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Der Israelit · 1907-03-21 · Heft 12 (21.3.1907) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 12 (21.3.1907)
Date
1907-03-21
Page
– (sequence 22)
Language
German
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und die Größe der Spendergüte hinwiesett, und Wollten sie uns nicht sogar das Gefühl der Gefundheit anerziehen, sie, die uns selbst für das Naturereignis, dessen Priester mein vis-&-vis jetzo geworden, eine Benediktion darreichten, die uns auf unseren wunderbaren Körperbau hinweist und dessen lückenloses Funktionieren als größtes Wunderwerk des Schöpfers preist, als größte Wohltat des großen Arztes da droben? Ja, sie hatten es gut gemeint, die Weisen, mit ihrem Volke. Sie hatten es glücklich sehen wollen um jeden Preis. Und ahnten doch all die Qualen und Leiden im voraus, die ihm in der Zukunft bevorstanden. Und waren doch Optimisten von reinstem Wasser. Wie lautet da gleich nur eine ihrer Segnungen? „Er hat nichts fehlen lassen in seiner Welt und hat darin schöne Geschöpfe und Bäume geschaffen, den Menschen damit zu erfreuen." Das ist der Satz, mit dem seit Jahrhunderten die Väter im Auftrag der Weisen den Frühling einläuteten. Und ist dieser Satz die freudigste Lebensbejahung, die jemals Menschenlippen aussprachen. Und wurde von Menschen gesprochen, die nicht wußten, ob nicht, wenn jene Bäume ihre Früchte zeitigten, bereits ihre zuckenden Leiber in Flammen aufgingen. Haben aber dennoch diese ihnen so feindliche Weltordnung bejaht und anerkannt in ihrem „ruchlosen" Optimismus. Waren glücklich. Und wir? Sind wir glücklich? Wie gesagt, das ist eine Frage, die ich nicht vertragen kann. Sie macht mich sentimental. Aber nun war sie einmal in mir aufgetaucht und ich wurde sie nicht los. Sie tönte fort in mir ms wehmütige Melodie, zu der der Zug den immer gleichen Takt gab. Vergebens suchte ich mir einzureden, die heutigen Verhältnisse seien mit den früheren überhaupt nicht zu vergleichen, heute werde der Kampf ums Dasein in einer nie erhörten Schärfe und Erbitterung geführt und er mache hart und nervenschwach und lasse keinen Raum mehr für das scheue Glücksgefühl. Was hab«r Studenten so viel ums Dasein zu kämpfen, sie, die meist am Fette anderer zehren, und sind wir denn glücklich? O/ der Heine gibts gar viele heute noch, wenn auch nicht mit so viel Geist und Witz und mit weit schlechteren Gedichten. Daß ich's nur gleich heraussage: „Je mehr Erkenntnis, desto mehr Leid." Woraus zu entnehmen ist, daß die Esel am fröhlichsten sind. In einem trübsinnigen Vers von Wanzerow heißt es daher in der Tat:. Glücklich sind die Esel nur. Wer Verstand hat, leide. Ach, des Esels Frohnatur,. Wie ich die beneide! Ich nicht. Denn dumm sein an sich ist schon ein großes Unglück. Aber es ist eine wahrhaft ersuchte feinen Partner, ihm die Sache einmal brieflich in allen Einzelheiten darzustellen, damit er leichter einen Entschluß fassen könne. Nach wenigen Tagen hatte er die erbetene briefliche Offerte, die er dann seinem Prinzipal zeigte, aber sofort dazu bemerke, er denke nicht daran, darauf einzuychen, er zeige ihm den Brief nur, weil er wisse, daß er damit ihm, seinem väterlichen Wohltäter, eine Freude bereite. „Ja, eine Freude haben Sie mir in der Tat damit bereitet, denn es ist mir dadurch Veranlassung gegeben, Upien heute schon zu sagen, was ich Ihnen erst nächsten Chol hamonb Pesach sagen wollte. Meine Frau und ich toofiten Sie nämlich f agen, ob Sie nicht unser Schwiegersohn werden wollten, die Zustimmung unserer Berta hat meine Frau bereits in Händen. Ueberleaen Sie sich das einmal und sagen Sie mir in einigen Tagen Antwort. Eine Tochter hat mein Konkurrent nicht mehr zu vergeben, in diesem Puntte bin ich ihm über. Er will mit Ihnen teilen, aber ich möchte Ihnen das ganze Geschäft überlassen, wenn ich Mich in einigen Jahren vom Geschäft zurückziehe." Jtzel brauchte nrcht lanae zu Überlegen, am vorigen CholchmondPesachwardie Verlobung. BeimBerlobungSmühl meinte fein Chef und Schwiegervater: „Dieser Pesach ist doch schöner als der zu Radolfszell." „Ganz gewiß", erwiderte schlagfertig Jtzel, „viel schöner, avtzt koscherer ist er nicht. Wenn ich die wunderbare MMng und Führung Gottes bankend anstaune, wie fie sich IN Meinem Lebenslauf bewährt hat, so muß ich sagen: „Ich verdanke tzoch den schönen Pesach von heute dem koscheren Pesach von damals." großartige Gnrichtung, daß die wenigsten Dummen von ihrer Dummheit so recht Überzeugt sind. Das haben sie mit den Antiken gemein, daß sie nämlich ein ungebrochenes Zutrauen zu sich selber, zu der Berechtigung ihrer Eigenart haben. „Frag', was er funkelt, den Karfunkelstein." Es liegt in diesem naiven Ausleben der eigenen Natur, deren beschränkenden Zwang sie gar nicht empfinden, die höchste Freiheit und doch wieder die höchste Unfreiheit. Jndeß ging ich, soweit ich mich erinnere, in der Bahn auf diesen Gedanken nicht näher ein. — Ganz anders nun steht's mit den Verstandesbegabten. Bei ihnen erwacht, früher oder später, die Reflexion über sich selbst, und das ist eine böse Sache. Nur der kann sich selbst bejahen, der sein Volkstum bejaht, der sich selbst in seiner Eigenart als natürliches Produkt seiner volksgeschichtlichen Vergangenheit begreift, aus deren Hand er all seine Vorzüge, aber auch all seine Gebresten — und wer hätte nicht auch solche — empfangen. Nur der kann in seinem hieniedigen Wirken Befriedigung finden, der sich als Träger und Forterhalter eines für die Menschheitskultur wertvollen Volkstyps erscheint und der daraus 'die Ueberzeirgung voll der Unvergänglichkeit seines Daseins schöpft. Und weil er sich selber Repräsentant eines von ihm über alles geschätzten Volkstums ist, weil er sich selber mit allen Fäden seines Seins mit der Vergangenheit seines Volks verknüpft fühlt, darum ist er — aber in ganz anderer Weise, als obengenannter Schafskopf — frei: Ist er auch notwendiges Produkt aller ihm vorgegangenen Generationen: Hätte er sich heute von neuem zu schaffen, er schüfe sich nicht anders als wie er ist. , Und nur wer sein Volkstum achtet, kann sich selber achten. Denn sonst erschiene ihm jeder seiner natürlichen Fehler als größte Schmach, deren er sich llicht genug zu schämen hätte, indeß er nun in ihnen nichts sieht als etwa Flecken in einem alten lieb gewordenen Rocke. Und wenigstens mir geht es immer so: Habe ich wirklich einmal meinen Rock liebgewonnen — und das geschieht stets nur, wenn er mir gut sitzt — dann liebe ich ihn mit all seinen Flecken, die mich vielfach an Erlebnisse erinnern, die ich in meinem Gedächtnisse nicht missen möchte. — Hat man jemals gehört, daß enr. Deutscher sich seines Hanges zum Trünke, seiner Neigung zur weltfremden Abstraktion, zur Uneinigkeit, zum Byzantinismus, kurz zum Micheltum schämte? Und wie ganz anders war das doch und ist es noch zum Teil mit uns Juden. Wie unglücklich fühlte sich doch der jüdische Student, daß er kein so flotter Raufer war wie sein teutonischer Kommilitone, daß seine Nase immer noch nicht gerade oder gar himmelanstrebend gedeihen wollte, daß feine Geschichte nicht so ruhmvoll wie die deutsche, und wie war er so glücklich über den ersten Schmiß als wahres signmn teutonicum, wie jubelte er, wenn er trinkfest geworden und gar richtig turnen konnte — man denke: Turnvater Jahns heilig-teutsche Kunst — und als das höchste aller Komplimente erschien es ihm, wenn der deutsche Freund ihm mit wohlwollendem Schulterklopfen versicherte: Man sehe ihm wirklich gar nicht an, daß er ein Jude sei. O dreifache Schmach und Schande! Verflucht der Sohn, der sich des Vaters schämt und sein Geschlecht verleugnet. In ewiger Halbheit wankt er dahin, seine Früchte sind taub und sein Andenken vergeht mit ihm selber. Kein Ideal lächelt aus der Höhe ihm entgegen und gibt seinem Streben Ziel und Richtung. Stets liegt er an den Ketten seiner eigenen Natur und seufzt und winselt wie ein Sklave. Oft begeht er Selbstmord. Wird auch mitunter Kommerzienrat und avanciert zum Schwiegervater eines Referveleutnants. Auch Professor, wenn er getauft ist. Aber düs Glück reift ihm nimmer. Er verfällt der eigenen Verachtung. Wer will es leugnen : Es ist hier manches unter den jüdischen Studenten besser geworden unter der Not und dem Hochdruck der Zeiten. Uns alle hat ter Antisemitismus aufgerüttelt. Die deutschen Studentenverbindungen schlossen 28. Mä^ UM. .... 1R^3ag3ESB*q*aa«p*! ihre Pforten vor uns. Sie achteten uns nicht. Wie kann man den. achten, der sich selbst rücht achtet! Das war eine bittere Wahrheit, die wir damals lernten. O Ihr armen Gefoppten, die ihr von Eurem Judentum nichts wußtet, als daß es eure Carriere erschwerte, eure Gestalt zuweilen nicht eben verschöne-: und nun gar dies noch! Damals entstanden jene berühmten jüdischen Studentenverbindungen, deren ganzer Zweck bis auf den heutigen Tag kein anderer ist, als darauf hinzuwirken, daß sie wieder geschloffen werden können*), die bis aufs Einzelnste alle Sitten und Gebräuche der deutschen Verbindungen nachahmen, aber in trotzigem Stolze sich jüdisch nennen, wie einst die Geusen sich Geusen, aber von der ganzen jüdischen Kultur nichts wissen wollen und mit Sehnen dem Tag entgegenharren, da der Judenboykott geschwunden. Sie machen es ihren Mitgliedern zur Pflicht, unbedingte Satisfaktion zu geben und sehen darin ein Hauptmittel, den Namen des Juden wieder zu Ehren zu bringen. Durch viele Duelle ist heute unanzweifelbar festgestellt, daß Schmule Pulver riechen kann. Mir aber quoll das heiße Weh zum Halse empor und schnürte mir ihn zu, daß ich laut hätte schreien mögen, hätte ich nicht eine erneute Explosion meines mir wieder geschenkten vis befürchtet. Wie viel edle Kraft wird hier verstreut, welch edles Wollen verfällt der Nichtigkeit. Eine ungeheure Tragik liegt über diesen jüdischen Studenten, die da leiden ohne zu wissen, wozu und warum, dem Spott und Hohn derer unterliegen, denen ihr Her^ so warm entgegenschlägt, ohne doch Halt und Stütze in dem jüdischen Ideal, Wurzel und Widerstandskraft in der jüdischen Kulturzu finden, denn beides hat man ihnen geraubt, ehe sie noch selbst darüber entscheiden konnten, und hat ihnen so alle Bedingungen genommen, die unentbehrlich sind zur gesunden Entfaltung der Persöm chkeit. Glücklich? Wie könnten sie glücklich sein?- Und plötzlich mußte ich an Theodor Herzl denken. Wieso das eigentlich kam, weiß ich npch heute nicht. Aber deutlich sah ich ihn vor mir, so, wie ihn des Künstlers Hand festgehalten: Ueber die Brücke lehnend, schaut er sinnenden Auges in Vater Rheins wogende Flut, ernst, vielleicht sogar ein bischen traurig, und so fremd, so seltsam fremd, als wunderte er sich selber, wie er denn eigentlich so weit verschlagen sei, da seine Heimat so fern, so meeresfern-Armer Herzl! Du warst wirklich kein Phantast, wie die dummen Leute meinen, aber ein Seelenkünder warst du, wie er selten auf Erden gewandelt, ein Dichter von Gottesgnaden, der sich zum Munde gemacht für die Qualen Tausender Seelen und ihnen so wahr, so tvpisch wahr Worte verlieh, daß sie sich alle freudig zu ihm bekannten, weil sie in ihm* sich wieder fanden. Wunderbarer Lauf der Geschichte! Aus den Niederungen des menschlichen Herzens steigen stets Dünste empor und ballen sich zusammen zu trüben, schweren Wolken und lagern ar schwer unddrückepd' auf ihm: Da Mrt der itz des Genies dazwischen und entlädt, was in ihnen war an elektrischer Spannung der Leidenschaft, und erleichtert atmen die Menschen auf und ihrem Auge entströmt das erlösende, befreiende Naß. Ein Genie war Herzl. Nicht wegen der Art, wie er die Judenfrage lösen wollte. Die wird der lösen, der sie gestellt hat. Aber weil er der providentielle Mann war, der als erster seit den Tagen der Emanzipation in seinem Kresse es aussprach, daß wir noch immer nicht glücklich sind, unser Blick, wenn er fteudig, aufwuchten soll, sich immer noch in die Zukunft tauchen müsse. Tief bat er das Weh des von seinen deutschen Kommilitonen verratenen Mischen Studenten erfaßt und wie ein tiebepyller BMr hob er ihn zu sich empor, streichelte ihn, wischte ihm die Tränen aus dem Auge und sprach $tt ihm mit seiner sanften guten Stimme: Lütz qb von den bösen Menschen, die dich immer so quälen und mit dir nicht spielen wollen. Sch»', du willst sie jetzt gar nicht mehr. Bist selbst M *) GemeÄt sind die Berbindckrgm ick k. 6. Armt d. M>

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