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Der Israelit · 1907-04-11 · Heft 15 (11.4.1907) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 15 (11.4.1907)
Date
1907-04-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Rr. 15. Der Israelit. 11. Avril 1907 Und was können wir aus der Aufnahme, die diese Borträge erfahren, für die (Stellung des Liberalismus zur Positiven^Religion schließen? Da es sich hier z/T. um naturwissenschaftliche Fragen handelt, so sei'mir die Bemerkung gestattet, daß ich mich zwar sehr^eingehend mit oem Tatsachenmaterial beschäftigt, habe, dennoch oLer stets die^' Autoritäten werde zu Worte kommen lassen,, um auch den Schein zu vermeiden, als wollte ich dilettierend in ein fremdes Gebiet übergreifen. Ferner sei vorausgeschickt, daß ich dem letzten Bortrag und dem Diskussionsabend selbst beigewohnt, mir also über den Eindruck ein selbständiges Urteil zusteht. Endlich sei noch bemerkt, daß für sämtliche Vorträge eine 'sonographische wortgetreue Aufzeichnung in den Berichten der „Germania" und der „Märkischen Volkszeitung" vorliegt. I. Wir bringen zunächst den Inhalt der Vorträge Wasmanns. Das ist ein schwieriges Beginnen. Denn es handelt sich darum, die Fülle oeffen, was Redner in etwa fünf Stunden rein sachlich vorbrachte —v auch nicht ein einziger Satz enthielt Redensarten und war überflüssig — auf einen kleinen Räum zusammenzudrängen. Mer es ist auch nicht unsere Absicht, das gesamte Beweismaterial für und wider die Entwicklungstheorie hier beizubringen, überhaupt die einschlägigen Fragen abschließend zu beantworten. Das gäbe einen stattlichen Band. Wir wollen nur die prinzipielle Bedeutung der Frage und die Stellungnahme der Parteien beleuchten. Dazu «nügt wohl eine kurze Zusammenfassung des Wesentlichen. Ferner geben wir, um den Zusammenhang nicht zu unterbrechen, hier nur den Gedankengang der jVorträge Wasmanns wieder. Unsere kritischen Einwände folgen später. * * * Die Frage, was haben wir von der Entwicklungstheorie zu halten, steht im < ordergrund der allgemeinen Aufmerksamkeit. So einstimmig aber auch das Interesse ist, das an dieser Frage genommen n ird, so verschiedenartig, ja geradezu widersprechend sind die Antworten, die man vielfach vernimmt. Von der einen Seite hört man: die Entwicklungstheorie ist ja eine naturwissenschaftlich schwach begründete Hypothese. Tatsachen sind keine dafür dd, sie ist eine Ausgeburt des, Atheismus. Bcn der anderen Seite dagegen sagt man: die Entwicklungstheorie ist auf naturwissenschaftlichen Tatsachen hinreichend fest begründetsie ist eine in sich bereits sow it ausgebildete Theorie, daß sie auf Anerkennung Anspruch erheben kann, — von jedem Biologen, mag er in religöser Beziehung auf einem Standpunkt stehen, auf welchem er will. Von einer dritten Seite endlich heißt es: die Entwicklungstheorie ist der christlichen Weltanschauung doch feindlich - sie ist, wie Höckel gesagt har: „die HaupiWaffe in der schweren monistischen Artillerie" gegen das Christentuin. Wer nun hat eigentlich recht? Es handelt sich vor allem darum, die Begriffe klar zu unterscheiden. Deswegen möchte ich als das Ziel dieser Vorträge aussprechm: möglichst klar auseinanderzusetzen, welche verschiedene Begriffe wir in dem Wort Entwicklungstheorie zu unterscheiden haben-, wie wir ferner die einzelnen Begriffe aufzufaffen und wie wir uns gegen dieselben zu verhalten haben. Der erste Vortrag wird, so fährt Wasmann fort, die Entwicklungslehre als naturwissenschaftliche Hypoihese und Theorie vorführen und zwar an der Hand einer Reihe von photographischen Lichtbi dern, die ich aus meinem Spezialgebiet der Ameisen- und Termitengäste genommen habe, weil ich mich dort auf heimischem Boden fiihle. Durch die Fortschritte der Zoologen und Botan ker und nament ich durch die Fortschritte der Paläontologen ist die Wissenschaft immer näher an die Frage l erangeireten: wie steht es mit den Beziehungen der gegenwärtig lebenden Tiere und Pflanzen zu den ausg»- storbenen fossilen Elementen? Zweierlei Antworten sind hierauf gegeben worden. Die Konstanzentheorie sagt: die systematisa en Arten find unveränderliche G ötzen. Die Tatsachen bitrn uns keine Beweise, daß Ber nderungen der Arten über die Ar grenzen hinausgehen - wir dürfen deshalb von keiner Entwicklung der Arten auseinander, von keiner Stammesderwandtschaft der Arten untereinander oder mit früher lebenden Arten sprechen. Die Entwicklungstb« orie dagegen sagt: wir müssen die heutige Fauna und Flora, die heutige Tierun Pflanzenwelt als Endprodukt einer vorausgegangemn Entwicklung auffassen, gewissermaßen als die Endfunktion einer langen Jnd fferential- und Integralrechnung der Natur. Sie ersehen bereite hier us, daß es völlig falsch wäre, zu sagen, diese Entwicklungstheorie sei eine Ausgeburt des Atheismus. Die Frage: Besieht ein stammesgeschichtlicher Zusammenhang zwischen den heute lebenden Tieren und Pflan en und fossilen Organismen, diese Frage ist ein durchaus wissenschaftlichesie ergab sich mit logis 'er Konsequenz aus den Forschungen der Zoologie, Botan k und Paläontologie. Was ist aber der Gegenstand der Eni wicklungslehre als naturwissenschaftliche Hypothese und Theorie? 1.) Die Reihenfolge der Tier- und PflanzenforMen seit dem ersten Auftreten unseres Leb ns zu erforschen 2.) Diese Reil enfolge durch eine natiirliche Entwick ung der Arten zu erklären, d. h. die tatsächlich und ursächliche Erforschung der organischen Formenreihen, an deren Spitze die Arten der Gegenwart stehen. Was ist demnach nicht Gegenstand der Entwickungslehre? Ihr Gegenstand ist es nicht, den ersten Ursprung des Lebens auf Erden zu erklären. Selbstverständlich ist die Entwicklungslehre keine Erfahrungswissenschaft. Die Stammcsentwicklung selber kann der Mensch nicht mehr schauen, er kann sie nur auf dem Wege der Schlußfolgerung, und zwar durch ein sorgfältiges allseitiges Verglei > en der verschiedensten Beweismomente seinem Geiste erschließen. Auf welche Beweise stützt sich die Entwicklungslehre als naturwissenschaftliche Hypothese und Theorie? Zweierlei Gruppen pon Beweisen sind da zu unterscheiden, die direkten und indirekten. Die direkten Beweise, das sind jene, wenn auch schw .chen Spuren von Umbildungen der Arten, die wir heutzutage noch wahrnehmen. Die indirekten Beweise: da geht der Naturforscher wie ein gewandter Staatsanwlt vor, der einen Angeklagten übe:führen muß. Er sammelt Jnd ziendeweise. Sie werden geschöpft aus der vergleichenden Formenlehre (Morphologie), aus der vergleichenden Anatomie, aus der Entwicklungsgeschichte, aus der vergleichenden Bionomie (Lebensweise), aus der Tiergeographie und namentlich aus der Paläontologie. AlS Resultat nicht bloß meiner, for dern auch fremder Forschungen, die sich mit dem näheren Studium der Anpassungserscheinungen überhaupt und mit der phylogenetischen Entwicklung im Einzelnen beschäftigt haben, ist folgendes festzustellen: für die Arten derselben (-'attungemanchmal auch für die Familien derselbn Ordnungen, die Gattungen derselben Familie, ja selbst für Ordnungen derselben Klasse, da finden sich Beweise ft r die Entwicklungstr corie. Hier bieten sich uns wirklich tatsächliche Anhaltspunkte für die Stammesverwandtschaft der betreffenden Fornnn. Aber je höher wir i inaufsteigen in bin systematischen Kategorien je mehr w r uns den großen Haupt ypen des Tierreichs nähern, desto spärlicher werden die Beweise, ja siegehen uns endlich ganz aus, sodaß wir schließlich sagen müssen: die Annahme einer monophh > tischen (einstamm gen) Entwicklung des ganzen Organismusreiches ist ein schöner Traum ohne naturwissenschnf liche Beweise. Ebenso ist auch die Annahme einer monopbtzletischen (einstämmigen) Entwicklung des ganzen Tierreichs einers its aus einer Urform und des ganzen Pflan enreichs andererseits aus einer Urform nur so ein schöner Traum. Da wird man mir entgegnen, das seien ja lauter Fleischmannsche Behauptun en Nein, auf Fleischmann stütze ich mich hier nicht, da er in seiner Opposition gegen die Entwickelungstheorie viel zu weit geht. Aber dm in hat e> Recht: eine Zurückführung der Haupttypen des Tierreichs auf eine Grundform ist nicht möglichalle Versuche in dieser Richtung sind gescheitert. Das sagt nämlich nicht nur Fleischmann, sondern auch andere, viel gewichtigere Autoritäten, z. B. Oskar Hert wig im Schlußkapitel seines soeben erschienenen ausgezeichnet n „Handbuches er vergleichenden und experinientellen Entwicklungsgeschichte." Sein Ergebnis lautet: die Beweise für die monophhletische Sramniesentwicklung versagen gänzlich, wir werden auf die Annahme einer vielstammigen Entwicklung immer mehr hingedrängt. . . . Da lann man mir aso nicht entgegnen, ich sei als „Theologe" für die vielstammige Entwicklung eingenommen. Gestatten Sie nun noch, daß ich mich für einen Augenblick auf den Standpunkt des biblischen Schöpfungsberichts stelle. Die heilige Schrift ist kein Leh.buch der Naturwissenschaften im modernen Sinne. Nehmen wir aber einmal an, wir müssen von den „Arten" sprechen, die Gott geschaffen hat. Versteht der biblische Schöpfungsbericht darunter vielleicht die Arten, die Aristoteles unter si&ov faßte? Oder handelte es sich vielleicht um jene Arien, welche d.e moderne Konstanztheorie als naturwissenschaftliche Arten für unveränderlich hält? Nein! Denn dieser Begriff der Arten hat'sich erst im 18. Jahrhundert entwickelt durch Rah, Ltnne und Cuvier. Mit viel größerem Recht könnte inan die „Arten" des biblischen S chöpfungs berichtes auf die Stam reihen der Entwicklungslehre beziehen, auf den Inbegriff sämticher aufeinander folgender Generationen, die untereini nder stammverwandt sind. (Fortsetzung folgt.) kinr nicht gehaltene Rede. Budapest, im März. Wir haben in unseren Artikeln über die „Dotation des ungarischeir Staates für die jüdische Konfession" gesehen, welches Argument die ungarische Regierung benutzt, um die Vorenthaltung der vollen staatlichen Dotation, die der jüdischen Konfession zusteht, zu rechtfertigen. Es ist ein Argument, das ihr von niemand anders Rechnet man die Geborenen vus Mischehen zur Hälfte oen Juden, die unehelich Geborenen dem Religionsbekenntnis der Mutter zu, so wurden geborcn Evangelische Katholiken («den in absol. Zahlen 5622 8408 380 )iff. u. Unbekannte 29 auf je 10C0 Einw. gleicher Konfessionen 27,76 32,21 16,19 9,10 28,10 von den wenigen Geburten weitaus die niedrigste zusammen 9439 Die Juden haben hiernach, der Dissidenten abgesehen, Geburtsziffer. Totgeboren waren 7 Kinder jüdischer Mütter, b.^h. 1,84 Prozent gegenüber 298 Totgeborenen — 3,29 Prozent bei der christlichen Bevölkerung - unehelich waren 12 ----- 3,16 Prozent aller jüdischen und 1324 — 14,62 Prozent aller christlichen Gekorenen (nach dem Religionsbekenntnis dtr Muttei). Die Sterbeziffer beträgt 12,78 auf 1000 Einwohner gegen 15,25 bei den Evangelischen und 15,94 bei den Katholiken. Von den Gestorbenen waren - u. 1 Jahre all u. 5 Jahre alt 3 r- 'S" g J> o5’3 »3 3 « OÄ gS V» 3 »4a bei den Evangelischen 904 29,27 1207 39,09 „ „ Katholiken 508 30,11 687 40,72 „ „ Juden .37 13M 43 14,33 „ „ Diff. u. Unbekannt 128 — 133 Aus den Zahlen geht deutlich hervor, daß die Juden ihre günstige Sterbeziff r der außerordentlich geringen Säuglings- und Kindersterblichkeit zu verdanken haben. (Der Anteil der Juden am Studium in Oesterreich). Welch bedeutenden Aufschwung derAnteilder Juden am Studium in Oesterreich genommen bat, beweist die Tatsache, daß während 1851 die Gesamtzahl der Jud.n auf Universitäten und technischen Hochschulen Oe,nrre chs 641 b-trug, ihre Gesamtzahl im Jahre.1904 auf 4575 angewachsen war. Die 4575 jüdischen Studenten des Wahres 1904 veri eilten sich wie folgt: 1729 (gleich 18,2% der in dieser Fakultät Studierenden) auf die juristische, (81 (gleich 27,1%) auf die medizinische und 890 (gleich 12,5 %) auf die philosophische Fakultät, 1275 (gleich 20,2%) auf die Technischen Hochschulen. Berücksichtigt man, daß die österreich. Bevölkerung nur aus 4,7 % Juden besteht, so ergibt sich, daß der Bildungsdrang umer den Juden ein ganz gewaltiger ist. („Der Kaufmann von Venedigs in de« amerikanischen Schulen.) In vielen amerikanischen Stadien ist das Shakqspearesche Drama ,Der Kaufmann von Venedig" von der Lektüre in den Schulen ausgeschlossen. In der Presse und in Reden find zahlreiche Rabbiner dagegen aufgetreten, daß durch die Lektüre dieses Stückes schon in der Jugend der Rasseuhaß geweckt werde. Auch o.r Orden Bne Brith hat sich an diesem Kampf gegen den „Kaufmann von Venedig" beteiligt. Merkwürdig! (Neue Ausgrabungen in Palästina.) Nach langen Bem Hungen ist es Professor D. Ernst Sellin dank der Unterst»^ ung des k. u. k. vsterreichisch-ungartschen Konsulates in Jerusalem und der Direktion de- Ottomanischen Museums gelungen, ein Jrade de Sultans zu erwirken, welches ihm Ausgrabungen auf dem Trümmerfelde des alten Jericho gestattet. Die Expedition verspricht bei der hervorragenden Bedeutung Jerichos, besonders für die vorisraelitische Geschichte, ein auße ordentlich reiches und interessantes Ergebnis. Die Unternehmung wird vorläufig unterst tzt vom österreichischen Ministerium für Kultus und Unterricht, den He ren Arthur Krupp in Bern orf, Anton Dreher, Philipp und Paul von Schoeller in Wien. Professor Sellin wnd sich in der nä sten Woche zu einer ersten Probegrabung auf das Ar eitsfeld begeben. (Jerusalem in London.) Im Juni dieses Jahres w rd man in der Londoner landwirtschaftlich n Halle ein seltsames Schauspiel genießen können. Drei Wochen lang wird man sich >n ein Miniatur-Jerusalem versetzt sehen. Mehr als dreitausend steiwillige Arbeiter haben ihre Teilnahme bereits versprechen, und man wiro nicht nur Erzeugnisse der Jerusalemer Industrie schauen, sondern auch ihrem Entstehen, ihrem Werden, der Arbeit, kurz, dem Leben Jerusalems beiwohne» können. So wird eine Nazarener Zimmerwerkstatt im Betrieb v.ranschau icht weroen, die landwirrsetaftlichen Methoden des alten Jerusalem werd.n durch Landarbeiter praktisch Vorgefiihrt, und allerlei realistische Szenen sollen von dem Leben des fernen Ostens ein anschauliches Bild geben. Für Altertümer und Ant quttäten aus dem gelobten Lande wird eine besondere Abteilung eingerichtet. .. i* -i v» ■, t 1

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