Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 16 (18.4.1907)
- Date
- 1907-04-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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retten. Männer, die Ä verstehen, d»e Millionen gefetzestreuer russischer Juden zu ein« großen, wohl organisierten und festgefügten, auf streng rÄigiöserBasis stehenden und mitallen loyalen 5kampfmitteln ausgerüsteten Partei zu vereinigen. Nur eine solche Partei mit einem weitausschauenden politischen und sozialen Programm, — aber keine bloß religiöse wie mn oder mn •»p'tnD welche von den Gegnern als Fanatiker verschrieen und ignoriert werden — ist im Stande, uns aus den fürchterlichen Gefahren, welche uns von Seiten der „Schwarzen Hundert" und des„Bundes" und seiner Konsorten , drohen, zu retten, dem Zersetzungsprozeß, welcher gegenwärtig' unter der russischen Judenheit vor sich geht, Einhalt zu tun. m Kochermmöscha«. Das Choraftuölum in gen paläftinenfffdien Kolonien. Wir lesen in einem jetzt veröffentlichten Berichte, den Dr. Scheinkin dem zionistischen Zentralkomitee in Rußland erstattet hat, folgendes: 8ch muß bei dieser Gelegenheit noch auf eine andere chulen verweisen, die sich gleichfalls in den Kolonien entwickelt haben — nämlich auf die Talmud-Thora-Schulen. Es ist bekannt, daß zu Beginn der Kolonisation Palästinas die jungen Kolonisten von den dortigen Orthodoxen mit Zorn und Unwillen empfangen wurden. Später, als die Kolonisten eine gewisse Macht erworben hatten, besonders als das Gold der Millionen Baron Rotschilds durchs Land klang, söhnte stch die Orthodoxie mit der Tatsache der Kolonisation und der Kolonisten aus und schwieg. Als aber vor einigen Jahren die Kolonien eine ökonomische Krise durchmachten, erwachte die Gegnerschaft der orthodoxen Kreise von neuem. Diesmal aber wurde der Kampf mit ftiedlichen Mitteln geführt. Die Orthodoxen bildeten einen Verein „Schomre - Thora", dessen Zweck es war, in den Kolonien Schulen in religiösem Geiste zu errichten. Auf den ersten Blick ein einwanofteies Unternehmen, — in der Wirklichkeit aber bewirkt es leider überall, wo noch ein gewisser freier und moderner Geist herrschte, einen allmählichen Zerfall. Wo man die Kolonisten mit der Chalukagabe anlocken kann/ wo Streitigkeiten wegen eines Arztes, eines Lehrers usw. existieren, erscheinen überall die Mitglieder der „Schomre-Thora" auf der Bildfläche und legen ihre Hand auf die Di ge. Besonders natürlich hat die Schule unter solcher Einwirkung zu leiden. Wie nur in einer Kolonie eine Talmud- Thora errichtet wurde, finden die Eltern viel mehr als früher an der Schule auszusetzen, — sie beginnen ihre Programme vorzuschlagen, und zwar solche, an die sie früher nicht zu denken wagten. Es kommen dabei nicht leines ruilleton. Kennt Deine Seele wohl den Zauberborn? Bon Ch. N. Bialik. (Aus dem Hebräischen übertragen von M. R.) Kennt deine Seele wohl den Zauberborn, Aus dem getrunken todesmut'ge Brüder? In Schreckenszeit war Herzenslabsal er, Als sie dem Tode ftohgemut sich weihten, Den Nacken boten scharfem Schwerterstreich, Das Beil ersehnten und auf Scheiterhaufen Gott „einzig" preisend Heilgen Tods verschieden? Kennt deine Seele wohl den Zguberborn, Aus dem getrunken totgehetzte Brüder, An Abgrnnds Rand, Schrecknis im Angesicht, Aus dem sie Gotttrost, Mut und Zuversicht Und Heldenkrast geschöpft, die schwersten Druck ertrug, Sie austecht hielt in tiefster Niedrigkeit, So tief, so endlos und so hoffnungsarm? Willst du ihn sehn, den Ort, zu dem sie fließen Tie Tränen all aus deines Volkes Aug? Wo seines Herzens Trübsal hin sich wälzt, Wohin wie Ströme Angst und Grauen ziehn? Das Grauen hinzieht, vor dem Grabnacht weicht, Vor dem verzagend bebt der Felsgranit? Mnn, mmr fvlle tn Schule französischen Un^ericht einführen. Falls dies nicht geschähe, drohten sie, würden sie ihre Kinder in die Talmud-Thora schicken, wo nat.rlich keine Rede von ftanzöstscheNt Unterricht sein kann. Ich muß ausdrücklich bemerken, daß ich den'Schaden, den die Talmud-Thora bringt, nicht darin erblicke, baß sie den Kindern den religiös-orthodoxen Geist beibringen will, sondern darin, daß sie eS versteht, den nationalen Geist, der in der weltlichen Schule herrscht, abzutöte'n und im stillen, aber stetig, unsere Hoffnui gen auf nationale Wiedergeburt zu untergraben. Wenn ftüher die Kinder wenigstens die Schule als ein Heiligtum betrachteten, so merken fie jetzt die Konkurrenz zwischen der Schule und der Talmud-Thora, und ihr Verhalten der ersten gegenüber wird um vieles schlechter. Ein glänzenderes Zeugnis hätte der wackere min Verein in Jerusalem, der mit bescheidenen Mitteln seit einigen Jahren bemüht ist, den Geist der alten jüdischen Wissenschaft in die palästinensischen Kolonien zu verpflanzen, sich nicht wünschen können, als es in dieser Denunziation seines Wirkens enthalten ist. Man kennt den „freien und modernen" Geist, der, direkt aus Paris importiert, in den jüdischen Kolonien zumeist großgezogen worden ist, und der dem wahrhaft jüdischen Fühlenden die Freude an dem ganzen Kolonisationswerk zu vergällen geeignet war. Uns erschien und. erscheint es als eine wahrhaft rettende Tat, wenn die Gründer des min 'Ivrrr Vereins) als echt jüdische Missionare aufs Land hinaus gingen und dem auf heimischem Boden heranreisenden jüdischen Bauernstände seinen köstlichsten Adel, seine Thora, wiederbrachten. Jetzt zum erstenmale erfahren wir, daß man in den Kreisen, die aus dem alten Sinaigesetz ein mehr oder minder geduldetes Hausaschenbrödel zu machen wünschen, in den Schulen des min 'Nvrrr Vereins eine gefährliche Konkurrenz erblickt, die zu bekämpfen als eine quasi nationale Pflicht erscheint. Das ist ein erfreuliches Zeichen dafür, daß diese „Schulen in religiösem Geist" denn doch an Boden gewinnen und so das jüdische Ideal vom Thoragelehrten hinter dem Pfluge nicht ganz aus dem Schatze unserer Hoffnungen gestrichen zu werden braucht. Daß jene Talmud-Thora-Schulen in der Tat geeignet seien, wie der zionistische Berichterstatter meint, „den nationalen Geist abzutöten und unsere Hoffnungen auf nationale Wiedergeburt zu untergraben", ist natürlich nur für denjenigen wahr, der unter dem nationalen einen von allem Religiösen sorgfältig gereinigten Geist und unter nationaler Wiedergeburt den Untergang des jüdischen Volksideals versteht. Der Geist echten jüdischen Natioüalempfindens aber und wahrhafter nationaler Wiedergeburt, der wird aus den Blättern der Bibel und des Talmuds allein in die Herzen der Jugend strömen, welche Sprache Des Drängers Herz ist härter denn der Stein, Es bebt nicht» fühlet nicht, ist felsenhart. Kennt deine Seele wohl das Labasyl» Die Väter trugen hin der Seele Last» Ihr Lehrwort, Heiligstes und's war in guter Hut? Du willst ergründen deines Volks Versteck» Wo strahlend deines Volkes Kleinod ruht» Das» ob auch Schmach Israels Schläfe b/eicht. Es frisch erhält und jung und ewig jung? Du willst die gute Mutter wohl erspäh'n» Die liebe» treue Ahne deines Volks, Die ihrer Kinder Tränen sammelt» birgt Und sehnend ihrer einst'gen Heimkehr harrt? Und wenn sie wiederkehren» matt und bang, Sie labet herzet und die Träne streicht Von ihrer Wang'» sie mütterlich liebkost? Merk' auf, mein Bruder! Wie? du kennst sie nicht? Ins Lehrhaus geh', in's alte» ewigjunge In langer» finstrer, dunkler Tewethnacht, Im Tamus, da die Sonne glüht und brüht, Im Morgenrot, am Mittag und zur Nacht — So Gott unS ließ noch einen Bolkesrest — Dann werden deine Augen sehn» wie heut, Im Mauerschatten und im Abendwind. Im Winkel und am Ofen hingelehnt — Einsamen Halmen» schwanken Schatten gleich, Gebeugte» jüd'sche Männer, sitzen dort, — Das Golusjoch auf ihren Schultern ruht» — Erttänken all ihr Leid im Talmudtext» Unheil vergeffend bei des Midrasch's Wort M-üüchr."'Da rüüt müchtsst Mt MeTtSftl Unterstützung de srnin'ivv B er ei ns allen unseren Gesinnungsgenossen auf's Wärmste ansHerz legen? und wir selbst sind gerne bereit, dabei vermittelnd mitzuwirken. Krönen würde der Verein sein Werk, wenn er an seinen Talmud-Thora-Schulen den für die jüdischen Bauern und Handwerker notwendigen elementaren Unterricht: Arabisch-Lesen, Schreiben, Rechnen und etwas Naturkunde einführte und damit die nicht religiösen Schulen überhaupt überflüssig machte. Die geringe Zeit, die das bei der hohen Intelligenz des Schülermaterials erfordert, würde dem Thorastudium keinen Abbruch tun und die Lehrkräfte — nichtjüdische, soweit gesetzestreue Lehrer nicht erlangbar — wären sicherlich bei ernster Bemühung wohl zu gewinnen. * * * Drohende Seichen. Das düstere Bild, das unser Petersburger Korrespondent in seinem vorwöchigen Brief entworfen hat, mag mancher Leser für übertrieben gehalten haben. Wenn man jedoch die Nachrichten liest, die in den letzten Tagen aus Rußland gekommen sind, so muß man sagen, daß die in jenem Bericht ausgesprochenen Befürchtungen leider nur zu wohl begründet sind. Der //Verband der russischen Leute" arbeitet allenthalben mit Hochdruck an der Vorbereitung von Pogromen im großen Maßstab. Diese reaktionären Elemente wollen um jeden Preis die Schließung der Duma erzwingen. Wenn der Zar und seine Regierung sich nicht ohne weiteres entschließen können, die Vertreter des Volkes wieder nach Hause zu schicken, so sollen sie durch erneute blutige Ausbrüche d.r Volksleidenschaften davon überzeugt werden, daß des Zaren treue Untertanen das konstitutionelle Regime beseitigt wünschen. Das russische Osterfest bietet den „Schwarzen Hundert" eine günstige Gelegenheit, und die Pogrom-Agitation wird mit einer unglaublichen Ungeniertheit betrieben. Besonders. schlimm hat sich die Lage der Juden in Odessa entwickelt. Dort haben nämlich jetzt die Munizipalwahlen stattgefunden, und das Ergebnis ist ein großer Sieg des „Verbandes der russischen Leute". Von den 72 Sitzen des Stadtrats besetzt der Verband 67. Da die Juden in Odessa fast zwei Drittel der Bevölkerung ausmachen, so kann man sich leicht denken, mit welchen Mitteln dieser Sieg errungen wurde. Mit der fast vollständigen Verdrängung der Liberalen, die bisher die Majorität bildeten, ist der letzte Rückhalt, den die Juden dort gegenüber den „Schwarzen Hundert" und dem mit ihnen verbündeten General Kaulbars Und Sorgen scheuchend durch der Psalmen Lied — (Wie spotthaft dieser Anblick immer deucht Dem Unverstand) Dir saget er: Dein Fuß beschreitet unsres Lebens Haus, Dein Auge unsrer Seele Hoffen schaut! Rahm Gott mcht ganz dir seines Geistes Spur Blieb deinem Denker, noch ein Hauch an ihn, Zeigt beffre Tage dir ein Hoffnungsstern» Auf die du tteulich» ernst und bange harrst» Dann merke auf» mein Bruder» sag es Dir: Was du erschaut, ein schwacher» kleiner Scheit, Gerettet wunderbar vom großen Feuerbrand, Auf Altarshöh'n von Väterhand geschürt. Wer weiß» ob ihrer Tränen Flut uns nicht gebracht Hierher» ob ihr Gebet von Gott uns nicht erfleht — Ihr Sterben uns nicht bracht' — das Leben, Das Leben ewiglich.- Gedanken und Meinungen eines jüdischen Reisenden. I. Es ist Sonntag, meine geschäftlichen Korrespondenzen habe ich erledigt, meine Lieben zu Hause habe ich auch von meinem Wohlergehen und von den Eindrücken des hier verketten unterrichtet, zu allem Glücke schneit es, sodaß die Lust zu einem Spaziergange leicht unterdrückt werden kann, ich kann mich daher mit Ruhe an eine Arbeit setzen, die ich mir lanA schon vorgenommen habe. Es ist zwar sonst nicht Sache eines Reiseonkels, abgesehen von derUeberschreibung seiner Ordres und der not-