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Der Israelit · 1907-04-11 · Heft 15 (11.4.1907) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 15 (11.4.1907)
Date
1907-04-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ea Centralorgan für das srfftodoxe Mflfun IifriMif m Ir. Ldnii is Hain 48. Jahrgang. s™*,u""■m'881 27.B&atB. M IS. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Abonnements: Gewöhnliche Nusgabe Mk. 1.50 vierteljährlich, Hestausgabe auf Kunstdruckpapier Mk. 3.— vierteljährlich. (Auslandspreise Or Sie gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich 2 Kr., Rußland 1 Rub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1,20 fl.) Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen» sowie direkt bei der Expedition, HestanSgabe nur direkt. Inserate r 30 Pfennige für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenarmahme nur durch Haafenstein u. Bo gl er A.-G. in Lo«t-pet»e»- Sk. O. Postsparkasse Wie« Ro. 7S605. FrcmftmL. a. M. und deren Filialen. K. U»MMMpaWt VGapost D^z ' BH!H5SHHBBBHHBBH5HHaHSHiBaHSSaSiäHHH5B5H5BS! Alkohol. Es .ist der charakteristische Grundzug des modernen wissenschaftlichen Denkens, daß der von ihm beeinflußten Betrachtungsweise die Dinge mehr in ihrem Werden als in ihrem Sein Interesse abgewinnen. Alles Lebendige, und scheine es noch so starr und unbewegt, wird vor allem auf seinen Entwicklungsgang geprüft, und die gründlichste Kenntnis des Organismus — sei's Naturkörper, Menschencharakter oder Volksindividualität — bedeutet dem Forscher nichts Wertvolles, so lange es nicht gelungen ist, aus dem Gewordenen seinen Werdegang,die Bedingungen seines Wachstums und damit auch diejenigen seines Verblühetrs und Melkens zu erschließen. Die Ai,Wendung dieser geschichtlichbiologischen Betrachtungsweise auf die große Wunderblume, die unter dem Namen Israel als Jßröel, als eine „Gottessaat" auf stiefmütterlichstem Boden seit Jahrtausenden ihr Dasein lebt, hat schon manche fruchtbare Erkenntnis gezeitigt. Tausend Fragen drängen sich dem Biologen auf, wenn er die Individualität des jüdischen Volkes mir dem Ernste des Forschergeistes zu prüfen beginnt und den Versuch macht, Farbe und Schmelz, Lebensenergie und Anpaffungsfähigkeit der „Rose unter den Dornen" aus den Faktoren des natürlichen Werdens zu erklären. Für den mit dem Geiste der Ueberlieferung vertrauten Jpden aber ist es dann ein erhebendes ' Bewußtsein," -tri#“ Üf ntwv r t auf diese Lebens?; fragen aus dem Munde der Fremden immer wieder dieselben Worte zu vernehmen, die ihm sein Gott vor Jahrtausenden mit auf den Weg gegeben: 1TIK1 -pn ton „Die Lehre allein bedeutet dein Leben und die Länge deiner Tage," -r- * * Neuerdings beschäftigt sich Hoppe, der durch seine gründlichen Spezialstudien über den Alkoholismus schon seit Jahren vorteilhaft bekannte Königsberger Forscher in der Ztschr. für; Dem. u. Statistik der Juden mit den Beziehungen zwischen der Kriminalität der Juden und ihrem Verhalten gegenüber dem Alkohol. Daß der A lkoholteufel-bei der Kriminalität derBevölkerung überhaupt eine ungeheure Rolle spielt, ist bekannt. Die verheerende Wirkung des Trinkens beschränkt sich nicht auf diejenigen, die ihr eigenes Leben dem Bacchus oder Gambrinus weihen, : sondern greift über Generationen hinaus in das Geschick ungeborener Geschlechter ein, in deren sittlicher Entartung die Trinkfestigkeit der „immer noch eins" auf die Kehle gießenden Vorfahren oft die unerwartetsten Ergebnisse zeitigt. Es ist gewiß verdienstlich, daß Hoppe die Tatsache der geringeren Beteiligung der Juden an den durch den Alkohol mittelbar oder unmittelbar genährten Straftaten ins rechte Licht stellt und vor 2Üem auch darauf hinweist, daß der Jude an sich en weit labileres Nervensystem hat, erregbarer und jähzorniger als der Nichtjude — sein geringerer Anteil an den schweren Delikten daher umso höher anzuschlagen ist. Was uns indessen noch mehr interessiert, sind die von Hoppe behandelten beiden Fragen: 1) Wie erklärt sich de relative Zunahme der Kriminalität bei den deutschen Juden in dem Jahrzehnt 1892/1901, gegenüber 1882/1891? 2) Woher stammt die Widerstandsfähigkeit der Juden gegeil die Alkoholversuchung? Zur Beantwortung der ersten Frage muß zunächst festgestellt werden, daß zwar ganz allgemein eine Zunahme der Kriminalität stattgefunden hat und sich diese Zunahme bei den Christen noch deutlicher zeigt als bei den Juden. Aber wie es keine Frage ist, daß an dieser Zunahme der steigende und sich ausbreitende Alkoholismus, zumal bei den Körperverletzungen, erheblich beteiligt ist, so wird man meint Hoppe, nicht fehl gehen, wenn man bei den Juden darin einen Ausdruck der zunehmenden Assimilation an die allgemeinen Trinksitte u erblickt. Denn es kann ja für einen aufmerksamen Beobachter keinem Zweifel unterliegen, daß die alte sprichwörtliche Mäßigkeit bei den westlichen Juden allmählich im Schwinden begrün. Jtft £% gilben haben. sich entsprecheich ^M^ allgemMest Assimilation immer mehr an den 'iSMchen regelmäßigen Genuß von alkoholischen Getränken gewöhnt, der früher bei ihnen eine Ausnahme bildete und bei den östlichen Juden im allgemeine noch eine Ausnahme ist. Dabei haben viele Juden,speziell die akademisch gebildeten und dieReichen,dasQuantum allmählich vergrößert, sie haben sich gewöhnt, etwas zu vertragen und stehen bei allgemeinen Festen, Kommersen und dergleichen, bei denen ja der Sitte gemäß der Alkohol in Strömen fließt, und. Exzesse ganz naturgemäß sind, hinter ihren christlichen Mitbürgern wenig zurück. Sind doch auch die Juden in den Trinkerheilanstalten, wenigstens in den vornehmeren, durchaus keine solche Seltenheit mehr. Auch die zunehmende Erkrankungshäufigkeit und Sterblichkeit unter den erwachsenen Juden, wie sie die Statistik ergibt, ohne allerdings die der Christen zu erreichen, dürfte als ein Ausdruck für die allmähliche Verbreitung des Alkoholismus unter den Juden zu gelten haben, wenn sie natürlich auch hier noch weit hinter ihren Wirtsvölkern zurückstehen ''und im", allgemeinen noch immer als sehr^mäßig bezeichnet werden können, Dabei drängt sich von selbst die Frage stuf, worauf denn eigentlich die auffällige Mäßigkeit der Juden beruht und wie sie zu erklären ist. Es ist dies eine Frage, die schon vielfach gestellt, aber noch nie befriedigend beantwortet worden ist. Die meisten begnügen sich damit, sie als eine Raffeneigentümlichkeit hinzustellen „Es scheint", sagt Georg Bear (Arch. of Ethnology, cit. Bear, Alkoholismus) „in ihrem Nervensystem, in ihrer Konstitution eine besondere Eigenschaft zu liegen, die sie befähigt, den Verlockungen des Alkohols zu widerstehen." Damit ist natürlich nichts erklärt, sondern die Frage nur verschoben. Woher stammt denn diese Eigenschaft, diese Nasseneigentümlichkeit? Das ist ja eben die Frage, um die es sich handelt. Wir werden, so meint Hoppe weiter, um der Lösung näher zu kommen, gut tun, uns nach anderen Völkern umzusehen, die ebenfalls als sehr mäßig bekannt sind. Da finden wir die alten orientalischen Völker, zu denen ja die Juden ihrem Ursprung nach auch gehören, die Indier, die Chinesen, die Japaner, die Araber, die Türken, um nur die bedeutendsten zu nennen. Bei den letzten ist die Enthaltung von alkoholischen Getränken religiöse Vorschrift, und so scheinen es überhaupt uralte religiöse Vorstellungen zu sein, welche die orientalische Mäßigkeit bedingen, Vorstellungen der Reinheit, die im Orient wurzeln und mehr oder weniger bewußt und mehr oder weniger ausgesprochen von den Religionsstiftern und Lehrern des Volkes zu Mäßigkeits- und Enthaltsamkeitsvorschrifteu benutzt, worden sind. Auf solchen Grundlagen beruht unfraglich das Koranverbot, auf solchen Grundlagen auch die zahlreichen Hinweise und Geboten gleichkommen den Ermahnungen zur Mäßigkeit, die sich in der Thora und in den Propheten finden. Die gesetzestreuen Juden haben diese Gebote stets streng befolgt, wozu noch ein durch das Studium der Lehre dauernd wachgehaltener Abscheu vor den Unsitten und der Unmäßigkeit der Nichtjuden, sowie eine durch die Speisegesetze bedingte strenge Absonderung von diesen kam, sodaß im Essen und Trinken ein Convivivium mit ihnen ausgeschlossen war. Dies gilt erst recht für die Diaspora, wo die Verfolgungen die Juden enger aneinander schlossen und eine noch strengere Absonderung von der Umgebung im „Ghetto" bewirkten. Die heutigen Juden sind aber die Nachkommen einer langen Reihe von Generationen gesetz estren er und außerordentlich mäßiger oder enthaltsamer Juden. Denn was nicht gesetzestreu war, ist bald abgefallen und in der umgebenden Bevölkerung aufgegangen. So stellt sich die Mäßigkeit der Juden dar als eine durch unendlich zahlreiche^Generationen hindurch geübte Gewohnheit V f i rf . V iftTilf-'-'i

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