Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1907)
- Date
- 1907-03-21
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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. Der JSraelit. i vornehmer Prtttz, für den es sich gar nicht schickt, anderen nachzulaufen. Nur verzaubert bist du in Knechtesgestalt, du und deine Vätcr und Großväter. Hast selbst eine ruhmvolle Geschichte, brauchst nicht neidisch zu sein auf die andern. Es ist mir ja genau so ergangen wie dir, als ich noch eben so jung war. Aber komm", lasse uns nicht traurig sein. Fassen wir Mut. Einst wird's besser.-Und wie der jüdische Student das hörte, da stürzte er sich ihm an die Brust und weinte an dem starken Manne seinen Schmerz aus und verschrieb sich ihm mit Leib und Seele. Man matz dem Studenten nachsagen, was man will, ems muh man ihm lassen: Lieben kann er. Und sich zu begeistern versteht er auch. Nirgends vielleicht wird das Andenken Herzls so verehrt, wie unter seinen studentischen Partisanen. Es erging ein Ruf unter den jüdischen Studenten, daß alle, die sich als bewußte Träger, des jüdischen Volkstums fühlten, zu Vereinigungen rüsanimentreten sollten. Das find die bekannten Vereine jüdischer Studenten. Ihnen kann jeder Jude angehören, der sein Volkstum nicht verleugnet. Religion ist ihnen Privatsache. Doch wiÄ Wrantiert, daß auf orthodoxe Gefühle alle Rücksicht genommen werde. Insgesamt wollen sie „die jüdische Studentenschaft zu eifriger Anteilnahme am jüdischen Leven erziehen und sie mit dem geistigen Rüstzeug ausstatten, um zu wiffenschaftuchen, politischen und sozialen Fragen innerhalb des Judentums Stellung zu nehmen." Ich habe mich im nun vergangenen Semester viel mit diesen Vereinen beschäftigt. Sie sind mir sozusagen Schmerzenskinder geworden. Im Geiste überflog ich nochmals all die Kämpfe, die ich gerade die letzten Wochen gegen sie geführt. Hatte ich damit Recht gehabt? Jeder Kampf ist grausam und darf nur aus zwingenden Gründen geführt werden. Und nun gar erst diese Kämpfe. Ist es Recht, einen mondscheinsüchtigen Nachtwandler, der auf dem Rande des Daches mit sicherem Vertrauen wandelt, anzurufen, daß er aus dem Traume erwacht und jählings abstürzt? Und ist denn nicht diesen Menschen die Idee des jüdischen Volkstums, aber losgelöst von jüdischer Religion, ein solcher wohltätiger Schleier vor den Armen, der sie den Abgrund nicht sehen läßt, an dessen Hängen sie schreiten? Und ewig wird mir das schmerzliche Antlitz vor der Seele stehen, mit dem einer von ihnen von mir nach langer Unterhaltung schied. Er streckte mir die Hand entgegen und drückte dann krampfhaft die meine und sprach: Sie haben Recht, was soll ich's länger bestreiten. Unsere ganze Vergangenheit ist eine durch und durch von der religiösen Idee beherrschte. Unsere ganze Kultur eine durch und durch religiöse. Oede und wüst wie der Gipfel des Sinai, ist auch unser Volkstum, wenn der Herr aus seiner Mitte geschwunden. Und all das, womit wir, abgesehen von der Religion, den Begriff des jüdischen Volkstums und der jüdischen Kultur ausfüllen, ist doch nichts als von allen Völkern der Erde zusammettgeraffter Flitter, kaum ausreichend, über die kühle Leere hinwegzutäuschen. Nationalität und Religion, sie gehören nach unserer ganzen Vergangenheit zusammen wie Körper und Geist. Ist der Geist entflohen, ist der Körper eine elende Leiche. Wir hatten keinen Staat gründen können, wie die Römer. Hatten keine Blüte der Kunst wie die Griechen: Nichts konnten wir der Welt geben als einen Gott. Und den habe ich verloren. Und so viele mit mir. Und mit Ihm auch den Zusammenhang mit der ganzen Vergangenheit, das Verständnis für die eigenen Väter. Was soll ich Ihnen sagen? Sehe ich Bilder meiner eigenen Ahnen an, mit den ayttbeaeisterten Zügen, und denke daran, daß diese Menschen jederzeit bereit gewesen, fteudig in den Tod zu gehen für Dinge, die ich heute mit vollster Gleichgültigkeit außer Acht lasse, dann üffettommt mich oft ein Schauder und ichromme mir vor wie ausgesetzt aus eine öde Meereste, ohne Hoffnung' je den Zusammhang mit best entschwundenen Gefährten zu sirchen. Wohl . hüMM PiWMEcht. Mir sind -iß Aigen geöffnet. W weiß, daß ich zeit meines Lebens haltlos herumbalanzieren werde zwischen jüdischem Gefühl und moderner Kultur, weiß, daß es hier keine Versöhnung gibt. Uno drückte nochmals meine Hand und ging. — [06 er wohl jemals glücklich wird?- Es ist eine Tragik ganz anderer Art, die über diesen jüdischen Studenten liegt. Es ist die Tragik der Selbsttäuschung, auf die in jedem Moment die Selbstbesinnung und Ernüchterung folgen kann. Aber weil es eine Selbsttäuschung ist, darum ist es doppelt gefährlich. Gewiß ist es Unrecht, einen Nachtwandler auf dem Dache anzu rufen. Wenn aber zu befürchten steht, es werden Gesunde, unwissend, daß dies ein Krankheitszustand ist, darin im Gegenteil eine besondere Fettigkeit, einen auszeichnenden Vorzug erblicken und ihrerseits nun beginnen, nach Kräften zu wetteifern, und ihr Auge schützet doch nicht der täuschende Schleier der Maja, und sie werden, vom Schwindel erfaßt, rettungslos in den Abgrund sinken: Dann ist es Zeit, ja höchste Zeit, den Warnruf zu erheben, unbekümmert, ob nicht vielleicht einer von Jenen es hört, dann gilt es, den Mut zu haben zu dem Egoismus, oer sich sagt: Erst die Gesunden, dann die Kranken. — CTe8t la giierre.- Es hatte draußen zu schneien ausgehött, und wie das so zu dieser Jahreszeit zu geschehen pflegt, durchbrach die Sonne das Gewölk und wärmte mit jugendlicher 5kraft Luft und Erde. Wie das doch sofort auch die Stimmung beeinflußt. „Ja, ja", sagte mein vis-ä-vis, „so was macht Appetit", und zog ein Quantum verbotener Würste hervor und begann sie mit so schlau-vergnüglicher Miene zu essen, daß ihm jeder das Tttumphgefühl über seine ohnmächtige Gattin ansehen konnte: ich uze die ganze Welt. Ich fühlte eine menschenfreundliche Anwandlung und sehr gegen meine Gewohnheit rief ich ihm zu: „Mahlzeit!" Ich tue das sonst nicht, seit ich einmal hörte, daß ein ehrlicher Bürger, der, um die Mittagsstunde vom Gericht m einer Geldstrafe verurteilt, sich mit dem an die Richter adressierten Rufe: Mahlzeit! entfernen wollte, vom hohen Gettchtshof in eine Ordnungsstrafe genommen wurde: „Weil Mahlzeit ein mit des Gettchtes Würde unvereinbarer vulgärer Wunsch sei", wie es in dem Erkenntnis hieß. Mein vi8 a-vis war aber jedenfalls anderer Meinung, denn es nickte mir vergnügt zu und bot als Zeichen seiner Gunst mir selber etliche Würste an, die ich aber unter Hinweis auf eine auch mir auferlegte Diät zurückwies. „Ja, warum machen Sie es aber nicht mit Ihrer Diät so, wie ich mit der meinen"? ftagte er und blinzelte mir listig zu. Ich wehtte lächelnd ab. Die Sonne sank tiefer. Immer länger wurchert die Schatten, die die vorbeisausenden enstangen auf den Weg warfen. Ich erhob und betete. Schaute dann wieder in die Somie hinein, die mein Auge nicht schmerzte. Schön war sie, wie sie am Saume des Horizonts mit erlöschender Kraft die Regenwolken zertellte. Sonne, ich liebe dich. Heisa, was wirfst du den letzten Strahl mir neckisch ins Angesicht? — Ich wittere Frühling. Ich wittere Morgenluft. Krächzt nur, ihr Raben dott oben, es hilft doch nichts. Neues Leben regt sich überall. Und es wird besser werden, immer besser. Ein neuer Ruf ist ergangen unter den Reihen der jüdischen Studenten, sie spitzen die Ohren und ihnen deucht, als sei ihnen der Ruf so vettraut, so wohlbekannt, wie Märchenklang aus Kindheitstagen: Es ist der Ruf von Sinai her und immer mächtiger schwillt er an.' Und jüdische Studenten sammeln sich in alter Treue zur alten, schlachtzerzausten Fahne und schwören ihr zu, für sie einzustehen mit Gut und Leib und Leben. Vom jüdischen Studenten ging einst das Verderben aus, von seiner trunkenen Hand ward einst die erste Fackel geworfen in des HeMgtums geweihte Stätte und einst die erste Säme zerschmettert vom altersmorschen Gebäude. Der jüdische Student hat viel gut zu 0 kann es ccker auch. Und er wird es. Jawohl, V. I. A.*) sei's Panier! Fott mit der Halbheit, sott mit der Scheidung von dem, was zusammen gehört. Kein Volkstum ohne Judentum, kein Körper ohne Geist. Slops sapa in corpore savo, so steht Jung-Juda da, gelehnt auf die Vergangenheit, den Blm voll Zuversicht in die Zukunft. Und es wird besser, mehr noch, es wird gut werden. Ich wittere Frühlingslust. Sonne, du Krafterzeugerin, was wirfst du den letzten Strahl mir senaend ins Angesichts Voll Wonne sauge ich die Luft ein, daß sich die Brust mir wölbt, und recke die Arme auseinander im Vollgefühl der Kraft: Mit uns ist Gott! Unser die Jugend, unser die Zukunft!- Uno dann sank die Sonne hinter die Berge und ich auf die Bank. Und da geschah es, daß ich einschlief, ttotz des großen Gewitters. Ich hatte einen merkwürdigen Traum. Ich träumte, ich sei ein Esel geworden und entbehtte dennoch jeden Frohgefühls. Im Gegentell, mir war sehr unbehaglich zu Mute. Ich vertrug mich schlecht mit meinen Miteseln. Und entsetzlich drückten mich die Lasten, die ich zu schleppen hatte. Meine Kräfte begannen zu schwinden, ich fühlte mich zusammensinken, sank, sank immer tiefer mit tätlichem Schreck-: Ein Ruck, und der Zug hielt. Die Türe wurde aufgettffen und meine Lieben standen vor mir. Bier Kliffe brannten im Nu auf meinen verschämten Wangen. Und dann gings zum Bahnhof hinaus — ins Philisterland. Irrael ««0 <Nr Seirednmgrberttei>«mgen. Bon Rabbiner Dr. L- A. Rosenthal in Pr. dtargard. Neben den aus unserem eigenen Lager hervorgegangenen Schttften über das,Mesen des Judentums" hat uns die letzte Zeit auch eine von christlicher Seite verfaßte Abhandlung gebracht, die diesen Titel führt. Der Verfasser ist Prof. Dr. D. L. Hermann Strack, die Schttft gibt einen auf der Internationalen Konferenz für Judenmission zu Amsterdam gehaltenen Bortrag wieder. Strack kommt dann zu dem Resultat, daß die Juden nicht nur durch Blutsverwandtschaft, sondern noch mehr durch gemeinsame Erinnerungen und Hoffnungen zusammengehalten werden. Ihr Selbstbewußtsein verhüllt ihnen die menschliche Verderbtheit und die Notwendigkeit der göttlichen Erlösungstat auf Golgatha. Der Judenhaß hindett sie daran, die Wirkungen des Christentums zu erkennen. Weshalb der Verfasser am Schluffe nicht auch die von ihm selbst vorher betonte Schätzung und Wahrung der Thora und Bibel überhaupt trotz der verschiedenen jüdischen Parteien als zusammenhaltendes Moment angibt, weiß ich nicht. Er hält die Verbreitung bibelwissenschaftlicher Theotten, z. B. der nichtemheitlichen Entstehung der Thora, für ein Hauptmittel, der Mission die Wege zu bahnen. Auch zersetzt er die Auffassung, daß die Juden unvermischt geblieben seien. Ebenso scheint er es für wichttg zu halten, die rabbinische Ueberlieferung und besonders ihre geschichtliche Verkettung als unzuverlässig nachzuweisen. Daß der Jude für die Verbreitung seines Glaubens nichts tue, macht er ihm zum Vorwurf und will weder von einem Einfluß des Judentums auf die Zukunft der Menschheit, noch von seinen Verdiensten um die Gotteseinheit etwas wissen. Bei aller Verehrung vor Strack, der hier wiederum gegen die dem Judentum gemachten Borwürfe (als verwerfliche antisemitische Schlag - wotte nennt er mit Recht: Talmud, Schulchan Aruch, Blutbeschuldigung, Schächten, Fleischbesudelungstttus, jüdische Geheimlehren) sich erklärt, zweifeln »vir doch daran, ob die von ihm ange- § ebenen Mittel zur Bekehrung der Juden viel ettragen werden. Daß wir nicht unvermischt geblieben sind, geben wir nicht nur notgedrungen zu — wir *) Bereinigung jüdischer Akademiker. Anm. d. Red