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Der Israelit · 1907-04-11 · Heft 15 (11.4.1907) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 15 (11.4.1907)
Date
1907-04-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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LLL wahrscheinlich religiösen Ursprungs, die schließlich zu einer Art inhärenter „Eigenschaft", zu einem angeborenen Widerwillen gegen Unmäßiakeit geworden ist. Diese „Rasseneigenschaft" ist aber nicht untilgbar. Ebenso wie sie durch Gewohnheit entstanden ist, kann sie auch durch allmähliche Gewöhnung an das Trinken wieder verloren gehen. Wie in den Weinländern, die als relativ mäßig gelten, die Trunksucht in den letzten Jahrzehnten sich auszubreiten begonnen hat, wie speziell Frankreich aus einem der mäßigsten Länder zum alkoholisiertesten der Erde geworden ist, wie die sich verbreitenden Trinksitten Europas selbst vor den Toren der muhamedanischen Länder nicht Halt machen, sondern in ihnen jetzt trotz des Koranverbots allmählich an Boden gewinnen, so nehmen auch die Juden, seitdem und soweit sie angefänaen haben, das „Ghetto" zu verlassen, aus ihrer Absonderung herauszutreten, die „Lehre" zu vernachlässigen und die „Gesetze" zu übertreten, wie gesagt, in steigendem Maße an den Trinksitten der Umgebung teil. Ihre alte Mäßigkeit, ihre „Immunität" gegen den Alkoholismus, ist, das kann gar keine Frage sein, langsam im Schwinden begriffen, und es ist, falls keine innere Bewegung dagegen erfolgt, und die allgemeine Bewegung gegen den Alkoholismus dem keinen Einhalt tut, oie Zeit schon abzusehen, wo sich die Juden in Bezug auf den Alkoholismus von ihrer Umgebung nicht mehr unterscheiden werden, wenn auch darüber noch einige Generationen dahin gehen können. Dann wird auch ihre Lebenszähigkeit und das günstige Verhältnis der Kriminalität, speziell hinsichtlich der Gewalttätigkeits- und Roheitsdelikte, aushören,und sie werden sich in dieser Beziehung nicht mehr wesentlich von der umgebenden Bevölkerung auszeichnen, wie sie diese in den Ländern des Westens bereits beim Selbstmord, in Bezug auf den sie noch vor 50 Jahren so sehr zurückstanden, eingeholt, vielfach sogar überflügelt haben. Die Assimilation geht eben auf der ganzen Linie vor sich und begreift mit der Zeit alle biologischen und soziologischen Verhältnisse in sich. Soweit Hoppe. Seine Feststellungen und Mahnungen sind nur ein Ausschnitt aus dem großen Problem, das der Abfall vom Judentum für die ganze Weiterexistenz des jüdischen Volkes, für seine physische und sittliche Gesundheit bedeutet. Dieser Abfall beginnt nicht mit der Taufe, nicht einmal mit der Verlegung des Sabbaths auf den Sonntag, sondern mit der Preisgabe der alten jüdischen Pflichttreue, mit der prinzipiellen Leugnung der Berpflichtungskraft des ganzen jüdischen Gesetzes. Heute wie ehedem steht das jüdische Volk imAngesicht vonEbal und Gerisim vor der Alternative, mit der Thora im Arme zu leben, oder, auf sich selbst gestellt, den Grabesgang alles Irdischen zu wandeln. V3B7 Tina morn o'Tin o"ri3 mnzn 'ochenrwöscha«. Ein Wort an Sie Alliance Jsraelife Universelle. Die Chachambaschi - Frage in Jerusalem hat nunmehr mit der Ernennung des R. Panigel für absehbare Zeit ihre offizielle Erledigung gefunden. Der Kampf innerhalb der Jerusalemer Judenheit ist damit aber noch nicht zu Ende gekommen. Herr Antebi, der mit Gewalt den Gemeinden in der heiligen Stadt eine andere, ihm genöhme Persönlichkeit als ihr geistiges Oberhaupt hatte aufdrängen wollen, mag sich in die Nieoerlage, die ihm von Konstantinopel aus bereitet wurde, durchaus nicht fügen. Seine Erbitterung ist umso größer, als er gleichzeitig des Amtes als Vorsteher der Verwaltung der Jerusalemer sephardischen Gemeinden enthoben wurde, und er setzt nun alle Hebel in Bewegung, um die seinen Plänen im Wege stehenden Persönlichkeiten unmöglich zu machen. Das Schreckensregiment, das, wie wir vor einiger Zeit an der Hand von Tatsachen schilderten, Antebi während der Cha> chambaschikrisis ausgeübt hat, weiß dieser Manu auch jetzt, nachdem ihm die amtlichen Befugnisse entzogen sind, fortzusetzen. Die tatsächlichen Mitteilungen, die uns hierüber von durchaus vertrauenswürdiger Seite zugegangen sind, zeigen, daß er dabei auch fragwürdige Mittel anzuwenden sich nicht scheut. Die Persönlichkeiten, die er mit seinem Haß verfolgt, sind in Wahrheit keinen Augenblick vor seinen und seiner Helfershelfer Machenschaften sicher. Und es ist, solange Antöbi nicht endgültig das Handwerk gelegt wird, keine Aussicht auf die Wiederherstellung des Friedens in der jüdischen Bevölkerung vorhanden. Wir haben s. Zt. erklärt, daß nach unserer Meinung die Leitung der Alliance Jsraelite Universelle mit dem Verhalten ihres Vertrauensmannes Antebi nicht einverstanden ist. Die Führer der Alliance hätten aber damals die Pflicht gehabt, die Sachlage sorg" fällig zu untersuchen und durch geeignete Maßnahmen eine Wiederholung der traurigen Vorgänge unmöglich zu machen. Es ist dies offenbar nicht geschehen, und wir sind jetzt bedauerlicherweise gezwungen, im Interesse des Friedens in der Judenheit Jerusalems die leitenden Kreise der Alliance wiederholt auf diese Pflicht aufmerksam zu machen. Wenn diese Mahnung dann nicht mehr Erfolg hat als die frühere, so müßten weitere Kreise ihr Urteil einer Revision unterziehen und der jüdischen öffentlichen Meinung endlich doch einmal so laut als nur möglich die Frage vorlegen, ob ein Verein, der Zustände wie die geschilderten durch Geschehenlassen gutheißt, die Unterstützung der europäischen Judenheit verdient. Wir können uns nicht denken, daß diese Aussicht der Alliance gleichgültig ist, und wir hoffen gerne, daß man sich schließlich doch noch auf den rechten Weg besinnt. Besonders der deutschen Konferenzgemeinschaft möchten wir mit diesem Mahnwort ins Gewissen geredet haben. Wenn es nngehört verhallt, so haben wir unsere Schuldigkeit in dieser Richtung vollauf getan. * * * Die Sabbatberoeguna in EnglanS. Der Vorsitzende der jüdischen Gewerkschaften in England, Abraham Rosenthal, veröffentlicht in der Jewish Chronicle einen Artikel, der ein interessantes Bild von den Bestrebungen zur Förderung der Sabbatruhe gibt, wie sie seit einiger Zeit bei unseren Glaubensgenossen in England im Gange sind. Rosenthal beschwert sich über die Teilnahmlosigkeit, mit der der Jewish Board of Deputies, die von den englischen Juden gewählte Bertretungskörperschaft, gegenüber dieser Bewegung bisher an den Tag gelegt hat. Der Board hat zwar bei "der Parlamentarischen Enqutztekommisfion für die Sonntagsruhe die Annahme einer die teilweise Arbeit von Juden am Sonntag zulafsende Klausel erwirkt,-ein Erfolg, der übrigens, wie Rosenthal ausführt, zum großen Teil der Mitarbeit jüdischer gewerkschaftlicher Kreise zu verdanken ist. An d. r Konsolidierung der zur Verteidigung des Sabbatgedankens zu schaffenden Organisation weigert der Board sich jedoch beharrlich irgendwie teilzunehmen. Auch für eine von den Verfechtern derselben, beabsichtigte Massenversammlung in London, in der zu der Gefahr einer Erweiterung der Sonntagsruhe Stellung genommen und die großen Massen für die Sache des Sabbats interessiert werden sollen, verweigert er sei, e Mitwirkung. Die Leiter des Board halten das nach den beruhige den Erk ärungen, die jüngst von den Regierungsvertretern im Oberhaus gegeben wurden, für unnötig und inopportun und berufen sick darauf, keines euilleton. Mitgift. Bon H. E. in Frankfurt a. M. I. Fünfundzwanzig Jahre haben fie Freud und Leid miteinander geteilt, fünfund. wanzig Jahre in allen Wechselfällen oeS Lebens Seite an Seite gestanden, fünfundzwanzig Jahre gemeinsam gearbeitet an ihrer Zukunft uno der ihrer Kinder, und heule, an dem Feste ihrer Silberhochzeit, gewähren sie sich eine kurze Rast zur Um- und Rückschau. Was fie doch alles erlebt haben in diesen fünfundzwanzig Jahren! Gutes und Schlimmes hat in ihr Leben eingegriffen, Forderungen und Hinderniffe haben miteinander abgewechselt, gemeinsame Arbeit und gemeinsame Sorge haben oie Ehegatten immer enger verbunden und fie werden laffen zu einem § »erzen und einer Seele. Und wie fie jetzt so einträchtig etjammen fitzen wie junge Liebesleute uno alte Erinnerungen austauschen, die aus der Flut der Vergangenheit emportauchen, da find es besonders die Geschehnisse aus dm Braut- und ersten Ehemonoen, die fich gleich duftiger Kränze, aus des Lebens Lenzesblüten geflochten, um unser Jubelpaar ranken. Jede Einzelheit ist da treu im Gedächtnis geblieben, und sie macht glücklich, die Auffrischung jener mannigfachen Erlebniffe. Auch wir kennen recht wohl die Lebensgeschichte dieses Ehepaares. Wenn wir uns dennoch diskret zurückziehen und uns nicht an dem Hervorzaubern der bunten Bilder auS der Bergangenheit beteiligen, so hat tas einm Grund, den wir nicht in Gegenwart des Jubelpaares enthüllen wollen. II. Karl Ltnneck hatte schon als Jüngling den Ruf eines tüchtigen Kaufmanns genoffm und war verhält ismäßig früh in die Lage gekomrwn, einm eigenen Hausstand zu gründen. Bon allen Mädchm seines Bekannten reifes gefiel ihm Esther am besten. Nicht daß fie etwa schon damals seine Liebe besessen hätte! So unvorfichtig, sich zu verlieben, war Karl nie gewesen. Aber es schmückten fie alle Eigenschaften, die eine gute Hausftau zieren können, und ihr Aeußerrs war ang nehm, ihr Wesen anziehend. Nichtsdestoweniger war Karl schon nahe daran gewesen, fich mit einem anderen Mädchen zu verloben, denn Esther besaß nur 15,000 Mk. Vermögen, während er sich vorgenomme» halte, sich durchaus nicht mit weniger als 18,000 Mk. zuftieden zu geben. Da hatte fich zum Glücke schließlich noch ein Verwandler Esthers bereit gefunden, die noch fehle de Summe beizusteuern — und nun war her Verlobung nichts mehr im Wege gestanden! Ob heute das Jubelpaar sich auch dieser Tatsache erinnem wird? Hoffentlich nicht. Denn wenn auch Ka>l damals seine Handlungsweise vollkommen korrekt gefunden hatte, und wenn er nch auch in dem Vierteljahrhundert seines Ehelebens keine Skrupel darüber gemacht, beute müßte es doch als tief beschämend von ihm empfunden werden, wenn sie, die jetzt keinen einzig« n Tag von einander getrennt sein möchten, sich das Geständnis machen müßten, daß ohne jene dreitausend Mark-Nein! Das Zartgefühl, das uns verhindert hat, unsere Betrachtungen in Gege wart der beiden Glücklichen anzustellen, dieses Zartgefühl verbietet uns auch auszusprchen, was alS eine Entweihung des heutigen Jubelfestes gelten müßte. Darum laffen wir lieber dem Töchterlein das Wort, das soeben mit einem Blumensträuße bei den Eltern etntritt und fie mit einem selbstgereimten Festgedichte erfreut — von Amors Liebespfeilen, die über die höchsten Berge hinwegfliegen, und von Lenzes Rosenketten, die tief st e Abgründe überbrücken.-- III. Wir gehen wohl nicht irre, wenn wir behaupten, daß es für recht viele Eheleute beschämend sein müßte, wenn fie sich in des Lebens hehrsten Momenten ins Gedächtnis zurückrufen würden, was ihnen seiner Zeit als Ehehindernis gegolten hatte, noch viel verletzender erst, wenn fie befürchten müßten, daß ihre eigenen Kinder davon Kenntnis erhalten könnten. Wohl kommt es in unsrer Zeit häufig vor, daß junge Man« er erst durch die Mitgift, die sie erhalten, in den Stand gesetzt werden, ein eigenes Haus zu gründen. Aber diese Erscheinungen bilden doch wohl im allgemeinen Ausnahmen. Es wäre ja auch traurig, wenn der Jüngling bei Gründung seines Hausstandes das so eigenartige Hoch- und Glücksgefühl entbehren müßte, oas durch das Bewußtwerden der eigenm Kraft und der eigenen Bedeutung entsteht. In den meisten Fällen heiratet der junge Mann erst bann, wenn ihn sein Einkommen in die Lage setzt, eine Familie ernähren zu können. Aber leider stellen gerade die Heiatskandidaten, die in der glücklichsten sozialen Lage fich befinden, die allerhöchsten Ansprüche an die Mit.,ist der Braut. Heutzutage hat jeder junge Mann seine Taxe, die nach allgemeinen Marktgesetzen steigt und fällt. Da kann oft keine Rede sein von einem Bedürfnis des Kapitals für das Geschäft! O nein Das Kapital wird sicher deponiert und schon von vornherein zur Mi:gist für die etwaigen Nachkommen bestimmt. „Die sollen dereinst doch auch nicht unter dem Stande heiraten!" Es gilt nämlich fast als eine Selbstherabwürdtgung, wenn fich ein junger Mann mit weniger Mitgift zuftieden gibt, als er nach Vermögen und Stellung beanspruchen könnte. So ist es schließlich dahin gekommen, daß heutzutage so viele jüdische Mädchen nicht heiraten können, weil sie

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