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Der Israelit · 1907-03-14 · Heft 11 (14.3.1907) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 11 (14.3.1907)
Date
1907-03-14
Page
– (sequence 12)
Language
German
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k Feuilleton-Beilage zu Nr. y des „Fsraelit" euilleton. Damo« «nd Plfintias in der Andengasse. Bon Arthur Kahn. 281 Nachdruck verbotm. „Laß die Tochter noch einmal zu mir kommen," bat die Kranke. „Morgen, so Gott will,' da ist Schabbos, da hat das Kind Zeit," beschwichtigte Korn freundlich. „Morgen, ja. Morgen ist Schabbos," murmelte ste und setzte lauter hinzu: „Jom schekulo Schabbos,*) Maier, tu, wie ich dir sage." Bis ins Mark erbebend erfüllte Korn den Wunsch der Frau. Von niemanden gesehen, war Flora ins Haus und ans Bett der Kranken getreten. Ein Strahl unsäglichen Glückes brach aus den Augen der Mutter, als Emil, Floras Hand erfaffend, sich herabbeugte und ihre abgezehrte Hand küßte. Wie glühende Tropfen fühlte sie die Tränen des Sohnes auf derselben brennen. Rrchig, freundlich und gefaßt richtete sie die Augen auf das zitternde Mädchen, dem unaufhaltsam die Tränen über die Wangen liefen. „Du sollst meine Tochter werden, Flora/ habt euch zeitlebens so lieb wie heute, dann wird alles schon gut werden. Ich werde euch nicht unter die Chuppe führen, der da droben ruft nach mir/ — aoer benschen will ich euchkommt her, ihr Kinder,-jetzt, gleich wollen wir Schabbos machen." Die Kranke winkte. Da ließ sich Emil . schluchzend niedersinkend und zog Flora mit sich herab. Zärtlich glitt die abgezehrte Hand der Mutter über die Häupter der leise Weinenden/ die Kranke aber sprach leise zu Emil: „Gott möge dich machen, wie Ephraim und Manaffe"/ und zu Flora, „Gott möge dich machen, wie Sara, Rebbekka und Lea." Dann streichelte sie das Gesicht des jungen Mädchens, das ehrfürchtig und inbrünstig die erkaltende Hand küßte. Als abends die Männer aus dem Gotteshaus kommend, ihre hellerleuchteten Wohnungen betraten, sangen sie auf- und niedergehend: „Friede mit Euch, Ihr Friedensboten, Ihr Boten des höchsten Herrn." Inbrünstig, seinem Schmerz gebietend, sang Korn, die Hände fest zusammenprefsend und in die Höhe hebend. Da kam der gerufene Friedensbote leise ans Lager und brachte den ewigen Frieden, der armen Dulderin, die ihn schon lange .«wartet hatte. ... Langsam brannte Lichtlein um Lichtlein an der achtzinkigen Sabbatlampe zu Ende und immer düsterer ward es in der Stube drinnen, wo die Tote, den verlöschenden Blick auf das alte Erbstück der Eltern gerichtet, in den ewigen Sabbatfrieden eingegangen war. Zur festgesetzten Begräbnisstunde war die Straße schwarz besät von Leidtragenden, wo- runter man dunkelgekleidete Menschen meint, die einem Leichenzug folgen und nach hundert .Schritten schon eine Unterhaltung finden, aus Welcher der Tote völlig'ausgeschaltet ist. SDet ewige Ruhetag. „Ihr schleppt mein letztes Stückchen Glück fort," schrie Maier Korn laut hinter den Sargträgern her. „Mein guter Mallach, mein guter Mallach*) wird fortgetragen, alles ist vorbei mit mir." Totenbleich und abgehärmt, faßte Emil den hinschwankenden und ganz außer Fasiung geratenen Vater am Arm,- neben ihm schritten die Brüder, mit hohen Flören um den Hüten, um vieles ruhiger als Korn. Während der sieben Trauertage kamen viele Kondolenten, die sich mit ernster, teilnehmender Miene hinsetzten und erst, nachdem sie das Haus im Rücken hatten, wieder ihre Alltagsphysiognomie aufsetzten. Emil und Korn saßen sieben Tage auf niedern Schemeln in der üblichen Trauer um die Heimgegangene. Simon begnügte sich mit drei Tagen, Emma und Siegfried, die meinten, das nütze |* weder der Toten noch bedürfe es dieser Aeußerlichkeiten, wenn man nur die Mutter sonst in treuem Andenken halte, unterließen auch diese Trauerzeremonie. Hingegen fanden sich die Söhne Morgens und Abends zum Gebet ein und sagten der Mutter andächtig das Kaddisch nach. Emma ließ sich nur blicken, wenn sich die Besucher im Wohnzimmer anhäuften,' dann ver schwand sie wieder, sodaß Emil mit dem Vater meist allein war, auch bei den Mahlzeiten, die Emma auf ihrem Zimmer und Simon wiederum allein für sich einnahm. Zwischen Emil und seinem Vater vollzog sich nun ein immer innigeres Einvernehmen: auch schliefen sie in einem Zimmer. Berez und Jechiel kamen einigemal zum gemeinsamen Gebet und entfernten sich dann mit den übrigen Leuten. Korn driickte sein Befremden darüber aus. worauf ihm Emil zu verstehen gab, daß arme Leute ja auch sonst nicht mehr, wie in früheren Zeiten, zu reichen Leuten gingen, um Menachim Owel**) zu sein. - Korn ließ sein )aupt sinken. Er hätte gerne gesehen, wenn Fechiel Friedberg jetzt täglich gekommen wäre und sich mit ihm unterhalten hätte. Er dachte über sich selber nach. Bor' einem Jahre noch hätte er jemanden, der ihm gesagt hätte, er würde sich einmal nach des armen Schneiders Gesellschaft sehnen, laut ins Gesicht gelacht. Und ihm war doch so wenig jetzt ums Lachen. Er hatte kaum hingehört, wenn von der innigen Freundschaft der beiden armen Männer die Rede war, sie kamen ihm das ganze Jahr nicht in den Sinn und selbst wenn er ihnen begegnete und ihren Gruß erwiderte, dachte er an etwas ganz anderes. „Wir müffen uns doch einmal ausreden," begann er beim Schlafengehen. „Wer, wir? Du und ich, Vater?" „Nein," antwortete Korn, das Licht ausrsend, „dein —-Schwieger-ich meine Jechiel und ich, wegen dir undunserer Flora," setzte er, sich selbst einen Stoß gebend, hinzu. Emil hatte mit seinem feinen Empfinden herausgehört, wie schwer es Korn fiel, so familiär über Jechiel zu sprechen. „Wollen wir nicht lieber noch warten?"frug er zurück, angestrengt auf den Ton horchend, den der Vater in die Antwort legen würde. „Einmal muß es doch sein," seufzte Korn. „Warten wir noch ein Weilchen," beschwichtigte Emil. Er wußte jetzt, daß sein Vater sich innerlich noch nicht völlig überwunden hatte. Der reiche, stolze Mann kämvste noch mit dem zärtlichen Vater und Emil, durch ein reiches Innenleben und ruhiges Beobachten über sein llter hinaus menschenkundig geworden, begriff den schweren Kampf, in welchem der Sieg noch nicht vorauszusehen war. Der Schwiegervater . **) Die Trauernden^ i der reichen Frankfurter Patrizierin zugleich der Schwiegervater der armen, wenn auch noch so schönen und noch so achtungswerten Schneiderstochter, und der reiche Mann der Mechutton (Schwäher) eines armen Flickschneiders — das waren Unebenheiten, über die selbst ein anderer wie Maier Korn gestrauchelt wäre. So entschied sich Emil für ein weiteres Zuwarten,' inzwischen mochte alles bleiben wie bisher. Jomtof Schiff war, seitdem Korn seine Frau verloren, dem ehemaligen Freund wieder näher getreten. Aber die alte Herzlichkeit wollte nicht wiederkehren und die beiden fühlten sich, wenn sie allein beisammen waren beklommen/ sie wußten offenbar nicht, ob sie sich erst einmal offen einander aussprechen oder die Vergangenheit ruhen lassen sollten. So blieb es denn auch weiterhin bei einem weder freundschaftlichen noch feindseligen Verhältnis und die beiden alternden Männer blieben für sich. Wie einen bittern Neid empfanden es Korn und Schiff, um wie vieles doch die beiden Handwerker reicher waren als sie. Je älter diese wurden, umso öfter suchten sie einander, umso besorgter wurden sie gegenseitig um einander. Jechiel konnte seit seiner Krankheit nicht mehr so arbeiten wie vordem, da ging er denn tagsüber öfter ins Gäßchen und sah dem immer noch rüstigen Berez zu. Zuweilen kam Korn ebenfalls ins Gäßchen, um eine Kleinigkeit reparieren zu lassen und blieb dann lange bei den Männern fitzen. „Der hat Langeweile und ist froh sich bet uns die Zeit vertreiben zu können," behauptete der lange Jsak, der jetzt ernstlich daran dachte, nach Amerika auszuwandern und daher wegen des vielen Reisegeldes, das dazu gehöre, so oft Korn kam, die Rede hierauf brachte. Dieser schien die Absicht des Gesellen um einen Beittag aber nicht zu verstehen. „So'n Korach" (Geizhals), knurrte dann Jsak zornig, wenn Korn gegangen war. Die Vereinsamung, die Korn seid dem Tode der Gattin empfand, schien ihn wirklich zu deu beiden Freunden hinzutreiben. Simon reiste viel, Emma ging tagsüber meist aus und abendskonnte sie stundenlang wortlos mit ihrem Häkelzeug dasitzen. Vereinen hatte Korn nie angehört, bas Wirtshausleben widerte ihn an, Freunde hatte er nur wenige und selbst Meyerthal kam der häufigen Einladung, doch abends zuweilen zum Plaudern zu kommen, nur selten nach. Siegfried kam nur auf ganz kurze Zeit und wenn er einmal etwas länger fitzen blieb, dann mahnte die „Frankfurtern" zum Nachhausegehen was den alten Mann mit großer Erbitterung gegen die Schwiegertochter erfüllte. Es rief kein besonderes Erstaunen hervor, wenn Korn jetzt an Sabbattagen öfter in Gesellschaft von Jechiel gesehen wurde. Erbrauchte ja Gesellschaft und Zeitvertreib und daß Emil eines Tages mit Einwilligung seines Vaters lora Friedberg heiraten würde, galt jetzt als atsache, mit der sich endlich auch die Geschwister abzufinden schienen. Zu seinem Befremden kam eines Sabbatnachmittags, als Korn eben von der Synagoge aus, sich ein wenig am Rhein ergehen wollte-. Frau Wächter auf ihn zugeschritten und reichte ihm fteundlich lächelnd die Hand. Was die nur von ihm wollte? frug sich Korn, der nicht nur mit Eberstein, sondern auch der ganzen Familie Wächter, seit der Hausversteigerung in Feindschaft gelebt hatte. Er verstand auch nicht recht, ob es ein an ihn oder an seinen Sohn Simon gerichteter Heiratscmttaa war, der durch ihren mit Fremdwörtern gespickte» Redeschwall floß. Vielleicht war es beides. Frau. Wächter klagte über den immer unverträglicher werdenden Schwiegersohn, der sie wie. unter Kuratel' stehend beharchle-

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