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Der Israelit · 1907-04-18 · Heft 16 (18.4.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 16 (18.4.1907)
Date
1907-04-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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18. April 1907. Der JSraektt Seite 3. Nr. 1« hatten, verloren gegangen. Die jüdischen Einwohner machen sich auf das Aergste gefaßt. Die engliche „Daily Chronicle" wirst in einem Leitartikel die Frage auf, was das englische Volk für die bedrohten russischen Juden tun kann. Das Blatt antwortet darauf folgendermaßen: „Wir können uns weigern, der Anleihe von 29 Mill. Pfund, die die russische Regierung eben in Europa zu bekommen sucht, einen Penny beizutragen, solange diese Regierung ihre eigenen Untertanen nicht gegen. Massacres schützt. Und wir können uns weigern, mit den Räten des Zaren irgend eine Verständigung einzugehen, solange dieselben fortfahren, die elementarsten Freiheitsrechte mft Füßen zu treten und die konstitutionelle» Pflichten, für deren Erfüllung sie sich verbürgt haben, außer acht zu lasten." Wenn man so überall in Westeuropa dächte, dann wäre freilich den russischen Juden bald geholfen. * * * Organisation 9er Gefeftesfreuen In Galirien. Die Frage einer gesetzestreuen Organisation in Galizien scheint jetzt in Fluß zu kommen. Wir haben wiederholt die Notwendigkeit einer solchen Organisatton betont und begrüßen es darum, daß der rührige Ungarisch-Broder Rabbiner Dr. Jung nunwehr für diese so ungemein wichtige Sache zu arbeiten begonnen hat. Herr Dr. Jung versandte jüngst im Namen eines provisorischen Komitees einen Ausruf, in welchem er den galizischen Orthodoxen vorhält, wie unwürdig es ist, daß die 800,000 auf dem Boden der Ueberlieferung stehenden Juden des Landes sich von Männern in der Oeffentlichkeit vertreten lassen, die mit dem Judentum kaum einen inneren Zusammenhang mehr haben. Es ist Zeit, so führt der Aufruf aus, daß die Orthodoxen ihrer Bedeutung inne werden. Sie geben bei den Wahlen den Ausschlag und können, wenn sie organisiert sind, bei den Parteiführern und der Regierung ihre religiösen Interessen, die bisher ohne Annehmer waren, wirksam vertreten. Es soll aber nicht lediglich für die Wahlen ein einheitliches Vorgehen angebahnt werden, sondern es ist eine dauernde Organisatton zu schaffen, die in allen Fragen des religiösen Lebens zur Geltung gelangt. Herr Dr. Jung hat auf vergangenen Montag eine Versammlung angesehener Männer nach Lemberg einberufen, in der die einleitenden Schritte zur Verwirklichung dieses Planes getan werden sollen. Wir werden über das Resultat dieser Versammlung berichten. kegaimgereire ««a bvgienemakregel«. Bon Dr. M. Ascher in Neuchütel. Einmal bot sich mir die Gelegenheit mit Virchow über Hygienemaßregeln im alten Testament zu sprechen und der große Gelehrte äußerte sich dabei folgendermaßen: „Bor Jahren wähnte ich, die in der Bibel geschilderten Aussatzbestimmungen und anderen scheinbar hygienischen Verfügungen hätten nichts mit sanitären Maßregeln zu tun. Je mehr ich jedoch die Bibel las und je mehr Aufmerksamkeit ich den in Frage kommenden Stellen widmete, desto mehr wurde ich überzeugt, daß wir es hier mit sanitären Gesetzen zu tun haben, die vom Standpunkt der Hygiene aus schier unübertrefflich sind. Ansteckende Krankheiten ernster Natur können auch heute noch nicht bester bekämpft werden als durch ein strenges Isoliertstem." — Fragen wir heute nicht-jüdische Aerzte nach ihrer Meinung über die hygienischen Gesetze der Bibel, so hören wir sie fast allgemein mit höchster Hochachtung von den sanitären Einrichtungen im alten Judentum sprechen. Auch in vielen wissenschaftlichen Büchern finden wir ausgeführt, daß der Grundgedanke unserer Reinigungsgesetze zu sein scheine, daß jede Krankheit verhütet, und wenn eine ansteckende Krankheit ausgebrochen sein sollte, der Leidende isoliert werden müsse. Die Ausdehnung des Uebels soll verhindert werden, indem man den Leidenden erst dann wieder aufyimmt, wenn er rein geworden. Derartige Urteile müssen natürlich mit großer Vorsicht aufgenomnien werden. Solche Erklärungen könnten nämlich zu späterer Zeit vielleicht eine Ummodelung erfahren und wir müßten uns logischer Weise vielleicht auch einmal das Urteil' gefallen lassen: die Thoragesetze stehen in grellem Widerspruch zu jeder Hygiene. Wir sind überzeugt, daß Gott in seiner unendlichen Huld und Weisheit uns sein Gesetz der Wahrheit und des Heils gegeben, welches natürlich mit jeder wahren Wissenschaft notwendig und unter allen Umständen übereinstimmt. Die Erklärung, dies oder jenes Gesetz unserer Thora entspreche ganz den Regeln der Hygiene oder sonstigen. Ergebnisten moderner Wiffenschast, erschöpfen noch lange nicht seinen Grund. Selbst wenn das Gesetz in Widerspruch zu irgend einer modernen sanitären Erkenntnis stünde, würden weise Gründe genug, selbst Gründe hygienischer Natur, zu einer Berechtigung existieren, mögen diese Gründe zu unserer Kenntnis gelangt sein oder nicht. Dies hält uns jedoch nicht ab uns innig darüber zu freuen, daß gerade in unserer Zeit' auch von wiffenschaftlicher Seite der Wert des Gottesgesetzes im allgemeinen und insbesondere in hyAenischer Beziehung der Hohe Wett vieler Gesetze unserer heiligen Thora erkannt wird. Wir können uns deshalb in diesem Punkte, wie wir beweisen werden, der Ansicht S. R. Hirsch's y'xt nicht anschließen, der in energischstem Tone den -Gesetzen jeden sanitären Charakter abspttcht: „Diese und ähnliche Erwägungen lasten es als eine völlige Unmöglichkeit erscheinen, daß wir in diesem Kapitel (3"' inp'l) Krankheits-, Heilungs- und Vorbeugungsregeln und in unseren D'3H2 — die wir ja auch ohnehin in dem ganzen Kapitel keine Spur von Hellmitteln anwenden sehen — im Dienste der Gesundheitspflege stehende Funkttonäre vor uns hätten" 2C. Wir sehen schlechterdings nicht ein, warum wir, selbstverständlich unter Beobachtung obenerwähnter Vorsicht im Utteil, nicht auch einstimmen dürfen in die Hymnen, welche die bedeutendsten Männer der Wiffenschast zu Ehren unserer Thora anstimmen, die uns jene v'Z-33- Verfügungen und andere weise sanitäre Maßregeln lehrt. □^32 sowohl wie andere Krankheiten sind in unseren Augen einerseits aus den Gesetzen und Vorgängen der Natur heraus zu erklären und sind andererseits übernatürliche Fingerzeige Gottes. Einerseits ist es die Nachlässigkeit des Menschen, die die Krankheit zur Folge hat ll'VQ 'Tn fen) (i"Dp *orQ tan wrisi O'iXü ipn, und anderseits werden wir sie als eine besondere göttliche Schickung auffaffen müffen. Der Einfluß des Geistes auf den Körper läßt sich nicht verkennen. Die Geistesvorstellungen, die wir erzeugen, die Gefühle, die uns bewegen, können ihren Einfluß auch auf den Körper erstrecken und das Funktionieren seiner Organe modifizieren. Rach Tausenden zählen jene Leute, welche, obgleich ihnen nicht das gettngste fehlt, sich einreden, sie seien schwer krank, und dann gerade durch diese Vorstellung krank werden. Auch alle Suggestion und Hypnose beruht letzten Endes auf derselben Erscheinung. Eine Krankheit muß nicht von außen verursacht werden und kann dennoch wirkliche Krankheit sein. Auch jnn pe6 kann sehr wohl in direktem natürlichen Zusammenhang mit der Strafe njnx sieben, ini jnn per1? *?y pan p'jm cnm njner Derartige Leiden, die sozusagen durch moralische Vergiftung entstanden, können dann naturgemäß auch nur durch moralische Mittel und nicht durch physikalische bekämpft werden, und darum muß der Priester und nicht der Arzt seines Amtes wenigsten Korrespondenz mit seinen Angehörigen, noch anderweitig schriftstellerisch tä ig zu sein, aber das, wa - ich heute niederschreiben will, ist mir so geläufig, und ich habe schon so häufig darüber nachgedacht, daß ich glaube, einmal eine Ausnahme machen zu dürfen. Vielleicht wirb es auch manchem nicht uninterefiant sein, ein bißchen die Freuden und Leiden eines jüdischen Reisenden, der immerfort auf der sogenannten Landstraße liegt, mitzukosten und testen Eindrücke mitzuverfolgen. Noch eins treibt mich zur Äbfastung dieser Zeilen, deren Inhalt mir schon so lange in Gedanken vorschwebt: Der Wunsch eines jeden guten Juden ist, wenigstens ein kleines Steinchen und sei es noch so winzig, zur Förderung des großen Menfchheitsbaues bet zutragen, zu dem Ziele, das uns allen als höchstes Ideal vorschwebt, auch sein Teilchen, seinen Ö'SnD beizusteuern. Mann gfach find die Wege, auf welchen man sich als Mitkämpfer des großen Gottesheeres betätigen kann In meiner Vaterstadt hatte ich vielfach Gelegenheit, mich in Vereinen und Borträgen an unserer heiligen jüdischen Sache zu beteiligen, doch seitdem ich viel reisen muß, ist mir eine rege Beteiligung an diesen Bestrebungen unserer Jugend leider so gut wie unmöglich und ich bin vielfach ganz auf mich selbst angewiesen. Mein Streben und Wirken ist demgemäß ein ziemlich eingeschränktes. Aber mir scheint daß die Arbeit eines jüdischen Reisenden für seine jüdischen Aufgaben auch keine verlorene ist, daß seiner Wirksamkeit vielmehr ein Feld offen steht, wie es bedeutender und schöner kaum gedacht werden kann. Die Werkzeuge Gottes zur Erreichung seiner Ziele find wunderbare und mannigfaltige, und vielleicht find auch wir Reisenden, die wir täglich draußen unser Brot suchen, solch ein Werkzeug in der Hand des großen Meisters? Vielleicht ward durch das ehrliche Streben jüdischer Reisender manches erreicht, was dem tatkräftigen Wirken des besten tüchtigsten Rabbiners nicht gelcmg. Handel bringt Wandel, so lautet ja ein deutsches Sprichwort, und in der alten und neuen Zeit sehen wir es sich durchaus bewatnhei en. — Wir sahen die Phörttc er, dieses alte Handelsvolk, als Kulturträger in der alten Welt, im Mittelalter die Holländer, in neuerer Zeit die Engländer und l eutzutage fast alle Kulturvölker mit ihrrm Handel Zivilisation und Bildung, Wohlstand und Fortschritt in die entferntesten Gegenden der Welt ttagen. Der Handel und die für ihn notwendige Ruhe und Sicherheit auf der ganzen Welt macht die Menschheit allmählich zu einem großen Reiche, läßt unter den Völkern sogar den G danken einer Abrüstung keimen. Die großen Schiffe die täglich ihre Schätze von einer Welt zur anderen über den weiten Ozean ttagen, die Länder verbinden Eisenbahnen, der Telegraph und das Telephon, alle diese Mittel des Verkehrs von Land zu Land, von Welt eil zu Weltteil, sie sind die sichersten Garantien für eine allmäh iche Verbrüderung der Gesamtmenschheit. Und die Bertteter des Handels, die die Abfichten und die verwirklichten Ideen ihrer Auftraggeber in alle Welt tragen, find die Re senden. Seine Gedanken über die Menschheit und ihre Ideale legt Lesfing in den Mund eines Reisenden und Kaufmannes und zwar eines jüdischen Kaufmannes. Auch unser großer Stammv >ter □n"QN war in seinem Reiseleben wohl ein Vorbild dafür, wie gerade ein Jude im Verkehr mit den Völkern Wahrheiten verbreiten kann, die fie bis dahin nicht kannten. ' „ ,, Ä _ Und wäre es nicht vielleicht auch den jüdischen Kaufleuten und Reisenden unserer Zeit möglich, in ihrem Beruf so ideal zu wirken? Ich möchte die Frage bejahen, wenn auch der einzelne wohl nur einen kleinen Teil dieser Aufgabe lösen kann. — Wie muß wohl ein Reisender ausfthen, der so Ideale Hinausira.en will, welche Eigenschaften muß er besitzen, um auch in dieser Weise tä.ig fem zu können? Ich glaube, auf das Aussehen kommt es wohl weniger an. Er kann je nach der Art seines Wirkungskreises, elegant und in gewählter Kleidung erscheinen, er kann einen schlichten Anzug ttag-n, sauber und anständig wird er jedenfalls immer auktteten müffen. Aber eines ist unerläßlich, er muß eine ged egene Kenntnis seiner min und das Herz auf dem rechten Fleck haben. Er darf kein pian oy sein ui d muß neben aufrichtiger Frömmigkeit auch große Ueberzeugungstteue mitbringen. Der Unwissende wird ausgelacht, während der überzeugte und gebildete Jude allmäh ich die Achtung und Anerkennung aller mit ihm in Berührung Kommenden gewinnt. Der kundige gesetzestteue Reisende wird gerne die Opf r bringen, die seine Ueberzeugung von ihm verlangt. Im Verkehr mit seinen anders denkenden Kollegen — seien fie Juden oder Nichtjuden — wird er wohl wiffcn, wie weit er mit ihnen einen gemeinsamen Weg machen kann und wo er sich von ihnen ttennen muß. Auf der Rei:e, wo man ganz auf sich angewiesen ist, schließt man sich leichter an Fremde an und verkehrt auch ungezwunaener mit den anderen. Es führt dies dann zu Verpflichtungen gegen die Kollegen, die sich nicht umgehen lasten. Man geht miteinander aus, fährt in der Eisenbahn miteinander, trifft sich am Abend im CasL usw. und es ergibt sich schließlich eine kleine Freundschaft daraus. Gewöhnlich reichen diese Freundschaften nicht übers Cafe hinaus, da die Zerstreuung und Unterhaltung der meisten oder vieler Reisenden auf Gebieten liegt, auf denen ges.tzestteue Juden ihnen nicht folgen können. Der eine liebt das Spiel, der andere den Wein, wieder ein anderer, natürlich von unfern Brüdern, kann die koschere Küche nicht verttagen, und nicht weniger endlich, wozu auch leider vielfach sich fromm nennende Reisende gehören, suchen ihre Freude — nicht in Wein und Gesang allein, um keine Narren ihr Leoenlang zu bleiben.

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