Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1907)
- Date
- 1907-04-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449261--63405-2505948- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
vieles „für" und vieles „wider" sagen läßt und daß selbst bei Anwendung aller moderneu wissenschaftlichen Erkenntnisse auch heute noch die Abschnitte ynxo yntn für uns viele Rätsel enthalten. Wir wollten jedoch nur dartun, daß kein zwingender Grund vorliegt, nicht auch in die Lobeshymnen einzustimmen, welche die Gelehrten unserer Zeit unserer heiligen Thora wegen ihrer vollkommenen gesundheitlichen Verfügungen singen. Gottes unendliche Weisheit legte in die Thoragesetze viele Pläne, viele Zwecke, die uns kurzsichtigen Sterblichen bei fortschreitender Erkenntnis allerdings immer klarer werden, aber auch heute noch viel Herrliches in sich bergen, das erst ein kommender Tag ans Licht führen wird. Selbstredend sind die Verfügungen nicht etwa als nur hygienische Maßregeln aufzufassen, sondern sie genügen neben den hygienischen auch noch moralischen Zwecken. Eben weil wir unsere Thora als das nach jeder Richtung hin vollkommene Werk betrachten, wollen wir uns den Glauben nicht nehmen lassen, daß ihre Gesetze auch nach den Regeln der Hygiene in jeder Beziehung als vollkommen betrachtet werden müssen. (Schluß folgt.) Die Uorträge des Paters Erleb Wasmann in Berlin. Bon Dr. I. Wohlgemuth in Berlin. (Fortsetzung). In dem zweiten Vortrag führte Wasmann folgendes aus: Wir haben bisher die Entwicklungstheorie betrachtet als naturwissenschaftliche Hypothese und Theorie. Der denkende Geist geht nun, wenn er eine wissenschaftliche Th. orte lievaewonnen, sofort dazu über, sie zu verallgemeinern. Da entsteht aus der naturwissenschaftlichen Entwicklungstheorie die philosophische Entwicklungstheorie. Daß wir die naturwissenschaftliche Entwicklungstheorie philosophisch verallgemeinern, das ist ganz naturgemäß. Auf welchen Standpunkt soll aber diese Verallgemeinerung aufgebaut werden? Hier beginnt das Gebiet der Weltanschauung. Eine Weltanschauung ohne Voraussetzung, die gibt es einmal nicht. Man hält der theistischen Weltanschauung so oft vor: sie sei nicht „voraussetzungslos". Aber Voraussetzungen hat doch jede Weltanschauung, auch die monistische. Sie setzt die Ewigkeit der Materie voraus, sie setzt vieles andere voraus, was gar nicht erwiesen werben kann, was mit Tatsachen mindestens ebensowenig in Zusammenhang steht, wie die Vorausse^ ungen der theistischen Weltanschauung. Was nun den Monismus angeht, so müffen wir da genau unterscheiden. Es gibt einen „wissenschaftlichen Monismus" der sich mit Vorliebe auch Kausalismus nennt und für jede natürliche Erscheinung auch natürliche Ursachen fordert. In diesem Sinne bin ich auch Monist. Ich verlange, soweit die natürliche Ordnung reicht, ebenfalls für jede natürliche Erscheinung' eine natürliche Erklärung; von der übernatürlichen Ordnung haben wir überhaupt bei unseren Vorträgen hier ganz ab-usehn, well sie nicht in dm Bereich dieser Vorträge gehört. Das Wort hat aber noch eine andere Bedeutung: der metaphysische Monismus, der dadurch gekennzeichnet wirb, daß er die wesentlicheJdentität Gottes mit der Welt behauptet. Er nennt sich Monismus im Gegmsatz zum Dualismus. Der Dualismus, den man der christlichen Weltauffaffung immer zum Vorwurf macht, lehrt, daß Gott wesentlich verschieden ist von der Welt. Der Monismus sagt, sein Gott sei wesentlich identisch mit der Wel'. Wieviel dabei allerdings für „Gott" übrig bleibt, wenn wir die Welt von ihm durch ein algebraisches Rechenexempel subtrahieren, wie die monistische Gottesidee dadurch in ein reines Nichts zusammenschrumpft, liegt auf der Hand. Mit diesem metaphysischem Monismus wollen wir' uns beschäftigen. Wir wollen die Postulate und Voraussetzungen der beiden verschiedenen Weltanschauungen kurz skizzieren und dann miteinander vergleichen und auf ihren Wert prüfen. Zunächst die Voraussetzungen und Forderungen (Postulate) der monistischen Weltanschauung: 1. Wir dürfen keinen persönlichen Schöpfer annehmen, keinen sogenannten extramundan.n (außerwßltlichen) Gott, sondern die Welt mit ihren Gesetzen besteht von Ewigkeit her. 2. Knüpft sich daran das weitere Postulat: Für die Entstehung der ersten Organismen müsien wir eine „Urzeugung" annehmen, d. h. eine spontane Entstehung der ersten Organismen ganz aus der anorganischen Materie. 3. Wir dürfen keine Zielstrebigkeit in den Lebewesen ännehmen. Alles hat sich rein nach mechanischen Gesetzen entwickelt. 4. Wir dürfen keine wesentlichen Unterschiede zuaeben zwischen Mensch und Tiervon einer geistigen, unsterblichen Seele des Menschen kann keine Rede sein. Dagegen stellt die theistische Weltauffaffung entgegengesetzte Postulate auf: Sie sagt: 1. Wir müssen ausgehen von der Annahme eines persönlichen Schöpfers, eines Wesens, das durch seine unendliche Vollkommenheit aus sich selbst und durch sich selbst von Ewigkeit her besteht und das eben wegen seiner unendlichen Vollkommenheit auch allein den Grund seines Daseins in sich selber hat, während die Materie den Grund ihres Daseins nicht in sich selber haben kann. Dieser Gott der christlichen Weltauffassung ist in allen Geschöpfen gegenwärtig, er ist nicht ferne von unser ist überdies tätig durch seine Mitwirkung in allen Geschöpfen, nicht als äeu8 ex machina, sondern wegen seiner innigen Gegenwart in allen Geschöpfen milwirkenb mit allen ihren Sandlungen. Vielleicht wird man da von monistischer eite sagen: Das sind ja rein monistische Ideen! Nein! Der Monismus hat gerade vom Theismus diese Ideen der Allgegenwart Gottes und seiner Mitwirkung zu allen' Tättgkeiten der Geschöpfe entlehnt, um die eigene Gottesidee damit auszuschmücken. 2. Kommt in der theistischen Weltauffassung der Begriff der Schöpfung vor. Das ist allerdings ein schwieriger Begriff für unser Vorstellungsvermögen. Wie etwas, was vorhin nicht da war, ins Dasein treten, aus Nichts werben kann, das können wir uns mit unserer Phantasie nicht vorstellen. Ja, es wäre unmöglich, wenn nicht ein unendlich vollkommenes Sein existierte, welches das endliche Sein schon vorher potenziell in sich schloß. Da aber gerade dies beim theistischen Gottesbegriff zutrifft, so bie.et auch der Begriff der Schöpfung keinen inneren philosophischen Widerspruch. 3. Ferner hat die christliche Weltauffassung mit der Schöpfung der Materie auch bereits die Gesetzmäßigkeit der ganzen kosmischen Entwickelung und der ganzen Entwickelung der anorganischen Welt grundgelegt. 4. Für die Entstehung der ersten Organismen verlangt die christliche Weltauffaffung einen sogenannten Schöpfungsakt. Ich sage sogenanntendenn daß die ersten Organismen aus anorganischer Materie hervorgingen, hängt notwendig Mt dieser Materie zusammen. Es ist keine Schöpfung aus nichts, wie die Schöpstmg der Materie, nein es ist ein Hervorbringen auS anorganischer Materie, die bereits existierte. 5. Mit dieser Hervorbringung der ersten Organismen waren aber auch schon tie ersten Entwicklungsgesetze in die organische Welt gelegt. Diese Entwicklung: gesetze stellt man sich vielfach ganz lalsch vor als kleine Geisterchen, die mystisch und übernatürlich über den Atcmen stoßend und schiebend schweben würden. Das ist vollkommen verkehrt. Das, was wir Leben nennen, ist etwas ganz anderes, als alle materiellen, chemisch-physikalischen Vorgänge, welche dem Lebensprozeffe dienen. Wir sind daher gerade vom naturwissenschaftlichen Standpunkt gehalten, gewiffe Forma Prinzipien anzunehmen, welche nickt als Lückenbüßer einzugreisen haben in die materielle Energie, welche nicht die Konstanz des Energiegesetzes stören, sondern nur die niederen Energien dirigieren, die bis dahin toten Atomen bei der Aufnahme in den Organismus beleben, kurzum die Z i e l st r e b i g k e i t des Lebens- Prozesses von innen heraus bewirken. Dieses Postulat ist our i aus vernünftig, ich persönlich kann ohne dasselbe nicht auskommen. 6. Nun kommt ein weiteres Postulat der religiösen Weltauffaffung. Es ist dasjmige, gegen welches heutzutage am me sten Protest von monistischer Seite erhoben wird, nämlich die Annahme einer geistigen unsterblichen Seele des Menschen. Daß auch die Tiere nicht bloß Maschinen sind, das hat ja schon längst die christliche Philosophie ausgesprochen. Ohne Annahme eines sogenannten Seelenlebens der Tiere kommen wir nicht durch. Aber wie weit geht es'? Es geht nur soweit wie die sinnliche Sphäre reicht. Beim Menschen bewirkt die Seele überdies noch alle anderen Seelentättgkeiten, die auch das Tier ausübt, sie erhebt sich aber noch darüber hinaus zu den höheren Funktionen des Denkens und Wollens und reicht damit u eit über die Sphäre des Sinnenlebens der Tiere. Dies vorausgeschickt, kann ich mich bei einem Vergleich zwischen der theistischen und monistischen Entwicklungslehre kurz faffen. Bon Seiten der theistischen Entwicklungslehre haben wir e i n Rätsel: das ist der Begriff der Schöpfung. Es ist ein Rätsel, das nicht vernunftwidrig ist, da das endliche Sein einen endlichen Anfang haben mußte aus einem unendlichen Sein, welches den Grund seines Daseins in sich selber hat. Dies ist durchaus vernunftgemäß, wenn wir uns auch uicht vorsttllen können, wie das zugegangen ist. Hier hat man also nur ein Rätsel, aus welchem, wenn es einmal in der Weise gelöst ist, wie die christliche Weltanschauung es tut, alle anderen Rätsel sich in logischer Konsequenz weiter lösen laffen. Statt dieses einen Rätsels aber bietet der Monismus tausende von einander unabhängiger Rätsel, die alle nicht gelöst werden können. Die Ewigkeit der Materie mit ihren Gesetzen ist das erste Rätsel. Mit der Materie kann der Begriff der Ewigkeit gar nicht verbunden werden. Das hat Dubois- Reymond vor Jahrzehnten schon ausgeführt. Auch das Rätsel der ersten Bewegung im Weltall liegt unlösbar vor. Bezüglich des Rätsels der Ordnung der Naturgesetze, die doch nicht aus sich selber kommen kann, hat man gesagt, sie habe sich durch Zufall aus dem ursprünglichen Chaos entwickelt, eine Erklärung, die weil allzu unvernünftig, selbst von Darwinisten aogelehnt wurde. Im zweiten Teil seines zweiten Vortrages behandelte Pater Wasmann den Vergleich zwischen Darwinismus und Entwickelungstheorie. ders traurig ist, daß gerade im Sitzungssaal der zweiten Kammer der badischen Landstände die Synodalen der badtsch-israelittschen Religionsgemeinschaft dieses Ketzergericht abhielten - bald wird es, wenn auf den Bühnen Max Dreyers „Probekandidat" wieder gespielt wird, nicht mehr heißen: Geh nach Preußen", sondern: geh nach Baden", dorten ist tie Wissenschaft und deren Lehre frei von jedem Schutz durch die Behörde, denn Jeder kann sich reiben an Allem, was nicht so „liberal" ist wie der Interpellant . . . .. Diese liberale Landessynode mit ihrem noch liberaleren Oberrat zusammen muß sich dieses Stückleins stets schämen - der Oberrat könnte vom protestanttschen Oberkirchemat lernen und seinen Allesmacher, den Herrn Geh. Ober- Reg.-Rat Dr. David Hugo Mayer sollte er nicht sobald wieder loslaffen. bann bleiben ihm Pyrrhussiege, wie der von Mainz vom 9. Juli 1906 erspart*) und kommen solch beleidigende Expektorationen (wir wollen zu Ehren des Dr. Mayer annehmen, er sei entgleist), wie die: „für die Stellen der auSwärttgen Mitglieder (des Gr. Ooerrates) aber seien Männer orthodoxer Richtung, die nach ihrer Vorbildung, sozialer Stellung und verträglicher Gesinnung in Frage kommen könnten, sehr schwer zu finden" nicht mehr vor. Da meine Quellen über die Aufführung der Komödie vom 18. März 1907 nur die »Straßburger Post" No. 299, 312 unv 342, die , Allgem. Ztg. des Jdts.' vom 29. März 1907 und Ihr „Wochenblatt ' vom 22. März 1907 find — den „Israelit" bekomme ich nicht zu Gesicht — und ich aus Ihrer letzten No. 14 vom 5. April l. Js. ersehen, daß eine Protesterklärung gegen die ungehörigen Worte deS Dr. Mayer erlaffen bezw. ergangen fei, so kann ich sagen, daß der Dr. med. Adolf Würzburger in Bad Rappenau, den allein der Schreiber dieses seit 27 Jahren kennt, es in Allem mit dem Geh. *) Sperrdruck des „Israelit". Ober-Reg.-Rat Dr. David Hugo Mayer und sämtlichen weltlichen und geistlichen Unsterblichen — sie haben nämlich Alle nicht die Bedeutung, die Herr Dr. David Hugo Mayer, sich inbegriffen, ihnen beimißt — aushalten kann inbezug auf „Bildung, soziale Stellung und verträgliche Gesinnung! Herr David Mayer aus Müllheim kroch doch nicht als Geheimer Oberregierungsrat aus dem Ei, so wenig wie Adolf Würzburger aus Siegelsbach als Arzt? Aber Adolf Würzburger blieb was er war, ein Kind des Volkes. Bei Herrn Dr. David Hugo Mayer ist wohl der verträglich, der zu Allem, was der Großh. Oberrat will, Ja und Amen sagt, wer laudadililer §e sudjicere vult, sich stets löblich unterwerfen will? Da weiß ich nicht, ob es nicht mehr Ehre für Jedermann ist, nicht dem Oberrate drr Israeliten anzugehören? Also soweit wärs nun im schönen Lande Baden, daß wir nunmehr ein Großberzoglich-Badisches Judentum hätten? Man schreibt seit Jahren von allen Seiten über das.„Wesen des Judentums"- es wäre nicht undankbar und uninteressant, wenn der Herr Konferenzrabbiner Dr. Lewin-Fretburg im kommenden Semester sich habilitteren würde und „über das Wesen des badischen Judentums" lesen würde? Es wäre zum Nutzen und Frommen desselben, denn es stellte sich bald heraus, daß dieses Wesen eine Mißgeburt seies giebt kein badisches Jude tum und wenn die Herren Steckelmacher, Lewtn und Appel par ordre de mutti noch lange daran herumdoktern! Georg Jellinek sagt irgendwo in seiner Staatslehre" etwa: „Es giebt keine königlich-preußische Mathematik, es giebt keine groß-herzoglich badische Psychologie", Herr Dr. Lewin wird nicht im Stande sein, ein großherzoglich-badisches Judentum begreiflich zu machen. Die Herren in Karlsruhe glauben wohl, nur in Karlsruhe und Mannheim seien die „Gebildeten" und die „Liberalen" zu finden! Wenn das Bildung beweist, was Herr Dr. David Hugo Mayer zum Besten gegeben, kann verzichten mit mir Biele „gebildet" zu sein, wenn das das liberale Judentum sein soll, was sich am 18. März 1907 in Karlsruhe als solches gezeigt, dann verzichten mit mir viele badischen und andere Juden als liberal zu gelten. Wie sagt doch Theodor Barth? „Aber wie viele Liberale giebt es, die genau wiffen, weshalb sie sich lieberal nennm? Da ist man Mitglied eines liberalen Vereins und hält damit den Beweis für erbracht, daß man liberal ist usw. Als Jude glaubt so Mancher vielfach seinen Lieberalismus dokumentieren zu müffen, indem er mit einer dicken Cigarre am Sabbath die Kaiserstraße entlang spaziere ober im „Bauer" die „Portion Fisch" verzehre, die vom Schweine stammt. Und so wären wir wieder bei der Schweinerei, von der die „Straßburger Post" in Nummer 299 im gleichen Atemzug wie von der Jnterpellatton Bielefeld und Genoffen zu berichten wußte! Der Korrespondent ist ein Spott Vogelunbewußt war er es wohl? Aber wert war sie schon, die Interpellation Bielefeld, im Zusammenhang mit den Schweinefleischpreisen genannt zu werden! Der Mosbacher Rabbiner Dr. Löwenstein kann stolz sein auf das einstimmige Vertrauensvotum, das die Synode dem Oberrate erteilte, nicht minder die Herren Orthodoxen — ich sage nicht die „Stillen im Lande" — daß sie nicht so gebildet und verträglich find, wie Herr Dr. David Hugo Mayerseine soziale Stellung hat er sich reichlich ersessen, dafür hat er genug Aktenstaub schlucken müffenschlucke er ihn weiter ad mvlt08 annos vis zum Geheimen Rat I. Klaffe mit dem Prädikat „Exzellenz"! Wir find zwar mit dem etwas gar zu persönlichen Tone, den unsere Schweizerische Kollegin anschlägt, durchaus nicht einverstanden, aber grade dieser Ton zeigt die Sttmmung, welche in ganz unbeteiligten, nicht orthodoxen Kreisen, durch tie cberrätliche Politik erzeugt worben ist.