Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 48 (1907)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1907)
- Date
- 1907-03-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Ir' treffend. Talmud und Halacha waren durch chre scharfen Deduktionen die beste Schule des Karen Verstandes und der zwingenden Logik. Wir bewundern die Disputationsredner des Mittelalters, die Polemiker und Schtadlonim späterer Jahrhunderte,- sie haben selbst in der heikelsten Situation die Kunst der Abwehr trefflich geübt und Angriffe glänzend zurückgeschlagen. Der weltabgewandte Talmudjude entpuppte sich oft als gefährlicher Gegner und kühner Streiter, wenn man ihm den Fehdehandschuh hinwarf. Die neuere Zeit scheint das Verhältnis von Kelle und Schwert umgekehrt zu haben. Je mehr der versöhnende Kulturfortschritt Israel in Berührung brachte mit der nichtjüdischen Welt, v desto größer wurde die Gefahr einer möglichen „Abgöichung" der verschiedenen Weltanschauungen und Religionsbegriffe. , Aus dem Rabbi ward der Rabbiner, aus dem „Chumesch" entstand als Extrakt der jüdische „Katechismus"; auch der Jude mußte sein „Credo" haben. Der ins Jüdische übersetzte evangelische Pastor ging noch einen Schritt weiter: auch Damenchor, Orgelklang, Konfirmation treten aufes sind Schwerter, um Geringschätzung und Mißachtung in gegnerischen Kreisen hintanzuhalten. Die Assimilation greift noch in andere Gebiete über. Der Sonntagsabbat soll eine Waffe sein, um des weiteren Einwände gegen die bürgerliche Gleichberechtigung Israels zu entkräften. Der - dem jüdischen Leven entfremdete „Justizrat" wird überall der „berufene Führer" der Gemeinde - ihm zur Seite steht der dekorativ nicht minder wirksame „Kommerzienrat". An die Stelle der Chewroth, in denen man noch „Schiur lernte", treten die „Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur". So erfährt dieAußenwelt auch etwas über die Trefflichkeit unserer Religion, insbesondere durch die öffentliche Ankündigung der Themata und die Berichte. Wir aber fragen: „Wo ist die Kelle geblieben?" „Wo ist das Volk geblieben, für das zu bauen ist?" Wir haben VÄ M viel nach fremden Mustern hingesM e^i und Zeit und Kraft damit vergeudet. Wie bM» Tempelbau in Jerusalem ist uns aber der ge- .fährlichste Gegner der Feind im eigenen Läger. Mehr als die äußeren Feinde stört er den friedlichen Fortgang der Arbeit. Wir hören auch heute noch das Echo der f.alschen Fanfaren an Jerusalems Mauern. Unifizkerung der verschiedenen Richtungen, Organisationspläne, Synodalverfassungen, Gemeindeordnungen re. zwingen immer wieder die 'Waffe zur Abwehr zu ergreifen. Wieviel Kraft würoe ohne solche Kämpfe frei zum segensvollen An- und Ausbau!- Jndifferentismus und Ignoranz im Bunde zehren aM Mark des Judentums. Die Popularisierung unserer hl. Thora, die stille aber umso intensivere Arbeit der Kelle tut uns not. Richten wir darum den Blick nach innen/ stellen wir das rechte Verhältnis wieder her zwischen Kelle und Schwert. Es wird zum dauernden Heile sich erweisen für unser Volk. 'ochenrunöschan. Her Badifche Oberraf auf dem Rüföuge. Rascher als zu erwarten war ist die in der vorigen Nummer' charakterisierte oberrätliche Wahlrechtsvorlage von der Bildstäche verschwunden, sodaß der unbestreitbare Heiterkeitserfolg, den diese erstaunliche Leistung einer um ihren Machteinfluß besorgten Konsistorialbehörde in allen Lagern erzielt hat, durch keinerlei schlimme politische Konsequenzen eine Trübung erfährt. Wie unser Mannheimer Korrespondent meldet, hat ein scharfer Protest der Mannheimer Gemeinderepräsentanz gegen die reaktionäre Wahlrechtsänderung genügt um den Oberrat zum schleunigen Rückzug zu bestimmen, so schleunig, daß man in der Tat versucht ist, nach den tieferen Ursachen dieser ungewöhnlichen Schreckhaftigkeit des Oberrats zu forschen. Sollten bei der Einbringung der Vorlage etwa formelle Verstöße begangen worden sein, die dem Oberrat das Vertrauen auf die eigenen Kerntruppen rauben? Oder sind den Urhebern des Entwurfes allmählich Zweifel an der Richtigkeit des wahlpolitischen Kalküls aufgestiegen, dem die Vorlage ihre Entstehung verdankt? Wie dem auch fei — jedenfalls darf der rasche Erfolg der Opposition die badischen Gesetzestreuen und ihre Zionistischen Bundesgenoffen zur' entschlossenen Weiterarbeit ermutigen. Es wird nicht leicht sein, den Jndifferentismus in Stadt und Land auch nur soweit zu überwinden, daß die Wähler überall entschlossen gegen das zum Stichblatt des Kampfes gewordene Reformgebetbuch Front machen. Aber daß dieser Aufklärungsarbeit, so schwer sie ist, dennoch Erfolg winkt, dafür ist die Nervosität des Oberrats ein glückverheißendes Vorzeichen. Nichts thut der gesetzestreuen Judenheit, in Baden insbesondere, so sehr not, wie die Rückgewinnung des Selbstvertrauens und des Bewußtseins der eigenen Kraft. Wenn Verlauf und Ausgang des bevorstehenden Wahlkampfes zur Erreichung dieses Zieles beitragen, dann ist erst btt Boden gewonnen, auf dem eine erfolgreiche innere Kräftigung und Vertiefung des jüdischen Lebens sich entwickeln kann. 3ur Chadiambafdii - Trage In Jerufalem. In der Angelegenheit der Jerusalemer Chachambaschi-Wahl scheint eine Wendung eingetreten zu sein. Wie nämlich verschiedene Blätter melden, soll der Kaimakam in Konstantinopel, Rabbi Moses Levy, die Wahl Jakob Meirs zum Chachambaschi nicht bestätigt und einen provisorischen Verweser des Amtes bestellt haben. Mit Sicherheit läßt sich noch nicht sagen, ob diese Blättermeldungen richtig sind. Sie widersprechen einander auch insofern, als auf der einen Seite von der Ernennung eines Jerusalemer- Rabbiners znm Vertreter des Chachambaschi gesprochen wird, auf der anderen Seite wieder davon die Rede ist, daß der Kaimakam von Konstantinopel aus einen Chacham zu dieser Vertretung entsandt habe. An und für sich ist es jedoch nicht unwahrscheinlich, daß der Kaimakam die Wahl Jakob Meirs kassiert habe, denn es unterliegt keinem Zweifel, daß dieselbe untergroben Gesetzesverletzungen zu stände gekommen ist. Wir würden es als einen Sieg des Rechtes und darum als eine große Genugtuung empfinden, wenn die Nachricht sich bestätigte, daß Herr Antebi, der Jerusalemer Vertrauensmann der Alliance JsraEte, der die Wahl „gemacht" hat, durch das Machtwort des Kaimakam in seine Schranken zurückgewiesen worden ist. Das wäre um so heilsamer, als bekanntlich diese Wahlaffaire mit ihren Eigentümlichkeiten keineswegs ein vereinzelt dastehender Fall, sondern nur ein Beispiel der anmaßenden Art ist, mit der sich jener Herr schon lange ungehindert die Einmischung in die religiösen Angelegenheiten der palästinensischen Judenheit erlaubt hat. Die Stellung des jüdischen Religionsunterrichts an den höheren Schulen Preußens. Bon Rabbiner Dr. L. D ü n » e r in Rogasen. Im IV. Bande von „Das höhere Schulwesen in Preußen. Historisch - statistische Darstellung, begonnen von Dr. L. Wiese, Berlin 1902" hat Prof. Dr. B. Inner die geschichtliche Entwicklung des jüdischen Religionsunterrichtes an den höheren Schulen in Preußen übersichtlich dargestellt und dabei auch auf die Sonderstellung des 4r 4k 4^ 4r ^|r ik In der nächsten Nunrmer beginnen wir mit dem Abdrucke eines neuen Romans: ZwWen MM unfl Hoffnung. Erzählung aus dem russisch-japanischen Krieg von S Schachnowitz in Endingen. —*— Bon größeren belletristischen Arbeiten bringt das neue Ouartal ferner zunächst: Moo5rö5cllen ====: von Aaöetle Ifried keines Feuilleton. öeSolw fajjil mimoroes ■=^=== von Ittdätts WWW ww Des Großvaters Pesachwunsch. Bon Judaus. I. Es mögen diesen Nissan sieben oder acht Jahre her sein, daß in einem zwischen Singen und Radolfszell, im Süden des Großherzogtums Baden gelegenen Ort ein neuer Gensdarm installiert wurde. Der letztere sowie der Herr Bürgermeister mit dem Stadtschreiberund demPolizeidtener werden es mir Dank wissen, wenn ich die Stätte ihrer amtlichen Wirksamkeit verschweige oder sie mit einem anderen von mir erdachten Namen, etwa mit S t i l l i n g benenne. Neue Gensdarmen und neue Besen kehren gut. Aber die letzteren haben keinen Ehrgeiz - sie bleiben ruhig in ihrer Ecke bis sich eine führende Hand findet, die sie zur Entfaltung ihrer neuen Wirksamkeit anleitet. Aber der Tatendrang eines neu angestellten Gensdarmen läßt ihn nicht ruhen. Er lechzt nach Gelegenheiten, welche der Menschheit die Berechtigung, ja die Notwendigkeit seines Daseins beweisen sollen. Früh und spät, bei Regen und Sonnenschein ist er auf der Suche nach Mördern, Einbrechern, Gaunern und Spitzbuben jeder Art. Aber da es solche in der ganzen Gemarkung von Stilling nicht gibt, so ist das Anlt eines Gensdarmen in Stilling ein unge.min aufreibendes. Der unbefriedigte Amtseifer zehrt Tag und Nacht am Mark und Bein eines neuen Gensdarmen und jagt ihn von einem Ende des Orts zum onbertt. Er zieht die Nase hoch um Verbrecher zu wittern, er schielt nach rechts und links, nach oben und unten, nichts als die bekannten, ehrlichen Gefichter, es ist zum Verzweifeln! Da zuckt's plötzlich wie jähes Wetterleuchten in seinen forschenden Blickcn aufein Fremder! Ein schäbig gekleideter Mensch hat sich eben mit heimlicher Scheu in das Haus des reichen Lederhändlers Frank geschlichen. Er war nicht durch die Ladentüre, sondern durch den Torweg des Hauseingangs gedrungen. Es war nicht mehr weit von der Abenddämmerung, also just um die Zeit, in der jeder arme Mensch, der eswagt ein Haus bittend zu betreten, ein Gauner ist. Wie - ein vorsichtiger Detektiv musterteder Gensdarm zunächst von allen Seiten die Oerilichkeit des Verbrechens von außen. Ec kann sich ruhig Zeit dazu nehmen, denn der £ trolch kann ihm ntchr entgehen. Wartet er noch ein wenig länger und trifft den Dieb gerade beim Einbruch, so hat er sicher eine schöne Belohnung von dem reichen Juden zu erwarten. Wer aber beschr ibt sein Erstaunen, al > er etwa 10 Minuten später gravitätischen Schrittes direkt auf das Wohnzimmer der Familie Frank lossteuerte und 'dort den Vagabunden bei einer Taffe Kaffee am Tische sitzend traf : Aber der Amtsetfer eines pfiffigen Gensdarmen läßt sich so leicht nicht aus dem Concept bringen und sich eine so sichere Beute entreißen, „Was wollen Sie hier?" herrschte er den Fremden an. Statt seiner gab der Hausherr die Antwort und sagte, der Herr habe um eine Taffe Kaffee ersucht, die man ihm gerne gegeben habe. „Also hat der saubere Patron hier gebettelt! Dacht' es mir doch gleich. Er fft mein Arrestant und hat mir zu folgen oder richtiger voranzugehen, damit ich ihn im Auge habe. Marsch!" Die Familie schaute verdutzt drein. Der Delinquent aber tra> k ruht, seine Taffe teer, steckte sich noch sein Stück Brod in die Tasche, dankte der gastlichen Familie für die freundliche Aufnahme und folgte nun stumm dem Vertreter der heiligen Hermandad von Shilling. Dieser