Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 15 (11.4.1907)
- Date
- 1907-04-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Gelte 6 Nr. 15. Der Israelit. 11. Avril 1907. I außer Kraft setzen und sie steht heute fest, wie in den ersten Tagen ihrer Schöpfung. Ja, noch mehr. Die orthodoxe Organisation ist mit neuer königlicher Sanktion wesentlich erweitert worden und auch die jetzige Kultusregierung betrachtet diesen Zustand als einen geregelten und gesetzlichen und denkt gar nicht mehr daran, daß das Rechtsverhältnis unserer Konfession zum Staate erst geregelt werden müsse. Inzwischen hat sich auch in unseren Reihen eine auffällige Gesinnungsänderung vollzogen. Diejenigen unter uns, die durch die Pyrrhussiege der kongreßlichen Traditionen nicht fanatisiert sind, gelangten zu der positiven Ueberieugung, dag eine Konzentration der verschiedenen religiösen Richtungen durch Schaffung einer einheitlichen Autonomie, in welcher Orthodoxie und Neologie sich verbinden, ein Unding sei, selbst wenn die Orthodoxen hierzu ihre Einwilligung gäben. In der Tat haben sich die beiden Parteien in religiöser Beziehung in den letzten vierzig Jahren so weit von einander entfernt, daß wir garnicht mehr an ein Zusammengehen derselben denken können. Unsere Orget - Synagogen, die Damenchöre, Seminarrabbiner, Schochtim und Kantoren, die fast durchweg öffentlich den Sabbat entweihen^ werden von den Orthodoxen niemals als religiöse Organe anerkannt werden. Wenn wir sie dazu zwingen könnten, so würde man das vielleicht ooch als einen Eingriff in die Gewissensfreiheit betrachten. Kurzum, wir sind ehrlich überzeugt, daß die Gegensätze unüberbrückbar sind, und in der ganzen weiten Welt, wo Juden vorhanden sind, und die offizielle oder nichtoffizielle Judengenieinde auf religiösem Gebiete sogenannten Reformen huldigt, muß es überall zu Spaltungen kommen. Der letzte gesetzestreue Jude bildet eine separate jüdische Konfession, wenn er in seiner Kultusgemeinde die Erfüllung seines Religionsgesetzes gefährdet sieht. Wir müssen und sollen es nun anerkennen, daß die sogenannte orthodoxe Judenschaft vom Standpunkte des Religionsgesetzes, wie auch dem Staate gegenüber als selbständige Glaubensgenoffenschaft in autonomer Weise organisiert ist, und wollen unsererseits nunmehr im Rahmen der Kongreßautonomie unsere konfessionellen Rechte betätigen. Auf Grund dieser Sachlage bitten wir Ew. Exzellenz, die den vaterländischen rezipierten Konfessionen gesetzlich zuerkannten Rechte auch in der Praxis auf die israelitische Konfession auszudehnen, und zwar derartig, daß sowohl die auf Basis der orthodoxen Verfassung organisierte Judenheit, als auch die auf Grundlage des Kongreßstatutes konstituierte Konfession, beide im Verhältnis zu ihrer Seelenzahl, in den Genuß dieser Rechte gelangen. Wir wollen nunmehr auch gleiches Recht für beide Richtungen." Auf diese Ansprache mußte der Minister etwa folgendes antworten: „Sehr geehrte Herren! Ich danke herzlich für das Vertrauen, das Sie mir durch Ihr Erscheinen bewiesen haben, und ich kann nur eines sagen, daß ich als Inhaber des Kultusportefeuilles mich am glücklichsten fühle, daß Sie zu dieser weisen und heroischen Entschließung gelangt sind. Dies ist der einzige Weg, die Angelegenheiten der jüdischen Konfession aus ihrer jetzigen Zerfahrenheit herauszuführen. Der große Koffuth hat schon im Jahre 1848 gesagt: „wenn die Differenzen auseinander weichen, muß die Teilung den Streit ausgleichen." Es haben nicht nur die orthodoxen Führer im Judentum, sondern auch nichtjüdische Kapazitäten erkannt und anerkannt, daß zwischen jüdischer Orthodoxie und Neologie die Gegensätze viel größer sind als die zwischen Protestantismus und Katholizismus, sodaß eine Verbindung in der Tat nicht möglich erscheint. Theologisch genommen gibt es ja auch nur eine christliche Religion,' diese schließt aber mehrere gesetzlich anerkannte Kirchen ein, die in Frieden mit und nebeneinander bestehen. Die ungarische Gesetzgebung war ja nie auf die jüdische Kircheneinheit eingeschworen, aber es konnte doch nicht Ausgabe der Regierung sein, die Frage zu entscheiden, ob von staatswegen das orthodoxe oder das neologe Judentum als die rezijsierte jüdische Konfession zu betrachten sei. Es handelt pch in Ihrem Falle ganz entschieden um religiöse Differenzen von eminenter Tragweite, und in einem Staate, der auf Basis der Gewiffensfreiheit und Selbständigkeit des religiösen Lebens aüfgebaut ist, kann eine Regierung nie und nimmer kompetent sein, solche Differenzen mittels Zwang und Machtspruch aus der Welt zu schaffen. Nun wird konfessioneller Friede auf der ganzen Linie herrschen und ich versichere Sie, daß dies für die gesamte ungarische Judenschaft und nicht zuletzt auch für den ungarischen Staat.von segensreichen Folgen sein wird. Was aber speziell die Dotation betrifft, kann ich Ihnen schon jetzt versichern, daß die ungarische Regierung mit der größten Billigkeit Vorgehen wird. Im nächstjährigen Budget wird die staatliche Dotation der jüdischen Konfession im Verhältnis zu den übrigen rezipierten Konfessionen erhöht und unter den beiden jüdischen Glaubensgenossenschaften in dem Verhältnis verteilt werden, welches der Seelenzahl beider Richtungen entspricht." Die Führer der Kongreßpartei können sich aber auch nach einem vierzigjährigen unglückseligen Krieg noch nicht zu dieser Erkenntnis erheben. Sie behaupten noch immer, daß die Israeliten Ungarns keine autonome Organisation besitzen, daß infolge dieses Zustandes eine große Rechtsunsicherheit in den Gemeinden herrsche,' mit aller Seelenkraft klammern sie sich an den sündigen Gedanken, daß der Rechtszustand der jüdischen Konfession und ihr Verhältnis zum Staate durch die Legislative geregelt werden müsse. Kultusminister Graf Albert Apponyi wird seinerseits zu einer solchen Einmengung des Staates seine Zustimmung nicht geben. Aber das volle Recht der staatlichen Dotation will seine Regierung der israelitischen Religion nur dann zuteilwerden lassen, wenn ihre Autonomie und ihr Rechtsverhältnis zumStaate endgiltig geregelt sein werden. eJ orrespondenzen und Nachrichten. Deutsches Ueirh. Berlin, 8. April. Der Hilfsverein der Deutschen Juden schreibt uns: Nachdem für die dringendste augenblickliche Not der durch die Unruhen in Rumänien Geschädigten gesorgt ist, erwächst den jüdischen Organisattonen jetzt die Aufgabe, die weitere umfassende Hilfstätigkeit, die zur Wiederaufrichtung der vernichteten Existenzen notwendig ist, planvoll und zweckentsprechend durchzuführen. Als die Gefahr ersichtlich wurde, daß sich das Hilfswerk zersplitterte, begab sich Herr Dr. Paul Nathan vom Hilfsverein der Deutschen Juden nach Bukarest, um für die notwendige Einheitlichkeit, durch die allein ausreichend, zweckmäßig und gerecht für die Geschädigten gesorgt werden konnte, zu wirken. Es wurde in Bukarest ein Konnte gebildet, das aus den einflußreichsten rumänischen Glaubensgenossen besteht und dem auch der Vertreter der JCA, Herr Astruc, die Genehmigung aus Paris vorausgesetzt, angehören wird. Herr Astruc wohnte der konstituierenden Sitzung bei. An der Spitze des Komitss steht Herr Oberrabbiner Dr. Beck, Bukarest. Durch die Bildung des rumänischen Komitss sind für die Arbeiten in Rumänien selbst die notwendigen Voraussetzungen geschaffen. Das Komits wird dafür sorgen, daß auch unsere wohlhabenden Glaubensgenossen in Rumänien opferwillig sich mit ihren Arbeitskräften und ihren finanziellen Mitteln an dem Hilfswerk beteiligen. Das Komits in Bukarest sendet nach allen geschädigten Orten Emissäre, durch die nach genau'festgesetzten Modalitäten die Abschätzung des Schadens vorzunehmen ist. Trotz der größten Beschleunigung wird diese Arbeit vor Ablauf von einigen Wochen sich nicht erledigen lassen. Auf der Rückreise von Bukarest hatte Herr Dr. Nathan eingehende Besprechungen mit den leitenden Persönlichkeiten der Israelitischen Allianz in Wien, die sich mit den Vereinbarungen in Bukarest einverstanden erklärten. Der Verkehr des Komites in Bukarest mit den einzelnen jüdischen Organisationen im Auslande vollzieht sich durch oie Wiener Allianz. Dort laufen die Nachrichten zusammen, die dann an alle übrigen Organisationen weiter gegeben werden, und von dort werden die Vorschläge übermittelt, über deren Annahme nach Einvernehmen mit den anderen Korporationen entschieden wird. Die Wiener Allianz wird außerdem direkt die Vermittlung mit jenen geschädigten Ortschaften übernehmen, die unmittelbar an der österreichisch-ungarischen Grenze liegen. Die Wiener Allianz, die sich sofort der Glaubensgenoffen in Rumänien auf das hilfsreichste angenommen hat, ist zweifellos auch aus geographischen Gründen vor allem berufen, jene Instanz zu bilden, die als Bindeglied zwischen den Organisationen des Westens und Rumänien zu fungieren hat. Was die Lage in Rumänien anlangt, so ist jetzt daselbst naH den Nachrichten, die H.rr Dr. Nathan überbracht hat, die Ruhe zurückgekehrt. Wenn auch die Situation ihren ernsten Charakter noch nicht ganz verloren hat, so ist sie doch im Augenblick für unsere rumänischen Glaubensgenossen nicht wesentlich bedrohlicher, als für die anderen Einwohner des Lnndes. Sämtliche nach der Bukowina geflüchteten Juden sind denn auch bereits repatriiert worden. — Die ersten Unruhen, die in der Moldau ausbrachen, trugen einen rein antisemitischen Charakter, und die Behörden verhielten sich bei der Unterdrückung dieser Exzesse zunächst passiv. Als aber auch die Walachei von den Unruhen ergriffen wurde und diese Unruhen sich vornehmlich gegen die Großgrundbesitzer kehrten, wurden energische Maßregeln getroffen, um sowohl in der Moldau wie in der Walachei die Aufstände niederzuschlagen. Sehr precär ist immer noch die Lage derjenigen Juden, die vor der Wut der verhetzten Bauern aus den Dörfern in die rumänischen Städte geflohen sind. Es wird die Aufgabe der rumänischen Regierung sein, diesen Flüchtingen die Rückkehr in ihre Wohnstätten mit tunlicher Beschleunigung zu ermöglichen. Wenn es gelingt, diese in die Städte Geflohenen in ihre Wohnsitze auf das Land zurückzubringen und sie wieder ihren früheren Berufen zuzuführen, so ist es möglich, daß eine starke Auswanderung hintangehalten wird. Als Zeichen des guten Willens der jetzigen rumänischen Regierung wäre es zu betrachten, wenn sie die Rückkehr der von den Dörfern Verjagten schnell und energisch in die Wege leitete. In mannigfacher: Unterredungen mit hervorragenden Politikern, so mit dem Ministerpräsidenten Sturdza und dem Minister des Innern Bratiano, hat Herr Dr. Paul Nathan für eine Besserung der Lage unserer rumänischen Glaubensgenossen zu wirken sich bemüht. Bon dem Minister des Innern, Herrn Bratiano erhielt er die formelle Zusicherung, daß alle Einwohner Rumäniens, gleichviel welcher Konfession oder Nattonalität gleichmäßig geschützt werden würden. Man darf hoffen, daß die akute Krisis in Rumänien jetzt vorüber ist,' die wirtschaftlichen Wunden, die die Unruhen geschlagen, sind aber sehr schwere, und man kann sich darüber nicht täuschen, daß es noch langer Anstrengungen bedürfen wird, bis unsere Glaubensgenossen in Rumänien sich die staatsbürgerliche Geleichstellung errungen haben werden.