Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1907)
- Date
- 1907-04-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449244-2449260--63389-2505931- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Der Israelit. Nr. 15. 11. April 1907 Seite 8.__ was zwar vom Reichsrat sicherlich verworfen werden, nichtsdestoweniger aber die „schwarze Hundert" in Harnisch bringen wird. Die „schwarze Hundert" wird dann zu ihrem alten leider so bewährten Argument, nämlich der Inszenierung von Pogromen greisen, um darzutun, daß das Volk gegen die Gleichberechtigung der Juden upd sogar gegen jede etwaige Rechtserweiterung ist. Die Juden aber werden weder Gleichberechtigung noch irgendwelche Rechtserweiterung erhalten, dagegen von neuen und wohl verstärkten Judenkrawallen, wie ja letztere überhaupt mit! der Zeit immer größere Dimensionen aunehmen und immer blutiger und schauderhafter sich gestalten, heimgesucht werden. Es fragt sich nun: Was könnten die Juden dagegen unternehmen'? Die Antwort aus diese » so hochwichtige Frage bedarf einer eingehenden Erörterung, die ich mir für meinen nächsten Brief Vorbehalte. Rumänien. Bukarest,29.März. (Das Ausweisungsgesetz und die eingeborenenJuden.) Vor der 2 Sektion des Tribunals Jlsov kam der Prozeß gegen den Ausgewiesenen Cociu Abramescu wegen verbotener Rückkehr zur Verhandlung. Von Seite des Staatsanwaltes wurde der Einwand geltend gemacht, daß das Tribunal inkompetent sei, da es sich um einen Konflikt zwischen einem Fremden und denr Staate handle. Der Verteidiger des Angeklagten, Herr Advokat Pantazi führt aus, daß das Tribunal competent sei, dieses Delikt abzuurteilen, da Cociu Abramescu kein Fremder sei und sich infolge dessen des ihm zur Last gelegten Vergehens nicht schuldig gemacht habe. Schon zur Zeit des Fürsten Moruzzi wurde ein Unterschied zwischen den eingeborenen Juden und jenen Juden gemacht, welche Untertanen fremder Staaten waren, und auch damals hatte die Regierung nicht das Recht, eingeborene Juden auszuweisen. Herr Pantazi führt zahlreiche Fälle an, wo einheimische Juden, welch Delikte begingen, nicht ausgewiesen wurden, während unter gleichen Umständen über die fremden Juden die Ausweisung verhängt wurde. Ferner hat der Cassationshof zu wiederholten malen dahin entschieden, daß die einheimischen Juden rumänische Untertanen sind und nicht ausgewiesen werden können. Cociu Abramescu ist ebenso wie seine Eltern im Lande geboren, er hat in der rumänischen Armee gedient, wo er es bis zum Sergent brachte und hat sich immer des rumänischen Schutzes erfreut. — Prokuror Hiotu verlangt, daß die Angelegenheit vor den Verwaltungsgerichtshof geschickt werde. Bukarest, 4. April. Infolge des Rundschreibens des Ministeriums des Innern, daß alle auf den Dörfern ansäßigen Juden, welche nicht die Bedingungen des Art. 5 betreffend die Organisation der Ruratgemeinden erfüllen, ausgewiesen werden, begann die Austreibung zahlreicher Juden aus den Dörfern des Jassyer Distriktes. Auch im Distrikte Dorohoi wurden zahlreiche Juden aus den Dörfern ausgewiesen. Das jüdische Hilfskomitee hat Maßregeln ergriffen, daß den Ausgewiesenen die Auswanderung nach Canada ermäglicht werde. Bukarest, 4. April. Aus einigen um Jaffy herumliegenden Gemeinden wandern dieser Tage achtzig jüdische Familien nach Canada aus. England. London, 29. März. Sir Samuel Montag u veröffentlicht in der Jewish Chronicle einen Brief, der beweist, daß dieser wackere Mann in seinem gerechten Kampf gegen die Mitgliedschaft der Herren Claude Montefiore und Israel Abrahams beim Jewish Religions Education Board keineswegs ermüdet ist. Der Brief wurde an die Verwaltung der United Synagogue geschrieben und enthält die Mitteilung, daß Montügu es ablehnc, wie bisher einen Beitrag zu dsn Kosten der Religionsschulverwaltung zu zahlen, da dieser Verwaltung trotz wiederholter Aufforderungen jum Austritt zwei Männer angehörten, die öffentlich und unzweideutig den göttlichen Ursprung der Thora geleugnet haben. In dem Briefe heißt es am Schluß: „Ich habe mir niemals das Recht angemaßt, jemandes religiöse Anschauungen zu kritisieren. Das sind Angelegenheiten, die jeder mit sich nnd seinem Schöpfer auszumachen hat. Aber ich halte mich wohl für siefugt, dagegen aufzutreten, daß die Herren Montefiore und Israel Abrahams bei ihren religiösen Ueberzeugungen die Geschäfte einer Verwaltung führen, zu der ich Beiträge leisten soll. Da ich eine solche Verwaltung aufs äußerste verurteile, so lehne ich es ab, direkt oder indirekt irgendwie dazu beizusteuern, und ich fordere die „Vereinigte Synagoge" auf, ihre Unterstützung einer Institution zu versagen,- deren Leiter zum Teil gegen die Zwecke arbeiten, für die die „Vereinigte Synagoge" gegründet wurde." NlÜKstincr. Nus öem heiligen banfle. (Bon unserem Korrespondenten.) Jerusalem, 11. Nissan 5667. Der augenblickliche Zustand der hiesigen persischen Juden ist ein sehr. besorgniserregender. Wie bekannt, erfreuten sich die Juden in Persien der Gunst des verstorbenen Schahs und lebten die hiesigen persischen Untertanen, obwohl sie zu den Aermsten der heiligen Stadt zählen, ruhig und zufrieden. Der hiesige stellvertretende Konsul war ein Jude, der alles was in seiner Macht stand, tat, um die Situation seiner Schutzbefohlenen zu erleichtern. Mit der Thronbesteigung des jetzigen Schahs wurde ein Damascener Moslem zum Konsul ernannt und dieser verlangt nun von den Juden der von ihm vertretenen Regierung die gänzliche Zahlung des seit Jahren rückständigen Tributes. Der verstorbene Schah, der . die Armut der Jerusalemer Perser anerkannte, bestand nicht auf Zahlung des Tributes. Daß diese armen Menschen, von denen ungefähr 600 hier wohnen, auf einmal jeder die Summe von 200—400 Francs zahlen soll, ist eine reine Unmöglichkeit — jedoch besteht der Konsul darauf, und er ließ die Leute durch Stockhiebe forttreiben, als sie um Nachlaß bittend zu ihm kamen. * -r- ❖ Die wenigen glücklichen Jerusalemer Haushälterinnen, die sich vom vorigen NO2 Zucker aufgehoben, sind gut daran, denn es gibt dieses Jahr keinen Zucker NO2? i?y: in Jerusalem. Die Geschäftsleute warteten aus Mangel an Betriebskapital bis auf den letzten Moment damit, ihren Bedarf zu decken, und so kommt es, daß die Ladung erst nach NOL in Jaffa eintreffen wird. Ein Händler, der ein Dutzend Zuckerhüte aus Rußland bezog, verkaufte einen Rotl.-6 Pfund für 10 Francs, während sonst das Kilo itto HD25? kaum 66 Centimes kostete. * * » Es weilen soeben gern gesehene und herzlichst bewillkommte deutsche Gäste hier. Herr Dr. jur. Eli Strauß und Herr £>r. A. Sander und ihre Gemahlinnen. Herr Dr. Strauß und Frau Dr. Sander sind Kinder des Herrn Samuel Strauß V'ST aus Karlsruhe, und sie müssen tief gerührt sein, zu empfinden, daß man in Jerusalem kaum einen Schritt tun kann, ohne einem Zeichen des edlen Wirkens ihres seligen Vaters für die heilige Stadt zu begegnen: hier eine prächtige Jeschiba, dort die reinlichen und gesunden Armenwohnungen, jedes Kind in Jerusalem wirL mit Ehrfurcht und Dankbarkeit von Samuel Strauß V'XT erzählen. Die verehrten Gäste haben schon Cairo, Caifa, Liberias, Saftd und die galiläischen Colonien besucht und halten sich bis nach Pesach in Jerusalem auf. Aegypten. Alexandria, 27. März. Das Blutmärchen hat dieser Tage den Juden in Port Said große Aufregungen bereitet. Am vergangenen Freitag ging ein Fremder in der Nähe der Synagoge spazieren, und alsbald nahmen, wie die Jewish Cronicle berichtet, einige nichtswürdige Individuen europäischer Herkunft die Gelegenheit war, den Mann, den sie für einen uden hielten, zu beschuldigen, er habe einen hristenknaben zu entführen versucht. Das Gerücht verbreitete sich mit blitzartiger Schnelle, und im Augenblick hatte sich eine drohende Menge um den Fremden gesammelt. Er wäre wohl übel zugerichtet worden, hätten nicht einige gutgesinnte Personen sich seiner angenommen. Eine polizeiliche Untersuchung erwies, daß der Fremde wie seine Angreifer ein Christ war. Nun benutzten aber gewisse anrüchige Elemente die Erregung des Volkes, um den Juden die Ermordung eines im See Menzale aufgesundenen kleinen Kindes, das am Freitag vorher verschwunden war, aufzubürden. Am 24. März, als die Leiche des Kindes in die Stadt gebracht wurde, rottete sich eine mehr als 3000 Köpfe starke Menge im jüdischen Viertel zusammen, um» die Läden zu plündern. Die Bewohner, die ein Massakre fürchteten, verschlossen die Häuser und baten um den Schutz der Behörden. Mouheb Pascha, der Gouverneur des Suez-Kanals, griff in Verbindung mit dem Polizeikommandanten sogleich zu wirksamen Maßregeln. Die Polizei erschien auf dem Schauplatz und sah sich gezwungen, gegen den Mob mit der Waffe vorzugehen. Nach Einbruch der Nacht zerstreute sich oie Menge. Aber die Erregung dauerte fort, denn die eingeborene Bevölkerung drohte vorgestern mit neuerlichen Demonstrationen gegen die Juden. Die Behörden hatten jedoch Kenntnis davon und entsandten Truppen zum Schutz des jüdischen Viertels. Infolgedessen sind bis jetzt keine weiteren Unruhen vorgekommen. Die Sektion des Kindes hat ergeben, daß ein Unglücksfall vorliegt. Die Behörden, deren energisches Vorgehen nicht hoch genug angeschlagen werden kann, sind entschlossen, die Bestrafung der Rädelsführer mit äußerster Strenge durchzuführen. llermkcbtes. Annen, 30. März. Bei der Verteilung der Entschädigungen an die durch die Roburitexplos i o n schwer getroffenen Einwohner von Annen sind die Juden in ungerechtfertigter Weise zurückgesetzt worden. Von den insgesamt eingegangenen Hilfsgeldern im Betrage von 650,000 Mk. firio neuerdings wieder 200,000 M. der Gemeinde Annen überwiesen worden. Bei der Verteilung derselben hat man alle jüdischen Geschädigten, mit Ausnahme eines Althändlers, der einige Mark erhalten hat, übergangen. Dies mußte allgemein unangenehm berühren, aber im besonderen noch deswegen, weil die christlichen Geschäftsleute, die teils in gleichen, teils in viel besseren Vermögensverhältnissen als ihre Kollegen leben, sämtlich, selbst notorisch reiche Leute eine Entschädigung von 200—1000 Mk. erhalten haben. Eine bei dem Amtmann eingereichte Beschwerde hatte keinen Erfolg; der Amtmann verwies auf den Beschwerdeweg an die Regierung, der auch beschritten werden wird. Dieser Fall der Zurücksetzung jüdischer Mitbürger ist uni so ärger, als gerade die jüdischen Einwohner ^sich ganz besonders an dem Hilfswerk beteiligt haben. Zunächst sind Berge vo > Wäsche und dergleichen für das evangelische und das katholische Krankenhaus von jüdischen Frauen, die selbst die Pflege der Verunglückten übernommen hatten, beschafft worden. Obdachlos gewordene christliche Familien sind von Juden ausgenommen und beherbergt worden, zum Teil findet diese unentgeltliche Beherbergung auch heute noch statt. Posen, 28. März. Die jüdische Volksschule in Schmiegel, welche nur noch wenige schulpflichtige Kinder aufzuweisen hat, wird zum 1. April er. seitens der Kgl. Regierung ausgelöst. Die noch vorhandenen Schulkinder sollen der dortigen evangelischen Stadtschule zugeteilt werden. Es ist leider zu befürcht:«, daß auch andere kleinere Gemeinden unserer Provinz auf diese Weise nach und nach ihre selbständigen Schulen verlieren werden. Wie», 7. April, lieber einen merkwürdigen Fall von zurücksetzender Behandlung eines jüdischen Bürgers berichte! das Rechtsschutz- und Abwehrbureau der „Oesterr.- Jsreal. Union": Herr Mayer Weisz in Leoben hat dort im Jahre 1899 um die Bewilligung zur Errichtung einer Speiscanstalt eingereicht. Da die für Handel und Industrie sehr bedeutende Bergstadt von vielen Juden besucht wird, denen daran gelegen ist, d m jüdischen Ritus gemäß zuberettete Nahrungsmittel zu erhalten, -ist das örtliche Bedürfnis nach einer sogenanntm Koscher-Restauration anerkannt und dem Ansuchen Folge gegeben worden. Md Konzession wurde erteilt, doch am SchÜrfie des diesbezüg-