Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-03-28 · Heft 13 (28.3.1907) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 13 (28.3.1907)
Date
1907-03-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449258--63374-2505914
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

28. März 1907. Der Israelit. Rr. 13. Seite 19. nungen des Pentateuch, daß der Marsch des Volkes vom Choreb bis Kadesch Barneq etwa sechs Wochen betragen habe. Das ist, erklärt Schoenfeld, durchaus passend und ein Beweis für die zuverlässige Treue des biblischen Berichtes. In Bir-es-Saba (Berseba) gibt es etwa 50 einstöckige Häuser, von denen 12 noch nicht fertiggestellt ftnb. Man zählt dort etwa 12 Verkaufsläden. Die Besitzer der Wohnungen und Läden sind meist Juden aus Hebron. Am Anfang der Häuserreihe befindet sich der uralte „Schwurbrunnen", der aus der Geschichte der drei Erzväter bekannt ist. „Den grub unser Vater Ibrahim!" sagten die Araber, indem sie stolz auf den Brunnen hindeuteten. In Hebron mußte Professor Schoenfeld einige Tage Rast halten, um dann mit dem Marsch nach Jerusalem diese Reise zu beschließen. Der Gelehrte ist, wie er des näheren aussührt, durch die Erfahrungen, die er auf seinem Zug durch die peträische Halbinsel machen konnte, zu der Ueberzeugung gelangt, daß die Berichte des Pentateuch über die Wanderung Israels durch die Wüste mit Nichten das Erzeugnis einer -späteren, nachdichtenden Phantasie, sondern gleichzeitige, historische Dokumente sind. Kein Wunder auch, daß die greifbare Wirklichkeit, an die sich der Verfasser gewandt, andere Ergebnisse zeitigt, -als die Hirngespinste der vom grünen Tisch aus betriebenen landläufigen Bibelkritik, die Rätsel und Unmöglichkeiten zu finden glaubt, wo in Wahrheit nur einfache, klare Tatsachen sprechen. „Je tiefer", sagt Schoenfeld, „man in diesen Orient eindringt, um länger an dessen einzelnen Plätzen zu verweilen, je mehr man, abseits von der großen Heerstraße, entlegene Winkel und Wege auffucht, wohin die europäische Kultur noch nicht vordrana, zu dem Zwecke, um das 'Leben der dort wohnenden Eingeborenen in seiner Dollsten Ursprünglichkeit zu belauschen, je enger man mit der Art des Empfindens und des Wirkens dieser Leute vertraut wird, umso überraschender treten uns aus den verschiedensten Plätzen Bilder entgegen, welche ganz auffallend an die Szenen des Menschenlebens ältester Zeiten erinnern, wie siuns die Blätter heiliger Schrift so lebendig ausmalen." Uns sind Bücher der Thora ja in ihrer Ganzheit, vom Anfang bis zum Ende, unverbrüchliches Gotteswort, aber wir freuen uns doch auch schon dann, wenn wahre Wissenschaft das eine oder Das andere Gebiet seiner Mitteilungen den Händen einer anmaßenden Kritik zu entreißen versteht. r.&.- c. euilleton. Zß» scheu Jiircbt und Hoffnung. Erzählung aus dem russisch-japanischen Krieg ,, 2] von S. Tchachnowitz in Endiugen. Er merkte es jetzt, daß in ihren Augen noch ein leichtes Feucht schimmerte, die Spur einer Träne. Sie hatte also vorher wirklich geweint. „Was man gerne vergißt, vergißt man leicht," meinte er. Das Thema schien ihr zu gefallen, aber der Ort war ihr dadurch nicht angenehmer geworden. „Ja! — Aber", warf sie ablenkend ein, „bei diesem Rauchqualm, in dieser Umgebung und. Dumpfen Luft. Und diese Leute da, die mit Menschen-wie mit Tieren, — nein, wie mit leb-, losem Material handeln! Nein! Gräßlich!" „So wollen wir noch ein wenig in die Luft. hinausgehen!" bat er und näherte sich mit ihr der Türe. „Wohin?" stellte sich ihnen Jakir in den Weg, „nur nicht zu weit und nichts Verdächtiges!" sagte er bedeutungsvoll. Ein heftiger Stoß öffnete die Tür. Ein Zucken durchfuhr alle Insassen, das sich, als sie den Eintretenden gewahr wurden, in einen panischen Schrecken verwandeltees war der Uradnik. Wie eingeschüchterte Lämmer, in deren Herde ein Wolf eingedrungen, schauten die Auswanderer verwirrt nach allen Seiten und spähten nach Zuflucht. Jakir aber kam nicht einen Augenblick aus dem. Konzepte und warf den Erschreckten ein ermutigendes Lächeln zu, während er dem Beamten mit gezwungener Freundlichkeit die Hand drückte. „Nun, lieber Jwanowitsch, alter Freund Setze Dich doch her! Ein guter Tropfen, 99gradiger! So wahr Du ein treuer Beamter bist!" — Halblaut fügte er aber hinzu: „Meine Kaporoh bist Du!" Der Beamte schmunzelte, drehte seinen buschiges Schnurrbart und setzte sich, indem er teilnamsvoll die Fremden musterte, an den Tisch. „Was sagst dennda,Jud', etwas von Pore? Wieso bin ich Dein Pore?" In der Erwartung der Antwort trank er inzwischen sein Brannrweinglas auf einmal leer. „Kaporoh?" — wunderte sich Jakir mit verschmitztem Lächeln — „weißt das wirklich nicht? f atte bessere Meinung von Deinen hebräischen enntnissen — also Kaporoh, soviel wie Freund!" „Ja Lieber!" — Der Uradnik trank noch einmal und seine Augen liefen ihm vor Rührung über. — „Ja Lieber, Dein Freund, kannst auf ihn rechnen! Aber na," fügte er mit einem Blicke nach den Leuten zu, „Ware genug für heute! Fünfzig Kopeken per Kopf unter Freunden!" Unter den Kompagnons herrschte jetzt völlige Einigkeit. Der eine schob einige Passagiere zwischen den Ofen, unter das Bett und zum Hausflur hinaus, und als der gewissenhafte Beamte die Zählung jetzt vornahm, waren die neune zu fünf zusammengeschmolzen. Er ließ auch mit sich handeln. „Weil ich Dein Kapore bin," versicherte er Jakir, und mit 2 Rubel ging er zufrieden, nachdem er der Gesellschaft gute Fahrt gewünscht, nach Hause. „Boruch schepotrani*)! atmete Jakir erleichtert auf. „So ein Schuft, so ein Spürhund! Woher der schon so rasch den Braten gerochen?!" „Kein anderer als Leibe, der seinen Mund nie halten kann und uns durch seine ewigen Prahlereien den Kerl auf den Hals ladet," hypothesierte der eine. „Was? ich?" schrie Leibe aus Leibeskräften. „Wieder ich? Weiß schon gar lang', daß Ihr gegen mich sucht, um mich aus dem Bunde auszustoßen. Aber dann — das sage ich Euch! Dann schicke ich Euch nicht den Saufbold von Uradnik, sondern . . . ." Er sprach das schreckliche Wort nicht aus, aber die Gedankenpunkte in seinem erregten Tone waren ziemlich durchsichtig . . . Die andern blieben mit der Antwort nicht zurück und es erhob sich von neuem Streit und Lärm. . Rahel und ihr neuer Freund saßen aus der Holzbank vor der Tür und hörten fast nichts davon. „Es gibt Erlebnisse, die man nie Wiederaus dem Gedächtnisse bringt. Glauben Sie nicht auch, Herr . . .?" sagte sie an das frühere Thema anknüpfend. „Was mich betrifft," erwiderte er nach einigem Nachdenken, „so hatte ich bis jetzt wirklich keine. Meine Erlebnisse waren zumeist solche, von denen ich vorher sagte: Was manaerne vergessen möchte, vergißt man auch leicht. Aber," sein leiser Ton hatte Plötzlich bei. der Stille und dem tieftu Dunkel der Nacht einen feierlichen Klang, „ich *) Gelobt, daß ich ihn los bin. glaube, die Erinnerung dieser Reise fürs Leben sesthalten zu müssen." „Gehört sie nicht zu denen, die man gerne vergißt?" Ihr Ton klang durchaus natürlich. „Seit heute Morgen zu den glücklichsten in meinem Leben . . ." Sie erwiderte nichts. „Fräulein!" Er suchte in der Dunkelheit ihre Hand zu ergreifen. Sie zog hastig ihre Hand zurück und erhob sich, blieb aber vor ihm stehen. „Bitte, mein Herr!" sagte sie mit festemund entschlossenem Tone, „ich habe mich über Ihre Bekanntschaft ungemein gefreut und habe sie.in diesen trüben Stunden sogar als ein Geschenk der güttgen Vorsehung angesehen undangenommen, so verderben Sie mir doch diese Freude, bitte, nicht!" Ihr sicheres Auftreten und der überzeugende Ton, mit dem sie ihr Freundschaftsbekenntms aussprach, hatte ihn eher ermuttgt, als verletzt. „Aber bitte, Fräulein! Sie mißverstehen mich und mißdeuten meinen bescheidenen Wunsch." Sie antwortete nicht, aber nahm wieder ihren Platz ein. „Es ist wahr," fuhr er dann fort, „eine güttge Vorsehung, ein glückliches Schicksal hat uns zusammengeführt. Seitdem ich Sie heute zum ersten Mal erblickt, zog eine geheime Kraft mich zu Ihnen und zwang mich, mich Ihnen zu nähern und Sie geben es selber zu, daß Ihnen die Annäherung nicht unangenehm war. Wenn Sie meine lieblose Kindheit und meine öde Vergangenheit kennen würden und in mein Inneres schauen könnten, dann wüßten Sie, wie ernst es mir um meine Worte ist und was ich dabei empfinde... Aber..." Er brach ab, in der Hoffnung von ihr etwas zu hören, aber sie sprach nichts. „Das Schicksal," fuhr er fort, „das mir das Glück Ihrer Bekanntschaft gebracht, kann auch sehr grausam werden. Es kann uns bald, vielleicht heute noch wieder trennen ..." Er wartete wieder auf eine Antwort von ihr, aber sie schwieg. „Solche Erinnerungen," sprach er weiter, „weichen zwar von einem nicht mehr, aber so ein kleines Andenken an diese Stunde . . . Darf ich mir erlauben, Fräulein?" Er hielt ihr ein Kabinetbild vor. „Danke!" lispelte sie nur und nahm Das Bild. „Und bekomme ich nichts?" bat er. Sie wollte etwas antworten, hielt jedoch, um mit der Sttmme nicht ihre innere Erregung zu verraten, inne. Dann holte sie aus ihrem Portemonnaie ein kleines Kärtchen heraus, machte in der Dunkelhett einige Züge daraus und überreichte sie ihm schweigend. In diesem Momente kam Gutel, der Fuhrmann, der ankündigte, daß der Wagen bereits reisefertig dastehe und forderte die Passagiere zum Einsteigen auf. Es war schon um Mitternacht. Dichte, schwarze Nebel bedeckten den Horizont und hüllten alles in tiefes Dunkel. Langsam und schwerfällig bewegte sich der große Wagen auf dem holperigen, steinigen Wege. Die Pferde, als ob sie die Situatton verstünden, trappelten leise und vorsichtig und das Knarren der Räder vermischte sich hier und da mit einem müden Gähnen oder leisen Seufzer der Insassen ... Zwischen den Reisegefährten gab es hier keine Annäherung. Zwischen Rahel und Salam saß auf seinem Sacke der alte Jankel und schnarchte, als ob er daheim im Bette wäre. Der Wagen fuhr durch ein kleines Dörfchen, das aus zwei kurzen Reihen von Hütten, Ställen und Gärten bestand, welche die tiefe Nacht kaum von einander unterscheiden ließ. Aus einer Hütte am Ende der Kolonie kam ein kümmerlicher Lichtschimmer. Gutel hielt den Wagen einen Augenblick an und klopfte mit dein Peitschenstiel dreimal aus den Fensterladen. „Ja! ja! Sogleich!" wurde eine barsche und kei schlaftrunkene Bauernstimme hörbar. M di MHÜ

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.