Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1907-03-21 · Heft 12 (21.3.1907) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 12 (21.3.1907)
Date
1907-03-21
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449244-2449257--63357-2505896
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

MWU^WAN^lM-W-ME» :. JjggfclEPLguHlJj u, . ' » «g-T--; 38. Mürz 1907. Der Israelit. Sette 3. Nr. 13 unschuldig leidendes Volk harrt in der Nacht des göttlichen Freiheitsrufes und zieht unter himmlischem Schutz und Schirm von dannen. Und beim Untergange ihrer Peiniger im tiefen Meer ertönen nicht stolze Siegeslieder, der Siegesrausch feiert nicht feine wilden Orgien, 'n? rwtn nwn rw?*rw '121 rwo i'V w, Dem Herrn ertönt eine Dankhymne, tPW /n nölT?D, Gott war der Kriegsherr. Und eigentümlich! Andere Nationen führten große Freiheitskämpfe auf der heimischen Scholle und für die heimische Scholle. Israel hat keinLand, es tritt eine Wüstenreise an, ein Gesetz will es empfangen in der Wildnis, in der Einöde, das erste Sittengesetz aus Erden, welches es im Laufe der Zeit der Gesamtmenschheit reichte zur Grundlage aller Kultur. Das also war das Ziel und die Krönung unserer Freiheit! Wahrlich, 2tt>nrv K7 D'1121 flDttP "H2? Dy pi, Israel ist das Volk, das keine Analogien ruldet in der Weltgeschichte. Seine Eigenart piegelt sich in seinem Freiheitsfest wieder. Vor ast 4000 Jahren spielt der wunderbare Erlösungsakt. Und heute noch feiert man ihn! Welch tränenreiche Geschichte, wie viel Leid und §ammer liegt dazwischen,' wie oft hat unser olk Freiheit, Vaterland und Menschenrechte von neuem eingebüßt, und doch läßt es nicht von dem alten, uralten Freiheitsfest! Gibt es ein Gleiches oder Aehnliches in der Weltgeschichte? In Deutschland feierte man anfangs des vorigen Jahrhunderts allenthalben die jährliche Wiederkehr des Tages der Völkerschlacht bei Leipzig (18. Okt. 1813). Im Jahre 1863 veranstaltete man die goldne Erinnerungsfeier an die Befreiungskriege und damit war offiziell Schluß dieser Gedenkfeier. Andere Ereignisse bewegten die große Oeffentlichkeit. Vor 20 Jahren hatte der Sedantag noch einigermaßen festliche Bedeutung. Er hat heute seine Zugkraft verloren, er ist verblaßt im Bewußtsein der jüngeren Generation. So ließen sich unzählige Beispiele ansühren aus der Geschichte aller Nationen. Da steht Israel mit seinem Freiheitssest als ein Unikum da. "svy2 'vi TpK2 “inn '11 Gehet hin und belauschet den Juden, wenn er sein Vinsi-Gebet spricht, wenn er die V"'-Schmoue-Esrei betet an sämtlichen Feiertagen, wenn er das Tischgebet verrichtet, ja an jedem Werktage bei der Morgenandacht (DTi m'tp): wie ein roter Faden zieht sich das^'i^v rws'1? "12t" durch alles hin, das jüdische Freiheitsfest ist in seiner Universalbedeutung heute noch frisch und lebendig uns im Bewußtsein! Das kann nur daher kommen, daß der Begriff der Freiheit von vornherein bei uns ein sittlich geläuterter, erhabener, kurz ein j idealer warpoiytf 'v ttbti pW p mirQ, das Gottesgesetz brachte uns die wahre Freiheit. Der von physischem Druck Befreite kann immer noch ein Sklave sein, ein Sksave seiner sinnlichen Natur und sündigen Triebe. Das Ideal unserer Freiheit ist von göttlichem Geiste erfüllt und durchweht, es ist wie die Gottheit selbst ewig, verjährt nicht, verrauscht nie und nimmermehr. Wenn eine unparteiische Geschichtsforschung vielleicht der Frage näher tritt, warum an den Freiheitskämpfen und Strömungen der Nationen eine auffallend hohe Zahl jüdischer Geister teilgenommen hat so dürfte psychologisch diese Tatsache in letztem Grunde wohl mit unserem Freiheitsfeste in Verbindung zu bringen sein. Unbewußt standen sie im Bann seiner Ideale. Diese Ideale sind mit uns hindurchgegangen durch die trübsten Zeiten, durch die finstersten Jahrhunderte. Man konnte sie nickt ersticken in unserer Brust. Das Frühlingsuno Freiheitsfest ist uns ein Leuchtturm geblieben auf dem wogenden Vötkermeer, die Gewähr der erhofften einstigen nVwa, der Heileszukunft der Gesamtmenschheit. Mit diesen ,l?Wi- Gedanken leiten wir jeden Morgen unser Hauptgebet ein*) (Schmone Esrei). Mit nVwi - Gedanken erheben wir in der Freiheitsnächt die Pokale, danken und h0 fse n, danken dafür, daß Gott uns herausgeführt oi'1? y2nv ,nnott^ 711'Q ,rvnn? ni-nyo iw? rftSKöl ,21L2 von der Knechtschaft zur Freiheit, von Kummer zur Freude, von der Trauer zur Festesstimmung, von dichter Finsternis zu hell strahlendem Lichte, hoffen und flehen, daß Gottes Führung uns weiter treu zur Seite steht, bis das „tjnn w" erklingt, in das die Allmenschheit einstimmt mit ihrem ralleluja! Frühlingskraft und Freiheitsoffnung sind und bleiben Israels unveräußerliches Erbe für und für. A. M. 'ochenrvnöschan. nochmals die badifdie Synode- Es ist aus die Dauer kein erfreuliches Geschäft, sich mit den politischen Taten des badischen *) "11282 Fpy nbznb nbm rmso, diese Gedankenverbindung ist wichtiger als selbst das Beten in öffentlicher Versammlung. Oberrats und seiner Anhänger befassen zu müssen. Auch die unfreiwillige Komik, die bei diesen Taten zu Tage zu treten pstegt, wird man einmal satt. Dennoch müssen wir dem großen Tag des 17. März, da die Synode der obersten Behörde der Landessynagoge ihr Vertrauen aussprach, noch einige-Anmerkungen widmen. Die denkwürdige Interpellation Bielefeld bedarf wohl keiner Kommentierung unsrerseits. Jeder wahrhaft gerecht Denkende wird wissen, was er von den sonst so tolerant sich gebenden Herren zu halten hat, die hier nach waschecht reaktionären Mustern einem Manne vorschreiben wollen, ob er an einem bestimmten jüdischen Blatt — wenn auch nur an dessen literarischem Teil — soll Mitarbeiten dürfen oder nicht. Wir glauben auch den Fanatismus einer Neologie, die die Kritik einer geschichtlichen Persönlichkeit, nur weil sie zu den Begründern ihrer religiösen Anschauungen gehört, nicht dulden will, ruhig sich selbst und dem Urteil der Oeffentlichkeit überlassen zu dürfen. Nicht aber können wir ohne weiteres den unglaublichen Vorwurf passieren lassen, den ein Mitglied des Oberrats, der Geh. Oberregierungsrat Dr. Mayer, unsren gesetzestreuen Brüdern in Baden nnd damit denr gesamten gesetzestreuen Judentum ins Gesicht schleuderte, indem er äußerte,, unter den badischen Gesetzestreuen seien Männer von genügender Bildung, sozialer Stellung und Verträglichkeit schwer zu finden. Ob das Maß von Bildung und Verträglichkeit, dessen sich Herr Dr. Mayer erfreut, ein zureichender Grund ist, seine Aeußerung eines Wortes der Entgegnung zu würdigen, das müssen wir trotz seiner sozialen Stellung offenbar dahingestellt sein lassen. Aber Herr Mayer ist eben nicht lediglich Herr Mayer. Des Geschickes unerforschlicher Ratschluß hat ihn zum „Respicienten" des Oberrats der badischen Israeliten berufen, und als Mitglied des Oberrats hat er die oben angeführte Aeußerung in der Synode getan. Wie also? Die oberste Behörde der Israeliten Badens, die sich immer soviel zu gute getan hat auf ihre Unparteilichkeit und auf ihre gleichmäßig den „Liberalen" wie den Orthodoxen gewidmete väterliche Fürsorge, schreckt nicht davor zurück, durch einen ihrer leitenden Männer die Bildung und Gesittung dieser Orthodoxen vor aller Oeffentlichkeit herabsetzen zu lassen? Würde man sich wundern, wenn einer unserer antisemitischen Feinde so von Juden gesprochen hätte? Daß aus dem badischen Oberrat heraus solch eine Stimme sich hören läßt, das mag doch denen zur Lehre dienen, die da glauben, durch staatliche Organisationen mit Konsistorialbehörden an der Spitze sei sür eine achtungerweckende Stellung der Juden vor der nichtjüdischen Oeffentlichkeit am besten gesorgt. Der vorliegende Fall, in dem durch das Mitglied einer solchen Behörde eS ruhig der Vorsehung, die Auswahl unter diesen Mitteln zur Sicherung seines koscheren Pesach zu treffen. Als er mit Eintritt der Nacht noch in Haft war, wollte er schier verzweifeln. Jetzt setzen fie sich zu Hause rum Seder nieder, beim Großvater wurden sogar erst Abends, bevor man sich zum Seder begab, die Mazzos schel Mizwo, die'ungesäuerte > Brote gebacken, welche den Mittelpunkt der ganzen ederfreier bilden. Er hatte kemen Sedertisch. Vor ihm stand seine Ration Brod und sein Krug mit Waffer. Der Durst quälte ihn noch mehr als der Hunger. Aber er konnte doch am Pesach keinen Tropfen Waffer auS einem Gefäß trinken, das nicht für Pesach hergerichtet ist. Dabei lag immer das Brod vor seinen Blicken. Soviel Chomez hatte er noch nie an Pesach gesehener fürchtete, die Augen könnten ih chomezdig werden. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß er nichts von dem Broo und dem Waffer genoß. Gern hätte er seine Ration den Mitgefangenen geschenkt, aber er durste doch am Pesach Cbomez nicht einmal verschenken. Der Gefängn swärter, der das Brod und Waffer brachte, nahm es auch immer wieder mit fort. Jtzels Bitte, ihm nichts mehr zu bringen, konnte nicht erMt werben. Am zweiten Pesachtage war ein Fleischtag. Als der Gefangene auch daS Fleisch verschmähte, wurde der Wärter stutzig. Ein solcher Gefangener war ihm noch nicht voraekommen. Er machte dem Direktor des Gefängnisses von der Weigerung eines Gefangenen, seit drei Tagen irgend welche Speise ober Trank zu fich zu nehmen, Anzeige. Der Direktor suchte Jtzel auf und erfuhr von chm den Grund seiner Weigerung. Er dürfe als Jude nicht die Speisen genießen, welche nicht nach Vorschrift deS jüdischen Religionsgesetzes hergestellt st'd. Der Direktor machte dem Amtsrichter von dem merkwürdigen Vorkommnis der Amtsrichter besuchte am dritten Tage riS. Er sagte Jtzel, es sei schon Wiederaus religiösen Bedenken keine Fleischkost hier angenommen haben, aber Brod und Waffer habe bis jetzt noch jeder genoffen. Auch wo an einem Ort Christen und Juden zusammenwohnen, schöpfen sie das Waffer aus einem und demselben Brunnenwie könne es da ein Verbot Waffer zu trinken für die Juden geben? Jtzel machte den Versuch, dem Amtsrichter die Vorschriften für Pesach zu erklären, wie das Verbot nicht am Waffer sondern an dem Gefäße liege, in dem es fich befindet, wie der Jude auch sein eigenes Gefäß, aus dem er bas ganze Jahr hindurch trinkt, an Pesach nicht benutzt -aber er erreichte damit nicht viel. Lag eS an Jtzels schwer verständlichem Jargon, lag es an seiner ungenügenden Kenntnis des Gesetzes, lag es an der Faffungsaabe des Amtsrichters, der letztere erlangte durch diese Aufklärung nur die Ueberzeugung, daß er es mit einem Menschen zu tun habe, der es an und für sich gut meine, der aber an einer fixen Idee, an irgend einem religiösen Wahn leide. Der Arrestant war ihm sympathisch schon wegen des prächtigen Streiches, den er den Stillingern gespielt hatte und er fragte ihn, was er denn effen und trinken dürfe, er wolle es ihm zu verschaffen suchen, wenn es irgendwie möglich sei. Jtzel sagte, das einzige was er genießen könne, sei Mazzo, wenn er ihm diese verschaffen könne, so wolle er ihm ewig dankbar sein. „Mazzo?" fragte der Amtsrichter, „was ist das Mazzo, m 1 . _ . eine Speise oder ein Getränk?" „Mazzo", erwiderte Jtzel, „ist Mazzo, das kann man nicht erklären und in keine andere Sprache übersetzen. Es ist das Brot, das unsere Väter beim Auszug aus Aegypten gegeffen haben." Nun war's dem Amtsrichter außer allem Zweifel, daß er es mit einem Menschen zu tun habe, bei dem im Oberstübchen nicht alles in Ordnung war. .„DaS Brot, das Ihre Väter beim Auszug aus Aegypten gegeffen Habens meinte, er lächelnd, „muß schon eimge tausend Jahre alt sein mch ist wohl kaum mehr genießbaraber ich wüßte auch nicht, in welchem Museum man das auftreiben könne." Was ein Museum war, wußte Jtzel nicht, aber er verstand doch den Kernpunkt'deffen, was der Amtsrichter meinte. „Mazzo", entgegnete er, „können Sie von jedem Juden haben, den Sie darum ansprechen." „Aber hier giebts keinen einzigen Juden, ich will einmal in eine der jüdischen Gemeinden schicken, vielleicht bekommen tmr's dort. Also wie heißt das Ding?" „Mazzo, Mazzo", entgegnete freudig Jtzel. Der Herr Amtsrichter notterte das fremde Wort sorgfältig in seinem Notizbuch und ging in sein Büreau. Er erzählte dort von dem Sttllinger Hungerlünstler, der schon seit vier Tagen keinen Biffen Brod und keinen Trunk Waffer zu fich genommen habe. Für verrückt könne er ihn nicht halten, denn der schlaue Tric, mit dem er die Stillinger in den Turm gelockt und eingesperrt habe, sehe nicht wie die Tat eines Verrückten aus. Er scheine ihm ein Italiener und zwar ein Mazzinist zu sein, er verlange dringend Mazzo, weiß vielleicht einer der Herren, was das eigentlich ist? Es soll eine Speise sein, welche die Juden in Egypten gegeffen haben-" „Gewiß", rief Affeffor Knesebeck dazwischen, „weiß ich, was Mazzo find, ich habe als Kind und auch als Gymnasiast oft genug welche gegeffen. Wenn sie nach Gailingen oder Konstanz schicken, so finden Sie in jeder jüdischen Familie Mazzo, das ist ja das Osterbrod der Juden, das hat mit Mazzini nichts zu tun." „Da könnten wir ja auch nach Randegg schicken, das liegt ja am nächsten", meinte der Amtsrichter. „Gewiß", entgegnete der Affeffor, „aber es giebt auch einen einfacheren Ausweg. Mein Freund Suchet lebt zur Zeit als jüdischer Referendar in Karlsruhe, dem brauche ich nur zu telegraphieren, der schickt uns sofort soviel Mazzo alS wir wünschen." lüÜii ■fiÜÜ

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.