Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 12 (21.3.1907)
- Date
- 1907-03-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Der Israelit. Nr. 12. 21. Mörz 1907 Sette 8.__ wurde geplündert und in einer großen Menge von Wohnungen sind die Fensterscheiben eingeschlagen worden. Infolge des Einschreitens oer Behörde hörten am Donnerstag die Unruhen auf. Aber die Erregung unter der jüdischen Bevölkerung dauert an. Rumänien. Bukarest, 19. März. Eine wütende Judenhetze hat in Rumänien gegen die Juden eingesetzt. Den Anfang mit den Ausschreitungen machte der Ort Podul-Jlosie. Die Lage der jüdischen Bevölkerung ist trostlos. An einer ganzen Reihe von Plätzen wurden die Juden angegriffen und geplündert. Mehrere Ortschaften find fast dem Erdboden gleichgemacht. Die Bewegung geht von der verarmten bäuerlichen Bevölkerung aus, die sich an den Juden schadlos hcüten will. Bukarest, 16. März. Wie aus Galatz gemeldet wird, wurden daselbst die Fäden einer weitverzweigten antisemitischen Vereinigung aufgedeckt, die von einem bekannten Agitator organisiert worden ist. Die Bereinigung, die ihre Zwecke unter dem Namen „Gesellschaft für die wirtschaftliche Hebung des rumänischen Volkes" verbarg, zählt sehr zahlreiche Mitglieder, die allen Schichten der Gesellschaft angehören. Bei ihrem Eintritte mußten die Mitglieder einen verhältnismäßig bedeutenden Beitrag bezahlen und vor einem Priester den Eid leisten, daß sie der Gesellschaft treu sein und alle ihnen gegebenen Aufträge ohne Zögern erfüllen würden. Eine Anzahl von Mitgliedern wollte sich nach Erkenntnis des wahren Zweckes der Gesellschaft zurückziehen, konnte dies aber "wegen des geleisteten Schwures nicht tun und erstattete deshalb anonyme Anzeige bei der Polizei. Die Nachricht von dem Bestände dieser antisemitischen Vereinigung hat unter der jüdischen Bevölkerung in Galatz große Besorgniffe hervorgerufen. England-. London, 15. März. Am vergangenen Montag fand im Oberhaus eine Debatte über die Frage der Sonntagsruhe statt, die um so größeres Interesse hat, als sie sich schließlich ganz auf die die Juden betreffende Seite der Sache zuspitzte. Lord Avebury, der an der Spitze der Sonntagsruhe-Bewegung steht, hatte folgende Resolution beantragt: Das Haus spricht wiederholt die Meinung aus, daß das Sonntagsgeschäft die ernsteste Aufmerksamkeit der Regierung verdiene und eine Gesetzesvorlage in Uebereinstimmung mit den einmütigen Beschlüssen der Kommissionen von 1905 und 1906 notwendig mache. Besonders ungünstig gegen die jüdischen Interessenten äußerte sich der Erzbischof von Canterbury. Es berührte unangenehm, daß er mit seiner Versicherung, er wolle keine Bedrückung der Juden, den Hinweis verband, die eingewanderte Bevölkerung müsse sich eben den für die Einheimischen geltenden Regeln unterwerfen. Man könne sich durch die Rücksicht auf einen kleinen, noch dazu auf einen bestimmt zu begrenzenden Bezirk sich beschränkenden Bevölkerungsteil nicht von einer an und für sich notwendigen Gesetzgebung abhalten lassen. Earl Bauchamp und der Earl of Crewe, die für die Regierung sprachen, ließen in ihren Reden erkennen, daß diese nicht gewillt sei, in absehbarer Zeit eine Aenderung in den bestehenden Verhältnissen herbeizuführen. Der Earl Bauchamp sah die Schwierigkeit einer gesetzlichen Regelung der Frage darin, daß eine solche sich gerade nur gegen die guten Juden und nicht gegen die schlechten Juden richten würde. Es sei zweifellos ein sehr großer Teil der jüdischen Bevölkerung, der den Sabbath heilige, und es sei möglich, einen Weg zu finden, wie diesen ein Offenhalten ihrer Geschäfte Vorbehalten werden könne. Es würde nur sehr schwer sein, zwischen den am Sabbath feiernden und den anderen jüdischen Geschäftsleuten zu unterscheiden. Der vom Chief Rabbi gemachte Vorschlag allen Juden den Betrieb des Geschäftes am Sonntag vormittag zu gestatten, erscheine ihm als gefährlich für das gute Verhältnis zwischen der jüdischen und der christlichen Konfession. Die Schwierigkeiten würden wohl bei einer gesetzgeberischen Aktion gelöst werden können,' aber zu einer solchen sei die Frage nicht reif. Sehr bemerkenswert war die Aeußerung des Earl of Crewe, ob denn alle guten Juden zur Beobachtung eines zweiten Wochenfeihertags gezwungen werden sollten, während die schlechten Juden sich nur an den bürgerlichen Feiertag haltendas heiße ja eine Prämie auf die Verletzung der religiösen Gebote setzen. Der Earl erklärte schließlich, er könne kein Versprechen abgeben, daß die Regierung sich mit der Angelegenheit in absehbarer Zeit befassen werde. Die Resolution wurde mit einem Amendenent von Lord Landdowne angenommen. London, 13. März. Der Britische Generalkonsul in Russisch-Polen macht in seinem Jahresbericht an das auswärtige Amt Angaben über den Verlauf der Auswanderung aus diesem Konsularbezirk in vorletzten Jahre. Danach ist infolge der antisemitischen Ausschreitungen die Auswanderung im Jahre 1906 unter Juden ganz besonders stark gewachsen. Die meisten derer, die für immer das Land verlassen, wenden sich nach Amerika. Ein großer Teil dieser Auswanderung vollzieht sich im geheimen, sodaß es sehrschwer ist, verläßliche Gesamtziffern zu erhalten. Die Zahl derjenigen, die ohne es geheim zu halten, auswanderten, betrug im Jahre 1904 etwa 127000. Davon waren 80000 Juden. Für 1905 und 1906 liegen nach dem Bericht noch keine verläßlichen Ziffern vor. Sicher aber ist, daß dieselben die der früheren Jahre bedeutend übertreffen werden. Das jüdische Auswanderungsbureau in Warschau behauptet, daß die Gesamtzahlen der im ganzen aus Russisch-Polen ausgewanderten Juden im Jahr 1904: 145,141, im Jahr 1905: 184,622 und in der ersten Hälfte von 1906: 250,000 betragen haben. Lowdon, 15. März. Die Daily Mail veröffentlicht ein Interview, das ihrem Korrespondenten Sydney Whitman von türkischen Sul. tan bewilligt wurde. Bemerkt zu werden verdient daraus die Art, wie der Sultan sich im Laufe der Unterhaltung über die Juden geäußert hat. Die Juden, so berichtet Whitman, sind ein Volk, für das der Sultan immer ein freundliches Gefühl gehabt hat, und er glaubt, daß sie dazu bestimmt sind, auch eine große Rolle in der Welt zu spielen. Naliistina. Jerusalem, 6. März. Jakob Brande, der vor einigen Monaten in einem Sanatorium zu Berlin verstorben ist und in Warschau beerdigt wurde, hat, wie ich jetzt von dort erfahre, in seinem Testament etwa 95000 Rubel verschiedenen Wohlfahrtsinstitutionen in Jerusalem und im Ausland vermacht. Das Gut, das er in der Kolonie Rechoboth bei Jaffa besaß, ist nach seinem letzten Willen dem Verein rrnn 'HD'itP zugefallen. In Jakob Brande hat das gesetzestreue Judentum Rußlands eine starke Stütze verloren. Der durch sein Frömmigkeit und Wohltätigkeit bekannte Mann hat auch bei Lebzeiten für die Armen des heiligen Landes sehr viel getan. In Jerusalem ist sein Name verewigt durch die Armenhäuser npjr in denen unbemittelte HWn D'Dün eine unentgeltliche Wohnung haben. Diese Häuser, für die der edle Stifter mehr als 40000 Rubel aufgewendet hat, machen ein ganzes Stadtviertel für sich aus. Jerusalem im Febr. Die Führer der sephardischen Gemeinde in Jerusalem erlassen einen Aufruf, in welchem sie die bittere Not, die innerhalb der Gemeinde herrscht, schildern und um die Unterstützung der Glaubensgenossen bitten. vermischtes. Altona, 19. März. Herr Oberrabbiner Dr. L e r ne r schreibt uns: „Seitens des Vorstandes der jüdischen Gemeinde Krzepiec (Ruff. Polen), eines Ortes, der vor einiger Zeit das Opfer einer furchtbaren Brandkatastrophe geworden, werde ich aufgefordert, zur Linderung der hierdurch entstandenen Not mitzuwirken. 160 Familien sing infolge dieser Heimsuchung an den Bettelstab gebracht, ohwe Nahrung, Kleidung und Obdach zurückgeblieben. Die zur Zeit vom Hilfsverein gesandte Unterstützung konnte nur vorübergehend Abhilfe schaffen. Deshalb ergeht an unsere jederzeit hilfsbereiten Glaubensgenossen meine innige Bitte, diese ärmsten unter den Armen mit Geldmitteln und Kleidung zu versehen, damit sie das bevorstehende Pessachfest im Geiste unserer heiligen Religion feiernMnnen." Darmstadt, 15. MäA Es ist nicht ohne Inter sse, taff alljährlich vor Ost rn Maz ea, die an jüdischer Hofbäck rmeffter in Darmstadt fabriziett, für den Kaiser von Rußland bestellt werden und auf seine Tafel gelangen. Auch in dies m Jahre ist eine solch > Bestellung, und i-war von dein Großherzog von Hessen, direkt „für Se. Majestät den Kaiser von Rußland", wie es auf dem Bestellschrin heßt, erfolgt. Ferner hat der Goßh erzeg für die Großfürstin Sergius von Rußland und für den Prinzen Heinrich von P eußen einen Auftrag auf Lieferung von Mazzen dem nämlichen Bäckermeister, dem schvn seit Jahrzehnten die Lieferungen für den hessischen Hof obsiegen, erteilt. Emden, 15, März. Bemerkenswert ist die Taffache, daß in dem benachbarten Harsweg der bisherige Gemeindevorsteher Adolf Cohcn in der jüngsten Gemeindeversammlung einstimmig auf 6 Jahre wiedergewählt worden ist. Dieses Vorkommnis, das in Preußen bezw. in Deu schwand einzig dastchen dürfte, ist noch darum von besonderem Interesse, weil gerade Ostfriesland vor Jahren eine Hochburg des Äntis mitismus war und noch heute diese Gegend durchweg sehr agrarisch ist. Man sieht, es ge t doch, und d e Gemeinde Harsweg, die ihren einzigen Jüdin zum Bürgermeister gewählt hat, gedeiht ganz vorzüglich. London, 15. März. Herr Rabbiner Dr. Samuel D a i ch e s,Sunderland bemüht sich um Gründung eines engli chen Rabbinerverbandes (Union ok Jewish Ministers). Herr Dr. Dolches hat auch neulich eine Predigt veröffentlicht („Judaism in England"), in der er den gegenwärtigen Zustand des englischen Judentums beleuchtet und dessen Leitu g einer scharfen Kritik unterzieht. Verelvsvesen. Karlsruhe, 15. März. Die Jahrzeit für den vor zwei Jahren am fiiwn TW in Hamburg unter so tragischen Umständen d Hingeschiedenen Klausrabviner Herrn B. Blumgrund wurde von der rnun als deren Lehrer der Verstorbene neun Jahre lang fungiert hatte, euch in dieftm Jahre in ange »effener, den Trad tionen der mDH entsprechenden Weise begangen. Herr Stifts>abbiner Dr. Kramer gab m einem, an den TyiP anschließendln Vo trage eine lichtvolle Schilderung der Lebensschicksale, des Wirkens und der Bedeutung pon Rabbi Merr-Rothenbu g. Zu Beginn und am Schluff seiner Ausführungen gedachte der Redner in kurzen, sinnigen Worten seines V rgängers, der damit geehrt werden sollte, daß man sein Ändenk n im Zus, mm nhang mit dem des vor 600 Jahren verstorbenen Rabbi Meir feierie. — Auch in der Synagoge der Religionsgesellschast wurde die Jahrzeit in der üblichen Weise begangen. Hamburg, 18. März. Nach etwa siebenjährigem täglich nach Mincho abgehaltenen Lcr.ren hatte man in der bekannten „Alten und Neuen Klaus" m t Raschi-Kommentar vollendet. Aus diesem Anlaß veranstaltete cer Vorstand in den oberen Räumendes ryQ EmDn eine O'vO-Feier, zu der sich etwa fünfzig Personen, zumeist regelmäßige B.sucher der be den {jrnDri ij-q, einfand n. Herr Dr. Steingut als ältester Klausner trug d>n Schlußpassus von D'iQ'i,“) i"m vor und verband damit tie einleitende Festrede, worauf Herr Rabbiner Josef Cohn den Zyklus mit rrogwo wieder eröffnete. Bei dem dann folgenden Festmahle wurden weitere Ansprachen gehalten, deren Reigen Herr Rabbiner Dr. Bambcraer eröffnete. Die Klaus hat von einem vor langen Jahren verstorbenen Freunde neben anderen, größere Legalen ein Kapital erhalten, aus deff.n Zinsen die Kosten der □’iD'PD bestritten werden sollen. Das Andenken dieses edlen Mannes feierte das Vorstandsmitglied Herr H. Bachrach. Erst in später Stunde ging die schöne niSID bv mWD zu Ende. Zabrze, März 1907. Verband der Rabbiner Oberschlesiens. (Offiz eller Bericht.) Der Verband der Rabbiner Oberschlesiens hat am 10. v. M. in Zabrze eine Versammlung abgehalten, bei der folgende Kollegen erschienen waren. Cahn-Kattowitz, Mü> z-Gleiwitz, Kopffte.n-Beuthen, Kaatz Zabrze, Norden-Mhslowttz, Rau-Pleß, B aunschweiger - Kattow tz, Ellguther-Reiffe, Galliner-Beuthen. Der Vorsitzende Rabbiner D. Cohn eröffn t die Bersamm ung uns gibt zunächst Kenntnis von einem Briefwechsel mit d m oberschl. Gemeindebunb bezgl. der alten Holzshnagoge in Gieschowa, welche, da die b.r ige jüdische Gemeinde sich aufgelöst habe, zum Abbruch bestimmt sei. Hierauf macht er Mitteilungen über die Verhandlungen des Verbandes der deutschen Juden zur Erwirkung einer Erleichterung der Sonntags-