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Der Israelit · 1907-03-07 · Heft 10 (7.3.1907) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
48 (1907)
Issue
Heft 10 (7.3.1907)
Date
1907-03-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. jO r.d.-Lv euilleton. vervaal-Zchem von Micdelstallt. Bon JndSuS. 26 Nachdruck verboten. Ich verließ Michelstadt, ohne daß Jemand «ne Ahnung hatte voll dem Wechsel,, der sich bei mir vollzogen/ auch Rabbi Seckel Löb wußte nichts davon. Er verabschiedete sich von mir, wie sich ein Vater von seinem Kinde verabschiedet, legte mir segnend beim Abschied die Hände aufs Haupt und glaubte, ich ginge zu toi Meinigen nach dem Elsaß zurück. Mein Verführer hatte mir aber längst eine Freistelle im Konvikt zu Feldkirch in Tirol verschafft, wohin ich sofort reiste, um dort zum Pfarrer äusgebildet zu werden. ' Meine Eltern und sonDgen Verwandten wußten nichts von meinem Aufenthalt, sie wußten, daß ich von Michelstadt an einem bestimmten Tage ab gereist und nicht zu Haiffe angekommen war, nran glaubte all^ gemein, es sei mir unterwegs ein Unglück zugestoßen / man hielt mich fiir verschollen. Ich wußte, daß sie über meinen wirklichen Tod sich weniger grämten, als über meillen schmählichen Abfall und lebte Jahre lang in Feldkirch meinem neuen Berufe. Sofort nach meinem Eintritt in die Anstalt wurde die Taufe an mir vollzogen. Die Scham und Reue, die mich oft wegen meines Treubruchs befiel, suchte ich durch Fleiß und Entsagung zu betäuben. Ich lernte, studierte und machte rasche Fortschritte, so daß ich bald die niederen Weihen erhielt und von nieinen geistlichen Lehrern und Vorgesetzten sehr geschätzt wurde. Bon Stufe zu Stufe stieg ich empor und brachte es im Laufe der Jahre zu Ansehen, Auszeichnung und Vermögen. Der Besitz des letzteren war vielleicht bewußt oder unbewußt der eigentliche Sporn, der mich zur Fahnenflucht gestachelt hatte. Als ich alle Ehren hatte, bis zum Bischof avanciert war, ein ansehnliches Vermögen Mein eigen nennen konnte, waren mir alle diese Köder in ihrer ganzen Niedrigkeit und Verächtlichkeit zum Bewußtsein gekommen. Ich konnte die Reue über meinen Verrat an dem Allerheiligsten nicht niehr länger unterdrücken und schrieb von Chur in Graubünden aus, wo ich den reichen Bischofsitz inne hatte, einen Brief an Meinen unvergeßlichen Lehrer, den Baal-Schem von Michelstadt, indem ich ein Bekenntnis meines verfehlten, befleckten Lebens ablegte und ihn fragte, ob es für mich noch eine Teschuwo (Rückkehr) gäbe." Bei diesen Worten erhob sich der Erzähler undnahm aus einem Wandschrank ein Packet Briefe hervor. „Das ist der erste Brief, den ich vom Baal- Schem erhalten habe, lest ihn selber und sagt, ob. ein Vater seinem Kinde liebevoller schreiben kann. Dieser Brief ermutigte mich wieder auf Gottes gnädige Nachsicht und Verzeihung für mein schuldbeladenes Leben zu hoffen. Ich sagte Mir, wenn ein Mensch so edel, so aut und nachsichtig sein kann, so darf ich vom Vater des Er- . Iarmens gewiß Gnade und Sühne erhoffen. Der Mabbi bat und beschwor mich flehentlich, sofort -Meine glänzende Stellung aiffzuaeben und heim- Uch zu fliehen, bei ihm in Michelstadt finde ich . jederzeit Aufnahme. Jedenfalls solle ich sobald möglich den Kreis verlassen, in dem ich jetzt ■ und zu Gott und seinem Gesetz ZNrÜck- Wir korrespondierten fast zwei Jahre deshalb, und hier sind die Briefe, die wir gewechselt haben. Mein eitler Sinn und mein törichtes Herz waren in die Eitelkeiten dieser Welt zu sehr verstrickt, als daß ich dem Rate des Rabbi hätte folgen und sofort mit meinem sündhaften Leben hätte brechen können. Ich wollte erst meine liegenden Güter, die ich in der Nähe von Feldkirch hatte, versilbern, und dann mit einem ansehnlichen Vermögen ausgestattet, heimlich meinen Bischofsitz verlassen. Der Rabbi beschwor mich in seinen Briefen, davon abzulasseli, keine Stecknadel von diesem mit Sünde erlangten Vermögen in die neue, reine Zukunft zu nehmen. Ich schwankte, zögerte, verhandelte mit dem Rabbi und schrieb ihm zuletzt, auf Ostern wolle ich noch die Ostermefse in Dornbirn zelebrieren und dann werde ich allen Flitter abwerfen und flüchten. Der Rabbi, der mein an irdischem Tand hangendes Herz besser kannte als ich selber, fürchtete, daß ich doch zu schwach sei, das Band zu zerreißen, das mich an mein sündhaftes Leben fesselte. Deshalb kam er selbst und hat mit seinem Persönlichelt Erscheinen meine Zukunft entschieden. Als wir damals die zwei Stunden in Dornbirn verhandelten, sagte er mir, wenn ich noch einen Augenblick länger mit meiner vollen Rückkehr zaudere, so sei ich für alle Zeit verloren, denn wenn ich jetzt nicht zurückkehre, so geschähe es niemals. Ich müsse ohnedies ein ganz der Buße und Entsagung geweihtes Leben, führen, wenn ich volle Sühne von Gott für meine verfehlte Vergangenheit erlangen wolle, und selbst dann sei es noch zweifelhaft, ob nicht erst der Tod mir die ersehnte himmlische Vergebung bringe. Wir besprachen meine neue Zukunft, die Lebensweise, die ich führen solle, und der Rabbi schloß seine Ermahnung mit den Worten: Wenn es Dir je im Leben einmal Vorkommen sollte, daß DirJemand Deine eigeneLebensgeschichte erzählt, so darfst Du darin einen Beweis dafür erblicken, daß Deine schwere Schuld bei Gott gesühnt ist. Als ich hier festen Fuß gefaßt und mich mit dem Hause Manasse, dessen Namen ich annahm, verschwägert hatte, suchte ich deshalb möglichst viel vom Baal-Schem in Michelstadt zu hören und ließ es mich viel Geld kosten. Nachdem ich aber den Tod des Rabbi erfahren hatte, gab ich jede Hoffnung auf, je die Erfüllung meines heißesten Lebenswunsches befriedigt zu sehen. Ihr könnt Nun ermessen, welche freudige Hoffnung mich belebte, als ich Euch wiedersah. Ich erkannte Euch auf den ersten Blick, Rabbi Seligmann, trotzdem Ihr in den zwanzig Jahren auch älter geworden seid, denn ich suchte Euch täglich in dieser langen Zeit wiederzufinden. Ihr erkanntet mich nicht und werdet vielleicht jetzt noch Mühe haben, in mir den einstigen Bischof von Dornbirn wiederzuerkennen. Ich hatte damals ein glattes, jugendliches Gesicht, und mein voller, grau melierter Bart würde allein genügen, mich Euch unkenntlich zu machen. Es wunderte mich auch gar nicht, was Euch hier betroffen hat, denn ich sah in Eurem Verlust jeder Erinnerung an den Baal-Schem ein betrübendes Zeichen, daß ich vom himmlischen Vater noch nicht die Sühne erlangt, um die ich täglich gerungen. Euer Besuch sagte mir, wie Gottes Fügung Mittel und Wege genug finden kanndie Sehnsucht meines Lebens zu erfüllen und wie sie mir doch versagt bleibt, weil die Stunde noch nicht gekommen ist. Seitdem Ihr hier seid, habe ich im Gebete vor Gott gerungen mir die Gnade zu gewähren, aus Euerem Munde meine Lebensgeschichte zu hören. Ich habe Euch deshalb so dringend gebeten noch hier zu verbleiben und habe die ganze Nacht schlaflos mit Thora und Gebet verbracht. Jetzt sehe ich, daß Gott mein Bitten erhört und mir Verzeihung gewährt hat. Wie kann ich Euch das lohnen O* Ueberwaltigt von der seelischen Erregung hielt der Erzähler einen Wgenblick inne, worauf Rqbbi Seligmann berneMe:' welche Absicht der Rabbi hatte, — das Andenken des Gerechten werde zum Segen —daß er mich nach seinem Tode zum Erzähler seines Lebensbestimmt, und ich in meiner Kurzsichtigkeit sträubte mich, den Wunsch des großen Mannes zu erfüllen!" „Zieht niit Euerer Familie nach Venedig,. Rabbi Seligmann, mein Haus, mein Geld und Gut steht Euch zur Verfügung, das Leben und seine Güter hat erst jetzt fiir mich einen Wert, durch das, was Ihr rnir getan habt." Rabbi Seligmann lehnte jedoch dieses Anerbieten ab, es fei fiir ihn und seine Familie zu schwer, sich in einem fremden Lande mit fremder Sprache und andern Sitten einzugewöhnen. Er blieb noch einige Tage als Gast bei Signore Giuseppe Manasse und verabschiedete sich dann für immer, reich beschenkt mit Mitteln, die ihm gestatteten den Rest seines Lebens im Kreise seiner Familie sorgenfrei zu verleben. Zum Abschiede sagte er seinem Wohltäter: „König David hat gesagt: „Gott kennt die Tage der Vollendeten, aber ihre Erbe reicht in die Ewigkeit." Ich erzähle nun schon Jahre lang von Rabbi Seckel Löb V'XT, kannte ich ihn, kenne ich ihn, wüßte und weiß ich mehr von ihm als was das grobe Menschenauge sieht? Was solche große Menschen in Wahrheit sind, ihr Sinnen und Denken, ihr Walten und Wirken, das kennt nur Gott. Deshalb geht auch ihre Wirksamkeit weit über die Spanne Zeit ihres irdischen Daseins hinaus, deshalb reicht ihr Erbe in die Ewigkeit. Wenn ich die Verherrlichung des Judentums, wenn ich den Kiddusch Haschern (die Heiligung des göttlichen Namens) sehe, den Ihr fürstlich geführtes Haus, Signore, bedeutet und mir vergegenwärtige, daß das alles eine mittelbare, ja unmittelbare Folge der Frömmigkeit, der Menschenliebe und Seelengüte des Baal- Schem von Michelstabt ist, so geht mir eine Ahnung von der Wahrheit auf, die unsere Weisen in die Worte niederlegten, daß die Zaddikim in ihrem Tode noch größer als in ihrem Leben sind. Seine irdische Hülle ruht auf dem Bes Hachajim zu Michelstadt und sein Geist, seine Frömmigkeit, sein Vertrauen auf eine von allen ausgegebene Menschenseelen trägt hunderte von Meilen entfernt in Italien solche Blüten! Wer will den Segen, wer will den Geist und die echt jüdische Gesinnung ermessen, die seine diesseits und jenseits des Ozeans zerstreuten Schüler und Schützlinge betätigen! Und seine Kinder! Sie leben in bescheidenen, ja ärmlichen Verhältnissen, aber wie sind sie so reich in dem Besitz eines solchen Vaters! Was sind Staatspapiere, Mobilien und Immobilien . im Vergleich zu dem Sechus Owaus (Verdienst der Ahnen), das ihnen als Kinder solcher Ahnen zur Seite steht und das auch in ihren Kindern und Kindeskindern für alle Zeit gesichert bleibt! Die Liebe, die dieser Edle gesät, die Guttaten, die seine schwache Hand in den Schoß der Zeit gestreut, die können nicht verloren gehen. Sie sind gezählt und gebucht von dem, der in seiner Gnade seinen armen Menschen solche "Engel in Menschengestalt sendet. Ich bin kein Prophet und nicht der Sohn eines Propheten, aber das weiß ich, seinen Enkeln, die im Geiste des Ahns weiter wirken, wird diese Gottessaat als reiche Gabe in den Schoß fallen. Aber auch seine geistigen Nachkommen, seine Schüler und Verehrer, zu welchen auch wir zählen, Signore, hebt und trägt das Gedächtnis des großen Mannes.. Deshaw habe ich aus seinem Leben erzählt, damit sich die Hörer an diesem Beispiel erheben, wie das schwache Epheu an der stämmigen Eiche emporrankt und von ihr getragenwird. Israel ist mit einem Weinstock verglichen, der an und für sich schwach und haltlos ist, aber von Pfählen gestützt, gehalten und getragen wird. ' Bon toten Pfählen! Die Toten tragen die Lebenden! Secher Zaddik librocho. Das bloße Gedächtnis des Gerechten ist ein

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