Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1907)
- Date
- 1907-03-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6 Der Israelit. Nr. 11 14 März 1907. dem Minmerpra,»denren ^sroiypm als auch von dem Finanzminister Kokowzew empfangen. Neben den 1060 000 Mark, die der Hilfsverein vom Oktober bis zum Schluß des vorigen Jahres für Rußland überwiesen haben, wurden im Jahre 1906 weitere 1476 000 M. aufgewendet, fodaß der Hilf. Verein seit dem Ausbruch der Mafsenpogrome rund 21, Millionen Mark für Rußland verausgabt hat. Es war ihm auch möglich, eine Anzahl von Christen, darunter in Rußland ansässige Deutsche, welche während der Judenmetzeleicn in anerkennenswertester, zum Teil heldenhafter Weise die Juden zu verteidigen suchten und dabei Schädigungen erlitten, zu unterstützen. Soweit bei der Lage in Rußland der Hilfstätigkeit für die dortigen Juden Grenzen überhaupt gesetzt werden können, ist das Hilfcwerk jetzt zum Abschluß gebracht. Im engen Anschluß an die Arbeit für die Juden in diesem Lande vollzog sich die Fürsorge, die den jüdischen Auswandern durch das Zentralbureau für. jüdische Auswanderungsangelcgenheiten zuteil wurde. 132000 jüdische Auswanderer, zum größten Teil russische, haben ihren Weg durch Deutschland genommen und wenn auch nicht alle unserer Fürsorge bedurften, p wurden wir doch vor 1>ie Aufgabe gestellt, diesen S.rom, der sich durch Deutsch land ergoß, so zu lenken, daß die Du chwand.rung durch Deutschland sich glatt und ohne Störung vollziehe. Durch Einrichtung und Unterhaltung von besonderen Herbergen an der Grenze bot man den Auswanderern Nahrung und Obdach und schützte si.' vor Ausbeutung, Uebervorteilung und körperlichen und moralischen Schädigungen, denen sie in ihrer Unbeho fenheit und Unwissenheit ausgesetzt sind. Desgleichen wmden in den Haupteisenbahnstationen Verpflegungsstellen unterstützt oder eingerichtet. 60751 Auswanderern hat der Verein in dieser Weise seine Fürsorge zuwenden können. Die Herausgabe des Korreipondenzolattes für jüdische Auswanderer wurde fortgesetzt. In diesem Jahre sind sechs Nummern erschienen, in dem die wichtigsten Auswanderungsangclegenheitcn besprochen wurden. Die zum Gebrauch der Auswanderer herausgegebenen Wörterbücher sind bereits in einer zweiten Auflage erschienen. Die Beantwortung der Briefe von Auswanderungslustigen hat sich in diesem Jahre erheblich gegen das Vorjahr gesteigelt. 1858 Anträgen von 8700 Personen, darunter 160 von christlichen Auswanderungslustigen liefen ein und wurden von unserem Bureau erledigt. Durch Verhandlungen mit Behörden und Schifffahrtgesellschaften und privaten Olga «isationen wurden abgesehen von den Reiscverbilligungen und Erleichterungen und sonstigen Bequemlichkeiten aller Art, die iür die Auswanderer geschaffen werden konnten, die Grundsätze für eine planmäßige Regelung der jüdischen Auswanderung festgesetzt. Besonders war man darauf bedacht, die jüdische Auswanderung von New-Arnk und den großen Zentren abzulenken. Die gesamte jüdische Auswanderung dürfte im verga genen Jahre über 200000 Seelen betragen haben. S e ist also viermal so groß als im Jahre 1881/82 und dt eimal so groß als im Jahre 1891/92. Die Ausgaben, die der Hilfsver in m den fünf Jahren se nes Bestehens für humanitäre Zwecke hat machen können, find in folgender Tabelle zusammengestellt: Im ersten Jahre 31152,67 Mk. „ 2. „ 317618,82 „ „ 3. „ 146756,04 „ „ 4. „ 1110214,21 „ „ 5. „ 1476138,47 „ 3 081874,21 Mk. Diese Tabelle zeigt ein bedeutendes Fortschreiten der Hilssarbeit des Vereins, und man wird nicht leugnen können, daß derselbe mit seinen drei Millionen übersteigenden Aufnoch ihren großen Toten bewahrt haben. Kein glaubensstarker Jude verläßt den Prager alten Friedhof, ohne ein Steinchen auf Rabbi Löros Grab gelegt zu haben. Der Christ, der die heilige Stätte der Toten betritt, ehrt den Brauch und tut ebenso —, mir fiel dabei ein heute wenig bekanntes Gedicht von Ada Christen ein, das in der Gedichtsammlung „Aus der Asche" enthalten ist und eine treffliche L chlußpointe bringtes sei an dieser Stelle gebracht'. P rag. Auf dem alten jüdischen Friedhofe. Sinnend stand ich bei dem Grabe Rabbi vöw's, des jüd'schen Weisen, örte wie im Traum den Führer eine toten Ahnherrn preisen. Und warum, so frug ich staunend, All' die Juden, grop und kleine, Auf das Grab mit leisem Murmeln Werfen bunte Kieselsteine? Und es wurde mir die Antwort: „Um zu ehren, ist geboten, Daß wir Blumen streun Lebend'gen, Steine aus das Grab der Toten." , Von solch' heidnischem Gebrauche Sind wir Chris en längst gereinigt: Wir bekränzen stets die Gräber Jener, welche wir gesteinigt! Wendungen während seines jetzt sünfjährigen Wirkens unter den großen Wohlfahrtsinstitutionen der Judenheit keine unwichtige Stellung einnimmt. r? orrespondenzen und M^achrichten. Deutsche« Reich» Mannheim, 8. März. Der Versuch des Großherzogl. Oberrats der Israeliten, das seitherige direkte und geheime Wahlverfahren zur Synode zil ändern, ist vorläufig abgeschlagen worden. In der Sitzung der israelitischen Gemeindevertretung in Mannheim vom 5. März nahmen die Herren Dr. med. Julius Moses und Rechtsanwalt Dr. Jeselsohn Gelegenheit, die Vorlage des Oberrats an die Synode einer strengen Kritik zu unterziehen, den reaktionären Charakter der beabsichtigten Maßregeln zu beleuchten und die Gemeindevertretung der größten jüdischen Gemeinde Badens zu einem Proteste gegen die Vorlage aufzusordern. Die Ausführungen der Gemeindevertreter Dr. Moses und Dr. Jeselsohn sandelt allseitige Zustimmungnur zwei Synagogenräte, die gleichzeitig Mitglieder des Oberrats sind, versuchten eine' schwache Rechtfertigung der Wahlvorlage. Die Mitglieder der Gemeindevertretung stellten sich einmütig auf Seiten der Herren Dr. Moses und Dr. Jeselsohn, und es wurde beschlossen, noch vor der Synodaltagung eine eigene Sitzung der Gemeindevertretung einzuberufen, um Protest gegen die Wahlvorlage einzulegen. Schon zwei Tage nach dieser Sitzung, am 7. März, lud der Vorsitzende des Oberrats, Herr Geh. Ober-Reg.-Rat Dr. Mayer-Karlsruhe, die Mitglieder des Synagogenrats lmd des Vorstands der Gemeindevertretlrng zu einer Konferenz ein, in welcher Herr Dr. Mayer die oberrätliche Vorlage 511 verteidigen suchte, aber auf den energischsten Widerstand bei den anwesenden Vertretern der Mannheimer Judenschaft stieß. Zu dieser Sitzung war Herr Bankdirektor S. Rosenbaum als Repräsentant der Orthodoxie eingeladen. Schon am 8. März früh lief bei DrchJeselsohn dieMitteilungvon Herrn Dr. Mayer ein, daß der Oberrat die Vorlage vorläufig zurückziehe und nicht vor die außerordentliche Synode vom 18. März bringen werde. Es wird wohl vom Ausfall der Neuwahlen zur nächsten Synode abhängen, ob diese famose Vorlage überhaupt wieder ihre Auferstehung feiert. Ungrrvn. Budapest, 8. März. Das Komitat Tolua hatte im Abgeordnetenhause eine Petition eingereicht wegen der Vertretung der jüdischen Konfession im Magnatenhausei Obgleich sich der Ausschußes Abgeordnetenhauses öieser Bitte gegenüber ablehnend verhielt, faßte das Haus schließlich auf Betreiben mehrerer Abgeordneter von der Unabhängigkeitspartei doch den Beschluß, die Petition nicht abzulehnen, sondern der Regierung zum näheren Studium zn übermitteln. Ruftland. , klack der Sdiladif. (Bon unferm Korrespondenten.) Petersburg, 10. März. I. Alea est jacta, der Würfel ist gefallen. Der Wahlkampf ist nun zu Ende, die Reichsduma ist bereits einberufen unb tagt, und wir Juden sind so gut wie leer ausgegangen, obgleich wir drei jüdische Deputierte: einen Kaufmann Schapiro (Windau in Kurland), eilten Technologen Rabbinowitz (Ekaterinoslaw) und einen Advokaten Abramsohn (Kowno) ins Parlamertt geschickt haben. Für die russische Judenheit dürfte die Reichsduma nicht so sehr gesetzgebender Körper als Gerichtstribunal werden.' Die scheußlichsten Judenfeinde, die nicht bloß Rußland hat, sondern die die Geschichte der Diaspora je erzeugt, als Auswurf des menschlichen Geschlechts, wie die tetlstischen Bluthunde Kruschewan und Purischkewitz," die Großmeister der Pogrome in den letzten Jahren und die Häuptlinge der „schwarzen Hundert" und der „echtrussischen Leute", haben nun in der Reichsduma Sitz und Stimme. Die letztgenannten Verbände machen schon jetzt kein Hehl aus der Hauptaufgabe, die sie sich für das russische Parlamellt gestellt haben, — nämlich nicht bloß die Gleichberechtigung, sondern jede, auch noch so geringe Rechtserweiterung der Juden zu verhindern und neue Rechtsbeschränkungen zu erwirken. Sie drohen für den Fall eines etwaigen Mißlingens dieser ihrer Bestrebungell mit blutigen Judenkrawallen. Diese Verbände sind leider in der zweiten, sonst überwiegend oppositionellen Reichsduma stark vertreten. Zu keiner Zeit und an keinem Ort waren daher berufene, voll Recht und Gerechtigkeit beseelte uild redegewandte jüdische Männer, die unsere Sache mit Geschick und Erfolg verteidigen könnten, notwendiger als gerade »jetzt in der zweiten Reichsduma- und leider — ohne» unseren Gewählten auch imEntf erntesten zu nahe zu treten — muß ich sagen, daß ich unter den letzteren keinen sehe, der auch nur halbwegs der Aufgabe gewachsen wäre, die die unglücklichen Verhältnisse einem jüdischen Deputierten stellen. Dabei zählen Juden zu den Koryphäen, die Rußland unter den Meistern des Forums aufzuweisen hat. Das Betrübesidste ist, daß wir nach dieser Seite hin selbst die Schmiede unseres Glückes waren, daß wir nur ernten, was wir selbst gesät haben, daß man mit unfehlbarer Genauigkeit hat voraussehen können, was nun eingetroffen ist, und daß es somit bei wohlüberlegtem Vorgehen möglich war, einen ganz anderen Ausgang des Wahlkampfes herbeizuführen. Es hat an mahnenden Stimmen nicht gefehlt, welche rechtzeitig auf die Gefahr aufmerksam machtendie die Zersplitterung der Mischen Wähler in eine Menge von Parteien und besonders der prinzipielle Anschluß an die Radikalen und vorzüglich an die Bauernwähler herbeiführen würden. Trotz des beträchlichen Prozentsatzes, den die Juden unter der Bevölkerung des Ansiedlungsrayons ausmachen, sind sie doch überall in der Minorität und können sie bei dem herrschenden Wahlsystem unmöglich einen Deputierten mit eigenen Kräften durchsetzen. Sie sind vielmehr auf Kombinationen und Blockbildung angewiesen. Hier gilt es einheitlich vorzugehen und umsichtig und überlegt mit den Parteien zu unterhandeln, die uns die meisten Vorteile bieten. Mit einer numerischen und intelligenten Macht muß gerechnet werden, ist man weder das eine noch das andere, so sinkt man zur quaatirö negligeable herab, und dann ist das Spiel verloren und durch nichts wieder^ugewinnen. Unsere jugendlichen Radikalen, die leider das Heft in der Hand haben, hat das nicht bekümmert. Jede der vielen keinen Parteien, in die man sich zersplittert hatte, wollte vor allem ihren eigenen Kandidaten zum Siege verhelfen, wobei die Interessen der jüdischen Ge--