Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1907)
- Date
- 1907-04-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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18. April iE Der Israelit. Seite 6 Nr. 16. Für die hier anwesenden Zoologen und sonstigen Naturforscher, meinte Wasmann, ist dies Kapitel eigentlich überflüssig. Denn in zoologischen Kreisen weiß man längst darüber Bescheid. Auf der Versammlung der deutschen Naturforscher in Aachen im September 1900 hat Oscar Hertwig mit Recht im Anschluß an Huxlep gesagt: Die Entwickelungslehre werde stehen bleiben, wo sie stand, wenn auch die Darw nistische Hypothese hinweggeweht würde Mit anderen Worten: Darwinismus und Entwickelungslchre sind nicht gleichbedeutende Begriffe. Die Entwickelungslehre ist der weitere allgemeine Begriff. Er besagt die Lehre von der Stammesentwickelung der organischen Arten. Der Darwinismus dagegen ist die Lehre von der Entstehung der organischen Arten durch die natürliche Zuchtwahl, also eine besondere Form der Entwickelungslehre. Das Wort Darwinismus hat verschiedene Bedeutung. In weilen Kreisen herrscht diesbezüglich eine große Begriffsverwirrung, die noch fortgesetzt geschürt wird durch 0 populärwissenschaftliche Schriften, die in dieser ung äußerst unklar gehalten sind. “ Die Selektionstheorie, der Darwinismus im engeren Sinne, ist kurz folgende: Aehnlich, wie der menschliche Züchter aus den verschiedenen Variationen der Haustiere ganz bestimmte Stücke auswählt, die bestimmte Eigenschaften zeigen, uni durch Reinzucht dieser Jndividien unte einander eine neue Rasse mit eben jenen Eigenschaften heranzuziehen, so geht es auch in der Natur zu, aber vollkommen absichtslos. Dafür ist die Voraussetzung eine nach verschiedenen Seiten unbestimmt und unbegrenzt sich bewegende Veränderlichkeit der organischen Arten. Sind nun unter bestimmten Bedingungen einige Varietäten da, die sich den Lebensvcrhältnissen besser anpaffen als andere, so werden diese obsiegen im Kampfe ums Dasein, die anderen werden verdrängt im Konkurrenzkampf. Die Sieger werden schließlich ihre Eigenschaften auf die Nachkommen vererben, und durch Vererbung werden jene Eigenschaften sich mehr und mehr steigern, bis sich eine neue Varietät, eine neue Raffe, eine besondere Art usw. entwickelt haben. Dieser Grundgedanke der Darwinschen Theorie ist an und für sich ganz richtig und hat viel für sich; ich verwerfe ihn keineswegsaber seine Tragweite ist nicht so groß, wie man vielfach geglaubt hat. Unter Darwinismus im weiteren Sinn bezeichnet man vielfach in populären Kreisen die Verallgemeinerung der Darwinschen Selektionstheorie zu einer allgemeinen' Darwinistischen „Weltanschauung". Dieselbe ist indentisch mit der monistischen Weltanschauung in der Form des „Haeckelianismus"; nach ihr soll ohne irgend einen Schöpfer die ganze Welt entstanden sein und durch rein mechanische Ursachen sich entwickelt haben. Die dritte Bedeutung des „Darwinismus" in populären Kreisen ist die Anwendung der darwinistischen Selektionstheorie auf den Menschen Der,Mensch soll die durch den Kampf ums Dasein höchst hinäufgezüchtete Bestie sein, weiter nichts. Viertens endlich wurde mit dem Wort Darwinismus die Entwickelungstheorie überhaupt bezeichnet. Diese Begriffsverwirrung hat sehr viel geschadet nach allen Setten. Wenn z B. irgend ein ernsthafter Forscher glaubte in einem Spezialgebiet Beweise gefunden zu haben für die Entwickelung der Arten, dann bekämpfte man ihn auf der einen Seite gleich als Darwinisten Ebenso wurden aber auch von der anderen Seite die Fortschritte der Entwickelungstheorie als naturwissenschaftliche Hypothese und Theorie ganz irrtümlich als Erfolge des „Darwinismus" ausgebeutet, wie cs namentlich von Häckel geschehen ist. Daraus erklärt sich der große Anklang, den der Darwinismus in den weitesten Kreisen bis in die tiefsten Volksschichten hinab gefunden hat Nun eine kurze Kritik der verschiedenen Begriffe des Darwinismus, lieber die Selektionsthcorie hat man in neuester Zeit vielfach sehr ungünstig geurteilt. Es gab einzelne Forscher, die gar nichts von ihr wissen wollen. Es sind sogar Aeußerungen gefallen von namhaften Zoologen wie Driesch: Der Darwinismus sei eine der großen Verirrungen des neunzehnten Jahrhunderts, es sei das ganze Jahrhundert durch ihn an der Nase herumgeführt worden, lind gegen einen namhaften Verteidiger der Selektionstheorie sagte Driesch, es klinge ihm wie eine Leichenrede, was derselbe zu Gunsten des Darwinismus dorbrachte. Ich glaube, das ist etwas zu weit gegangen. Nach den Erfahrungen, die ich in meinem Spezialgebiete gewonnen habe, ist die Darwinistische Sclekr onstheorie als Hilfsfaktor unentbehrlich, aber auch nur als H i lfs fa ktor. Die Hauptsache bleiben stets die inneren Entwickelungsursachen, welche die zweckmäßigen Abänderungen hervorbringen, nicht die äußeren Umstände, welche die unzweckmäßigen Abänderungen im Existenzkämpfe beseitlgen. lieber die sogenannte Darwinistische Weltanschauung brauche ich weiter kein Wort za verlieren, weil sie identisch ist mit jener realistisch-monistischen Weltauffassung, auf welche ich bereits im ersten Teil des heutigen Bortrages näher eingegangen bin. Was speziell die Anwendung der Darwinistischen Selektionstheorie auf den Menschen angeht, so ist diese Gegenstand meines dritten Vortrags. (Fortsetzung folgt.) t orrespondenzen und M^achrichten. Deutsches Reich. Berlin, 12. April. Das Deutsche Bureau der Alliance Jsra<';!ite Universelle stellt uns folgenden Bericht zur Verfügung: Lodz, 11. April. In der Vorstadt Baluty, die hauptsächlich von der armen christlichen und jüdischen Bevölkerung bewohnt wird und an die sich der vorwiegend jüdische Stadtteil anschließt, befindet sich ein Laden, der von der christlich-nationalen Partei gegründet worden ist und wahrscheinlich auch ihr gehört. Diese Partei ist hier, wie in ganz Polen, mit der antisenlitischen Partei identisch, die bei den jüngsten Wahlen zur Reichsduma gesiegt hat. Die Partei führt den offiziellen Namen „national-demokratische Partei" (naradowa-demokratyczna Partja)- ihr gehört, speziell in Lodz, der größte Teil der polnischen Arbeiter an. Seit 2 Jahren, also seit Beginn der Revolution steht diese Partei im Streit mit den sozialistischen Gruppen, nämlich der polnischen sozialen Partei, dem sozialdemokratischen Bund, dem Proletariat. Der Grund des Streites soll bei den nationalen Arbeitern in der Abneigung gegen das Streikeil liegen. Tatsächlich werden die national-demokratischen Arbeiter durch das reaktionäre Comit« der Partei geleitet und gegen die Sozialisten und Juden aufgehetzt. Kein Tag vergeht, ohne daß auf offener Straße ein oder mehrere Arbeiter von der Gegenpartei niedergeschossen werden. Jil der letzten Zeit sind es ausschließlich Nationalisten, die ihre Gegner morden. Die Parole dazu ging von der Leitung der Partei aus. Dumaabgeordneter Dmowski, der Führer der nationalen Partei, sagte in einer öffentlichen Wahlversammlung in Warschau: „In dem Kamps gegen die Feinde des polnischen Volkes waren wir gezwungen, das Blut unserer Brüder zu vergießen." Solche Morde gehören zu den täglichen Erscheinungenman hat sich längst an sie gewöhnt. Die Polizei kümmert sich um nichts. Vor einigen Wochen wurden zwei Offiziere und mehrere Soldaten am hellen Tage aus der Straße niedergeschossen. Auch hier entkamen die Täter. In der vorigen Woche drangen mehrere Leute in den Laden der christlichen Partei ein und ermordeten die darill anwesenden Personen. Wiederunr entkamen die Mörder. Jetzt beganlien fortgesetzte Greueltaten. Binnen zwei Tagen lvurderr gegen 40 Personen niedergeschossen und noch mehr verwundetdarunter auch viele Juden. Der Schauplatz dieser Mordtaten ist hauptsächlich die Vorstadt Baluty, aber auch andere Stadtteile blieben nicht verschont. Unter den Getöteten sind Kinder von 14—15 Jahren. Die hiesige .antisemitische polnische Zeitung „Rozwoy" schrieb uach dem Attentat in dem Laden: „Das hat die Konkurrenz gemacht, der unser Laden ein Dorn im Auge warwir werden uns rächen!" Infolge dieser Ereignisse ist eine Panik namentlich unter der jüdischen Bevölkerung ausgebrochen. Ein Offizier erzählte daß am 7. d. Mts. der Ausbruch von Unruhen erwartet wurde, und die Truppen die ganze Nacht über sich bereit halten mußten. Am Sonnabend den 6. d. Mts. wurden in einem Monopol- (Branntwein) Laden ein Schutzmann und 2 Soldaten getötet, und am 9. d. Mts. zwei Bomben geworfen, die glücklicherweise niemanden. verletzten. Wie dies endeil wird, weiß kein Mensch. Vielleicht tritt endlich doch Ruhe ein. Berlin, 12. April. Aus Warschau wird der „Bossischen Zeitung" gemeldet: Die Auswanderung der Juden aus ben südlichen Gouvernements, veranlaßt durch die Furcht vor deu zu den orthodoxen Ostern angeblich bevorstehenden Pogroms, nimmt ungeheuren Unifang ail. Die jüdischen Organisationen suchen zu verhinderil, daß diese Bewegung in eine Massenflncht ansartet. München, 12. April. Das Gemeindekollegium beriet gestern über die Frage der Einführung der vollständigen Sonntagsru h e. Die Frage war in den Ausschüssen _ eingehend erörtert worden. Es war eine große Anzahl von Eingaben eingegangen, die sich teils für, teils gegen die Erweiterung der Sonntagsruhe aussprachen. Mehrere Vereine hatten eine Umfrage veranstaltet, deren Resultat einer Erweiterung der Sonntagsruhe günstig war. 16 gesetzestreue jüdische Firmen petitionierten um die Erlaubnis ihre ebenfalls gesetzestreuen Angestellten hinter verschlossenen Türen zu beschäftigen. Gemeindebevollmächtigter Wörz (lib.) erstattete in der Sitzung das Referat. Er beantragt die Annahme der Ausschußbeschlüsse. Die Eingabe der jüdischen Firmen ersucht er zu berücksichtigen. Er verweist auf die auf ein Gesuch der bayerischen Rabbiner erfolgte Entschließung der Regierung, die es den Gemeindebehörden nahelegt, das Verlangen zu bewilligen. Für den Fall, daß das Gemeindekollegium dem Wunsche nicht Rechnung trage, sei der Wegzug der Firmen zu befürchten, die meist Engrosgeschäftc, daher an keinen bestimmten Platz gebunden sind. An das Referat schließt sich eine mehrstündige Debatte an. Die Sozialdemokraten beantragen die vollständige Sonntagsruhe mit Ausnahme der beiden Oktoberfestsonntage und der beiden Sonntage vor Weihnachten, an denen von 10—1 bezw. von 10—6 geöffnet werden soll. Gemeindebevollmächtigter Gutmann (lib.) beantragt, den strenggläubigen jüdischen Geschäften zu gestatten, daß sie ihre jüdischen Angestellten 2 Stunden im Kontor beschäftigen. Gemeindebevollmächtigter R i g g a u e r (Zentrum) bekennt sich ebenfalls als Freund der völligen Sonntagsruhe. Er habe aber nicht das Herz dafür zu stimmen, da ihm eine Reihe von Geschäftsleute nachgewiesen haben, daß sie sehr schwer dadurch geschädigt würden. Der Antisemit Wagner erklärt, er werde nicht für die Ausnahmen zu Gunsten jüdischer Firmen stimmen. Professor Quid de (Dem.) führt zu diesem Punkt aus: Was die Behandlung der jüdischen Firmen anlange, so scheine es ihm geboten, hier. Toleranz zu ü6eil und denen, die an Samstagen vollständig geschlossen halten, zu gestatten, daß sie ihr jüdisches Personal hinter verschlossenen Türen beschäftigen. Die Beschäftigung von christlichem Personal sei ja überhaupt ausgeschlossen. Er möchte bitten, die betr. Anregung dem Magistrat hin üb erzu geben. Herr Gutmann befürwortet nochmals seinen Antrag. Wenn davon gesprochen würde, daß damit eine Ausnahme geschaffen werde, so sei darauf zu er widern, daß umgekehrt zu Ungunsten der orthodoxen Juden eine Aunnahme dadurch geschaffen würde, daß sie zu ihrem Feiertag auch noch den darauffolgenden Tag zu feiern gezwungen wären, der nach ihrer religiösen Anschauung kein Feiertag sei. Bei der Abstimmung wird schließlich der Antrag der Sozialdemokraten auf Einführung der vollen, ganzjährigen Sonntagsruhe mit allen gegen 12 Stimmen abgelehnt. Der Antrag der Ausschüsse (völlige Sonntagsruhe vom 1. Januar bis Ende August) wird mir allen gegen 17 Stimmen angenommen. Das Gesuch der jüdischen Firmen wird mit von dem Referenten und Mitglieder des Kollegiums gegebenen Anregungen dem Magistrat zügele i t e t.