Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1907)
- Date
- 1907-03-21
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4. Rr. 18. Der JSraeltt. SS. März 1907 ein bedeutender Teil der ihrer Obhut unterstellten 'Judenheit in seiner Ehre verletzt wurde, ist geeignet, sie zu einer gründlichen Revision dieser Meinung zu veranlassen. Im übrigen glauben wir, daß die badischen Juden ohne Unterschied der religiösen Anschauung in ihrer überwiegenden Mehrheit mit dem an anderer Stelle veröffentlichten Protest des Vereins der Gesetzestreuen in Baden übereinstimmen werden. Die Pogrome in Rumänien. Wir haben an dieser Stelle vor einigen Wochen anläßlich der rumänischen Studentenunruhen darauf aufmerksam gemacht, daß der Judenhaß in Rumänien sich mehr und mehr dem Muster der russischen Nachbarn anzunähern scheine. Die schrecklichen Ereignisse der letzten Tage haben diese Befürchtungen wahr gemacht. Zwar sind nach den bisherigen Mitteilungen Mordtaten an Juden wohl kaum vorgekommen, aber im Plündern und Zerstören sind die rumänischen Hooligane den russischen Kollegen wohl noch etwas überlegen. Wie in Rußland so sind auch hier die Pogrome unmittelbar die Folge -einer wüsten Hetze antisemitischen Charakters gewesen. Die tiefere Ursache ist jedoch in der wirtschaftlichen Lage der revolutionierenden Bauernschaft zu suchen. Die Vorgänge erinnern an die großen Judenverfolgungen, die im Mittelalter in den Zeiten großer wirtschaftlicher Krisen zum Ausbruch kamen. Es handelt sich hier um eine Bevölkerung, die von ihren Machthabern tyrannisiert und ausgepreßt.bis aufs Blut, an ihrem Joche zu rütteln beginnt und nun, wie das zu allen Zeiten üblich war, sich zunächst auf die wehrlosen Juden stürzt. An und für sich ist die bäuerliche Bevölkerung den Juden gar nicht feindlich gesinnt, erst die Entfesselung der wildesten Instinkte hat diese in geistiger Rohheit, verkommenden Maffen zu den Greueltaten getrieben, die sie an unfern Brüdern verübt, um freilich hierbei nicht stehen zu bleiben, sondern dann mit ihrer ganzen Wut die eigentlichen Bedrücker, die Großgrundbesitzer, anzufallen. Es ist nichts weniger als ein Trost, daß auch echte Rumänen die Wut der Pöbelhaufen zu fühlen bekommen haben. Das mildert nicht die Not und das Elend der Tausende rumänischer Juden, die nur das nackte Leben aus Trümmern und Flammen zu retten vermochten. Eine gewaltige Aufgabe wartet der gesamten Judeuheit gegenüber dem Unglück dieser unserer Brüder. Wie nach den großen russischen Judenmetzeleien so wird auch jetzt die tatkräftige Hilfe aller Glieder unseres Volkes ohne Verzug einsetzeu müssen, um zur Linderung der Leiden der rumänischen Juden zu tun, was möglich ist. Huf der Heimfahrt ins Pbilisterland. Von einem V. J. Act. Sie waren wirklich an die Bahn gekommen, die lieben treuen Gesellen. Da standen sie und lächelten. Und auch ich lächelte ihnen vom Fenster herab zu. Wix sprachen von den gleichgültigsten Dingen. Ich machte einen Witz und wir lachten. Und plötzlich verstummten wir. Es hatte gepfiffen. Jetzt eine ungeheure Dampfwolke mit schwerem Gestöhn entfaucht — und langsam setzte der Zug sich in Bewegung. „Also", sagten sie jetzt alle, und schüttelten mir nochmals die Hand. „Zurücktreten", brüllte herzlos der Staat dazwischen, und dann weheten die Taschentücher, und wir zogen die Hüte: „Frohe Ferien" — und vorbei war's. Ich sank auf meinen Platz und schloß die Augen. Gleichzeitig aber spürte ich einen Krach, ich griff in die Tasche und zog ein Paket Chocolade aus ihrer Tiefe hervor. Sie Haltens mir zuletzt noch in die Tasche gesteckt. Und sie ist doch meine einzige Leidenschaft. Da zog ein unendlich süßes Gefühl in mein Herz, ein Gefühl trauter Geborgenheit, wie es das Vöglein empfinden mag, wenn es im engen warmen Neste an die Mutter sich schmiegt. Ja, ich war wohl geborgen in den Herzen dieser Getreuen, da lauerte nirgends der Verrat, da gährte nirgends der Neid, sie waren mir alle verbunden zu gleichem gemeinsamen Streben. Und ich zog die Chocolade wieder hervor und weihte den ersten Biß der Freundschaft. Was ein symbolischer Biß war. Es kam über mich eine unendlich friedliche Stimmung: Ferienstimmung. Und eine tiefe Ehrfurcht erfüllte mich vor der geheimnisvollenAllgewalt der Sympathie, die Herz zu Herze reißt, ohne unseren Willen, ohne unser Zutun, augenblicklich, für immer. Das ist, ich fühle es, Dein Wirken, großer Gott, des Vaters aller Wesen, des ewigen Lebenerzeugers, der mir nie näher ist, als wenn ich des reinen Menschentums mir bewußt bin, mich nicht anders fühle, als Wesen unter Wesen. Wie war doch an mir jenes schöne Gebet in Erfüllung gegangen, das die Tradition uns aussprechen läßt, wenn wir einem neuen Ort entgegenziehn, wohin wir keinen anderen Empfehlungsbrief mitbringen, als unser menschlich Antlitz, als den Hauch göttlichen Lebens in uns, daß Er uns nämlich sei Fürsprech und Anwalt, uns Frieden finden lasse im neuen Kreis, Gunst und Wohlgefallen unter neuen Das war der einfachste Weg. In einer Stunde war bereits die telegraphische Antwort da, daß zwei Pfund Mazzo unterwegs seien, die auch richtig am anderen Morgen, am vierten Tage Pesach eintrafen. Sie waren schlecht verpackt und kamen in kleine Stücke zerbrochen an. Der Assessor, -er vor einigen Tagen Geburtstag hatte und von feiner Braut durch den Konditor zwei große Papierdüten voll st inem Gebäck geschenkt erhalten, machte die Papiersäcke leer und legte die Mazzo hinein. Dann ging er mit dem Amtsrichter ins Gefängnis, um fie selber dem Sonder ing zu bringen. Jtzel lag auf seiner Lagerstätte und fühlte sich so schwach, daß ihm jede Bewegung und jedes Wort schwer fiel. Gierig griff er nach den beiden mit Mazzo gefüllten Papiersäcken und riß den einen hastig auf aus freudiger Erregung wenigstens Mazzo zu sehen. Da fiel sein Blick auf den Aufdruck der Firma und er fragte, was das bedeute, da er nicht deutsch lesen könne. „Das ist der Name eines hiesigen Conditors." „Haben Sie die Mazzo bei ihm gekauft?" ftagte Jtzel mit schwacher Stimme. „Nein", antwortete der Assessor, „sie sind aus Karlsruhe." „Wohnen dort Juden?" „Gewiß, ein jüdischer Freund hat mir von dort die Mazzo extra sür Sie geschickt und ich habe sie nur in diese Papierhülle gelegt, um sie bester tragen zu können." Mißtrauisch öffnete Jtzel die Düte, nahm eine handvoll Mezzostücke heraus, und sah dann auf den Boden der Düte. Da fand er zu seinem Entsetzen noch Krume des Kuchens, der vorher darin war. Rasch legte er die Mazzo in das Papier und gab sie zurück. „Ich danke Ihnen für Ihre Müh?, aber ich kann sie nicht gebrauchen." Jetzt war es den beiden Herren ausgemacht, daß sie es mit einem wahnbefanaenen Menschen zu tun hatten. Sie ließen die Mazzp bei dem Gefangenen liegen und gingen ärgerlich fort,' in dem Glauben, er werde schon essen, wenn ihn der Hunger plage. Aber Jtzel aß und trank nichts. Es stand ihm fest, lieber zu sterben, als den Pesach zu entweihen durch den Genuß von Dingen, von denen er wußte, daß sie verboten sind. Als den Amtsrichter am folgenden Tage — es war der sechste des Pesachfestes — das Schicksal seines verhafteten Sonderlings nicht ruhen ließ, suchte er ihn wieder auf. Die Mazzo und das Wasser waren unberührt und der Gefangene fülltte sich so schwach, daß er kaum die Augen aufschlagen konnte. „Aber um Himmelswillen", rief der Richter, „Sie gehen ja zu Grunde, sagen Sie mir doch, was ich ferner für Sie tun kann!" „Ich fühle selber, daß es mit mir auf die Neige geht, schicken Sie, guter Herr, in die nächste jüdische Gemeinde, daß einige Glaubensgenossen hierher kommen, damit ich wenigstens in ihrer Gegenwart meine Seele aushauchen kann. Ein Arzt, den der Amtsrichter mitgebracht hatte, konstatierte, daß eine unmittelbare Gefahr nicht vorhanden sei. Der Kranke fühle sich begreiflicherweise matt und elend, aber das höre mit dem ersten Trunk Wasser auf, welchen er zu sich nehme. Der Amtsrichter schickte einen Eilbrief an Rabbiner Piccard s. A. in Rendegg und teilte ihm den Sachverhalt mit, mit der Bitte, daß einige ins Gefängnis nach Radolfszell kommen sollen und rituelle Speisen und Getränke für den Hung rkünstler mitbringen möchten. Der Brief kam am siebenten Tage Pesach an, also zu einer Zeit, ln der für beute und morgen eine Reise unmöglich war. An diesem Tage lag der Fastende fiebernd wie im Schlafe da, in der Tat aber wachte er. Leise bewegten sich die Lippen und beteten Psalmlieder, bis er wirklich einschlief. Abgezehrt, aber doch mtt verklärtem Antlitz.fand ihn der Amtsrichter schlafend, als er am Abend deS siebenten Tages in seine Zelle trat. Die Pulse hämmerten so ungestüm, daß man Menschen, und unserer Hände Werk uns gelingen laste von jetzt ab und immerdar. Und meine Lippen bewegten sich leise und wiederholten das näm iche Gebet. Der Zug hatte inzwischen längst schon die Großstadt und ihr Weichbild hinter sich gelassen. Sein eintöniges Geräusch wirkte allmählich ermüdend auf meine Nerven. Auch das Bier von gestern tat noch immer seine Wirkung. So lehnte ich mich zurück und streckte die' Beine aus. Ich fühlte mich unendlich wohl. Und ich begann zu träumen. Ich dachte zuerst an die Lieben zu Hause, denen ich nun entgegenraste. Nur noch wenige Stunden, und dann war ich wieder Philister für Wochen. Das ist so ganz gut eingerichtet, daß man von Zeit zu Zeit immer wieder Gelegenheit hat sich zu sammeln. Der Student ist in sieter Entwicklung, es gilt bei ihm das Wort: Alles im Fluß. Täglich erhält er eine Fülle neuer Eindrücke und hat nicht Zeit, sie alle zu verarbeite». Und auch zum Studium sind die Ferien gut, denn auf der Universität'kommt man oft nicht dazu. Ich mußte unwillkürlich lächeln, als dieser letzte Gedanke mir einfiel. Ich verglich damit die Vorstellung, die ich einst von der Universität mir gemacht hatte Hatte ich doch ehedem nicht anders gemeint, als daß die Universität dazu da sei, um die Menschen gelehrt zu machen Wirklich nicht. Wenigstens nicht seit die Buchdruckerkunst erfunden. Es steht ja alles in den Büchern. Aber den Menschen gebildet zu machen, dazu genügen die Bücher nicht. Nur an anderen Menschen kann der Mensch sich bilden. Erst sind's die Eltern, dann die Lehrer, dann endlich die Kommilitonen. Und wieder biß ich in die Chocolade. Und ich ließ an meinem Geist die lange Reihe der Kommilitonen vorüberziehen, die ich im Laufe der Semester kennen gelernt. Es war doch eine stattliche Anzahl, mit den verschiedensten Berufen. Die eigentlichen Vertreter der universitas littei arum sind doch in Wahrheit die Studenten. Nichts bekömmlicher, als der Verkehr von Studenten verschiedener Fakultäten untereinander. Nie im Leben erhält man mehr Anregung als auf diese Weise. Und doch hatte ich mir manches anders vorgestellt in diesem Verkehr. Man braucht nicht eben lange auf der Universität zu sein, so wird man bald den tiefen Spalt gewahr, der durch die Studentenschaft geht: der Antisemitismus. Nirgends herrscht er unverhüllter, nirgends ist er widerlicher, als auf den Universitäten. Woher das wohl kommen mag? Ich ließ meine Gedanken in die ferne Vergangenheit zurückschweifen. Da sah ich eine enge winklige Gasse mit altersgeschwärzten Häusern, finster und schmutzig, und in den Häusern die Bewegung an den blauen Adern sehen konnte, die fich unheimlich von der bleichen Gesichtsfarbe abhoben. Der Jüngling lächelte im Schlaf, er schien von vollen Pokalen und Schüsseln zu träumen. Der Richter ließ den Arzt holen und fragte ihn, ob nicht zu riskieren sei, daß der Gefangene aus diese Weise in die Ewigkeit hinüberschlummere? Der Arzt zuckte die Achseln, trat an die Lagerstätte und ergriff die herabhängende Hand des Gefangenen. D;efer erwachte sofort und verlangte Waffer zum Trinken. Glücklich über dieses Verlangen reichte ihm der Amtsrichter den Krugder Arzt hob den Oberkörper sanft in eine sitzende Stellung und so schlürfte er den ganzen Krug in wenigen Minuten aus. Der Arzt und der Richter glaubten, der Gefangene habe im Schlafe seine Fastenrolle vergessen und in halbwachem Zustande ohne volles Bewußtsein das Wasser zu sich genommen. Sie fürchteten, daß er jetzt, wo die schwindenden Lebensgeister zusehends zurückkehrten, sich darüber Borwürfe machen werde. Aber darin hatten sie sich geirrt. Jtzel setzte sich ohne fremde Hilfe allein auf seiner Lagerstätte auf und sagte: „Bielen Dank, Herr Richter, für das Wasser. Als ich vor ungefähr vier Monaten meine Heimat verließ, hat mein 80 jähriger Großvater mich ermahnt, gerade dieses unser Fest würdig zu feiern und an ihm nichts Verbotenes zu genießen. Der Jude, der sich leichtsinnig über die Satzungen diescs Festes hinwegsetzt, hat eine schwere himmlische Strafe zu gewärtigen, wer es aber mit Aufgebot aller Kraft treu erfüllt, hat damit ein Anreckt auf ewiges Leben erlangt. Das Bild meines Großvaters hat mir in den jüngsten, schweren Tagen immer vorgeschwebt, hat mich stark gemacht, als ich schwach werden wollte, und mich bekräftigt und gefestigt, allen Reizen mannhaft zu widerstehen. Sein Andenken hat mich gerettet. Als ich eben vor Ermattung einschlief, erschien mir.seine teuere Gestalt