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Der Israelit · 1907-03-14 · Heft 11 (14.3.1907) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 11 (14.3.1907)
Date
1907-03-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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WWWWWWW WMWMWVWWWDWWW« 14. März 1907. Der Israelit. Seite 11. Nr. 11. meintlichen gemütvollen Naturauffassung glaubt, das Wesentliche des Naturgeschichtsunterrichts sei die Aufdeckung der Beziehungeit, die das Objekt mit Sage, Märchen und Fabel verbinden, da bietet die Betrachtung nach „Lebensgebieten" keine Schwierigkeit. Die Phantasie schlingt leicht tausend Fäden um Mensch, Tier, Pflanze, Gestein und alles, was in einer solchen „Lebensgemeinschaft" nur auftreten mag. Wir können nun die verschiedenen und zürn Teil entgegengesetzten Bestrebungen, die auf dem Gebiete der Methodik des naturkundlichen Unter richts hervorgetreten sind, verstehen und würdi gen, — unbeschadet unserer ablehnenden Hal tung, die wir einzelnen Richtungen gegenüber eingenommen haben. Qcm Streben nach tieferer Herzensbildung durchzieht alle pädagogischen Kreise, die Naturwissenschaft hatte die Welt, den Menschen, das Leben unter ihre Maschinentheorie gebeugt: „Kampf ums Dasein" und „sinnlos mechanische Weltordnung" waren die Schlagworte, die das Leben in einem häßlichen Lichte erscheinen ließen. Aber seit einem Jahrzehnt protestieren starke Naturell gegen diese Weltauffassung. Eine Sehnsucht nach Verinnerlichung, Tieferwerden, Frömmerwerden durchzieht alle Herzen. Der tiefe Blick in die Natur, den wir endlich erreicht haben, führte in der Wissenschaft, der Kunst, in der Pädagogik auf neue Bahnen, die das Leben schöner, freundlicher gestalten sollen. Oeffneu wir der neu beseelten Naturwissenschaft die Pforten unserer Schulen: sie wird der menschlichen Kultur ein Lehrmeister des Fortschrittes sein. iücherscharr. Bibelkritik im Religionsunterricht von Dr. Felix C ob lenz, Rabbiner der Shnagogengemeinde Bielefeld. In Kommission bei I. Kauffmann, Frankfurt a. M. Die vorliegende 16 Seiten starke Broschüre ist ein Separatabdruck aus Dr. Brülls Monatsblättern und über ihre Tendenz läßt uns der Verfasser nicht lange im Unklaren. Die Frage, ob Bibelkritik im Religionsunterricht überhaupt zulässig sei, ist für ihn im Prinzip längst entschiedenim bejahenden Sinne natürlich. Er plaidiert deshalb für ein recht eingehendes Betreiben dieser wissenschaftlichen Disziplin im Religionsunterricht. Da er nun ein entschiedener Anhänger Wellhausens und seiner Schule ist, so verlangt er nichts mehr und nichts weniger, als daß die Ansichten und wunderbaren Offenbarungen der christlichen radikalen Bibelkritiker, die dem alten Testament gegenüber so kühn und rücksichtslos, in der Kritik des neuen Testaments dagegen meist so — vorsichtig sind, den Schülern vom 14.—19. Lebensjahr vorgetragen werden sollen. Herr Dr. Coblenz spricht zwar auf Seite 8 den sehr vernünftigen Satz aus: „Der Religionsunterricht darf nicht zum Tummelplatz religionsrvrffenschaftlicher Hypothesen werben," er ist aber allem Anschein nach ein strenggläubiger Wellhausenianer und von der Wahrheit besten, was er vorträgt, so felsenfest überzeugt, daß er keine Ahnung davon hat, wie sehr er fich m't seinen eigenen Worten in Widerspruch setzt. Es tat deshalb auch gar keinen Sinn, nach der sachlichen re.ite hin mit ihm rechten zu wollenmit dem Fanatiker läßt sich nicht streiten und Dr. Coblenz ist ein Fanatiker des neologen Judentums. Schon auf der Unterstufe, welche die Kinder bis zum 14. Lebensjahr umfaßt, lernen die Schüler unterscheiden zwischen „Dichtung und Wahrheit, zwischen Sage und Geschichte." Das ist keine neue Forderungder Verfasser folgt hier nur Mahbaums Spuren, mit einiger Vorsicht sogar, wie wir gerne anerkennen wollen. Die eigentliche Bibelkritik beginnt erst auf der Mittelstufe. Schüler vom 14.—16. lernen, daß -er Prophet Amos mit -er Vorstellung -es »nationalen" Gottes aufgeräumt Hat, sie erfahren vom Ersten, zweiten und dem Deuterojesaias, dich E^chiel der Schöpfer der Kultusgemeinde war und baß Esra und Nechemia, die definitiven Konstitmoren des Judentums gewesen. Wie die Bücher Esra und Nechemia, so werden auch die Bücher Jona, Rut und Daniel im bibelkritischen Sinne besprochen - die beiden ersteren werden als literarische Erzeugnisse der nachexilifchen Periode hingestellt, die Abfaffung des Buches Daniel aber wird in die Zeit der Makkabä rkämpfe verlegt. Mit dem Begriff der „Berbalmspiration" wird gründlich aufgeräumtunsere Propheten haben es sich nur eingebildet, daß sie göttlicher Offenbarung gewürdigt worden seien. Die Hauptsache für die rchüler der Mittelstufe sei, „daß sie sich zu der Erkenntnis durchringen: die jüdische Re igion ist etwas, Gewordenessie hat sich im Laufe der Jahrhunderte allmählich entwickelt." Man bedenke, das wird wird 14—16jährigen Schülern zugemutet! Nach so vielverheißenden Anfängen führt die Oberstufe, welche die oberen Klaffen unserer höberen Anstalten umfaßt, das aus, was die anderen Stufen vorbereitet haben. Hier rvird „systematisch" Bibelkritik getrieben und besonders der Pentateuch tvird nach bekannten Mustern zerfasert. Die Schüler erfahren vom I—isten, Elohisten, vom Deuteronomium — nicht identisch mit dem unsrigen — dem Heiligkeit^- und dem Priestergesetz usw. Bei der Vergleichung der beiden Chroniken mit den Büchern Samuelis und der Könige sind die Schüler zwar darauf hingewiesen, „daß diese Art der Geschichtsschreibung — in den Chroniken — noch keine bewußte Fälschung zu sein brauchte," aber sie werden sich durch die ganze Art und Weise der Behandlung des Eindrucks nicht erwehre i können, daß die ganze Bibel voller Fälschungen, bewußten und unbewußten, steckt und damit ist für sie das Urteil über das Buch der Bücher gefällt. Alle Deklamationen über die Schönheit dieses Werkes, über die „siegreiche Kraft der religiösen und sittlichen Ideen", die es enthält, werden diesen Eindruck nicht abschwächen.Damit ist ober auch zugleich das Urteil über den Religionsunterricht des Herrn Dr. Coblenz gesprochen, auch von seinem Standpunkt aus. Er meint zwar, „ernste wissenschaftliche Arbeit" habe noch niemals ein herv rragendes literarisches Werk geschädigt. Aber es ist doch eine Selbsttäuschung allerersten Ranges, wenn er sich einredet, ernste wissenschaftliche Arbeit mit 14—19jährkgen Schülern betreiben zu können und gar Bibelkritik! Was er ihnen bietet, das ist nur ein schwacher Abguß besten, was er selbst aus Wellhausen, Stade und Corntll — das sind seine Gewährsmänner — herausgelesen hat. Welch ungeheure Summe wissenschaftlicher Arbeit dazu gehört, um auch nur ein Buch der heiligen Schrift kritisch zu beleuchten, darüber mag ihn Dr. Jampal belehren, dessen Abhandlung über das Buch Esther in der Brann'schen Monatsschrift wir ihm zum Studium empfehlen. Bibelkritik „setzt geistige Reife und Beherrschen des Stoffes voraus". Glaubt Herr Dr. Coblenz wirklich, beides sei genügend bei den Gymnasia > en vorhanden? Und wenn er die ganze zur Verfügung stehende Zeit auf diese religionswiffenschaftliche Disziplin verwendet — was ja unsinnig wäre — mehr als oberflächliche Kenntnisse werden sich seine Schüler nicht erwerbenein selbständiges Urteil werden sie nicht erlangendazu fehlen ihnen alle Vorbedingungen. Und wie denkt sich eigentlich Herr Dr. Cob'enz die Fortführung des Religionsunterrichts unter seinem Nachfolger? Für ihn ist es beispielsweise „über allen Zweifel erhaben", daß Moses der Befreier Israels gewesen, daß er hm den Glauben an I—e gegeben. Das ist ja sehr klug von ihm, denn auch in Bielefeld muß der Rabbiner noch am nPE3 und am nilDEP über die Bedeutung dieser Festtage predigenda folgt man ganz unkonsequenterweise nicht der Darstellung Wellhausens, sondern der des konservativeren Kautsch. Wie aoer wenn der Nachfolger des Herrn Dr. Coblenz auch an den geschichtlichen Moses nicht glaubt? Oder, was ja auch vorwmmen kann, wenn er etwa den Standpunkt der konservativen christlichen Theologen, etwa des Grafen Baudissin teilt? Wird die Religionsschule nicht ein Tummelplatz religionswissenschaftlichen Streites werden, der den Schülern auch den Rest ihres Glaubens rauben muß? Doch überlasten wir diese Sorge Herrn Dr. Coblenz. Für uns ist sein Schriftchen nach zwei Richtungen hin sehr wichtig. Als fich vor genau einem Jahre die Führer der „süddeutschen Orthodoxie" dagegen aussprachen, daß der jüdische Religionsunterricht in Preußen obligatorischen Charakter erhalte, da wurden sie und mit ihnen der „Bund" von bekannter Seitemit schweren Vorwürfen überhäuft. Angesichts der Bekenntnisse des Herrn Dr. Coblenz wird man unfern Standpunkt wenigstens einigermaßen verstehen. Kann man uns wirklich zumuten, unsere Kinder solchen Reltgionslehrern auf Gnade und Ungnade auszuliefern? Und noch nach einer andern Seite hin erscheint uns das Opus recht wertvoll. Als s. Zt. Herr Rabbiner Dr. Cahn-Fuldagegenüber dem Gutmannschen Expose auf die ungeheure Gefahr hinwies, die fich für die jüdische Lehrerschaft daraus ergebe, wenn sie dieses Fortbildungs- Programm acceptiere, da wurde er mit Schmähungen, mit Hohn und Spott überhäuft. Das Studium der vorgeschlagenen Werke, so wurde ihm entgegnet, hat gar keinen Einfluß auf unser religiöses Fühlen und Tun und noch weniger auf unfern Religionsunterrichtwir studieren sie nur der Wissenschaft Halver usw Herr Dr. Coblenz ist selbstverständlich nicht durch das Expose auf Wellhausen, Stade und Cornill aufmerksam gemacht worden, aber sein Beispiel zeigt deuttich, daß, wer einmal in den Bannkreis der radikalen BiVelkritiker gekommen ist, auch von seinem neu erworbenen Wissen Gebrauch machen wirdin welcher Weise, das zeigt das vorliegende Schriftchen mit erschreckender Deutlichkeit. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, durch diese Bekenntnisse einer schönen Seele ist die Richtigkeit der Behauptungen Du Cahns glänzend dargetan. Lonesponäenren u. Nachrichten. A u s U n t e r s r a n k e n. Es sei freudigst konstatiert, daß die Kultusgemeinde Gerolz- Hosen ihre bisherige Religionsschnle in eine öffentliche jüdische Volksschule umwandeln will. Die Kgl. Regierung dürfte dem Vorhaben sehr wohlwollend gegenüberstehell und gewiß keine Hindernisse bereiten, da mail im bayerischen Ministerium llnd Landtage die ErhaltlNlg der konfeffiolletten Schulen wünscht und es gerne sieht, wenn solche ins Dasein gerufen werden. Möchten andere jüdische Gemeinden, insbesondere in den Städten, dem schönen Beispiele folgen. Es ist geradezu eine Pflicht der maßgebenden Kreise mit aller Energie dafür einzutreten. „Achawa", Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger israelitischer Lehrer, Lehrer-Witwen und -Waisen in Deutschland- Sitz des Vereins: Frankfurt a. M. Der. 42.Rechenschaftsberichtdieses so segensreichwirkenbenBereins liegt uns vor und wir stellen mit großem Vergnügen fest, daß er auch in dem verflossenen Jahre seiner Aufgabe. in he» vorragendem Maße gerecht geworden ist. Zahlen find beredt, besonders wenn es fich um eine Unterstützungskaste handelt. Die Zahl der attiven Mitglieder beträgt 403, die der Ehrenmitglieder 1225, die der Pensionäre 112. An diese mü den insgesamt 24255 Mark an Jahresunterstützungen gezahlt. Außerdem wurden in besonders dringenden Fällen aus dem Reservefond außerordentliche Unterstützungen in der Höbe von 1877 Mk. bewilligt. Trotz dieser respektablen Leistungen konnten noch ca. 6000 Mk. erübrigt werden, sodaß das Bereinsvermögen jetzt 301101 Mk. beträgt. Der Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen stellen oie angegebenen Zahlen ein glänzendes Zeugnis aus. Nur eine Zahl gibt uns viel zu denken. Wie schon erwähnt, beträgt die Zahl der Pensionäre 112, darunter 71 Witwen, d. h. der Beruf der jüdischen Lehrer ist ein so anstrengender, Kummer, Nahrungssorgen und Widerwärtigkeiten aller Art stürmen so heftig auf seine Gesundheit ein, daß er vorzeitig erliegt. Es wird wohl nur wenige Berufsarten geben, wo fich ein gleich ungünstiges Verhältnis zeigt. Um so notwendiger ist darum auch die Hilfe, und wir wollen darum auch' unsererseits nicht verfehlen darauf hinzuweisen, daß van allen Unterstützungskassen in Deutschland die Achawa die einzige ist, die nicht bloß den Lehrern einer Provinz, sondern allen jüdischen Lehrern im ganzen deutschen Reich nebst Luxemburg ohne jede Rücksicht auf deren Parteiri chrung ihre Wohltatenzuweist. Rhina. Ein treues Lehrerherz hat zu schlagen ansgehört. Am 5. ds. Mts. starb nach kurzem Krankenlager Herr Lehrer I. Emmerich im 72. Lebensjahre. Länger als 48 Jahre hatte er amtiert und der größte Teil der großen Rhinaer Gemeinde bildet seine Schülerschar. Seit 4 Jahren pellsioniert, hat er auch seine Rahezeit am Orte seiner Wirksamkeit verlebt. Die Beerdigung fand unter großer Beteiligung von Nah und Fern am 7. ds. Mts. statt. Herr Prov.-Rabb. Dr. Cahn-Fulda schilderte in halbstündiger Rede die Vorzüge des Verstorbenen, oft unterbrochen von dem Schluchzen der Zuhörer. Herr Lehrer Sonn, Nachfolger des Dahingeschiedenen und Herr Lehrer Neuhaus- Harmuthsachsen, ein Seminarbruder von ihm, riefen ihm herzl. Abschiedsworte zu. Am Grabe sprach Herr Lehrer Loewenstein-Fulda Namens des Bundes gesetzestreuer' Lehrer Deutschlands und des Vereins „Jeschurun", dessen treues Mitglied der Verstorbene seit der Gründung war. Etwa 15 Lehrer, darunter ein Vorstandsmitglied der „Hess. Lehrer-Konferenz", folgten dem Sarge des Verblichenen. rQ"sin

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