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Der Israelit · 1907-04-11 · Heft 15 (11.4.1907) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 15 (11.4.1907)
Date
1907-04-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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11. April 1907. Der Israelll. Rr. 15. Sette 5 als unseren Neologen geliefert worden ist. Diese sind nie müde geworden zu behaupten, es gebe noch keine autonome Organisation der ungarischen Judenheit, von einer solchen könne erst dann Ine Rede sein, wenn die Trennung der orthodoxen und der neologen Partei aufgehoben und ein einheitliches ungarisches Judentum, wie sie es wünschen, geschaffen sei. Den jetzigen Zustand bezeichneten die Neologen immer als einen Zustand der Unordnung und man kann es begreiflich finden, wenn die Regierung an diesen Gedankengang angeknüpft hat und die Gewährung der verlangten Dotation bis zur Herstellung der Ordnung, bis zur Bildung einer von den Juden selbst als vollwertig betrachteten Organisation verschiebt. Die Neologen haben die jetzige Situation geschaffen, sie können auch durch ein freimütiges Bekenntnis eine Aenderung herbeiführen. Es wäre möglich, eine jährliche Dotation von 300,000 Kronen für das ungarische Judentum beim Staate zu erreichen. Und wie viel Schönes, Jüdisches Patriotisches und Gemeinnütziges könnte für dieses Geld gestiftet werden! Die neologen Führer haben jetzt die beste Gelegenheit, ein grobes Werk zu vollbringen. Sie sollten die Distriktspräsidenten, die für jede Aktion parat stehen, zu einer Versammlung einberufen und beim Kultusminister korporativ die Aufwartung machen. Der Führer der imposanten Deputation, der derzeitige Landespräsident der Neologen, Dr. Moriz Mezei, soll dann folgende Ansprache an den Kultusminister richten: „Ew. Exzellenz! Herr Minister! Anläßlich unserer heutigen Versammlung sind wir, die Präsidenten der auf der Kongreßbasis geleiteten israelittschen Gemeindedistrikte, in Vertretung der gesamten auf dieser Basis organisierten Judenheit vor Ew. Exzellenz erschienen, um unserem Vertrauen zu Ihrer staatsmänuischen Weisheit und Gerechtigkeitsliebe Ausdruck zu verleihen und auf Grundlage unseres Vertrauens unsere Bitte vorzubringen. Seit nahezu vierzig Jahren bemühen wir uns unsere orthodoxen Glaubensbrüder für die einheitliche Autonomie der ungarländischen jüdischen Konfession zu gewinnen. Ich hatte die Ehre, an der Wiege dieses Unternehmens zu stehen. Als gewesener Schriftführer des Kongreffes kann ich es bezeugen, daß die jüdischen Notablen, denen die Leitung des Kongresses übertragen war, sich redlich Mühe gegeben, die sogenannten Orthodoxen einzuschüchtern. Wir haben eine gesetzliche Verfassung für die religiösen Körperschaften der ungarischen Judenheit feststellen wollen, glaubten aber der guten Sache am besten zu dienen, wenn wir über die religiösen Grundsätze der jüdischen Gemeinde garnicht reden lassen. Wir haben uns dieses Recht sogar vom ehemaligen Kultusminister Baron Eötvös dekretieren lassen. Aber die fanatischen Rabbiner, die auch Mitglieder des Kongresses waren, verlangten nichts weniger, als daß im Organisationsstatut ausgesprochen sei, daß eine jüdische Gemeinde in ihren offiziellen Kultuseinrichtungen das schriftliche und mündliche Thoragesetz, wie es im Schulchan-aruch niedergelegt ist, respektiren müsse. Das konnten wir nicht zugeben. Untere Reformrabbiner und auch einige halbkonservative Schriftgelehrte haben uns in dieser Weigerung bestärkt. Ein glücklicher Zufall hat auch unsere Position gekräftigt. Der orthodoxe Antrag wurde verworfen. Hierauf wurde von einigen konservativen Friedensstiftern ein Beschwichtigungsantrag eingereicht, daß das Organisationsstatut ein „mosaisch-rabbinisches" Judentum anerkenne. Aber ein noch glücklicherer Zufall wollte es, daß auch dieser heuchlerische Antrag mit einer Stimme Majorität verworfen wurde. Bon der religionspolitischen Erfindung unseres Frankfurter Gesinnungsgenossen, des Herrn Dr. Blau, daß es verschiedene Richtungen des traditionellen Judentums gebe, hatten unsere Rechtsgelehrten damals noch keine Ahnung. Diese geniale Idee haben Misere Reformrabviner erst im Jahre 1888 entdeckt, indem siH in einer zu Györ (damals hieß dieser Ort noch Raab) abaehaltenen kleinen Synode feierlichst erklärten, daß sie auch auf Basis des Schulchan-aruch stehen. Durch den einstimmigen Sieg unserer Partei waren wir aber nunmehr unumschränkte Herren des Kongresses. Die orthodoxen Rabbiner haben wir einfach aus unseren Beratungen hinausgeekelt. Der Tisch war rein. Nachher haben wir statuarisch festgestellt, daß jede Gemeinde ihre eigene Autonomie habe, und die Majorität ihres Vertretungskörpers sei auch berechttgt, in allen Kultusfragen zu entscheiden. Für gewiffe Konflikte, die zwischen Kultusvorstand und Religionsgesetz entstehen könnten, haben wir auch Schiedsgerichte eingesetzt, die sich aber weder um den Schulchan-aruch noch um die mosaischrabbinische Wissenschaft zu kümmern haben. Unsere Schiedsrichter bestimmt das Los können lauter Ignoranten und Gesetzesübertreter sein. Unsere Verfassung wurde auch von der Regierung bestätigt und vom König sanktioniert und wir rechneten bestimmt darauf, daß sich die Orthodoxen gegen die königlich sanktionierte Autonomie nicht auflehnen würden. Leider kam es aber anders. Die größten Rabbiner jener Zeit haben gutachtlich ausgesprochen, daß unsere Kongreß-Organisation einen von keinem Gesichtspnnne aus zu rechtfertigenden Gewissenszwang gegen die gesetzestreuen Juden involviere und daß die Verwirklichung unserer Satzungen zur Untergrabung des jüdisch-religiösen Lebeus führen müsse. Und der ungarische Reichstag hat zu unserem größten Leidwesen diesen Standpunkt vollkonimen gewürdigt und merkwürdigerweise sogar ausgesprochen, daß „die Kongreßpartei eine von der bisher in Ungarn auf Grund der isr. dogmatischen Glaubensgesetze vorhandenen Glaubenskirche wesentlich verschiedene Glaubenskirche bildet." Im Sinne dieses Reichstagsbeschlusses waren wir demnach nicht das offizielle tudentum,. sondern eine ab gesplitterte artei desselben. Und ein Jahr später hatten auch die Orthodoxen ihre eigene königlich sanktionierte Autonomie. Trotz dieser großen Erfolge ließen wir uns nicht einschüchtern und trachteten in einem fort, die sogenannten Orthodoxen ftir unsere Kongreßautonomie zu gewinnen. Mit diesen unseren Glaubensbrüdern hatten wir aber großes Pech. Mit der Erlangung einer selbständigen Autonomie leugneten sie vollständig die Verbindlichkeit der Kongreßstatuten und konstituierten sie sich zu einer separaten Religionsgenoffenschaft. Erst als der erleuchtete Kultusminister August Trefort die Leitung des Kirchenressorts übernommen, ist unser Stern wieder aufgeftiegen. Dieser liberale Staatsmann gelangte zur Ueberzeugung, daß die Triebfeder der Uneinigkeit unter den Israeliten nicht die religiöse Ueberzeugung sei und bemühte sich vor all em aus dem Vermögen des Schulfondes eine Landes- Rabbinerschule zu errichten, welche dem ungarischen Judentum patriotische und gebildete Rabbiner erziehe. Gegen dieses Vorhaben haben wohl 200 orthodoxe israelitische Gemeinden Protest erhoben und auch der hohe Reichstag hat seine Zustimmung hiezu nicht erteilt. Dies hielt jedoch den seligen Minister Trefort nicht ab, nach beendigter Session des Abgeordnetenhauses das Rabbinerseminar zu errichten. Später hat der ungarische Reichstag das eigenmächtige Vorgehen des Ministers genehmigt und zugleich ausgesprochen, daß die Rabbinerschule und die Lehrerbildungsanstalt gemeinsame Institute der gesamken vaterländischen Judenschaft bilden. Dieser Beschluß hatte wieder einmal die Einheit der jüdischen Konfession bestätigt. Nach 26 Jahren müssen wir aber bilden. Dieser Beschluß hatte wieder einmal die Einheit der jüdischen Konfession bestättgt. Nach 26 Jahren müffen wir aber ein gestehen, daß unsere Spekulatton mit dem Rabbinerseminar eine verfehlte gewesen. Von den 100 Geistlichen, die in dieser gemeinsamen jüdischen Hochschule ihre Ausbildung erhielten, wurde nicht ein einziger aks Rabbiner in einer orthodoxen Gemeinde angestellt. Der große Kultusminister Trefort hat uns aber noch zu anderen Errungenschaften verholfen. Im Jahre 1884 hat er das ganze traditionelle jüdische Gemeindeleben seines religiösen Charakters entkleidet und die „Matrikel" zum Kriterium der jüdischen Gemeinde gemacht. Gemeinden und Rabbinate wurden zerstückelt, in Ehren ergraute Rabbiner wurden ihres Amtes enthoben, und durch dieses Judengesetz, durch diese Vernichtung jeder Gemeindeautonomie glaubten wir ganz sicher die Begriffe „orthodox" und „neolog" für ewige Zeiten beseitigt und der einheitlichen Organisation die Wege gebahnt zu haben. Wir verfolgten unser Ziel auch mit eiserner Geduld und Ausdauer, bis wir im Jahre 1888 dahin gelangten, daß der verewigte Kultusminister Trefort erklärte, sämtliche Religionsgemeinden Ungarns, welcher Parteischattierung immer, seien sowohl von staatspolitischen Gesichtspunkte, wie auch von dem Gesichtspunkte des Judentums als zu einer und derselben Konfession gehörig zu betrachten und schlechtweg mit dem gleichen Namen „israelitische ReÜgionsgemeinde" zu belegen. Gleichzeittg war der liberale Kultusminister so fteundlich, auch die Institution der autonomen Schiedsgerichte aufzuheben und' die politischen Behörden als gerichtliche Instanzen für jüdisch-religiöse Angelegenheiten zu deklarieren. Der König hat diese epochemachende Verfügung wohl nicht mit seinem Namen sanktioniert, aber der geniale tüter der Gewissensfreiheit tat es doch unter erufung auf die allerhöchste Entschließung Sr. Majestät. Unseren orthodoxen Glaubensbrüdern hat auch dieses Machtwort nicht imponiert Ihre Rabbiner, die Seelsorger von 800 orthodoxen Gemeinden, haben in einer gewaltigen Manifestation feierlichst erklärt, daß es zwischen Orthodoxen und Neologen keine Vereinigung gebe, daß die Institutionen der Neologen, deren Rabbiner, Schächter und Religionslehrer seitens der Ortodoxen nicht in Anspruch genommen werden dürfen und daß zu deren Erhaltung den Orthodoxen sogar Steuer zu zahlen religionsgesetzlich verboten sei. Zn unserem Malheur hat um jene Zeit unser einziger Gönner und Schutzherr, der Kultusminister Trefort, das Zeitliche gesegnet und seine Nachfolger Graf Albin Csaky und Julius V lasst cs wollten es nicht zugeben, daß die Orthodoxen in ihrer Religions- und Gewissensfreiheit angegriffen werden. Wir haben seither bei jeder einzelnen Regierung und zu wiederholter! Malen um die Gnade gebettelt, daß uns Juden im Interesse des ungarischen Staates und der Kon fe ssi on eine ein Zeitliche Autonomie oktroyiert werde. Es ist uns auch zweimal gelungen, die Kardinalpunkte der orthodoxen Organisation durch die Kultusminister konfiszieren zu lassen. Wir glaubten auf diese Weise uns dem Ziele zrr nähern, aber es war alles vergebens. Die Orthodoxen ertrugen jede Unterdrückung, kämpften aber weiter und wollten sich uns nicht ergeben. Seit zehn Jahren verlangen wir von der Legislative die Einberufung eines zweiten ein heitlichen Kongresses, damit die Konfession in ihrer Gesamtheit in der Angelegenheit ihrer Organisation befragt werde. Es könnte ja bei dieser Angelegenheit festgestellt werden, ob die einheitliche, gesetzlich rezipierte israelitische Konfession ihre Aufgaben in einer oder mehreren Organisationen mit einander ergänzenden Kräften, oder auf gesonderten Wegen und mit geteilten Kräften löftn will. Auch diese Bemühungen hatten keinen Erfolg. Die Orthodoxen wollen nicht einmal versuchsweise in eine gemeinsame Beratung mit uns einwilligen. Es ist bei ihnen ein feststehender Grundsatz, daß ein religiöses, wenn auch nur kultuell - administratives Zusammenarbeiten mit uns ein für allemal ausgeschlossen sei. Und die. Kultusregierungen, die uns doch in konfessionellen Dingen bei jeder Gelegenheit vorzogen und uns zuweilen auch in der offiziellen Verdrängung der Orthodoxie hilfreiche Hand geboten, blieben immer beim entscheidenden Punkte stehen. Die orthodoxe Organisation wollten sie nicht voll und ganz m

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