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Der Israelit · 1907-03-28 · Heft 13 (28.3.1907) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 13 (28.3.1907)
Date
1907-03-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Der JSraellt. Gute! benutzte noch die Pause zu einer wichtigen Instruktion. „Mrnn ich hinter dem Walde ein Zeichen gebe, dann steigen die treifenen Passagiere aus und gehen mit dem Peter, während ich mit den koscheren (die nicht über die Grenze wollen) die Landstraße nach Tawrik fahre." Peter kam jetzt aus der Hütte. Ein junger stämmiger Bauer in einen Schafspelz gehüllt und mit einem mächtigen Stecken in der Hand. Er setzte sich zu Gutel auf den Bock und der Wagen fuhr langsam weiter. Etwa 10 Minuten vom Dörfchen entfernt, begann ein schwarzer, dichter Tannenwald. Der Fahrweg war schmal und holperig. Fast bei Wem Schritte stießen die Pferde auf Wurzeln ttrtfr Baumstämme und der Wäger» wackelte hin und her. „Halt!" rief es plötzlich barsch und drohend. Die Gäule reagierten nicht und zogen weiter. - „Halt! Halt! sage ich!" rief es noch lauter und barscher in nächster Nähe. Der Wagen hielt an. Getrappel und Geknarre, Seufzer und Gähnen verstummten. Finstere Nacht und Todesstille ringsumher, sodaß jeder den heftigen Herzschlag des andern vernehmen konnte. Zwischen den Tannen dicht am Wege wurden schwere Schritte hörbar. Ein Grenzsoldat zu Fuß, in einen langen grauen Mantel gehüllt, kam zum Borschein. Er nahm fein Gewehr von der Schulter, das am Lichte seiner kleinen Brustlaterne blinkte und stellte sich dicht vor den Wagen hin. (Fortsetzung folgt.) Damm» «nd Phintias 1« drr Von Arthur Kahn. SS Nachdruck verboten. Bei Maier Korn und den Kindern ereignete h dann lange nichts mehr. Das zurückgezogene Leben Emma Korns fiel bald auf. Adolf Eberstein prophezeite, daß sie nach dem ^Trauerjahr" einen Freier erhören würde. Und er behielt Recht. Etwa zwei Jahre nach Gustavs Tod, von dem man nicht mehr ftrach, traf bei Siegfried Besuch ein. Ein alter Bekannter aus Paris, der mit ihm in demselben Geschäft tätig gewesen,, dann Teilhaber geworden, war ein getroffen. Am nächsten Tag machte der Fremde eine Höflichkeitsvisite bei Maier Korn. Der schlanke, stark brünette Mann, der einen würdevollen Ernst und feine Manieren zeigte, deffen Bart schon mit vielen Silberfäden durchzogen war, machte auf Emma sichtlichen Eindruck. Sie wurde in seiner Gegenwart lebhaft und liebenswürdig. Am meisten schien ihr zu ^fallen, daß der ftemde Herr nicht bei dem jüdischen Restaurateur, sondern im Hotel speiste, und an den hohen Neujahrstagen anstatt die Synagoge zu besuchen, mit dem Hotelwagen Ausflüge in die Umgebung machte. Das bestimmte den Vater, zur großen Entrüstung Emmas, den Herrn, der schon zwei Wochen im Städtchen weilte, nicht zu Gast zu laden. Maier Korn behandelte den Fremden, wenn er zu Besuch kam, .auffallend zurückhaltend- und als er sogar am Versöhnungstag wieder, diesmal mit der Eisenbahn, verreiste, kam Korn überhaupt nicht mehr zum Vorschein, wenn 'der Pariser Herr zu Besuch erschien. Dann kam die unvermeidliche Aussprache mit Emma. „Meinetwegen heiratet Euch, ich habe Nichts dafür und nichts dawider. Ich werde Dir Dein mütterliches Erbteil auszahlen, und auf das Wrige mußt Du warten, bis ich nicht mehr dabei bin." Korn hatte ohne Erregung gesprochen. Ein resignierter, müder Ton lag in seiner Stimme, wie bei einem Menschen, der nicht mehr kämpfen mag und Ruhe wünscht. Nach der sehr still bei Siegfried gefeierten Verlobung reiste der Pariser äh. Die Ichheit Wte in Paris stattfinden uO vier Monate Mter rttstM Sketzftied Äw Simon mit HWMa?jur Hochzeit ab. Maier Korn beharrte halstarrig darauf, daß er nicht auf eine „treftne Hochzeit" gehe, denn einen Schwiegersohn, der nicht einmal mehr am heiligen Jomkipur bete und faste, führe er nicht zum Trauhimmel. Uebrigens wünschte Korn, daß man ihm von der schon halb abtrünnigen Tochter und deren Mann nicht weiter mehr rede. Und so war auch Emma bald dem Klatsch der Einwohner entzogen und nicht lange darauf auch dem Gedächtnis entschwunden. Erst als nach Jahresfrist Adolf Eberstein einmal geschäftlich nach Paris gereist war, wurde hier und da erzählt, Madame Luneville, geborne Korn lebe nicht sehr glücklich mit ihrem Gatten, da dieser vornehme Pariser, Emma gar keine gnte Behandlung angedeihen lasse. —-—-— An einem schönen Frühlingsmorgen saß im Washington Squarepark in New-Aort auf einer der vielen Bänke, etwas abseits von den wohlgepflegten Wegen, eine schwarzgekleidete Dame. In den benachbarten Straßen, wo das aufregende Leben der amerikanischen Großstadt im dumpfen Lärm bis zu den kühlen, von Platanen und blühenden Magnolienbäumen bestandenen und .mit prächtigen Boskets besetzten Ruheplätzen.abgeschwächt hindrang, war es trotz früher Morgenstunde schon drückend heiß. In dieser Zone fehlt der Uebergang von» Winter zum Frühling fast ganz; fast über Nacht prangt alles im freudigen, hellen Grün, und schnell springen Knospen und Blüten. Unweit der in einem Buche eifrig lesenden Dame, spielten zwei reizende Mädchen von acht und zehn Jahren mit großen Puppen, die sie in zierlichen Wägelchen umherfuhren. Ein des Weges kommender Mann, der erhitzt sich den Schweiß von der Stirn wischte und seinen breitrandigen Panama zwischen den Fingern hielt, ließ sich auf der Bank neben der Leserin nieder, ohne daß beide voneinander sonderlich Notiz nahmen. Der hagere Mann, dessen sonnverbranntes Gesicht die scharfmarkierten Züge des Amerikaners trug, zog sofort eine Zeitung von dem Riesen formal amerikanischer Blätter hervor und war bald ebenso in seine Lektüre vertteft, wie seine Nachbarin in die ihrige. Das jüngere der beiden Kinder, ein bildschönes Mädchen mit hellblonden, langen Locken kam herangesprungen, setzte sich zwischen die zwei Lesenden und klagte: „Miß Leimbäcker, ich bin müdeich möchte bei Ihnen bleiben." Die Leserin ließ das Buch sinken, strich dem Kind über sein erhitztes Gesichtchen und antwortete freundlich: „Ruhe Dich aus, liebe Sady!" Der Mann nebenan zuckte beim Klang dieser Stimme zusammen und sah verstohlen hinter seiner Zeitung zu der Sprecherin, die sich wieder ihrer Lektüre zugewandt hatte. Den Mann auf der Bank schien sie gar nicht zu bemerken. Eine große Unruhe hatte sich desselben sichtlich bemächtigt. Geräuschvoll schlug er die Blätter seiner Ö um, über die er zerstreut und ruhelos „ lickte, immer wieder forschend und zweifelnd "zu der lesenden Dame blickend. Da kam auch das größere Mädchen mit seinem Puppenwagen. ' „Miß Leimbäcker, werden wir jetzt gehen?" Noch bevor die Dame zu antworten ver- - mochte, erhob sich der Fremde und redete das Kind an: „Ihr solltet Miß Limbacher sagen, denn so heißt diese Lady, wenn ich nicht irre." Er machte eine leichte Verbeugung zu der ihn bestürzt anblickenden Dame. „Woher kennen Sie meinen Namen?" ftug sie mit vibrierender Stimme. „Ich sollte Miß Betty Limbacher nicht bei Namen kennen?" gegenftagte der Fremde. „Aber ich habe mir kein Anrecht auf Ihre Erinnerung erworben, trotzdem ick Sie nicht vergessen habe."; „Herr Roftnstein!" tarn es. jetzt fast überlaut von den Lippen des Mädchens.. Sie hatte sich mit leidenschaftlich rascher Bewegung erhoben und hielt dem Fremden beide Hände entgegen, die er sanft feschielt. Ar. 13 28 Mälz 1807. Ueber die harten Züge des Mannes flog es wie ein fröhlicher Schimmer. -,Also doch noch erkannt! Aber, wie in aller Welt kommen Sie hierber, in dieses Land des Kampfes?" Sie hatten sich beide wieder niedergesetzt. Bei Rosensteins Frage stürzten Tränen aus Bettys Augensie verlor ihre Fassung und schluchzte laut auf. Rosenstein, erschrocken von der Wirkung seiner Frage, begann plötzlich dieses Wiedersehen in der neuen Welt zu - begreifen. Die schwarze Tracht Bettys ließen ihn den Tod Limbachers, und die Anwesenheit der beiden kleiner» Mädchen, die Schicksale Bettys und der Familie Limbacher sofort erraten. Die Tränen Bettys hatten die beiden^Mädchen erregt. Das größere trat mit der naiven Dreistigkeit amerikanischer Kinder, die Hellen Kin deraugen feindselig auf Rosenstein gerichtet, vor diesen hin: „Warum weint Miß? Ich werde Sie verhaften lassen- Sie haben diese Lady gekränkt!" „Nicht doch, der Herr ist ein alter Freund aus der alten Heimat, Lizzy," beschwichtigte Betty. „0 yes, das kenne ich schon," erwiderte die kleine Amerikanerin altklug, „Ihr Schatz wird es sein." „Dann werdet Ihr euch heiraten?" ftug die kleinere, ihre „ großen blauen Augen freundlich auf Rosenstein gerichtet. „Oh, dann werde ich Euer Baby in meinem Wagen fahren," fügte sie sehr ernst und bestimmt zu. Nicht nur Betty, sondern auch Rosenstein errötete bei diesen Worten des hübschen Kindes und Betty ftug Rosenstein, um ihre Verlegenheit m verbergen, wie es ihm seitdem ergangen. Und Rosenstein erzählte nun in deutscher Sprache seine bisherigen Erlebniffe, »vorauf sich die kleinen Mädchen wieder beruhigt entfernten. Er war nicht immer vom Glück begünstigt: und sein Leben ebenso kampf- und wechselreich gewesen, wie seine manigfachen Erwerbszweige. Bald als Kellner oder Matrose, ein andermal als Peddlar (Hausierer) und wiederum als Pferdelenker und Gemüsehändler, wo er schneller durch das Land als zu Vermögen gekommen. Selbst als Quacksalber hatte er einmal Monate hindurch sich einem jüdischen Menageriebesitzer, der in den nordwestlichen Staaten umherzog, angeschloffen, bis es ihm endlich gelungen war, in einer kleinen Stadt im Staate New-Jersey festen Fußzu fassen. Nun war er Geschäfte halber nach New-Uork gekommen und hatte so unverhofft Betty wieder getroffen. Im Fluge war die Zeit enteilt, ohne daß die Beiden deffen inne wurden, bis die Kinder wiederkamen und zum Aufbruch drängten. Bevor, sie sich verabschiedeten, vereinbarten sie, sich am nächsten Tag wieder am selben Platz zu treffen. Uno wieder saßen sie am folgenden Morgen auf derselben Bank beisammen. Rosenstein war lange vor der verabredeten Stunde da, und kam, als er die beiden kleinen Mädchen von ferne erblickte, Betty mit raschen Schritten entgegen. Heute wollte er mehr und ausführlicheres von ihr erfahren, als er gestern in der Erregung des unverhofften Wiedersehens fragen wollte. Ohne Betty durch eine Frage oder Zwischenbemerkung zu unterbrechen, aber tief ernst und« aufmerksam hatte Rosenstein zugehört. Es dünfte ihm manchmal wie ein Traum, daß das Mädchen, um deffentwillen er vor Jahren in dieses Land gezogen war, weil seine heiße Liebe ihm hoffnungslos erschien, jetzt netzen chm saß, seinesgleichen geworden. Sie war zu Ende. Er blickte in tiefes Sinnen versunken durch das Laub der Bäume zuArem tiefAauen, klaren Himmel. Ob er sie nM soliebte wie damals, als er noch bei ihrem Batch: war? ftug er sich. Nein, so heiß, so alle anderen Gefühle überragend, das glarchtt er setzt zu empfinden, liebte er das noch immer bildschöne Mädchen doch nicht mehr. (Krttsetzung folgt.)

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