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Der Israelit · 1907-04-18 · Heft 16 (18.4.1907) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 16 (18.4.1907)
Date
1907-04-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Juden werden nicht i ur für die Freiheitsbewegung, sondern auch für die schlimmsten Ausschreitungen und Verbrechen anarchistischer Elemente verantwortlich gemacht. Ist dem aber so, so ergibt sich mit Notwendigkeit, daß die russische Judenheit die ihr drohende Gefahr nur dadurch abwenden kann, daß sie alles aufbietet, um jede derartige Verantwortlichkeit von sich, zu weisen. Das ist aber einzig und allein in der Weise möglich, daß sie eine numerisch bedeutende und ausgesprochen loyale Partei begründet, die bei der Betätigung ihres loyalen Programms mit Würde und Nachdruck in die Oeffentlichkeit tritt, wie solches sich bei einer Partei gebührt, welche die bei weitem überwiegende Majorität einer 6 Millionen GM -reiLxlpenz mani und zur Geltung kommt, desto schneller wird die BWWMgtmg oer revolutionären Gesinnung, welche der jüdischen Gesamtheit gegenüber erhoben wird, sich in ihrer Nichtigkeit zeigen, und desto schwächer wird die Gefahr, welche un > von Seiten der „Schwarzen Hundert" d oht. Freilich werden letztere von der Existei z einer loyalen jüdischen Partei wohl kaum Noiz nehmen. Sie werden wohl nicht aufhören, die Juden der Revolution und Anarchie anzuklagen. Aber diese Partei würde ihnen doch höchst unwillkommen sein, weil sie ihnen eine der gefährlichsten Waffen aus den Händen schlagen, eine der wirksamsten Anklagen, womit sie ihren Feldzug gegen die Juden rechtfertigten, widerlegen würde. Wir dürften dann auf die Parteinahme aller loyalen Elemente im Reiche und auch der Regierung rechnen, wodurch das wilde Treiben der „Schwarten Hundert" gezügelt würde. Das Programm der Partei, das oer politischen Gesinnung der bei weitem Überwiegenden Majorität der gefetzestreuen russischen Juden entsprechen muß, ergibt sich von selbst. Der von ihr aus religiösen Gründen zu beobachtende Respekt vor den bestehenden Gesetzen würde sie keineswegs zu einer passiven Rolle im Staatsleben verdammen. Die Staatsgesetze find ja nicht unabänderlich, sie sind vielmehr dem Gesetze der Evolution unterworfen, und die Juden sind gleich allen übrigen Bürgern berechtigt und verpflichtet, an der Entwicklung der Staatsgesetze in loyaler Weise mitzuarbeiten. Ihre Loyalität soll den Charakter und die Richtung ihrer politischen Tätigkeit kennzeichnen. Selbstverständlich aber können sich unmöglich die russischen Juden mit den herrschenden Rechtsbeschränkungen, welche ihnen das Leben in Rußland fast unerträglich machen, zufrieden geben; sie haben die Pflicht und das Recht, unausgesetzt auf die möglichst baldige Aufhebung aller Rechtsbeschränkungen, die auf ihnen lasten, hinzuarbeiten. Gleich allen übrigen russischen Bürgern darf und soll auch der gesetzestreue Jude mit allen gesetzlichen Mitteln nach den bürgerlichen Freiheiten und Rechten streben und um deren baldigen Realisierung ringen. Eine gesetzestreue jüdische Partei muß somit ein weitgehendes freiheitliches polnisches Programm haben. Auch muß sie daran Mitarbeiten, das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit zu regulieren, und darf keineswegs die vorhandenen Gesetze gutheißen, die eine Ausbeutung der Arbeit zu Gunsten des Kapitals ermöglichen. Nicht bloß als Bürger, sondern anch speziell als gesetzestreüe B renner des Judentums, das von je, et: die Arbeit hochstellte und für das die religiöse Vorschrift n» wen na an» keiuo leerLHiormel war — waren ja ganz Große in Israel selbst Arbeiter und Handwerker — haben die Glieder dieser Partei ihr Möglichstes zu tun, um eine gerechte, den modernen ökonomischen Bedingungen entsprechende soziale Gesetzgebung herbeizuführen. N mmt doch die Regelung und humane Gestaltung der Lage der Arbeiter in unseren Religionscodices einen hervorragenden Platz ein und lasten doch nach dieser Seite hin unsere Religionsgesetze in so mancher Hinsicht die moderne Gesetzgebung weit hinter sich. Wenn es christlich - sozialen Parteien in Deutschland, Oesterreich und auch in Russisch- Polen gelungen ist, große Scharen von Arbeitern um ihre Fahne zu sammeln, warum sollte es einer gesetzestreuen jüdischen Partei nicht gelingen, die jüdischen arbeitenden Klaffen an sich z schließen? Ich zweifle nicht daran, daß es der Partei, ohne daß sie den Kampf mit dem „Bunde" aufzunehmen brauchte, — dem sie schon deshalb nicht gewachsen wäre, weil ihr religiöser Standpunkt es ihr unmöglich macht, zu seinen Kampfesmitteln, zu Gewalttätigkeit und Terror, zu greifen, — nicht gar zu schwer fallen würde, einen großen Teil der jüdischen Arbeiterklaffe für sich zu ge- Noch lebt tiefes religiöses Empfinden in der großen Maste der jüdischen Jugend, bei der mit planmäßiger erzieherischer Arbeit sich noch sehr vie.es erringen ließe, besonders wenn diese Arbeit gepaart wäre mit sorgfältiger. Fürsorge für die ökonomischen Interessen der arbeitend^ Klaffen, wie Beschaffung der Mittel zur Fortbildung, Arbeitsnachweis und Schutz gegen unbillige Ausbeutung, Unterstützungskaffen ftir Arbeitslose und Kranke u. dgl. m. Die Bildung einer politischen Partei auf gesetzestreuer Grunltz läge mit sozialem Charakter könnte so nicht bloß nach Außen, sondern noch weit mehr nach Innen segensreich wirken. Sie könnte ohne einen Kampf mit dem „Bunde" und ähnlichen revolutionär-sozialistischen Organisationen diesen so manche Beute entreißen und der jüdischen Gesellschaft, die so schwer unter dem Druck des „Bundes" und seiner Konsorten zu leiden har, helfen nach und nach das so verhaßte Joch abzuschütteln. Ist es dock so weit bei uns gekornmen, daß um ihr Hab und Gut vor ruinierenden Streiks und den räuberischen „Expropriationen" jener Banditen zu retten, noch häufiger, um die Heranwachsenden Kinder derer, entsittlichendem und zersetzendem Einfluß zu entziehen, wohlhabende jüdische Familien sich entschließen mußten, ihre Geschäfte, zu liquidieren und zu emigrieren, wobei sie sich meist zu Grunde richten. Eine Partei, wie die vorgeschlagene, würde mit der Zeit nach dieser Richtung von eminent heilsamer Bedeutung sein. Vermittelst einer gediegenen Presse und mit Hülfe sachverständiger Wanderprediger und politischer. Redner durchzweckentstMtzercke VÄWWgische JnMutionen könnte sie auf die GefinnÄg der breiten Masten der jüdischm Bevölkerung kräftig einwirken und gesunde Verhältnisse der verschiedenen Klaffen zu einander herbeiführen und fördern. Die viertausendjährige Geschichte des hartgeprüften und vielerfahrenen Israel kennt weit gefährlichere Krisen als die gegenwärtige. Mehr als einmal schien es, als ob die irregeleiteten Söhne unseres Volkes, die es zum Abfall verleiten wollten, überhand nehmen und es seiner endgiltigen Auflösung entgegenführen würden. Aber jedesmal erstanden in solchen schweren Zeiten begeisterte Männer, welche von der großen, heiligen Aufgabe Jeschuruns durchdrungen, mit zündendem Wort und kräftiger Tat den gesunkenen Mut ihrer zeitgenössischen Brüder aufrichteten, die uralte Fahne Judas hoch erhoben und die treu gebliebenen Bekenner des Einig-Einzigen um sie scharten und zu erneutem regem Leben für die jüdischen Ideale erweckten. Sollte es jetzt anders sein? Wahrlich, es ist höchste Zeit, daß auch jetzt wiederum gottbegeisterte Männer erscheinen, die uns aus der

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