Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-03-21 · Heft 12 (21.3.1907) · page 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 12 (21.3.1907)
Date
1907-03-21
Page
– (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449257--63359-2505898
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

28. «ärz 1907. Männer mit leidengetrübten Gesichtern, und auf ihrem Schoß saßen Kinder und horchten ihren Lehren, und die Kinder wuchsen heran und entliefen ihren Eltern, riffen die Thore des Gäßchens nieder und stürzten jauchzend hinaus ins flutende Menschengetriebe. Und auH auf die Universitäten kamen sie. Und da sie überaus gescheit waren, so dauerte es nicht lange, daß sie alle anderen überflügelten an Fülle von Kenntnissen, an Tiefe des Verstandes, an Feinheit des Scharfsinns. Und man machte ihnen auch anfangs willig Platz, denn man hatte viel an ihnen gut zu machen. Hatte man ihre Vorfahren nicht lange genug gequält und gemartert, sie eingesperrt gleich wilden Tieren, sie von allem fern gehalten, was sonst des Menschen Herze erfreut und in jugendlichem Schwünge erhält? Und mit Verwunderung sah man, wie selbst ein zweitausendjähriges Martyrium der erstaunlichen Lebenskraft dieser seltsamen Menschen nichts hatte anhaben können, ihr Geist frisch, ihr Herz empfänglich, ihre Kraft unverbraucht war, wie am ersten Tag. Es war, wie wenn ein langer Schlaf sie umfangell gehalten hätte und sie nun, plötzlich erwacht, ohne weiteres mithalten könnten mit den anderen, als hätten sie es erst gestern noch getan. Es war, wie wenn ein großrnächtiger Meister sie so großartig einbalsamiert hätte, daß nun, wo die Hüllen und Tücher fielen und der eiserne Sarg aufsprallg, ein vollkommen erhaltener Körper dem erstaunten Auge sich entgegenbot, so frisch noch nnd so schön, als ob noch Leben in ihm wäre. Aber in Wirklichkeit waren sie doch tot, war ihr Leben nur ein Scheinleben, wie auch die Nerven und Muskeln noch lange zucken, nachdem schon das Lebell den Körper verlasien. Jawohl, der Geist, der den Körper noch bis zuletzt belebt hatte, der Geist war plötzlich enlflohn, und llun suchte der Körper sich einen neuen Geist, als wenn das so ohne weiteres ginge. Welch grausiger Anblick, diese gespenstigen Gestalten, wie sie die Arme sehnsüchtig ausstrecken, von gräßlichem llorror vacui befallen, wie sie, von wahrem Lebenshunger ergriffen, nach allem langen, was ihnen in die Hände kommt, aber ach, alle Blüten auf ihrem Wege erstarren vor dem ckatten eisigen Leichenhauch, der von ihnen ausgeht, allem Lebenden sangen sie wie Vampyre das rote Blut aus, daß schließlich Leiche der Leiche gegenübersteht und überall ihnen das Wort entgegengrinst: Vergebens, nichtig, umsonst. Das war das Wesen Deines Weltschmerzes, du armer Heinrich Heine, dies der geheime Grund Deiner grausamen Negation, Deines entsetzlichen Spottes: Der Spott war es, mit dem der Tote den Lebenden verspottet, weil er nimmer zum Leben erstehen kann. Vergiftet Der JSraeltt. waren Deine Lieder, aber nicht, wie Du Armer glaubtest, weil die Herzallerliebste ihr Gift hat gegoffen hinein: Leichengift war es, das von Dir ausging und, wie ein Reif in der Frühlingsnacht> alle zarten Keime Deines lebensdurstigen Herzens zum Erstarren brachte. Und ich schaute zum Fenster hinaus, wo sich vorr weitem der Harz mir entgegentürmte. Dort ist er einst gewandert in den Tagen seiner Jugend, mit dem Weh im Herzen und dem Gelächter auf den Lippen, wie ein germanischer Student, in Wahrheit schon damals ein totkranker Jude. Hei, wie winkte so stolz die Feder, auf seinem Hut, wie wölbten sich übermütig seine Lippen und weitete mit den Vögeln um die Wette die Schwingen sein stolzer kühner Genius. Damals träumte er noch den Traum vom heiteren Hellenentum, deuchte sich selbst ein Bruder des lebensfrohen Heiden von Weimar: Schein, nichts als Schein. Draußen begann es zu schneien, trotz der vorgerückten Jahreszeit. Bald deckte sich das Fenster mit Dunst und nahm mir völlig die Fersssicht. Ich schloß wieder die Augen und versank in Brüten. Da tauchte er vor mir auf, der arme, arme Jude, aber jetzt nicht mehr als kecker froher Jüngling, sondern bleich, abgehärmt, das feine Gesicht vom Bart umsäumt, in die blutleere Totenhand gestützt, das müde Auge schmerzvoll geschloffen, und um ihn herum wildes Gezänk, Rufe des Hasses und des Anathemsaber der Schnee fällt in dichten Flocken hernieder, bleibt an ihm hängen und entzieht ihn mit weißem Tuch den Blicken der rohen Verfolger. Gezänk um die Bahre Heines, wie damals so heute noch. Er ist es, an den am meisten auch heute noch der akademische Antisemitismus anknüpst. Er war der erste jüdische Student. Seine Negation ist's, wegen der dem Deutschen um seine Ideale bangt. Aber die Ursache dieser Negation macht er sich nimmer klar. Ich aber wohl. Und wer das obige verstanden hat, auch. Welch seltsamer Mangel an historischem Verständnis war es doch, zu glauben, es könne eine zweitausendjährige Vergangenheit durch bloßen Willensakt oder durch bloßen Wechsel der Verstandesmeinung abgeschüttelt werden, es sei die Volkszugehörigkeit wie ein lästig gewordenes Kleidungsstück beiseite zu legen: furchtbar hat sich der beleidigte Geist der Geschichte gerächt an all denen, die ihn verkannt und mißachtet haben: das Kainssiegel ewiger Unstätheit vor allem des Gemütes hat er ihnen aufgedrückt und als Lebensfluch mit auf den Weg gegeben. Nur aus dem gesunden Mutterboden der Nationalität kann sich eine Menschenblüte entwickeln. Wer sein Volk und mithin seine Geschichte verleugnet, trägt den Rr. 13. Sette 5 Todeskeim in sich, ist ein haltloses Wesen, von jedem Winde umhergetrieben, und ist, wenn er zur vollen Selbsterkenntnis gelangt, für immer dem Unglück geweiht. Denn auch das individuelle Glück ruht im letzten Grunde im Volkstum. — Und nun wurde ich sentimental. Das passiert mir nämlich immer, wenn von Menschenglück die Rede ist. Ach, wie wenig glückliche Menschen gibt es doch. Und wie mir vorkommt, auch unter den Studenten nicht viele. Und ich weiß ganz genau, daß ich bei diesem Gedanken geseufzt habe. Das hörte nämlich mein vis-ä-vis im Zug, der die ganze Zeit schon Gesprächsanknüpsungsversuche gemacht hatte, allerdings erfolglos, und nun meinen in die Luft gleitenden Seufzer begierig aufsog und alsbald das Gespräch begann: „Sie seufzen, junger Mann", sagte er und wackelte mit dem Kopfe. Und ehe ich noch Zeit hatte, zu erklären, daß ich den Seufzer zurückziehe, begann er davon zu sprechen, wie Unrecht die Jugend tue, sich die schönste Zeit des Lebens mit eingebildeten Schmerzen zu vergällen, wie es im Grunde nur ein Unglück gebe, und das sei, krank sein, was aber in der Jugend selten der Fall ist, bei ihm aber wohl, denn erstens sei er schon über fünfzig und zweitens habe er ein Magenleiden, das ihm die strengste Diät auferlege und von ihm die Entsagung von seinen liebsten Speisen fordere, sodaß ihm das ganze Leben vergällt wäre, wenn er nicht dennoch, besonders auf Reisen, wo er nicht unter der Aufsicht seiner zärtlichen Gattin stehe, zuweilen über die Schnur haute, was ihm freilich regelmäßig Verdauungsstörungen einbringe, wogegen es aber, wie Figura zeigt, Mittel gebe. Spruchs und verschwand. Und sinnend schaute ich ihm nach. So ganz Unrecht hatte er nicht. Das aber ist eben der größte Fehler der Menschen, daß sie kein Gesundheitsgefühl haben, die Gesundheit, solang sie sie haben, überhaupt nicht spüren, dagegen ein ausgeprägtes Gefühl für ihren Mangel besitzenja sie eigentlich erst in ihrer Abwesenheit richttg einzuschätzen wiffen. Ist nicht die ganze menschliche Lebensenergie so recht angelegt auf ein Streben und ist nicht Streben die Resultierende aus Anreiz und Nichtbesitz? So erschien mir in diesem Augenblick die ganze menschliche Natur so recht auf Unglück angelegt. Aber zugleich ging mir auch ein strahlendes Licht auf über die tiefe Lebensweisheit unserer Weisen aus der Vorzeit, dieser größten Wohltäter, die je ein Volk gehabt hat, und ich verstand den ttefen Sinn, den sie mit der Einführung der Jnstitutton der Berachoth verbunden. War es ein anderer als der, in ihrem Volke allmählich auch das Glücksgefühl des Besitzes zu erzeugen, indem sie es bei jedem Genüsse auf die Wohltat dieses Genuffes tm Traum, legte mir die Hände wie damals beim Abschied aufs Haupt und küßte mich auf die Stirne. „Jtzel", sagte er, „du wirst deinen Anteil am künftigen Leben haben, du hast ihn verdient wie wenige sonst. Wenn du jetzt aufwachst, hat der Abend des achten Pesachtages bereits angefangen. Du weißt, dass für diesen Tag manche Erleichterungen zulässig sind, die an den vorherigen Feiertagen als verboten gelten. Trinke ruhig beim Erwache» dem W.ffer, das wird dich kräftigen und die Stunde deiner Befteiung wird bald da sein." Dem Richter waren bei diesen Worten die Tränen in die Augen getreten. „Sie sind ein würdiger Enkel Ihres Großvaters, meine Hochachtung vor Ihrer heldenmütigen Ausdauer! Ich erkläre sie frei, obwohl ich formell nicht berechtigt bin, ein gerichtliches Urteil allein abzuändern; aber ich will die Verantwortung dafür gern vor Gott und den Menschen übernehmen." „Ich danke Ihnen, Herr Richter", erwiderte Jtzel gerührt, „aber erlauben Sie mir, daß ich die Gnade abletne und im Arrest bleibe, bis morgen oder übermorgen meine Strafe abgebüßt ist. Sie erweisen mir in diesem Augenblick mit der Haft einen größeren Dienst als mit der Freiheit. Da hier keine Glaubensgenossen wohnen, so könnte ich auch in der Freiheit während der nächsten 24 Stunden nichts anderes als Wasser genießen. Radolfszell.verlassen könnte.ich morgen sowie so nicht, erstens haben wir noch Feiertag, an dem ich nicht retft n darf, und zweitens kann ich nicht reisen, denn ich fühle mich dazu noch zu schwach. Wäre ich ftei, so müßte ich mir ein Nachtlager suchen und dazu fühlen mir die Mittel. Aber die Glaubensgenossen, nach welchen Sie geschickt haben, werden mich gewiß soweit unterstützen, dutz ich Radolfszell verlassen und meine Reise fortsetzen kann. Eie können wegen deS Feiertags erst morgen Abend oder übermorgen, früh hier fein" Der Richter sah daS Richttge dieser Bemerkungen ein und wunderte sich über den raschen und sicher orientierenden Blick, mit dem der eben vom Schlaf erwachte Jüngling die Situatton erfaßte. — Am Ausgang des Pesachfestes trank Jtzel eine Tasse Kaffee, aß ein Ei dazu, das er sich selbst gesotten hatte und einige wenige Stücke Jeiner Mazzo. Mehr an diesem Abend zu essen hatte ihm »er Arzt widerraten. Als er am anderen Morgen diese Mahlzeit ebm in zweiter Auflage wiederholt hatte, kam ein Mitglied der Gemeinde Randegg, das der Rabbiner nach Rad lfszell zur Feststellung des Tatbestandes geschickt hatte. Jtzel verließ unter großen Ehren die Stätte seines neuntägigen Martyriums. Mit seiner herzengewinnenden Seelengüte nahm der greise Rabbiner von Randegg den seltenen Helden auf und sprach ihm seine Anerkennung für diese vollzogene Heiligung Gottes aus. Jtzel war darüber ganz erstaunt. Daß ein christlicher Richter in dieser Handlungsweise etwas ungewöhnliches, der Anerkennung wertes erblickte, fand er begreiflich. Aber daß ein ftommer, gelernter Greis, als welchen er sofort Rabb. Piccard richttg erkannte, soviel Aufhebens davon machte, das schien ihm ganz unbegreiflich. Er konnte sich in seiner schlichten Selbstlosigkeit gar nicht denken, daß ein Jude in solcher Lage anders handeln könne. Reich beschenkt verließ Jtzel die gastliche Gemeinde. Der Rabbiner harte in einigen empfehlenden Zeilen den ganzen Vorgang kurz skizziert, die er dem jungen Menschen als Geleitsbrief mit in die Welt gab An einige befreundete Kollegen in der Nachbarschaft hatte der Randegger Rabbiner deshalb direkt geschrieben und ihnen die Ankunft deS jungen Mannes avisiert mit der Bitte, ihm mit Rat und Tat zur Erlangung einer Existenz behilflich zu sein. AlS Jtzel Dachdecker einige Tage später bet einem dieser Rabbiner vorsprach, hatte derselbe gerade den Bestich eines reichen Weinhändlers und WeinbergbefitzcrS. Der letzt re hatte ebm dem Rabbiner über die Schwierigkeit geklagt, mit der die Herstellung religionsgesetzlich zulässigen Weines deshalb verbunden ist, weil es an zuverläffigm jüdischen Arbe tern und besonders an Küfern fehle. . Da nal m der Rabbiner den Weinhändler bei Seite und zeigte ihm die Stelle in der Pick Ab.th: „Arm sollen Deine Hausgenossen sein"; welche Worte der Rambam dahin erklärt, daß man zu Angestellten seines Hauses und Geschäftes Arme auswählm solle. „Wenn ich einen jüdischen Küfer nöttg hätte", fuhr der Rabbiner fort, „ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich einen solch seltenen Charakter, einen solchen Helden im edelpm Sinne des Wortes in meinen Kreis ziehm könnte. Sie werden sehen, was darin für eine Brocho ruht, in erster Reihe für Sie und Ihr Geschäft, in zweiter Reihe aber auch für den jungen Mann selber." Es bedurfte nicht vieler Wotte, um den Weinhändler für die Ansicht d.s Rabbiners zu gewinnen. Er nahm den jungen Mann sofort mit nach Hause und lehrte ihn die Behandlung des Weinstocks im Weinberg und des Weines im Keller. Ein« n so geschickten, rasch auffassenden und willig arbeitenden Angestellten hatte er noch nie gehabt. In seinen Musestunden lernte er deutsch lesen und schreiben und drei Jahre später war er die rechte Hand seines Wohltäters nicht nur im Weinberg und im Keller, sondern auch im Comptoir und auf der Reise. Er würde sich auch schon ein schönes 5kapital erspart habm, wmn er nicht alles Verdiente seinen Angehörigen nach Hause geschickt ge. Sein Prinzipal machte ihm deshalb in der ersten : Vorstellungen, aber Jtzel meinte, das sei die beste itaianlage, die er machen könne. Ein Konkurrent seines Prinzipals, der neidisch dm Segm anstaunte, dm Jtzel in das Haus seines Wohltäters gebracht, machte ihm glänzende Offerten zu ihm ins Geschäft zu ttetm, und alS Jtzel daraus nicht einging, machte er ihm sogar dm Vorschlag, ihn alS Kompagnon in sein Geschäft aufzunehmm. Jtz l lehnte dieses Aner bieten nicht rund ab wie er es vorher getan hatte, sondern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.