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Der Israelit · 1907-03-14 · Heft 11 (14.3.1907) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 11 (14.3.1907)
Date
1907-03-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit. Rr. 11. Seitt 5 14. März 1907.___ Das gut ausgestattete Zimmer des Chacham schließt sich an den Gerichtsraum an. — Man zeigte uns das Eheregister, und wir erfuhren, daß die Summe, die der Frau in der roinr ausgesetzt wird, hier in den mittleren Kreisen 1000 bis 2000 egyptische Pfund (20—40000 Mark) beträgt, bei den reichen entsprechend mehr. Hier vertritt die rairo die Stelle des Ehekontraktes und" ist nicht, wie bei uns, rem religiöse Formsache. — Die Ehescheidungen sind häufig Und geschehen in vielen Fällen durch Vermittlung eines rrW. In der Nähe des pH li'2 befindet sich eine Synagoge, ziemlich klein und unscheinbar. Es soll 14 Synagogen in Cairo gebenin der einen zeigt man den Sitz des O"2vi. Jüdisches Leben herrscht trotz der Größe der Gemeinde in Cairo nur sehr wenig. Die Mehrzahl ist wenig religiös — man trägt niy'Dp und hält sein Geschäft am ri2V geöffnet — und jüdisches Wissen ist so gut wie keines unter der jüdischen Bevölkerung vorhanden. Außer etwa einem Dutzend sog. Chachamim soll es niemand geben, det sich in Cairo mit jüdischer Wiffenschaft befaßt. Die Jugend lernt, wie es heißt,, äußerst wenig Jüdisches. — Die jüdischen Volksschulen sollen nur ganz minderwertige Resultate erzielen und die Allianee-Schule genießt, wie man uns sagte, am Orte ebenfalls kein -großes Ansehen. Ein nicht geringer Teil der jüdischen Kinder besucht die Jesuitenschulen, was sicherlich wenig erfreulich ist. Wir hatten Gelegenheit, einer nVo n'"Q im Hause eines sephardischen Juden beizuwohnen: Sie fand, wie bei den Sephardim hier stets, am Nachmittag statt. Schon von weitem erblickten wir eine vielarmige Laterne, die auf einem Holzpsahl vor dem Hause des tvi2 ^2 aufgestellt war. . Im Hauseingang begrüßte uns — wie jeden Neuankommenden — ein lebhafter, für unsere europäischen Ohren etwas gar zu geräuschvoller Tusch einer arabischen Kapelle von etwa einem Dutzend Bläsern und einem Trommelschläger. Die musikalische Begrüßung gibt zugleich dem Hausherrn das Zeichen, daß Gäste gekommen. Er empfing uns — die ihm völlig Fremden — mit echt orientalischer Liebenswürdigkeit vor der Tür zu seiner Wohnung und geleitete uns in die Empfangszimmer. Herren und Damen saßen in getrennten Zimmern,* in beiden Lagern wurde viel geraucht. — Sobald die erwarteten Gäste alle beisammen waren, begann die Feier. Schrille Kehllaute, wie wir sie gar nicht kennen, dringen plötzlich an unser Ohr. Die Gevatterin mit dem Kinde tritt in die Tür, begleitet von zwei älteren Frauen, aus deren Kehlen die für uns so fremdartigen landesüblichen Freudenschreie erklungen waren. Der n’12 selbst war äußerst rasch vollzogen. Eine niTSö machte der Vttö nicht; er sagte, daß man sie feit längerer Zeit nicht mehr mache. Der Verband war ziemlich primitiv. Er wird, wie der *?niö uns sagte, schon nach zwei Stunden entfernt, und die Heilung geht dann bis zum nächsten Tage ganz von selbst vor sich. — Der sehr gewandte >1112 betreibt die Vollziehung der als sein Geschäft, das er vom Vater und Großvater überkommen hat. Er selbst — noch ein junger Mann — hat * schon 6000mal die vollzogen } allerdings nicht nur bei jüdischen Kindern. Man nimmt ihn nämlich, da er als geschickt bekannt ist, sehr häufig auch zu den Beschneidungen der Mohamedaner, die, wie bekannt, ihre Kinder meist im Alter von 8—10 Jahren beschneiden lassen. Man macht bei ihnen nur den "pn'n, keine ny'iö. Auch Christen sollen vielfach ihre Kinder beschneiden lassen. — . Die ni2i2 sagte nicht der >1112, sondern ein Chacham, es war der Vater des vielgenannten Herrn Antebi in Jerusalem; wir verdanken ihm mehrere der Informationen über die jüdischen Verhältniffe in Cairo. — Neu war für uns, daß man vor der pn n2i2 über einen kleinen Myrthenzweig DW2 '2VP 8112 N212 machte. Eine besondere religiöse Weihe war bei der Feier nicht zu verspüren. Man wartete danach Süßigkeiten auf, die Kapelle setzte ihre Musik in der Wohnung oben fortam Schluffe wurde etwas getanzt. — Im ganzen war der Eindruck hier, wie bei anderen Gelegenheiten der, daß die jüdischen Bräuche hier in ziemlich äußerlicher Art bewahrt werden. In der Auffassung des Judentums schien uns eine ziemliche Kluft zu bestehen zwischen uns und den Juden Cairos. Dabei bleiben wir uns bewußt, daß unser Urteil nach einem einwöchigen Aufenthalt naturgemäß mehr gefühlsmäßig gefällt ist und vielleicht bei längerem Studium der Verhältnisse wesentliche Aenderungen erfahren müßte. H. Aus dem Jahresbericht des ffilfsoereius der Deutschen Juden. Der Hilfsverein der Deutschen Juden vollendet mit dem Schluß von 1905 das fünfte Geschäftsjahr seiner Tätigkeit. Der Bericht über die Tätigkeit dieses Jahres füllt bei den zahlreichen großen Aufgaben, die der Hilfsverein zu lösen hatte, einen stattlichen Band. Das Wichtigste daraus sei im Folgenden, in ganz kurzen Umriffen wiedergegeben. Die Zahl der Mitglieder ist im letzten Jahre um etwa 4500, von 9500 auf rund 14000 gestiegen. Die Mitgliederbeiträge und die Spenden für die allgemeinen Zwecke des Vereins haben sich dementsprechend von .107 000 M. auf rund 140000 M. erhöht. Bon den Arbeiten dieses Jahres sei zuerst das Hilfswerk für Galizien genannt, das der Verein in Gemeinschaft mit der ßroßloge für Deutschland und dem Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien in zweckentsprechender Weise auszubauen bestrebt war. Durch Einführung von Hausindustrien, wie die Erzeugung irischer Spitzen, Spitzenklöppelei, Haarnetzerei, Kleiderkonfektion, und durch Nnterstützung von Strebte genoffenschasten suchte man das Elend der galiztschen Juden zu bannen. Es find bereits 7 Hausindustrien in Galizien neu eingeführt worden und über 2500 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen finden in diesen Industrien einen ehrlichen Erwerb. Da fich im Laufe der Zeit das Bedürfnis herausgestellt hat, eine zentrale Instanz in Galizien zu schaffen, die die Verhältniffe überblicken, Unternehmungen übersehen und als Informationsstelle dienen kann, so wurde in einer von den intereffierten Institutionen beschickten Konferenz beschlossen, einen ständigen Sekretär in Galizien zu stationieren, wofür der Hilssverein die nötigen Mittel bewilligt hat. Die Anstellung ist bereits erfolgt. Durch die Gründung von Analphabetenschulen fill demnächst zur intellektuellen Hebung der breiten Volksschichten in Galizien beigetragen werden. In den Ländern des Orients, in Rumänien, Bulgarien, der europäischen und astatischen Türkei sucht der Hilfsderein der Deutsä en Juden für die Hebung der Bildung der Juden und für die Förderung ihres wirtschaftlichen Fortkommens durch Schulgründungen in von Jahr zu Jahr steigender Zahl zu sorgen. Im Jahre 1906 sind die Subventionen der meisten von ihm unterstützten Institute erhöht worden. Speziell in Palästina hat das Schulwerk einen bedeutenden Ausbau erfahren und eine weitere Ausgestaltung erfolgt zu Beginn des Jahres 1907. Es wurde beschlossen, am 1. April 1907 eine dreiklaffige Handelsrealschule im Anschluß an die Lämelschule und in Verbindung mit dem Lehrerseminar in Jerusalem zu eröffnen, und es wurden — gleichfalls für das Jahr 1907 — die Mittel zur Begründung von Kindergärten in Beirut und Haifa sowie ein erheblicher Beitrag für die Lämelschule bewilligt. Zu den vier Kindergärten, der Mädchenschule und dem Lehrerseminar, die der Verein im Jahre 1905 unterhielt, kommen 1906,7 nach vier Kindergärten, die er ganz oder hauptsächlich umcrhält, und zwei eigene Schulen. Fünf weiteren Bildungsinstituten wurde eine beträchtliche Beihilfe gewährt. Im Jahre 1907 wird der Hilfsverein nunmehr folgende Schulen unterhalten und unterstützen: 9 Kindergärten, 11 Knaben- und Mädchenschulen, 1 kommerzielle Mittelschule, 1 Handelsschule, 1 Haushaltungsschule, 1 Handwerkerschule, 1 Kunstgewerbeschule und 2 Seminare, insgesamt 27 Institute mit mehr als 3500 Zöglingen. Die Bestrebungen für eine Besserstellung der marokkanischen Juden, bei denen der H lfsverein durch die Anglo-Jewish-Association, die Wiener Allianz und hervorragende Einzelpersonen anderer Länder, namentlich durch Herrn Jacob H. Schiff- New Aork, unterstützt wurde, hatten den Erfolg, daß die Mächte auf der Konferenz zu Algeciras einmütig eine Resolutton zugunsten der marokkanischen Juden annahmen. Die Haupttättgkeit mußte fich infolge der trüben Verhältnisse naturgemäß wieder Rußland zuwenden. Um bas Hilfswerk zu fördern, war der Geschäftsführer im Ehrenamt, Herr Dr. Paul Nathan, wie beim Beginn des Hilfswerkes, so auch bei seinem Abschluß in diesem Jahre in Rußland und wurde bei dieser Gelegenheit sowohl Mm Jetzt wurden auch Jtzel die Augen naß, obwohl er fich fest vorgenommen hatte alle Rührung zu überwinden, um dem Großvater das Herz nicht noch schwerer zu machen. Schluchzend küßte er die segnende großväterliche Hand und verließ ohne ein weiteres Wort dm Großvater. Aber der treue von Tränen umflorte Blick, mit dem der Scheidende fich das großväterliche Bild in die Seele zu prägen schien, sagte dem Großvater, daß sein Enkel, wohin ihn auch der wandernde die große Zahl der Leichtsinnigen und vermehren werde. fuß tragen möge, Sewifsenlofen nicht Im Prager Ghetto. Unter diesem Titel bringt der «Hamburgische Corre foonbent" folgende anziehende Plauderet vonOtthmar Keindl: Unsere Städte werden modern. Alte Festungswälle, die ftüher manche Stadt umgaben, find verschwunden und die verwitterten Häuser der mgen Gaffen, an solider Bauart freilich die Gegenwart wett überragend, schwinden immer mehr, um neuen, wenn auch nicht immer geschmackvollen Bauten Platz zu machen. Es gibt noch einzelne Städte, die ihr Ghetto habm, jenen Stadtteil, in dem Jahrhunderte lang strenge Gesetze Juden den Aufenthalt geboten, Stätten, die von viel Drangsal und Elend, aber au^ von unendlich viel patriarchalischem Familienglück er- " Böhmens prächttae Hauptstadt, hat mit. das 0, das tat zum nur einige wenige Orte. Der alle Friedhof und zwei der bedeutendsten und ehrwürdigsten Synagogen werden erhalten bleiben und von dm Leiden und Berfolgungm der Jubm in vergangenen' Jahrhunderten noch weiterhin erzählen. Die reichen Ehrungen, die das zivilisierte Deutschland kürzlich Wilhelm Raube zu seinem 75. Geburtstag daraebracht hat, wecken in mir die Erinnerung an eine in frühester Jugendzeit mit starkem Empfinden oft gelesene kleine Erzählung des Meisters, die poesiedolle, mit keuscher Sinnlichkeit durchtränkte Skizze «Hollunderblüte", die am alten Prager Judenfriedhof spielt und mit mächttger Tragik uns einen Blick in die geheimnisvolle liebende Seele der kleinen Jemina werfen läßt. Diese wundersame liebliche Gestalt verfolgte mich immer wieder und ein mtt liebevoller Sachkenntnis geschriebener Arttkel von Heinrich Teweles, der in der Gartenlaube erschien, weckte in mir den Wunsch, wieder einmal die weltberühmte Stätte zu besichtigen. An der Seite eines mit großer Beredsamk.it und ebensolch großer Geduld ausgestatteten Führers, der tagaus tagein unzähligemal dasselbe erklären, dieselben Fragen hören und dieselben Antworten geben muß, betraten wir jenen heiligen Ort, den alten Judenfriedhof, der angeblich seit dem Jahre 606 benutzt worden ist und bis 1787 seinem ewigen Friedenszwecke diente. Bis zum Eahre 1849 waren die Juden auf das enge, düstere iertel beschränkt, wo in die engen Gaffen kaum ein Sonnenstrahl zu bringen vermochteerst durch Kaiser Franz Josefs Güte wurde ihnen größere Freiheit erteilt. Der Friedhof kann manches erzählen! Bon Häusern umgeben, breitet fich vor uns «das Haus des Lebens", Bette Cbaim, auseine Vergrößerung war damals yichtmöglich, wäre vielleicht auch nicht gestattet worden,, so mußte der begrenzte Raum reichen und die Grabsteine, die oft übersahen Gis, haß hier an einer Stelle vier so wie ryre oamaugen Permger zu Staub und Asche geworden find. Verschiedene in den Grabstein gehauene Abzeichen nennen uns den Namen des Toten, — wir finden in Mengen in Stein geformte Tiere, wie Vögel, Bären, Wölfe, Fische, die dem betreffenden Namen entsprechen Vogel, Bär, Wolf, Fischt —, oder sie erzählen von seinem Stande, wie die zwei ausgespreizten Hände, die den Priester charakterisieren. Durch seine Größe fällt der Sarkophag einer vom Kaiser Ferdinand II. in den Reichsadelstand erhobenen Frau auf, der Gattin des Hofjuden mtt» Gemeindevorstehers, aus dem Jahre 1628, der Hendl Bath Scheba von Treuenbergmarkant tritt auch der Grabstein des Mardochai Meise! aus der Menge hervor, eines sehr wohltättgen Mannes, der kurz vor seinem Tote 60 000 Mk. in Silber für die Armen stiftete, da sonst das Geld verstorbener Juden, sobald keine Kinder vorhanden waren, konfisziert wurde und der kluge Meisel bas Geld retten wollte. Auch des Rabbi Löw Grab feffelt uns. Rabbi Löw war ein Mann von enormer Bildunger lebte zur Zeit Kaiser Rudolfs II. und galt in Prag neben dem damals an bas Prager Hoflager berufenen Dänen Thcho Brahe für linen bedeutenden Asttonomen. Er galt allgemein auch als Kabbalist, und so umgab eine heilige Scheu den gelehrten Mann. Sein Grab ist mit unzähligen» kleinen Stetnchen bedeckt, die fromme Glaubensgenossen, Gebete murmelnd, daselbst niederlegen. Mich interessierte der Brauch und ich erkundigte mich darüber eingehend an verschiedenen maßgebenden Stellen, fand aber widersprechende Auslegungen. Die einen sagten, daS Niederlegen der Steine. bedeute eine Ehrung der Totenglaubhafter schien MV aller. Ae qM« DitattaM 1chM.d« ursprlmglich frisch^ Gräs-r (entsprechend 'SeM -ryMttchen Brauch der Blumenniederlegung) auf die Grabsteine gelegt worden seien, die mit kleinen Kieselstetachen bedeckt wurden, um nicht vom Winde fortgeweht zu werben, dem aM sei/ beide BrauLe befiLeu einM Ära von.

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