Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1907)
- Date
- 1907-04-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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11. April 1907. Der Israelit. Nr. 15. Seite 7 Berlin, 9. April. Aus Bogopol, einer Stadt, die bei den russischen Progromen im Oktober 1905 am schwersten gelitten hat, sind dem Hilfsverein der Deutschen Juden für die Geschädigten in Rumänien 800 Rubel übersandt worden. Diese Geldsendung aus der selbst so schwer betroffenen Stadt ist ein rührendes Zeichen des jüdischen Solidaritätsgefühls. Berlin, 18. März. Das Korrespondenzblatt des Zentralbureaus für Auswanderungsangelegenheiten schreibt: In der letzten Zeit häufen sich die traurigen Fälle, in denen Frauen und Kinder ihrem Gatten und Vater oder Verwandte ihren Angehörigen, die nach Amerika ausgewandert sind, nicht folgen können und eine Vereinigung der Familie unmöglich ist, weil sie an Krankheiten leiden, die von der Landung in Amerika ausschließen. Es ist die Pflicht aller Komitees und Jnformationsbureaus, wenn ein Mitglied einer Familie nach Amerika fährt und seine Angehörigen, die später Nachkommen sollen, zurückläßt, darauf aufmerksam zu machen, daß die Angehörigen später nur folgen können, wenn ihr Gesundheitszustand den amerikanischen Gesetzen entspricht. Schon bei der Abreise des Ersten aus einer Familie müssen alle Eventualitäten für die Zukunft erwogen werden, damit nicht später die Familien dauernd getrennt bleiben müssen. Wenn rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht wird, dann kann mancher Entschluß geändert und manche Krankheit ausgeheilt werden bis zu der Zeit, wo die Angehörigen nach Amerika Nachfolgen wollen. Kai ser s l a utern, 3. April. An der hiesigen Volksschule wirkte bisher ein israelitischer Lehrer, dem die Aufgabe zufiel, den israelitischen Religionsunterricht zu erteilen und bis zur Höhe der wöchentlichenPflichtstundenzahl Vertretungsstunden in allen Lehrfächern zu übernehmen. Da der seitherige Stelleninhaber in den Ruhestand versetzt wurde, wollte der Stadtrat eine neue israelitische Lehrkraft in Vorschag bringen. Die Lokalschulinspektion, die protestantische Distriktschulinspektion und auch das Bezirksamt befürworteten den Antrag. Die katholische Distriktschulinspektion dagegen erhob Einspruch im Hinblick auf den christlichen Charakter der hiesigen konfessionell gemischten Volkschule. Der Antrag des Stadtrates erfuhr darum wohl auch Ablehnung durch die Kreisregierung. Der Synagogenausschuß hat gegen die Regierungsentscheidung Einspruch beim Ministerium erhoben. München, 25. März. Am 14. ds. Mts. berieten die 'Gemeindebevollmächtigten über den vom Magistrat beschlossenen Entwurf einer revidierten Schlacht- und Viehhofordnung. Zu § 10 des Entwurfs, wonach alle Tiere, die nicht zur Schächtung bestimmt sind, vor der Blutentzieh ungb etäubt werden müssen, hatte der Antisemit Wagner beantragt, den Zusatz „die nicht zur Schächtung bestimmt sind", zu streichen. Die Gemeindebevollmächtigten Dr. Wacker, Prof. Qu.idde, Raith und Schön sprachen gegen den Antrag. Dr. Wacker wies darauf hin, daß auch die Abgeordnetenkammer sich seiner Zeit einstimmig gegen einen antisemitischen Antrag auf Verbot des Schächtens ausgesprochen habe. Der Antrag Wagner wurde von den Gemeindebevollmächtigten mit allen 10 Stimmen abgelehnt. Oesterreich. Wien, 29. März. Das Unterrichtsministerium hat knapp vor den Inskriptionen die Ausführung des Beschlusses des Czernowitzer akademischenSenates, wonach auch den jüdischen Studenten in einer Nationalitätenklausel ein offenes und wahres Bekenntnis ihrer Nationalität ermöglicht wird, sistiert. Die Regelung der Angelenheit soll nach dem Ministerialerlasse an allen Hochschulen einheitlich erfolgen. Die Wiener jüdische Studentenschaft hat eine umfassende Aktion eingeleitet, die der Durchsetzung ihrer Forderungen dienen soll. Ende April finden m allen Hochschulftähten große Stuoentenversammlungen statt. Eine Deputation von Vertretern aller Hochschulen wird dem Unterrichtsminister ein ausführlich begründetes Memorandum überreichen. Außerdem soll durch Sammlung von Unterschriften der ziffernmäßige Nachweiß erbracht werden, daß die überwiegende Mehrheit der jüdischen Hochschüler Oesterreichs jüdischnational ist und von der Forderung nach behördlicher Anerkennung ihrer Nationalität abzusehen nicht gewillt ist. RttMarrd-. was haben wir von der zweiten Reithsduma?u erwarten? (Bon unjevem Korrespondenten). St. Petersburg, im März. Meiner festen Ueberzengung nach haben wir von der gegenwärtig tagenden Reichsduma nichts Gutes zu erwarten, wohl aber das Schlimmste zu befürchten. Weit eher als Gleichberechtigung wird sie voraussichtlich blutige Pogrome im Gefolge haben und zwar solche, wie sie selbst Rußland bis jetzt noch nicht erlebt hat und wie sie sogar unsere 4000 jährige an Leiden aller Art so überreiche Geschichte nicht kennt. Ich schrecke selbst vor der Perspektive zurück, die sich vor meinem Geiste am Horizonte der nächsten Zukunft erschließt und möchte, ach, nur zu gerne, mich als pessimistischen Schwarzseher erweisen. Aber ich halte es für geboten, ja für eine heilige Pflicht, rechtzeitig die warnende Stimme so laut als möglich zu erheben. Vielleicht läßt sich doch irgendwie die ungeheure Gefahr von unserm Volke abwenden. Um jedem Mißverständnis vorzubeugen, erachte ich es für nötig, von vornherein zu erklären, daß mein Pessimismus keineswegs seine Begründung in dem unleugbaren Umstande hat, daß wir in der zweiten Reichsduma so gut wie gar nicht vertreten sind. Tatsache ist es zwar, daß weder die drei Glaubensgenossen, die in ihr Sitz und Stimme haben, noch die drei getauften Inden, die beiden Professoren Gessen (vielleicht zu deutsch Hessen) und der Odessaer Advokat Pergament, die mit großer Wahrscheinlichkeit als Führer der K. D.-Partei einen hervorragenden Platz in der Reichsdnma einnehmen werden, dort unsere Interessen wahrnehmen können oder wollen. Aber das wäre noch nicht so schlimm. Jedenfalls besteht nicht darin die Gefahr, die ich voraussehe. Weit schlimmer war es für die jüdische Sache, als in der ersten Duma jüdische Deputierte, ihre Sonderstellung als Juden vergessend, sich zu provozierenden Redensarten und zu tief verletzenden Witzeleien gegen das noch immer mächtig dastehende alte Regiment hinreißen ließen, worauf möglicher Weise Bialystock und Siedlze die Antwort waren. Die jüdischen Deputierten der zweiten Reichsduma werden solches wohlweislich unterlassen und aller Wahrscheinlichkeit nach kein böses Blut und überhaupt nicht von sich sprechen machen. Unter den gegebenen Umständen ist das auch das Beste. Bedenklicher steht es in dieser Hinsicht mit den getauften Juden. Sie wollen nicht mehr als Juden gelten und werden daher bei ihrem Auftreten in der Reichsduma auf Juden und Judentum keine Rücksicht nehmen. Als tonangebende Führer der regierungsfeindlichen K. D -Partei können sie uns durch ihre allgemeine Politik wesentlich schaden, weil sie von der „Rechten" und besonders von der „Schwarzen Hundert" und vom „Verband der echten Russen" und Konsorten als Juden und nur als Juden perhorresriert und ihre etwaigen Entgleisungen daher auf Rechnung der Judenheit gestellt werden. Aber auch hier erblicke ich noch keine ernste Gefahr für uns. Immerhin sind es doch Männer von Einsicht und Bedeutung, und sie werden jedenfalls nicht in die Jrrtümer ihrer Vorgänger in der Reichsduma verfallen, welche zur Auflösung der letzteren führten. Durch die Erfahrung gewitzigt, weÄen sie sich alle Mühe geben ihren Ton zu mäßigen und ihrer Kritik des Bestehenden nicht gar zu freien Lauf lassen. Die eigentliche Gefahr droht vom Lager der Sozialdemokraten der Reichsduma, die 47 Stimmen haben, und der Sozial-Revolutionäre, welche über 19 Stimmen verfügen. In ihrer Mitte ist kein Jude, aber leider hat das taktlose, prahlerische Treiben unserer revolutionären Jugend schon seit den siebenziger Jahren es bewirkt, daß alle revolutionäreen Umtriebe und Ausschreitungen schlechthin mit dem Beiwort „jüdisch" belegt werden, worin im letzten Grund die Ursache 'aller Pogrome seit den achtziger Jahren zu suchen ist. Das Treiben der jüdischen revolutionären Elemente vor den letzten Wahlen zur Reichsduma, das zwar nicht den geringsten Erfolg gehabt, aber dafür in Negierungskreifen wie auch in der russischen Gesellschaft soviel Erbitterung gegen die Juden heraufbeschworen hat, hat jene grundfalsche Ansicht, als ob Juden und Revolutionäre idenüsch wären, von neuem bekräftigt und obzwar in keiner der linksstehenden Parteien der Reichsdnma ein Jude vorhanden ist, wurden jene Parteien nichtsdestoweniger als „jüdisch" beschimpft oder als solche, die im Solde des jüdischen Kahals stünden, verdammt. Nun liegt die Gefahr sehr nahe, daß es zu einem Zusammenprallen der äußeren Linken mit der äußeren Rechten, mit der „schwarzen Hundert", die in der zweiten Reichsduma recht stark vertreten ist, kommt. Dies dürfte ein ganz fürchterliches Gewitter geben, das sich aber mit seiner ganzen zermalnienden Kraft über den Juden entladen würde. Trifft das ein, was der Allgütige verhüten möge, dann wird ein furchtbares Blutbad die Folge sein. Schon jetzt drohen die Bluthunde Kruschewan und Purischkewitz, die Großmeister der Pogrome, ganz osten und frei mit Judenkrawallen, wie solche die Welt noch nicht gesehen hat, für den Fall, daß die Reichsduma ihre offenkundig durch Fälschungen gewonnenen Mandate kassiert. Und leider hat uns die bittere Erfahrung gelehrt, daß diese Unmenschen bei der bloßen Drohung nicht stehen bleiben. Die Zeichen mehren sich, daß das gefürchtete Zusammenprallen der extremen Parteien unvermeidlich ist,- die notwendige Folge wäre dann die Schließung der Reichsdnma. Die gemäßigten Parteien und selbst die „Kadetten", welche den Bestand der Reichsduma sehr wünschen und zu großer Nachgiebigkeit bereit sind, werden nichts ausrichten gegenüber den Machenschaften der äußersten Linken und äußersten Rechten, die die Auflösung der. Reichsduma erstreben, die äußerste Linke, weil die Duma ihnen nicht genügt und ihren revolutionären Wühlereien in die Quere kommt; und die äußerste Rechte, weil die Reichsduma ihnen zu oppositionell und zu revolutionär ist und weil sie überhaupt das alte Regime hergestellt sehen möchten. Die Auflösung der Reichsduma aber wird, wenn niittlerweile von jüdischer Seite nichts Durchgreifendes geschieht, um orbi «1 orbi zu zeigen, daß die jüdische Sache mit der der Revolution absolut nichts gemeinschaftliches hat, daß vielmehr die überwiegende Majorität der russischen Judenheit tatsächlich loyal und friedliebend ist, das Signal zu neuen Judenkrawallen sein, die übrigens nach Zeitungsberichten an vielen Orten schon vorbereitet werden. Aber auch wenn die Reichsduma nicht aufgelöst werden sollte, haben wir Gutes gewiß nicht, eher jedoch Pogrome zu erwarten und zwar aus folgenden Gründen: Wie verlautet, ist die Regierung gewillt ein Gesetzesprojekt über einige Rechtserweiterungen für die Juden in der Reichsduma einzubringen. Würde man die Meinung einsichtsvoller Juden oder sogar die der Gesamtheit der russischen Juden, wenn es durch ein Plebiszit möglich wäre, darüber entscheiden lassen, so würde das erwähnte Gesetzesprojeü mit Dank entgegengenommen werden. Lieber wenige Rechte als gar keine. Der Zukunft würde es überlassen bleiben, die völlige Gleichberechtigung herbeizuführen. Die oppositionelle Reichsduma aber wird in jenem Gesetzesprojekt eine Verletzung des Prinzips der Gleichberechtigung, als Grundlage des Rechtsstaats, erblicken, sie wird es zurückweisen und für die gänzliche Gleichberechtigung stimmen,