrie — eine Behörde und Beiträge. Gersonides war viel liberaler — her mit einer neuen Behörde! Stämmig und kräftig wie eine Eiche im Walde steht Sir Samuel. Er imponiert mir mit seiner geraden Rücksichtslosigkeit. Er zieht die Konsequenzen der konfessionellen Auffassung des Judeseins. Nur daß dieses Sein ein Zerrbild des wirklichen Seins ist. Das wirkliche Sein war unabhängig von den tausend Meinungsverschiedenheiten der Sekten und der Schulen, der Hillels und der Schammais. Es umfaßte alle, und wurzelte in der Gesammtheit. Es ist nicht eine Kirche, gegen die man, nach dem Muster englisch-christlicher Dissidenten, „passive resistance“ machen kann. Es ist nicht die Spielart einer Sektenmumie mit einer versteinerten Tradition. Es ist ein lebendiges Volk. Wir würden hierzu nichts zu bemerken haben, wenit der Verfasser rundweg erklärt hätte: vom zionistischen Standpunkte aus ist jede Streitfrage religiöser Natur und handle es sich auch um Sein oder "Nichtsein des jüdischen Osfenbarungsgla ube ns, bedeutungslos gegenüber der Wohlfahrt des jüdischen Volkskörpers, der — wie andere Völker auch — in der Religion ein Mittel und nicht einen an sich wertvollen Zweck erblickt. Eine solche Erklärung wäre in sich folgerichtig und widerspruchslos und nur von einem ihr fremden Standpunkt aus zu bekämpfen. Verwahrung einlegen müssen wir aber gegen den Versuch, den Gegensatz zwischen Männern wie Montefiore und Montagu durch historische Parallelen ä la Hillel und Schammai oder Maimonides und Gersonides zu illustrieren und dainit alle diejenigen, die in Montagus Verhalten die Erfüllung höchster jüdischer Lebenspflicht erblicken, zu unwiffenden und unjüdischen „Konfeffionsjuden" zu stempeln! Hand aufs Herz, Herr Sokolow! Glauben Sie wirklich, daß der dogmatische Gegensatz zwischen Hillel und Schammai, zwischen Maimonides und Gersonides auch nur der Art, geschweige denn dem Grade nach mit dem Ja und Nein zu vergleichen ist, das die beiden englischen Gegner von einander trennt? Hat Hillel, hat Gersonides — man verzeihe die hypothetische Wendung — je daran gedacht, die einzige geschichtliche Grundlage zu zerstören, auf der das Judentmn (das religiöse Judentum) seit Jahrtausenden ruht? Claude Montefiore hat nicht „die Offenbarungslehre auf philophifchem Wege" erklärt, sondern er hat einfach die Göttlichkeit der Bibel geleugnet, der Bibel, für deren Göttlichkeit unsere Väter und Mütter in den Tod gegangen sind und um derentwillen allein ihr Volkstum ihnen das Leben wert schien. Da hat auch der überzeugte Zionist kein Recht, den ernsten Gegensatz zwischen dem Bejaher und Verneiner des historischen Judentums unter das bequeme Schlagwort von den „tausend Meinungsverschiedenheiten der Sekten" zu rubrizieren und den Kämpfenden die hübschen Worte „Sektenmunrie" und „versteinerte Tradition" an den Kops 511 werfen. Uns „alten" Juden ist die religiöse Wahrheit derUeberlieferung nun einmal mindestens so wichtig, wie dem Zionisten sein nationales Glaubensbekenntnis, und solange Herr Sokolow nicht geneigt ist, die Leitung des zionistischen Aktionskomitees, dem ehrenwerten Herrn Rabbiner Vogelstein oder Herrn Rudolf Mo sse anzuvertrauen, solange möge er unterlassen, die „Konfeffionsjuden" zu verspotten, die ebensowenig Lust haben, die Böcke zu Gärtnern zu machen, und die darum ihre Steuerkreuzer den Montefiore und Genoffen zu weigern sich verpflichtet fühlen.