Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1907)
- Date
- 1907-04-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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.r ' T ' r //* :' /J?yrT- L- L JiL. 1 -u . f. 'T. TT'J^TTTT^^rr^T^iT-^; . 7 1 11. April 1907. Der JSraelit. Rr. 15. Seite 18. Dämmt und Phintias in der Iudengaffe. Von Arthur Kahn. 00j Nachdruck verboten. Die Aussichtslosigkeit seiner Neigung, vergrößert noch durch den fast unüberbrückbaren Abstand, der damals zwischen dem sehr reichen und aus vornehmster Familie stammenden Mädchen und dem armen, aus kleiner Dorffamilie entsprossenen Commis, hatten wohl die Gluten seiner Liebe vermehrt. Und jetzt, nachdem er Jahre lang noch mit ruhigeren Gefühlen an sie gedacht hatte, hatte das Schicksal sie wieder zusammengeführt. Sie war keine tonangebende, von Glanz und Reichtum umgebene und von aller Welt umhuldigte Dame mehrnur ein ganz armes Mädchen, dem nichts weiter geblieben war als die leidensvergeistigte Schönheit. Der harte Lebenskampf, die Begegnung mit vielen schlechten Gesellschaftselementen, welche an den Gestaden dieses Landes aus der ganzen alten Welt angeschwemmt werden und einen brutalen, rücksichtslosen Zug dem ganzen Leben hier aufprägten, waren an dem ehemaligen Idealisten Rosenstein nicht spurlos vorübergegangen. Und nun, in Gegenwart des von ihm früher so heiß geliebten Mädchens, erhob sich ein Widerstreit der Gefühle in ihm, die er sorgfältig verbergen w.ollte. Er wollte vor"allem erforschen, wie das Schicksal auf dieses Mädchen gewirkt, hatte. „Erinnern Sie sich noch, Fräulein Limbacher, wie ich mir die Bücher aus Ihres Vaters Schrank entnehmen konnte? Da las ich zum erstenmale von Goethe-." „Und ich hatte bald ausgefunden, was Sie am häufigsten gelesen. Die Stellen schlugen sich fast von selber auf und ich las sie gar oft nach Ihnen. Sie wurden mein inneres Eigentum. Ich habe erfahren: Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte, Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte." Mit zitternder Stimme hatte Betty die schicksalvollen Verse halblaut deklamiert, da schlug ihre Stimme um, sie weinte leise. Rosenstein fühlte sich gleichfalls ergriffen und blickte mitleidsvoll das machtlos gegen seinen Schmerz kämpfende Mädchen an. Dann fuhr sie fort: „Als ich damals diese Stellen las, dachte ich nicht daran, daß sie einst auf mein eigenes Leben geprägt sein würden. Ich wußte nichts von den Tränen, die »rein Brot benetzen würden, ich ahnte nicht, daß ich einmal, anstatt auf weichem Pfühl, vom Glücke eingewiegt sorglos zu schlafen, mein Kissen naßweinen und der Kummer von meinem Lager den Schlaf verscheuchen würde. Ich . wundre mich, wie flach damals mein Geist und Gemüt und wie seelenlos diese ganze Herde schöngeisternder Damen war, mit denen ich dieses große Buch Goethes gelesen hatte. Aber das Glück, der sorgefreie Genuß, macht die Menschen oberflächlich. Heute verstehe ich vieles, das Unglück hat es mich verstehen gelehrt. Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr laßt den Armen schuldig werden, Dann überlaßt ihr in der Pein, Denn alle Schuld rächt sich auf Erden." „Diese Verse sind für mich eine Art Lebensdevise geworden. Als ich während Vaters Krankheit Tag und Nacht an seinem Lager wachte, da las ich dieses Kapitel aus Wilhelm Meisters Lehrjahre häufig durch. Auch ich hatte Schuld aus mich geladen, die sich nach des Dichterpropheten Wort auf Erden rächt." „Wie soll ich das verstehen, Fräulein Limbacher?" srug Rosenstein, ihr verwundert ins Gesicht blickend. „Sie haben doch früher keine rächende Schuld aus sich geladen?" „Freilich nicht bewußt, nicht direkt. Es waren passive Sünden, was in manchen Religionen Unterlassungssünden sind. Wir Mädchen aus wohlhabenden und gar erst aus reichen Familien, werden so falsch, fast verbrecherisch erzogen. In den Schulen sogenannte reale Kenntnis, wobei nur die Unkenntnis reell bleibt. Etwas weiter herangewachsen, probiert man es mit den schönen Künsten, Musik, Malen, Singen, Stickenohne Intuition, ohne innern Drang, ohne Begeisterung, meist ohne Talent. Dann werden die Mädchen in die Gesellschaft eingefühtt. Tanzen, fremde Sprachen, ebenso wie das früher betriebene- Aesthetik, Klassiker, Romane und damit verwandte Dinge, um uns zu „bilden". O, lieber Gott, welche Bildungskarrikaturen machen die Eltern aus ihren Kindern! Und erst wir Juden! Beileibe kein Wort der Belehrung über das Judentum, um Gotteswillen, nur keine jüdische Geschichte, k ine jüdische Literatur, als wäre es eine Schande, daß wir Abkömmlinge eines ew'gen Kulturvolkes sind. Ueber Religion, über altjüdische Bräuche beileibe nicht im ernsten Ton zu sprechen! So wachsen die Töchter der Juden auf, ohne Appell ans Gemüt, ohne Fingerzeig auf eine höhere Menschenaufgabe, ohne eine hochherzige aus eigenstem innern Impuls heraus verrichtete Tat, die andere, weniger bevorzugte Mitmenschen auch nur auf eine kurze Spanne Zeit hinaus der Sorge entrücken, oder deren Existenz fristen hilft. Von allem lernten wir, an allem naschten wir herum, an allen Lebensblüten ftreichten wir achtlos vorbei, ohne tiefes Sinnen, ohne fruchtbringendes Nachdenken. Immer wir, wir und wir! Inzwischen Watten Arme auf Hilfe, sehnen Unglückliche sich nach Trost, blicken Verzweifelte nach Rettung aus, gibt es Hungernde, Frierende, Verkommende, Versinkende, — aber wir sehen, wir fühlen, wir beachten nichts, wir werden zur Erblindung des Gemüts förmlich erzogen. Man will gewaltsam, daß die jungen Mädchen aus den wohlhabenden Kreisen feingebildete Damen werden, und man fühtt sie ängstlich, hastig, an allem vorüber, was ihre Genüsse trüben könnte, was sie ettnnern könnte an die großen Lebenspflichten geben die Stiefkinder des Glückes — und sie veröden innerlich. Und das sollen jüdische Mütter, das die Lenker kindlicher Gemüter, die Beraterinnen erwachsender Söhne werden. Wo ist heute ein jüdischer Vater, eine jüdische Mutter, die zu ihren Kindern sagen: „Dort drüben ist die Armut zuhause, da geht hin, tragt einen Sonnenstrahl Teilnahme in die graue Entbehrunghier wartet ein Hoffnungsloser, still, unbeachtet auf eine Ermunterung - und dort sehnt sich jemand nach Teilnahme und Hilfe. Nun geht hin, ihr Kinder, tut eure Menschenpflicht, werft ein Saatkörnlein der Nächstenliebe in die verzweifelten Herzen, verschwendet euer Geld nicht für Wohltätigkeit, die sich erst schmücken, amüsieren und tanzen muß, erst durch die Zeitung bekannt, gemacht wird, ehe sie öffentlich ihre Brosamen verstreut. Geht selber irr die Schicksalstätten der Menschen, ohne laute Sprache, ohne Prunk und Rede, still, ungesehen, in der Dämmerung. Aber helfen sollt und müßt ihr, so lange ihr jung, empfänglich und regsamen Gemütes seid. Auch uns kann das Schicksal hilfsbedürftig machen." Aber in welchen jüdischen Häusern sprechen Eltern so zu ihren Kindern? Bei den Reichen gewiß nicht. Und alles das war Schuld, eigne wie elterliche. Gott und mein verewigter Vater mögen mir verleihen, aber mein Vater hat nie so zu mir gesprochenim Elternhause wurde auch oft genug mit der Wohltätigkeit etwas Prunk gettteben, und aus meinem eignen Ttteb übte ich sie nicht. Der Ttteb wurde eben in mir nicht geweckt. Ich wuchs wie hunderttausend andere reiche Mädchen als Drohne auf, Niemanden zum Nutzen — und ohne bewußte eigne Freude." Mit einem tiefen Seufzer, wie von einer Last befreit, schwieg Bettyihre Wangen waren hochgerötet, ihre Äugen glänzten vor Erregung. Merkwürdig^ dachte Rosenstein, wie doch das Schicksal so seltsame Lebensanschauungen in den Menschen zeitigt. Dieses einst vom Glück verhätschelt gewesene und oberflächlich gewordene Mädchen, sieht später in die ganze Leere ihrer (Fortsetzung auf der nächsten Seite). Sabbat-Anfang u. Ausgang. ORT: Anfang Datum Ausgang UhrlMin. 1907 5667 UhrlMin. Frankfurt a. M 6 40 13. April 29. Nissan 8 05 Berlin .... — — n // 7 45 München . . . 6 45 n n 7 40 Strastbnrg . . 7 00 /, n 8 00 Pose» .... — — // n 7 31 Breslau . . — — // n 7 36 Nürnberg. . — — n n 7 45 L tnttgart 7 00 // n 7 52 Prag 7 05 n 7 35 Für den Reklamenteil ist die Redaktion nicht verantwörtlich; insbesondere ist es ausschließlich Sache der Leser, die im Reklametetl enthaltene» Empfehlungen ritueller Ware» oder sonstige Angabe» religionsgesetzliche» Charakters ans ihre Zuverlässigkeit zn prüfe«. Kaiser Friedrich Quelle 6346) OfTenbach a. M. „Gegen Gicht u. Rheumatismus bewÄhrt.“ Natürlicher X Biliier Saiertruii diätetisches Tafelwasser erfrischend - wohlschmeckend - reine nahirfiiiiung in'/, u.'/, Sl. überall erhältlich. Hauptniederlage in (6687) Frankfurt a.M. bei H. Kölsch STachf., Rebstock 1. ^Brunnen-Direktion Bilm, Böhmen. Jr 4 Landeshuter j: Leinen» und Gebild »Weberei F. V. Grünfeld ►Königl., Qrossherzogl. u. Fürstlicher Hoflieferant Berlin W-, Leipzigerstram 20-2. 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Bon 76 Candidaten der Jngenieurprüfung bestanden 67. darunter S mit Auszeichnung; die Technische Vorprüfung bestanden von 101 Candidaten 83 und bei der Werkmeisterprilfmig von 29 alle bis auf einen. Neuanmeldungen für das Sommerhalbjahr sind bereits in großer Zahl eingegangen. nri i» > iV^ i i'ii'r-'Vifllin. >>..