Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1907)
- Date
- 1907-03-21
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Ro. 13. 28. März 1907 Mederlagen ist, endlich einmal mit eisernem Besen ausfegen. „Liberalismus und Intoleranz in religiösen Dingen sind identische Begriffe" - spricht man's so aus, so kommt man der Wahrheit näher. Und man wundert sich, daß ein solcher Liberalismus nicht lebensfähig und lebenskräftig ist. Man schaue doch einmal nach dem Stammlande des liberalen Gedankens und der liberalen Staatsraison, nach England hin. Der grand old man war nicht der Meinung, daß Gottesglauben und Aufklärung sich nicht vertrügen, sondern Zeitlebens ein bibelgläubiger, bibelfester und bibelforschender Mann, dem jede religiöse Unduldsamkeit ein Greuel war und fremd blieb — und dabei in der kleinen Fingerspitze hundertmal liberaler als die kleinen Geister in der Berliner „Judenpresse". Und darum weil er innerlich wahr ist — ist und bleibt der englische, politische Liberalismus unzerstörbar uno erfüllt mit seinen Ideen alle Kreisen des Jnselreiches. Und der deutsche?! Nun wenigstens zum Schluffe noch etwas spezifisch „Berlinerisches". Die Rabbinerwahlmaschine in der hiesigen Gemeinde hat inzwischen stott gearbeitet und auf einmal gleich zwei Seelsorger, einen Prediger und einen Rabbiner aus den Schild gehoben. Der Herr Prediger ist — und darum ist er ja eben bloß Prediger — zunächst noch eine unausgesprochene Verheißung. Desto ausgesprochener ist, nach Allem, was man hört, der Herr Rabbiner, der an Conceffionen an die Allüren der Johannisstraße so ziemlich alles darstellt, was „billiger Weise" erwartet und geleistet werden darf. Daß die Wahl einstimmig erfolgte, dürfte trotzdem wohl niemand überraschen, der die Weisheit und die Orthodoxie der „konservativen" Herren Repräsentanten kennt. Berlin, März 1907. Bericht über die Tätigkeit und Entwicklung der Vereinigung jüdischer Akademiker im Bunde jüdischer Akademiker wärend des Wintersemesters 1906/07. — Ein Rückblick auf das verflossene Semester gewährt ein recht erfreuliches Bild außerordentlichen Aufschwungs, den zu nehmen dem Vereine beschieden war. Zunächst zeigte sich das innere Erstarken des Brreinslebens an der regen Mitarbeit sämtlicher Mitglieder auf geistigem Gebiete. Von der Annahme ausgehend daß für den gesetzestreuen jüdischen Studenten in der heutigen Zeit die Behandlung wichtiger Fragen der Gegenwart von besonderer Beoeutung ist, hat der Verein seinen Mitgliedern in freier Aussprache die Gelegenheit gegeben, modern-wissenschaftliche Probleme im Lichte jüdischer Weltanschaung zu betrachten. Das ergibt sich aus den Borträgen, die im Laufe des Winters im Vereine gehalten wurden. Es sprachen die Herren: Rabbiner Dr. I. Wohlgemuth über „M. CH. Luzatto"- G. Sildesheimer über „Jüdische Politiker früherer eiten" - stud. jur. I. Möller über „Gesetzestreues Judentum und moderne Wissenschaft" - Dr. Auerbach über „Betätigung des Judentums im Leben der Gegenwart"- stud. Phil. Apt über „Salomon iben Gabirol"- stud. jur. I. Breuer ' über „Symbolik des Himmels" - stud. chem. Halberstadt über „Das erste Kapitel des Jesaja - Rabbiner Dr. E. Munk über „Moderne Sittlichkeitspostulate und antike Religionsgesetze" - Dr. Auerbach über „Geschichte der jüdischen Tradition" - stud. jur. B. Kahn über „Die Meffiasidee"- stud. jur. I. Breuer über „Juden- ' tum und Weltenschmerz". Neben dieser Beschäftigung mit wissenschaftlichen Fragen Pflegt der Verein auch edle Geselligkeit. Er vermittelt nicht nur den freundschaftlichen Verkehr der Mitglieder untereinander, sondern unterhält diese auch bei fröhlichen Zusammenkünften. Daß den Zielen und Zwecken des Vereins immer mehr Verständnis entgegengebracht wird, beweist die «Anzahl von 43 aktiven Mitgliedern. zember vorigen Jahres fand das dritte Stiftungsfest der Bereinigung statt, über dessen gANKttden Verlauf seinerzeit' an dieser Stelle aerichtet wurde. Der für das Sommersemester Der JSraeltt. gewählte Vorstand setzt sich zusammen aus den Herren: stud. Phil. Rubin,- 1. Vorsitzender - Dr. Munk, 2. Vorsitzenderstud. Phil. Apt, 1. Schriftführerstud. Phil. G. Straus, 2. Schriftführerstud. mach. M. Munk, Kassierer. — Möge das Erbe der Väter, das der Verein den gesetzestreuen jüdischen Akademikern zu erhalten sucht, auch weiterhin seine werbende Kraft erweisen, mögen sich besonders die aus dem Boden des altväterlichen Judentums stehenden Abiturienten immer zahlreicher um seine Fahne scharen. München,25. März. Die „Vereinigung jüdischer Akademiker" zu München darf auf das abgelaufene Semester und die in ihm entfaltete Tätigkeit mit Befriedigung zurückblicken. Ausgehend von den Gründungsprinzipien der „V. I. A." war die Vereinigung auch in diejem Semester darauf bedacht, durch und Vorträge ihre Mitglieder zu bewußten gesetzestreuen Juoen heranzubilden und sie in dieser Lebensauffassung zu festigen. Es wurden auch dieses Semester mehrere apologetische Abende abge halten, die im Einzelnen die Themata „Die mündliche Lehre in ihrer Beziehung zur schriftlichen", „Bibelkritik" und „min und Natur Wissenschaft" zum Gegenstand hatten. Den Reigen der Vorträge eröffnete Herr Rabb. Dr. Eh rentreu mit einer sehr anregenoen Behandlung dos „Humors im Talmud." Es folgten „Sabbatai Zwi" von Herrn sind. med. Mich ael aus Ham bürg- „Tefillin" von Herrn 8tnd. med. denk Bär aus Halberstadt. „Samson Raphael Hirsch V'St" (zu dessen Jahrzeitstage) von Herrn 8tud. med. dent. Ehrman n. Hieran schloß sich ein Vortrag von Herrn Sternb erg er über „Wissenschaft und Systematik in den Forschungen von S. R. Hirsch." Es folgten dann noch die Vorträge „Moderne Weltanschauung und Judentum" von Herrn stud. med. dent. Ehrmann- „Das Zeitalter der Amoräer und die Niederschrift des Talmud" von Herrn eand. med. Michael, „Das jüdische Weib" von Herrn eand. med. dent. Bär und „Arbeit und Handwerk im Talmud" von Herrn eand. med. Bloch. Außer den zwanzig Mitgliedern, welche der Vereinigung dieses Semester angehörten, bekundeten auch eine Reihe von Gästen durch regelmäßiges Erscheinen ihr lebhaftes Interesse für unsere Veranstaltungen. Insbesondere war dieses auch bei den der Fall, die sich auf Y'an ,D"tr und n"K ITCV erstreckten. Als bemerkenswsrt möchten wir erwähnen, daß für vier Mitglieder der „B. I. A.", welche die ärztliche Vorprüfung (Physikum) zu machen hatten und nach der neuen bayrischen Prüfungsordnung leicht (durch Loosziehung) als einen der fünf Examentage den ratP hätten bekommen können, von Herrn Prof. Malier auf Ersuchen ohne weiteres die Examentage ohne Kollision mit rat? bestimmt wurden. In den Vorstand wurden für das S. S. 1907 gewählt: als 1. Vorsitzender Herr S. Ehrmannals 2. Vorsitzender Herr Dr. R. Levyals 1. Schriftführer Herr Bloch, als 2. Schriftführer Herr I. Heinemannals Kassenwart Herr M. Wert heim er. Im kommenden Semester wird die „V. I. A." München Präsidialverein des „Bundes jüdischer Akademiker" sein, der bis jetzt die „B. I. A." ru Berlin München und Straßburg umfaßt. Wenn auch deren Gesamtmitgliederzahl bereits das erste Hundert überschritten hat, so möchten wir doch nicht versäumen, an dieser Stelle mit allem Nachdruck darauf aufmerksam zu machen, wie weit der „B. I. A." noch von seinem Ziele — der Zusammenfassung der gesamten gesetzestteuen Studentenschaft — entfernt ist. In keinem Kreise jüdischer Menschen tut Zusammenschluß der Gleichgesinnten also not wie hier. Zahlreich sind die jüdischen Studentenverbindungen - zum Teil bloße Nachäfferei nichtjüdischer Korporationen, zum Teil Zusammenschluß jener Studierenden, die einem selbstbewußten Judentum — jenseits des Religionsgesetzes huldigen, und gar anpassungsfähig ist das jugendliche Gemüt des vom Elternhaus in die goldene akademische Freiheit Ziehenden. Allen denen, welchen WWWWMWWMMWMMSMWSMWWWMNMMWWWWW Sette 9. daran liegt, die ihnen anvertrauten jungest Menschen dem npjr n*?np nvrriD zu erhalten, möchten wir es daher ans Herz legen, bei der Universitätswahl auch daraus Rücksicht zu nehmen, daß die „Bereinigungen jüdischer Akademiker die einzigen jüdischen Studentenvereinigungen sind, die die Fahne des gesetzestreuen Judentums zu ihrem Panier gemacht haben. Wir hoffen, uns auch nicht zu täuschen, wenn wir die Erwartung aussprechen, daß in Bälde auch an anderen deutschen Universitäten Bereinigungen mit gleicher Tendenz sich bilden werden und also immer mehr auch im jüdischen Studentenkreise es sich erweise, welche Harmonie die Vereinigung von min und TpK TH ergibt. Bunzlau, 25. März. Wie seinerzeit mitgeteilt worden ist, hatte die hiesige Polizeiverwaltung unter Zustimmung des Magistrats eine Bestimmung getroffen, nach der vom 1. November 1906 ab im hiesigen städtischen Schlachthause das Schlachten nach jüdischem Ritus verboten wurde. Infolge des Schächtverbots waren die jüdischen Familien mit ritualer Wirtschaftseinrichtuug gezwungen, ihr Fleisch von auswärts, meist aus Löwenberg, zu beziehen. Ein Gesuch an die Polizeiverwaltung bezw. den Magistrat um Zurücknahme des Verbots war erfolglos. Der Vorstand der Synagogengemeinde wandte sich daher bittweise an den Regierungspräsidenten und alsdann an den Minister des Innern, die das Schächtverbot bettesfende Polizeiversügung zu inhibieren. Unter dem 21. d. M. ist dem Vorstande der Synagogengemeinde von Seiten des Regierungspräsidenten zu Liegnitz mitgeteilt worden, daß auf jene Eingabe der Minister die hiesige Polizeiverwaltung veranlaßt hat, die unter dem 31. Oktober v. I. erlassene Ortspolizeiverordnung betr. das Verbot des Schächtens aufzuheben. (Steftevveidj. Wien, 27. Febr. Der Wiener zionistische Zenttalverein machte seiner in Nr. 10 abgedruckten Zuschrift an uns die Angabe, daß Herr Rabbiner Fürst in Wien die Aufsicht über die rituelle Verpflegung auf der vom Zentralverein veranstalteten Palästinareise übernommen habe. Es wird uns jetzt mitgeteilt, daß diese Angabe nicht auf Wahrheit beruht. Rumänien. Sur Enflfehungsgefdiidif e 9er rumänifdien Pogrome. (Von unserem Korrespondenten). Bukarest, 19. März. Wenn man die furchtbaren Vorgänge, die sich jetzt in Rumänien abspielen, verstehen will, so muß man vor allem die wirtschaftliche Lage des Landes kennen lernen. Ich will versuchen, den Lesern im Folgenden eine kurze Darstellung der wittschaftlichen Verhältnisse Rumäniens zu geben. Rumänien ist ein Agrikulturland. Der Bodenbesitz ist jedoch in der ungünstigsten Weise verteilt. Eine geringe Anzahl von Bojaren verfügt über ungeheure Güter in den verschiedenen Distritten des Landes. Diese Großgrundbesitzer sind auch die politischen Patteiführersie besetzen die hohen . Stellen in der Administration, der Magistratur, der Armee und den gesetzgebenden Körperschaften. Der übttge Boden ist in den Händen der kleinen Bauern, die auch über einen gewissen Viehbestand verfügen. Diese Kategotte nimmt aber an Zahl jedes Jahr ab. Den kleinen Bauern fthlt nämlich das Maschinenmaterial, das zu einem rentabelen Landwittschaftsbettteb notwendig wäre. Sie sehen sich genötigt, ihr Land an die großen Grundherren zu verkaufen, und werden damit Angehöttge der anderen, viel größeren Bauernkategotte der vier Millionen Besitzlosen, die im Sommer auf einem großen Gut um einen kaum urs Brot reichenden Lohn arbeiten. Diese vier Millionen Menschen verkommen fast in Elend und Unwissenheit. Eine Mittelttasse, die sich ausschließlich mit Handel und Jndusttte beschäftigt, gibt es unter den Rumänen nicht. Die Mitttt-