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Der Israelit · 1907-04-11 · Heft 15 (11.4.1907) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 15 (11.4.1907)
Date
1907-04-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 15 11. April 1307. daß der Board sich nicht mit religiösen Angelegenheiten zu befassen habe. Daß oer Board eine Massenversammlung, durch die ein Druck auf die gesetzgebenden Körperschaften ausgeübt werden soll, zumal jetz', nachdem von der parlamentarischen Kommission ein bedeutendes Zugeständnis erlangt worden ist, für inopportun hält, wird man Wohl billigen müssen. Im übrigen ist jedoch das Abseitsstehen des Board in der so wichtigen Sache der Schaffung einer starken Organisation recht bedauerlich. Es wird aber hoffentlich die heutige Sabbatb wegung nicht in ihrer Entwicklung aufhalten, und die Leiter der B wegung u erden sich dadurch nicht in ihrer Arbeit beirren lassen. Die Organisationsarbeit begann im November v. Js. mit der Gründung eines Vereins, der zunächst im Stillen arbeitete und auch so schon manche Erfolge hatte. Gl ichze tig begann es sich auch unter den Meistern und den Arbeitern im Londoner Ostend zu regen, eine Deputation derselben suchte eine Verbindung mit dem anderen Verein herzustellen, was aber infolge des Eingreifens des Board of Deputier mißlang. Dann berief die Schneidergewerkschaft im vorigen Monat eine gemeinsame Konferenz aller jüdischen Gewerkschaften ein, die die Bildung einer gewerkschaftlichen Sabbath observance Society zum Ergebnis hatte. Das beabsichtigte Maffenmeeting wird trotz der Absage des Board of Deputies abgehalten werden und die Besucher werden, wie Rosenthal verspricht, überrascht sein von den mannigfachen Erfolgen, die dort der Oeffentlichkeit vorgeführt werden sollen. In der Preffe wurde bereits eine der Institutionen besprochen, die die Bereinigung geschaffen hat, das Bureau für Arbeitsvermittlung im Schneidergewerbe. Die gleiche' Institution wird nun auch für die anderen Gewerbe ins Leben gerufen werden. Wenn die englische Judenheit, so schließt Rosenthal, will, daß es ihr mit der Sonntagsruhe nicht ebenso ergeht, wie mit der Alien Bill, so muß sie handeln, bevor das Gesetz angenommen ist und nickt erst nachher. Sie muß sich darauf besinnen, daß keine Zeit zu verlieren ist, wenn der religiöse Niedergang nicht weiter fortschreiten soll. Me Uorträge des Paters Erleb Ulasmann in Berlin. Bon Dr. I. Wohlgemuth in Berlin. Am 13., 14. und 17. Februar d. I. hielt der Jesuitenpater, Herr Erich Wasmann — wie aus den Tageszeitungen allgemein bekannt — Borträge über das Entwicklungsproblem. Ein wissenschaftliches Komitee erließ eine Ankündigung, die von Gelehrten unterzeichnet war und in der , _ Der JSraettt._ es hieß: „Das Entwickelungsproblem steht, wie kaum ein anderes, auf der Tagesordnung. Das große Jntereffe, das auch weitere Kreise daran nehmen, zeigt sich in dem starken Zuspruche, den öffentliche Vorträge über dies Thema finden, wie jüngst noch, im Sommer 1905, die in der Singakademie von Prof. Häckel-Jena gehaltenen Vorträge über den „Kampf um den Entwickelungsgedanken". Die Veranlaffung zu diesen Vorträgen war, wie Professor Häckel selbst wiederholt erklärte, ein Buch des bekannten Zoologen P. Wasmann 8. J., betitelt: „Die moderne Biologie und die Entwickelungstheorie." Es war daher der Wunsch des Herrn P. Wasmann, in Berlin auch seinen Standpunkt zur genannten Frage in mehreren Vorträgen darzulegen." Diese Borträge, vor allem aber der ihnen folgende Diskussionsabend' am 18. Februar haben die größte Anteilnahme geweckt. Die Voss. Ztg., die der Veranstaltung durchaus feindlich entgegentrat und in der Schilderung parteiisch verfährt, worauf wir noch ausführlich zurückkommen, schreibt über den Diskussionsabend: „Tief ist im Volke das Sehnen nach Klarheit über Werden und Sein, das zeigt die denkwürdige Versammlung am 18. Februar im Zoologischen Garten. Es war nicht mehr allein die schwarze Garde, untermischt von einigen Gelehrten und Intellektuellen, die hören wollten, was ihr Jesuit über Entwicklung und Schöpfung sagen würde oder wie der Jesuit sich mit dem letzten Problem der Naturforschung abfinden kann. Zur Hälfte vielleicht nur noch war es die schwarze Schutztruppe, zur anderen Hälfte waren es nach Aufklärung begierige Geister, die gekommen waren, um die Antwort der Naturforscher zu hören. Darunter Gelehrte, jugendliche und greise, ein machtvolles Bild. Der große Saal des Zoologischen Gartens, der allen Berlinern so vertraut ist, bot einen ungewohnten Anblick. Nichts von den Familienkränzchen der Aktionär- und Abonnentengemeinde. Jeder Stuhl besetzt, kein Zoll breit frei, auf dem noch einer hätte stehen können. Rings an den Wänden, auf den Emporen, auf den Treppenstufen, dicht gedrängt Kopf an Kopf. Mit tiefstem Ernst den Worten lauschend, mit denen Redner nach Redner die Schwächen der Wasmann'schen Beweisführung bloßdeckte. Kein einziger Diskussionsredner war vorher bekannt gegeben worden, es waren nicht die' bekannten Namen, die Sensation erregend die Menge angelockt hatten. Und standhaft hielt sie aus, 37« Stunden lang; 37- Stunden hielt die genannteste Aufmerksamkeit vor. kein Zeichen von Ermüdung, von Abspannung." Ueber die Seitenhiebe auf die schwarze Garde später! Alles andere aber kann ich als Augenzeuge bestätigen. Auch ich habe noch nie eine so gewaltige Menschenmaffe mit solchem Ernst und solcher Ruhe viele Stunden hindurch wissenschaftlichen Auseinandersetzungen folgen sehen, und auch mir wird der Eindruck dieses Abends unauslöschlich sein. Und weil diese Vorträge und der darauffolgende Diskussionsabend ein Ereignis waren, so sollen sie zum Anlaß einer eingehenden Besprechung gemacht werden. Zum Anlaß. Denn daß die in den Vorträgen behandelten Fragen auch ganz unabhängig von dem Kampf zwischen P. Wasmann und seinen Gegnern vom Standpunkt der Religion der Untersuchung wert sind, darüber kann kein Zweifel sein. Doch es geht hier genau so wie mit der Babel-Bibel-Frage, die Delitzsch' Vorträge zum Gegenstand leidenschaftlicher Erörterungen gemacht haben. Lange vor Delitzsch sind religionsgeschichtliche Untersuchungen über das Verhältnis des Judentums zu Babylon veröffentlicht worden, und viel gründlicher und umfassender waren sie gehalten, und doch hat erst das Jntereffe der weiten Kreise der Oeffentlichkeit zu einer allgemeinen Erörterung geführt. Und noch eine andere Parallele zu der Bewegung, die sich an Delitzsch' Vorträge, anschloß, bietet die Aufnahme, die P. Wasmanns Vorträge gefunden. Sie zeugt von der erschreckenden Unwissenheit Vieler, die sich berufen fühlen für Blldung und Aufklärung zu kämpfen und dieser ihrer vermeintlichen Aufgabe getreu sich in den Tageszeitungen an einen großen Teil des Volkes wenden. Als Delitzsch seine Vorträge hielt, wurden seine Ausführungen als neue Offenbarungen ausgenommen, obwohl jeder, der auch nur ein einziges bibelkritisches Werk gelesen hatte, sich sagen mußte, daß, besonders in den beiden letzten Vorträgen, wenige Einzelheiten neu, alles andere aber alte Erbweisheit der Bibelkrittr sei. Ebenso große Unklarheit und eben solcher Mangel an Verständnis herrschte in der Würdigung der Wasmannschen Vorträge. Die Artikelschreiber, die mit großem Selbstbewußtsein ihr Urteil abgaben, sind — das geht aus ihren Aeußerungen unzweideutig hervor — auch nicht mit den Elementen der philosophischen Bildung vertraut. Und endlich ist hier wie dort der Fanatismus der sich liberal nennenden Kreise nur allzu deutlich in die Erscheinung getreten. All das bietet uns willkommenen Anlaß, uns über diese Vorträge und die Aufnahme, die sie gefunden, zu äußern und hier folgende Punkte näher zu erörtern: Was wollte der P. Wasmann? Wie stellen wir uns zu seinen Vorträgen? Wie war der Eindruck, den seine Borträge und der ihnen folgende Diskussionsabend bei den Zuhörern und in den Tageszeitungen hinterlassen? nicht mit Glücksgütern gesegnet find, baß Ehegatten fich die äußersten Anstrengungen auferlegen müssen, um für ihrer Kinder Mitgift zu sorgen, daß — Mißstände eingerisien find, die unser gesellschaftliches Leben zu vergiften drohen. IV. Daß die Ursachen dieser Krebsschäden, zum Teile wenigstens, in einem Phantom zu suchen ist, in einer gewalttgen Ueberschätzung der Bedeutung tuten Kapitales für unser Glück, mag von vielen nicht zugestanden werden. Sie werden einwenden, daß man durch bas Hasten und Jagen, das Sparen und Geizen für den Notfall Vorsorgen in dem oft doch ein gewisser Fonds einen nicht zu unterschätzenbm Rückhalt gewähre. Zugegeben! Aber fragen möchte ich fie doch, ob für diesen Notfall es von so grofter Bedeutung ist, ob die Mitgift 12 oder 15, 40 oder 50,80 oder 100 Tausend beträgt! Lassen wir unS doch, um ein Beispiel zu haben, von u serem Karl Linneck erzählen, wie oft er die bewußte Differenz verloren und wieder gewonnen hat. Bald nach seiner Verheiratung büßte er a ausländischen Werten mehrere Tausend Mack ein, ein schweres, jahrelanges Leiden seiner Tochter hat ihn reichlich so viel gekostet, und größere geschäftliche Verluste find ihm auch nicht erspack geblieben. Vielleicht wird man mir entgegenhalten, daß diese Verluste auch nicht ausgeblielm wären, wenn er sich mit einer kleinen Mitgift begnügt hätte. Möglich! Wahrscheinlich ist war, daß er in diesem Falle jene exotischen Papiere nicht gekauft hätte. Gewiß ist aber, daß der Mensch ebensowenig sein materielles Glück in der Hand hält wie etwa seine Gesundheit. Nicht er bestimmt sein Lebensgeschick! Und in der Beckmm^vg dieser Tatsache liegt nach unserer Meinung daS Grinwübel, daS so viele Schäden zeitigt. .Line breite Schichte unseres Volkes hat das Gottvertrauen verloren, das unsere Väter in so hervorragendem Maße auszeichnete, baut zu viel auf eigene Kraft und verschließt seine Augen den zahlreichen Beweisen eigner Ohnmacht. — Der Mensch bereitet fich nicht selbst seine Zukunft! — Wie häufig werden wir doch auf die Wahrheit dieses Satzes hingeführt, wenn wir erleben, wie plötzlich festgegründetes Glück schwindet, *ls wäre es nie gewesen, Segen dem Fluche weicht und dagegen aus der Niedrigkeit der Dürftige emporsteigt! Wenn jemand eine Geschichte, eine Statistik der Kapitalien schreiben könnte, es würde überzeugend nachzuweisen sein, daß der Mensch nicht imstande ist, seinen Besitz dauernd festzuhalten, ebensowenig wie er fich bei allen Vorsichtsmaßregeln für die Dauer vor Krankheit schützen kann. Bon allem aber, was uns zu beglücken vermag, ist am stettgsten — eine pflichtgemäße Lebensführung. V. Hand in Hand mit der immer intensiver gewordenen Steigerung unserer Erwerbstättgkett ist eine gewisse Ernüchterung der religiösen Anschauungsweise gegangen. Heutzutage ist man gen igt, alles auf natürliche Art zu erklären und dm Wunderglauben aus der Gegenwart ganz und gar zu verdrängm. tUn wenn auch Festtage und Festzeiten uns immer wieder an Gottes Wundertaten erinnern, wir versäumen meist zu bedmkm, daß fie, der Vergangenheit angehörend, ihren bleibendm Wert für alle Zeiten bewahrm sollen, indem fie bekunden, „daß alle, die auf I h n hoffen, nicht zu Schandm werdm, für alle Dauer nicht errvtm brauchm. die auf Ihn ihre Zuverficht setzen." Rur andeutungsweise wollen wir von dm wunderbaren Begegniffen sprechen, die wohl aar mancher von unS erlebt hat, und die er fich nur durch das Eingreift« eine« Höheren in fein Geschick zu ecklärm vermag. Etye wohl-begrün-ete Schm hindert uns in der Regel daran, «uberm dav«! Vtzttetlung zu machen. Wahr bleibt aber für alle Zeiten der Ausspruch unserer Weisen, dm fie an dm 136. Psalm knüpfen: Ein größeres Wunder als die Spaltung deS Schilfmeeres ist die stete Versorgung der Menschen durch ihren Schöpfer. Wenn dieser Gedanke von uns Judm richtig erfaßt und auch in seinen Konsequenzen verfolgt wird, dann dürste ein wesentlicher Teil des sozialen E ends schwinden, daS wir aus Mangel an Gottvertrauen uns selbst geschaffen habm. Bevölkerungsbewegung unter den Süden Trankfnrts. In den vom Statistischen Amte der Stadt Frankfurt herausgegebmm tabellarischen Ueberfichtm betreffend dm Zivilstano werdm über Eheschließungs-, Geburten- und Sterbeziffer der Judm folgende Mitteilungm gemacht. Die Juden haben die relativ geringste Zahl von Eheschließungen aufzuweism. Es entfallen nämlich auf je 1000 Evangelische 10,9 Eheschließungen Katholikm 11,7 „ Judm 7,7 „ Dm 164 rein jüdischen Ehm stehm 20 Mischehen eines jüdischm Mannes mit emer christlichm Frau und 17 Mischehm et* es christlichen Mannes mit einer jüdischm Frau gegenüber. Es heirateten demnach 10,87 Prozent aller heiratenden jüdischen Männer und 9,39 Proz. aller heiratenden jüdischm Frauen etnm nichtjübischm Ehegatte».

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