Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-03-21 · Heft 12 (21.3.1907) · page 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 12 (21.3.1907)
Date
1907-03-21
Page
– (sequence 24)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449257--63362-2505901
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

28. Mörz 1907 Seite 8. Der JSraelit. Skr. 13. weisen gern darauf hin, daß auch zu uns sich viele Mitglieder aus anderen Glaubensgemeinschaften bekehrt haben, selbst ganze Völker. Wir pochen nicht auf Unvermischtheit des Stammes, sondern auf Reinheit der Lehre. Die Verbreitung bibelwisienschaftlicher Ergebnisse unter den zur Gegenwehr Bernfenen und Befähigten habe ich selbst von jeher für notwendig gehalten, und zwar als ein Hauptmittek, die Bibel uns unverkürzt zu bewahren und durch den notwendig gewordenen Geisteskampf uns selbst mit immer tieferer Einsicht auszurüsten. Wie ernst gerade jetzt diese Dinge genommen werden, zeigt Hoffmanns Levitikus (2 Bände, Poppelauer, Berlin), der sich draußen leichter totschweigen, als durchdringen und widerlegen läßt. , Und daß wir nicht bekehren? Heißt denn bekehren Jemanden aus Familie und Glaubensgemeinschaft herausreißen und als Mitglied in einen andern Kreis führen? Ist nicht jede veredÄnde Beeinflussung eines Menschen oder Kreises eine weit tiefergehende Bekehrung? Hat das Judentum seit dem Bestehen des Christentums wirklich nichts zur Verbreitung seiner Lehre ge tan? Kann das der Kenner der jüdischen Geistesgeschichte sagen? Weder die Origenes, noch die Hieronymus hätten für die Zukunft eine Wirkung gchabt, wenn unsere Raschi und Jbn Esra bei der Lutherischen Bibelübersetzung nicht Pathen gestanden hätten; und was die Neuzeit anlangt, so beklagen wir den Mangel eines selbständigen Arbeitens in der heiligen Schrift mehr als jemand, und suchen nach Kräften ihm abzuhelfen durch unermüdliches Rufen im Streit. Und indem wir in einer Zeit des Daseinskampfes trotz aller Zurücksetzungen im Glauben bestehen, trotz aller Verlockungen das Wort des Abfalls nicht sprechen, bieten wir der Welt das Beispiel einer Gesamtheit, die ohne Schutz von außen her nur durch ihre Lehre besteht. Gerade wir sind eine nur auf Gott beruhende Gemeinschaft, und alle Freunde des vielfach gefährdeten Gottesglaubens müßten unser treues Bestehen in unserer Lehre wünschen. Als die Schwachen konnten wir nicht bekehret!, d. h. zu unserem Glauben herüberziehen und haben unsere Hände dadurch gewiß von vielen Gewalttaten freigehalten. Ueberschätze man die Wirkungen solcher Art der Bekehrung nicht. Daß unser Glaube uns Wahrheit ist, beweisen unsere Opfer für denselben. Aber werfe man uns nicht Hochmut vor, weil wir die Erbsünde und die Notwendigkeit eines Vermittlers nicht zugeben. Wer unsere Gebete kennt und die Art, wie wir unseren Weg durch die Geschichte auffassen, weiß, daß niemand mehr an sich gebessert, niemand sich strenger aufgefaßt und beurteilt hat als das Judentum. In allen Leiden, bis zu den jüngsten Erfahrungen, haben wir den Gottesfinger gesehen und zur inneren Läuterung, zum Kiddusch haschem uns selbst veranlaßt/ daß wir darum nicht lauter Engel geworden sind, wird jeder begreifen, der den Menschen an sich kennt. Der Anfeindung begegnen wir allerdings mit Mannesstolz und Selbstbewußtsein, aber tief demütigen und beugen wir uns vor Gott selbst. „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!" Mag die Mission ihren Weg weiter machen — sie verbreitet Licht über das Judentum und tritt den Verkennungen desselben entgegen. Wir aber stehen fest in dem Ueberkommenen, voll der Ueberzeugung, daß wir in einer vielfach von Unglauben und Geringschätzung sittlicher Forderungen erfüllten Zeit Gott und seine ernsten gorderungeu an die Menschheit unentwegt als anner festhalten und immer mehr zur Festigung dieser hohen Güter beitragen werden. —^ und (Wachrichten. orrefpondenzen Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 27. März. Um Jrrtümern vorzubeugen, sehen wir uns veranlaßt auch au dieser Stelle einmal nachdrücklich darauf aufmerksam zu machen, daß die Redaktion des „Israelit" für den Inseraten- und Reklameteil des Blattes nicht verantwortlich ist. Es ist Sache der Leser, diein Inseraten- und Reklamenotizen gemachten Angaben religionsgesetzlichen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu Prüfen. Dabei genügt noch nicht die Feststellung, daß ein rituellen Forderungen unterliegender Betrieb von einem Rabbiner beaufsichtigt wird. Es kommt vielmehr noch auf die religiöse Zuverlässigkeit des Rabbiners an und es ist die Pflicht der Interessenten sich auch hierüber genau zu informieren. Berliner Brief. (Bon unferm Korrespondenten.) E. B. 10. März. Das beachtenswerteste Ereignis in der Berliner Chronik seit meinem letzten Brief, über das ich Ihnen berichten muß, trotzdem es eigentlich keinen spezifisch-jüdischen Charakter trägt, sind die Vorträge, die der Jesuitenpater Wasmann hier am 13., 14. und 17. Februar im Oberlichtsaale der Philharmonie über „die Entwickelungstheorie als naturwissenschaftliche Hypothese und Theorie", über „theistische und atheistische Entwickelungslehre; Entwickelungslehre und Darwinismus", und über „die Anwendung der Descendenztheorie auf den' Menschen" gehalten hat. Daran schloß sich am 16. Februar noch ein Diskussionsabend, in dem die Gegner: Anthroprologen, Anatomen, Zoologen und evangelische Theologen zu Worte kamen und an dem Vortragenden und seinem Vortrage keinen guten Faden ließen. Wenn ich diesen Vortragscyklus mit seinem Drum und Dran für so beachtenswert und bedeutungsvoll erachte, als selbst — sagen wir, die neueste Rabbinerwahl der hiesigen jüdischen Gemeinde, so gilt dies aus zwei Gesichtspunkten. Auf den Inhalt der Vorträge soll und braucht dabei nicht einmal eingegangen zu werden/ denn soviel des Gemeinsamen in der Stellungnahme gegenüber der Entwicklungslehre die katholische Kirchenlehre, die P. Was mann vertrat, mit der gesetzestreuen jüdischen Offenbarungslehre auch haben mag, so sind doch auch der Divergenzen und Abweichungen so viele, wird doch so manche Position, die der Redner widerstandslos der wissenschaftlichen Erkenntnis preisgab, von uns nach wie vor gehalten, daß wir wahrlich allen Anlaß haben der Anschauung keinerlei Vorschub zu leisten, die unser und sein Glaubensbekenntnis zu identifizieren versucht. Wasmann ist Theist, für den die Glaubenswahrheit nur' insoweit und solange gilt, wie seine höchste geistliche Autorität, der unfehlbare Papst es fordert/ brauchen wir demgegenüber bei der Darlegung unseres abweichenden Standpunkt uns erst lange aufzuhalten? Ganz abgesehen davon, daß dazu Auseinandersetzungen von einer Breite und Ausftihrlichkeit erforderlich wären, die das Maß der Herrn Wasmann zu Gebote stehenden mindestens erreichten; wären dabei Summen von fachmännischem Können und Wissen vorauszusetzen, die in Laienkreisen nimmer anzutreffen sind. Es kann also aus diesen und zahlreichen anderen Gründen nicht meine Aufgabe zu sein, über die Frage, ob und inwieweit die Darwinschen Hypothesen mit dem Wesen und den Grundbegriffen des Judentums zu vereinbaren sind, mich hierzu verbreiten. Was den Chronisten veranlaßt, jener Vortragsreihe hier zu gedenken, ist vielmehr ein Anderes/ es ist die nicht scharf genug zu verurteilende Haltung der hiesigen liberalen Presse, welche unsere Gegner mit Vorliebe und Vorbedacht, um uns für ihre Exzesse haftpflichtig machest zu können, die „jüdische" nennen, gegenüber dem P. Wasmann und seinen Vorträgen. In diesen Tagen begann die „Voss. Ztg." einnial einen ihrer Leitartikel mit der ebenso geschmackvollen wie geistreichen Wendung: Orthodoxie und Intoleranz sind identische Begriffe". Nun, wollte die alte Dame, die jedesmal hysterische Anfälle bekommt, wenn ihr Aeußerungen positiver Religiösität da oder dort entgegentreten, die Intoleranz in ihrer beschränktesten und unangenehmsten Form einmal kennen lernen, so brauchte sie nur die Berichte in Ruhe noch einmal durchzulesen, die sie vor, während und nach jenen Vorträgen gegen P. Wasmann und sein Auftreten veröffentlichte. Schon Tagelang vorher, als in der Oeffentlichkeit kaum etwas darüber verlautete, brachte sie einen Alarmartikel, der noch ehe Wasmann überhaupt etwas gesprochen, alle seine Behauptungen als unwissenschaftlich und Blendwerk in Grund und Boden kritisierte, und damit nicht genug, ihm aller guten Sitte zum Trotz auch noch Motive unterstellte, deren Richtigkeit er sicherlich bestritt. Als Herr Häckel im Jahr vorher, wohlweislich nach Virchow's Tod, seine Theorien, von denen gerade die führenden Geister in der Naturwissenschaft nichts wissen wollen, und die alles Andere eher als gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse sind, hier in populären Vorträgen entwickelte, da war er der große Befreier, der trotz der Höhe seiner Stellung es nicht verschmähte zu der migsr» plebs in der geistigen Tiefe hinab zu steigen, um ihr Licht und Aufklärung und Wahrheit zu bringen. Wenn aber Herr Wasmann, dessen wissenschaftliches Können selbst seine Gegner nicht zu bestreiten wagen, Gleiches tat, oder besser, als Angegriffener seine Verteidigung vor derselben Oeffentlichkeit zu führen wagte, da war es ein Feldzug, unternommen, um Verdummung und Aberglauben und Finsternis zu verbreiten, und gruselige Gemüter konnten mit Entsetzen und Grausen es hören und lesen, wie hier der Jesuitenorden einen geschickten Vorstoß wagte, um ganz Berlin, ja ganz Deutschland, soweit es nicht ohnedies schon in seinen Krallen ist, in seine Netze zu ziehen. Wie gesagt, das Alles, bevor der Angegriffene überhaupt noch zu Worte gekommen/ danach kann man sich so ungefähr wohl ein Bild davon machen, wie die Berichterstattung und bie Polemik aussah, die an die Vorträge und danach sich anschloß. Von Hansemann, dem pathologischen Anatomen, an, den man fürwahr mit Bedauern in dieser Gesellschaft sah, bis-zu dem unvermeidlichenGrafenHoensbroech und dem Bremenser Pastor Stendel umtoste und umtobte ein mehr durch seine Wutausbrüche als durch die Kraft seiner Gründe wirkender Chorus den „Jesuiten" Wasmann und Alle, die ihn nicht ohne Weiteres als einen Verbrecher am Geiste der Zeit in die Wüste sandten, und hätte man nicht die goldene Rücksichtslosigkeit unseres großen Anatomen Walde y e r , der in wahrhaft vornehmer Objektivität den Vorsitz übernommen hatte und führte, efürchtet, man hätte ihm auch einen Strick aus iesem Verhalten gedreht. An „verblümten" Anspielungen auf sein katholisches Bekenntnis hat es aber dennoch nicht gefehlt! Man hat sich in den Kreisen, die es angeht, so oft über die Ursachen des Niedergangs des politischen Liberalismus in Deutschland den Kopf zerbrochen. Die Herren täten besser, statt den Schuldigen anderswo zu suchen, einmal Einkehr bei sich und in sich halten und dm schmählichen Geist krassester Intoleranz und gehässigster ' Berfolgunaswut, der gegen jede Aeußerung positiv-rettgiösen Empfindens in ihnen lebt, und der nicht zum letzten die Ursache ihrer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.